Ein ukrai­ni­sches Schick­sal – Ana­sta­sia Gulejs Leben

Ana­sta­sia Gulej bei einer Gedenk­feier in Bergen Belsen 2015 @ Martin R. Bein

Die Lebens­ge­schichte von Ana­sta­sia Gulej steht sinn­bild­lich für den Kampf der Ukraine für ihre Frei­heit. Im Juli ist ihre Bio­gra­fie als Buch erschie­nen. Von Anton Granovskyy

„Wofür hatte ich denn Stalin und Hitler über­lebt? Sicher nicht, um vor diesem Putin zu kapi­tu­lie­ren.“ [1] S. 292 – Ana­sta­sia Gulej, März 2022 im Zuge des rus­si­schen Über­falls auf die Ukraine. 

Am 01. Juli 2022 erschien die von Maik Reichel ver­fasste Bio­gra­fie von Ana­sta­sia Gulej. Gulej ist 1925 in der ukrai­ni­schen Region Poltawa geboren und heute 97 Jahre alt. Im März 2022 flüch­tet sie aus der Ukraine nach Deutsch­land. Und das ist nicht ihre erste Flucht. Ihr Leben erscheint wie ein Spie­gel­bild für das Schick­sal der Ukraine.

Mit gerade einmal sieben Jahren erlebt Ana­sta­sia Gulej den Holo­do­mor, der auf­grund von Stalins ange­ord­ne­ter Zwangs­kol­lek­ti­vie­rung sowie fol­gen­schwe­ren Miss­ern­ten in den Jahren 1931 und 1932 zum Hun­gerstod von schät­zungs­weise 3,9 Mil­lio­nen Ukrai­nern und Ukrai­ne­rin­nen führt. In den Jahren 1936 bis 1938, während der Zeit des Großen Terrors – einer eben­falls von Stalin ver­an­lass­ten Ver­fol­gungs­kam­pa­gne – wird Ana­sta­sia Gulej Zeugin, wie zwei ihrer Onkel ins Gulag ver­schleppt werden, ihre Tante Nastja zur Zwangs­ar­beit in eine Zie­gel­stein­fa­brik rekru­tiert wird und ihr Geschichts­leh­rer während des Unter­rich­tes von Agenten des sowje­ti­schen Inlands­ge­heim­diensts (NKDW) abge­führt wird und für immer verschwindet.

Dann, am 22. Juni 1941 über­fal­len die Natio­nal­so­zia­lis­ten die Sowjet­union und errei­chen etwa drei Monate später die Kreis­stadt Pyr­ja­tyn, die Heimat Ana­sta­sia Gulejs. Im Jahr 1943, mit gerade einmal 17 Jahren, wird Ana­sta­sia Gulej von deut­schen Besat­zern zwangs­re­kru­tiert. Sie soll als Zwangs­ar­bei­te­rin nach Deutsch­land ver­schleppt werden.

„Ich war ja keine über­zeugte Sowjet­bür­ge­rin, nein, wahr­lich nicht, der Holo­do­mor und die fol­gende harte Zeit der sowje­ti­schen Bevor­mun­dung und Schre­ckens­herr­schaft haben mich geprägt. Aber ich konnte einfach nicht für die Deut­schen arbei­ten, gerade in dieser Zeit, als meine Brüder an der Front kämpf­ten.“ [1] S. 65 – Ana­sta­sia Gulejs Gedan­ken über die bevor­ste­hende Zwangs­ar­beit 1943. 

Von Ausch­witz-Bir­kenau nach Bergen-Belsen

Der Zwangs­re­kru­tie­rung kann Ana­sta­sia Gulej nicht ent­ge­hen, doch auf dem Weg nach Deutsch­land gelingt ihr die Flucht. Ihre Frei­heit bleibt jedoch nur von kurzer Dauer: Sie wird in Polen gefasst, gelangt in ein Gefäng­nis in Rzeszów und wird anschlie­ßend nach Tarnow ver­setzt. Von dort wird sie schließ­lich als poli­ti­sche Gefan­gene in das Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger Ausch­witz-Bir­kenau verlegt. Bei ihrer Ankunft muss sie ihre Kleider gegen eine gestreifte Uniform aus­tau­schen, ihre Haare werden abra­siert und ihr wird die Nummer 61369 auf den linken Unter­arm täto­wiert. Ana­sta­sia Gulej wird 17 Monate in Ausch­witz verbringen.

„[…] ob ich Schmerz empfand, ver­blasste ange­sichts der voll­kom­me­nen Ent­wür­di­gung. […] Du hast keinen Vor­na­men, keinen Nach­na­men, du bist 61369.“ [1] S. 95 – Ana­sta­sia Gulej über die Ankunft und die Täto­wie­rung in Auschwitz-Birkenau 

Am 18. Januar 1945, kurz vor der Befrei­ung Ausch­witz-Bir­ken­aus, werden Ana­sta­sia Gulej und ihre Mit­häft­linge eva­ku­iert. Bei ‑20 Grad Kälte begeben sich tau­sende Gefan­gene auf einen zwei­tä­gi­gen Marsch – heute bekannt als „Todes­marsch“. Die­je­ni­gen, die zu schwach sind und nicht mit­hal­ten können, werden erschos­sen. Ana­sta­sia Gulej über­lebt. Schließ­lich errei­chen sie eine Bahn­sta­tion und müssen für drei Tage in offenen und ver­eis­ten Wagons wei­ter­rei­sen – Wagons, die sonst für den Trans­port von Kohle ver­wen­det werden. Im Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger Buchen­wald steigen sie dann in einen Vieh­wa­gon um. Dieser Zug bringt Ana­sta­sia Gulej nach Bergen-Belsen.

Mehr als noch für Ausch­witz galt für mich nun Dantes Spruch am Eingang zur Hölle: „Lasst die ihr ein­tre­tet, alle Hoff­nung fahren.“ Das war für mich Bergen-Belsen: die Hölle. Schreck­li­cher als Ausch­witz-Bir­kenau […]“ [1] S. 141 – Ana­sta­sia Gulej bei ihrer Ankunft in Bergen-Belsen 1945 

Ana­sta­sia Gulej entgeht dem Tod nur haar­scharf. Zeit­gleich sterben Mil­lio­nen unschul­di­ger Men­schen an Krank­heit, Kälte, Hunger und Miss­brauch. So befin­det sich zum Bei­spiel Anne Frank beinahe zur selben Zeit in Ausch­witz-Bir­kenau und wird eben­falls, nur einige Monate vor Ana­sta­sia Gulej, nach Bergen-Belsen ver­setzt. Anne Frank über­lebt nicht; sie ver­fällt den grau­sa­men Umstän­den Bergen-Belsens und stirbt nur einige Monate vor der Befrei­ung des Kon­zen­tra­ti­ons­la­gers durch bri­ti­sche Truppen am 15. April 1945.

„Es war keine Befrei­ung. Es war eine Rettung. […] Zu dieser Zeit waren wir nur noch lebende Ske­lette, mehr tot als leben­dig. […] Ich empfand keine Freude, keine Trauer und auch keinen Schmerz – ich fühlte mich tot.“ [1] S. 161 – Ana­sta­sia Gulej zu ihrer ‚Rettung‘ in Bergen-Belsens am 15. April 1945. 

Nach dem Krieg – vor dem Krieg

Nach dem Zweiten Welt­krieg kehrt Ana­sta­sia Gulej in die Ukrai­ni­sche Sozia­lis­ti­sche Sowjet­re­pu­blik zurück und lebt ein erfüll­tes Leben. Sie stu­diert, hei­ra­tet, bekommt drei Kinder und baut gemein­sam mit ihrem Mann ein Haus in Kyjiw. Sie erlebt den Zusam­men­fall der Sowjet­re­pu­blik, erlebt wie die Ukraine zu einem sou­ve­rä­nen Staat wird, erlebt die Oran­gene Revo­lu­tion 2007 und den Euro­mai­dan 2014. Als Zeit­zeu­gin bereist sie im hohen Alter ehe­ma­lige Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger und hält Vor­träge, auch in Ausch­witz-Bir­kenau und Bergen-Belsen. Ana­sta­sia Gulej trägt ihre Geschichte in die Welt.

Dann, am 24. Februar 2022, über­rollt der Krieg Ana­sta­sia Gulejs Leben und die Ukraine erneut: rus­si­sche Truppen über­fal­len die Ukraine und so ist es diesmal Putin, der Ana­sta­sia Gulej den so ver­dien­ten Frieden nimmt. Im März 2022 flüch­tet Ana­sta­sia Gulej über Polen nach Deutschland.

Der Preis für die Frei­heit der Ukraine ist hoch: Tau­sende Ukrai­ner und Ukrai­ne­rin­nen lassen ihr Leben im Krieg mit Russ­land, Ener­gie­preise explo­die­ren und die Angst vor einer Rezes­sion und einem kalten Winter steigt. Ja, der Preis für Frei­heit ist hoch, aber was kostet Unter­drü­ckung, Fremd­herr­schaft und Tyran­nei? Ana­sta­sia Gulej und die Ukraine kennen den Preis der Alter­na­tive, sie haben ihn durch­lebt, ihn mit Blut bezahlt und haben ihre Ent­schei­dung getrof­fen – 2007 in der Orangen Revo­lu­tion, 2014 auf dem Euro­mai­dan und heute im Krieg mit Russ­land. Der Wille der Ukrai­ner und Ukrai­ne­rin­nen scheint größer denn je.

Die Zitate in diesem Artikel stammen aus der Bio­gra­fie „Poltawa, Ausch­witz, Bergen-Belsen, Kyjiw. Die Lebens­ge­schichte der Ana­sta­sia Gulej.“, die 2022 im Janos Ste­ko­vics Verlag erschie­nen ist. Die Bio­gra­fie ist aus der Ich-Per­spek­tive ver­fasst, gleich­wohl sie nicht von Ana­sta­sia Gulej selbst geschrie­ben wurde, sondern von Maik Reichel aus der Ich-Per­spek­tive nach­er­zählt wird. Maik Reichel kennt Ana­sta­sia Gulej seit 2014 und empfing sie bei ihrer Flucht nach Deutsch­land nach dem Einfall Russ­lands in der Ukraine. 

Textende

Geför­dert durch

Anton Gra­novs­kyy ist Roma­nist und Slavist.

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