Babyn Jar: Kann Ein­tau­chen in die Geschichte eine Lösung sein?

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Die Kon­tro­verse um Babyn Jar zeigt, dass die Suche nach ange­mes­se­nem Geden­ken an die Opfer des Holo­causts längst nicht abge­schlos­sen ist. Aktu­elle Aus­stel­lun­gen in Kyjiw laden zum „Ein­tau­chen“ in die Geschichte(n) einer der größten Kata­stro­phen des 20. Jahr­hun­derts ein. Gleich­zei­tig wird die Debatte um eine Neu­ge­stal­tung des Erin­ne­rungs­or­tes im Kontext des Kon­flikts mit Russ­land aus­ge­tra­gen, schreibt Eli­sa­beth Bauer.

2021 wurden nicht nur 1700 Jahre jüdi­sches Leben in Deutsch­land gefei­ert, ein anderes rundes Jah­res­ge­den­ken erin­nerte an die sys­te­ma­ti­sche Aus­lö­schung des­sel­ben: die Mas­sen­er­schie­ßun­gen von Babyn Jar. Am 29. und 30. Sep­tem­ber 1941 orga­ni­sier­ten die NS-Besat­zer in einer Schlucht am Kyjiwer Stadt­rand das zah­len­mä­ßig größte anti­se­mi­tisch moti­vierte Mas­sa­ker in einem so kurzen Zeit­raum. An zwei Tagen wurden 33.771 Men­schen im Zuge des Ost­feld­zugs sys­te­ma­tisch ver­nich­tet. Nachdem die jüdi­sche Bevöl­ke­rung Kyyjiws wei­test­ge­hend aus­ge­löscht war, töteten die Nazis und ihre lokalen Kol­la­bo­ra­teure ver­mehrt andere Min­der­hei­ten wie Roma, psy­chisch Kranke, Rot­ar­mis­ten, ukrai­ni­sche Natio­na­lis­ten, Gegner des NS-Regimes sowie ein­fa­che Zivi­lis­ten – so erhöhte sich die Zahl der in der Schlucht Babyn Jar Ermor­de­ten im Laufe der Besat­zungs­zeit auf 70.000 bis 100.000, manche Quellen spre­chen von 200.000. Ein­hei­ten der Sicher­heits­po­li­zei und des Sicher­heits­diens­tes waren für die Ver­fol­gung und Ver­nich­tung der lokalen Bevöl­ke­rung, vor allem der jüdi­schen, zustän­dig. Auch das Son­der­kom­mando 4a, die Polizei-Batail­lone 45 und 303, Teile des Polizei-Regi­ments „Russ­land Süd“ sowie Teile der Orga­ni­sa­tion der Ukrai­ni­schen Natio­na­lis­ten (OUN) als Hilfs­po­li­zei waren an den Mas­sen­er­schie­ßun­gen in Babyn Jar – auf Deutsch “Wei­ber­schlucht” – betei­ligt. Die Wahl war nicht zufäl­lig auf diesen Ort gefal­len: Die Schlucht, unweit des Stadt­zen­trums gelegen, ließ sich gleich­zei­tig als Erschie­ßungs­stelle und Mas­sen­grab nutzen.

Die „rus­si­sche“ Initia­tive: Spiegel und Kristalle

Heute liegt am Fuß des noch nach­zu­emp­fin­den­den Abhangs von Babyn Jar ein rundes, flaches Metall­po­dest. Hohle Stelen, bei Dun­kel­heit von innen heraus beleuch­tet, ragen baum­stamm­ar­tig in die Höhe. Das begeh­bare, spie­gelnde Objekt wird pha­sen­weise in sum­mende Vibra­tion ver­setzt, die im eigenen Körper nach­klingt: Es über­setzt die erschüt­ternde Abs­trakt­heit der unzäh­li­gen Men­schen­le­ben, an diesem Ort maschi­nen­haft nie­der­ge­schos­sen, in wahr­nehm­bare elek­tri­sche Schwin­gung. Auf der Metall­flä­che ver­teilte Löcher bilden das Kaliber der hier ein­ge­setz­ten Gewehre ab. Auf Ukrai­nisch ver­le­sene Opfer­na­men, Archiv­auf­nah­men jid­di­scher Melo­dien aus der Vor­kriegs­zeit und pas­to­rale Gesänge schal­len über das „Spie­gel­feld“.

Foto: Eli­sa­beth Bauer

Es ist eine der ersten Instal­la­tio­nen, die seit 2020 schritt­weise eröff­net wurden. Im Zuge des 80. Jah­res­ge­den­kens der Babyn Jar-Tra­gö­die im Herbst 2021 wurde am Ort des Gesche­hens auch die vierzig Meter lange, drei Meter hohe „Kla­ge­mauer“ der Künst­le­rin Marina Abra­mo­vic vor­ge­stellt: Aus ukrai­ni­scher Kohle und bra­si­lia­ni­schen Quarz­kris­tal­len zusam­men­ge­setzt, soll sie eine sym­bo­li­sche Ver­län­ge­rung der Kla­ge­mauer in Jeru­sa­lem dar­stel­len, Raum für Erin­ne­rung und Refle­xion bieten. Die Inter­ak­tion mit den Kris­tall­spit­zen, in Höhe von Kopf, Brust und Bauch ange­bracht, soll „die Ver­bin­dung von pri­va­tem und kol­lek­ti­vem Gedächt­nis durch Kör­per­er­fah­rung“ wie­der­her­stel­len – so heißt es in der Beschrei­bung. Ein drittes Objekt, das der Erin­ne­rungs­land­schaft wie ein Fremd­kör­per auf­ge­setzt worden ist: die “Sym­bo­li­sche Syn­agoge” aus ukrai­ni­scher Eiche in Form einer auf­ge­stell­ten Thora, die geöff­net und geschlos­sen werden kann, bedeckt von einem bunten Sym­bol­sys­tem und hebräi­schen Gebets­sprü­chen, die sich an tra­di­tio­nel­len Syn­ago­gen der West­ukraine ori­en­tie­ren sollen. Die Aus­stel­lungs­ar­chi­tek­tur des deutsch-schwei­ze­ri­schen Büros Manuel Herz Archi­tects wurde bei den Dezeen Awards 2021 auf die Short­list gesetzt.

Hinter den Objek­ten steht das Babyn Yar Holo­caust Memo­rial Center (BYHMC), das ange­tre­ten ist, das Gedächt­nis des Ortes zu erschlie­ßen und eine Sprache für die Geschichte von Babyn Jar zu finden. Die „private Initia­tive“ geht para­do­xer­weise auf eine Ent­schei­dung des ehe­ma­li­gen Staats­prä­si­den­ten Petro Poro­schenko und Bür­ger­meis­ter Vitali Klitschko im Jahr 2016 zurück, den rus­si­schen Inves­to­ren Michail Fried­man, German Khan und Pavel Fuchs, freie Hand zu ertei­len; die drei Co-Initia­to­ren sollen durch ihre Geschäfte enge Bezie­hun­gen zum Kreml pflegen. Auch Viktor Pint­schuk, ukrai­ni­scher Olig­arch und Kul­tur­mä­zen, der im Stadt­zen­trum der ukrai­ni­schen Haupt­stadt das popu­läre Museum und Kunst­ver­mitt­lungs­zen­trum Pinchuk Art Center unter­hält, ist unter den Haupt­in­ves­to­ren. Mitt­ler­weile steht ein Teil des Regie­rungs­ap­pa­rats inklu­sive Prä­si­dent Wolo­dymyr Selen­skyj hinter dem Projekt; Bür­ger­meis­ter Klitschko, die Lite­ra­tur­no­bel­preis­trä­ge­rin Swet­lana Ale­xi­je­witsch oder Joschka Fischer gehören dem Auf­sichts­rat der Stif­tung an.

Trans­for­ma­tio­nen des Vergessens

Der Erin­ne­rungs­dis­kurs um Babyn Jar kann in drei Phasen ein­ge­teilt werden. Die Zeit unmit­tel­bar nach den Ver­bre­chen bzw. nach Ende der deut­schen Okku­pa­tion Kyjiws 1943, als die wenigen Augen­zeu­gen, die aus Babyn Jar fliehen konnten, vor lau­fen­der Kamera Rechen­schaft ableg­ten und der Bau eines ersten Denk­mals im Gespräch war, kann als die erste betrach­tet werden. Die sowje­ti­sche ist die zweite, ins­ge­samt von einer Politik des Ver­ges­sens gekenn­zeich­net, jedoch gleich­zei­tig von inof­fi­zi­el­len, indi­vi­du­el­len und pro­test­ar­ti­gen Erin­ne­rungs­in­itia­ti­ven. Mit Erlan­gung der Unab­hän­gig­keit der Ukraine beginnt die aktu­elle Phase, geprägt von der Suche nach einer ange­mes­se­nen Erinnerungssprache.

Die sowje­ti­sche Geschichts­schrei­bung, von anti­jü­di­schen und anti­kos­mo­po­li­ti­schen Stim­mun­gen geprägt, kannte keinen Holo­caust – und so erin­nert die Inschrift des ersten, in den 1970ern auf­ge­stell­ten staat­li­chen Denk­mals nicht an sys­te­ma­tisch ermor­dete Jüdin­nen und Juden, sondern an das kol­lek­ti­vierte „sowje­ti­sche Volk“. Anstatt das Schick­sal der jüdi­schen Bürger Kyyjiws, die der natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Ideo­lo­gie zufolge kom­plett ver­nich­tet werden sollten, expli­zit zu wür­di­gen und Babyn Jar als Symbol für den Holo­caust anzu­er­ken­nen, wurde die Topo­gra­phie von Babyn Jar seit den 1950er Jahren bebaut: ein sta­li­nis­ti­scher Wohn­kom­plex, eine Straße, ein Park. 1959 fragte der rus­si­sche Schrift­stel­ler Viktor Nekras­sow in der Liter­na­tur­naja Gazeta in seinem Artikel “Wieso ist das nicht gemacht worden?” empört:

„Ist das denn möglich? Wem konnte das in den Sinn kommen – eine Schlucht von 30 Metern Tiefe zuzu­schüt­ten und am Ort der größten Tra­gö­die her­um­zu­tol­len und Fußball zu spielen? Nein, das darf man nicht zulas­sen! Wenn ein Mensch stirbt, beer­digt man ihn, und auf seinem Grab errich­tet man ein Denkmal.“ 

In den 1950ern wurde Babyn Jar tat­säch­lich “zuge­schüt­tet”, indem man den Abraum der benach­bar­ten Zie­gel­fa­brik in die Schlucht leitete. Auf­grund fahr­läs­si­ger Bau­feh­ler kam es am 13. März 1961 nach starken Regen­fäl­len zu einem Damm­bruch, mit dem sich das Schlamm­was­ser in umlie­gende Bezirke und über Wohn­häu­ser mitsamt ihrer Bewoh­ner und Bewoh­ne­rin­nen ergoss. Der Versuch, den Erin­ne­rungs­raum von Babyn Jar zu fluten, mündete in der Kureniwka-Kata­stro­phe, die wohl weit über 145 Men­schen in den Tod riss.

Neue Formen der Erinnerung

Das BYHMC prä­sen­tiert sich als For­schungs­zen­trum, digi­tale Platt­form und den Pla­nun­gen zufolge auch bald als Museum am his­to­ri­schen Ort des Gesche­hens. Schon jetzt können auf der Web­seite 3D-Modelle, Archive aus teil­weise erst­ma­lig digi­ta­li­sier­ten Foto­gra­fien, Texten und Zeit­zeu­gen-Berich­ten sowie das Doku­men­ta­ti­ons­pro­jekt unter Leitung des ukrai­ni­schen Regis­seurs Sergej Loznitsa ein­ge­se­hen werden. Die „welt­weit voll­stän­digste“ Data­base an Opfer­na­men wurde veröffentlicht.

Als 2019 bekannt wurde, dass der rus­si­sche Fil­me­ma­cher Ilja Chrscha­now­ski (Ilya Khrzha­novsky), Schöp­fer des skan­dal­um­wit­ter­ten Mega-Film­pro­jekts “DAU” die künst­le­ri­sche Leitung des BYHMC über­neh­men würde, waren Pro­test­rufe aus Zivil­ge­sell­schaft, Wis­sen­schaft und Medien zu ver­neh­men; als im April 2020 ein “unfer­ti­ger” Kon­zept­ent­wurf durch ein Leak in die ukrai­ni­sche – und von dort in die inter­na­tio­nale – Presse gelangte, wurde laut­stark Chrscha­now­skis Rück­tritt gefor­dert. Wie schon bei DAU wird einer­seits die interne Arbeits­weise des Künst­ler-Kura­tors kri­ti­siert, ande­rer­seits sein von vielen als tota­li­tär bezeich­ne­ter Umgang mit Geschichte und Kunst. „Unser Ziel ist, (die Erin­ne­rung an die Tra­gö­die) von etwas Abs­trak­tem in etwas Leben­di­ges zu ver­wan­deln, in etwas mit emo­tio­na­ler Wirkung, in etwas, das Empa­thie aus­lö­sen kann“ – beschreibt Chrscha­now­ski das krea­tive Konzept auf der Web­seite. Die meisten Pro­jekte unter seiner Auf­sicht bedie­nen sich immer­si­ver Stra­te­gien, um Holo­caust-Geschichte zu ver­mit­teln, etwa das „Inter­ak­tive Tage­buch“, ein doku­men­ta­risch-künst­le­ri­sches Projekt, basie­rend auf realen Lebens­ge­schich­ten. Das Frage-Antwort-„Spiel“ macht von Archiv­fo­tos Gebrauch, um die Rea­li­tät der Opfer des Geno­zids abzu­bil­den, und ver­spricht, in die Leben der Prot­ago­nis­ten „ein­tau­chen“ und das his­to­risch-psy­cho­lo­gi­sche Ver­ständ­nis ver­tie­fen zu können.

Kritik zu diesen Formen immer­si­ver Geschichts­ver­mitt­lung kommt etwa von Kate­ryna Chujeva, Prä­si­den­tin des Inter­na­tio­nal Council of Museums (ICOM) Ukraine, einer NGO, die sich für einen ethi­schen Muse­ums­ko­dex ein­setzt. Chujeva warnt vor Stra­te­gien der „Re-Trau­ma­ti­sie­rung“, der sich das BYHMC bediene: „Wenn der Mensch, um sich über die Bedeu­tung, Wich­tig­keit, Kom­ple­xi­tät und Tragik von Geschichts­pro­zes­sen bewusst zu werden, psy­cho­lo­gisch oder phy­sisch in sie ein­tau­chen muss – dann ist das Re-Trau­ma­ti­sie­rung.“ In einer ethi­schen Muse­ums­pra­xis dürfe so etwas nicht zuge­las­sen werden.

„Es ist weder möglich noch wün­schens­wert, den Holo­caust für his­to­risch Inter­es­sierte real werden zu lassen; wir können uns nicht in das Holo­caust-Uni­ver­sum als gelebte Erfah­rung hin­ein­ver­set­zen“, schreibt Jessica Rapson in Topo­gra­phies of Suf­fe­ring (2015). Während „Begeg­nun­gen“ mit der Ver­gan­gen­heit durch Erin­ne­rungs­texte (Lite­ra­tur, Land­schaf­ten, Denk­mä­ler, Mas­sen­grä­ber) wichtig seien, sei jeder Anspruch auf tota­li­sie­rende Objek­ti­vie­rung und Beherr­schung der Ver­gan­gen­heit unangemessen.

„How pos­si­bly could one inter­vene in such a place?“

Was in der Debatte um die Ent­ste­hung eines Muse­ums­kom­ple­xes auf dem Gelände von Babyn Jar nicht über­se­hen werden darf: Auf dem Papier exis­tie­ren staat­li­che Rege­lun­gen, die das Bauen auf der geschütz­ten Denk­mal­zone ver­bie­ten; erlaubt sind ledig­lich mobile, vor­über­ge­hend errich­tete Pavil­lons. Drei Mal wurde also bereits gegen die Bau­ver­ord­nung ver­sto­ßen, ein seit Monaten, als ob im Bau befind­li­ches Objekt soll zum „Holo­caust-Dis­ney­land“ des BYHMC hinzukommen.

Foto: Eli­sa­beth Bauer

Ein bewe­gungs­lo­ser Kran hängt über einer Bau­grube, der Sicht­schutz zeigt Model­lie­run­gen des zukünf­ti­gen Museums “Kurgan” nach einem Entwurf des Ber­li­ner Archi­tek­tur­bü­ros SUB. Hier soll die Geschichte der Mas­sen­er­schie­ßun­gen mit­hilfe von 3D-Tech­no­lo­gie „repro­du­ziert“ werden. Im Zentrum des Ent­wurfs steht das Erd­reich als phy­si­sche Erin­ne­rungs­schicht, die – zumin­dest in diesem Grund­ge­dan­ken herrscht auf allen Seiten Einig­keit – höchst achtsam behan­delt werden muss. „Die Erde zeich­net Geschichte nach, hat tief­grei­fende Bedeu­tung“, sagt SUB-Archi­tekt Andrea Fara­guna bei der Pro­jekt­prä­sen­ta­tion. „How pos­si­bly could one inter­vene in such a place?“, lautet eine zen­trale Frage in der Dis­kus­sion um die Neu­ge­stal­tung des his­to­ri­schen Babyn Jar-Gelän­des. Die vom BYHMC ver­folg­ten räum­li­chen Ein­griffe durch den ent­ste­hen­den Museums-Begräb­nis­hü­gel sowie die bereits eröff­nete Syn­agoge wird von der Archi­tek­tin Marina Otero Verzier als „con­fi­dent but humble“ – selbst­be­wusst aber beschei­den – beschrie­ben. Die archi­tek­to­ni­sche Inter­ven­tion müsse respekt­voll von­stat­ten gehen, aber die Stärke haben, jene zu reprä­sen­tie­ren, die an diesem Ort brutal zum Schwei­gen gebracht wurden.

Die „staat­li­che“ Initia­tive: Kampf um die Erinnerung

Einst hatten Dis­si­den­ten wie Ivan Dzuiba, Viktor Nekras­sow oder Anatoli Kus­ne­zow gegen das Ver­bre­chen des geziel­ten Ver­ges­sens und „Nicht-Nennens“ pro­tes­tiert; seit den Neun­zi­gern kämpfen sie bzw. ihre „Nach­kom­men“ gegen die Taten­lo­sig­keit der Politik, wenn es um die Schaf­fung eines ein­heit­li­chen Erin­ne­rungs­nar­ra­tivs sowie den Schutz des Erin­ne­rungs­or­tes ange­sichts schlei­chen­der Pri­va­ti­sie­rungs­ver­su­che von Babyn Jar geht. Während poli­ti­sche, reli­giöse und eth­ni­sche Grup­pie­run­gen ihren Anspruch auf Erin­ne­rungs­zei­chen in Babyn Jar arti­ku­lie­ren, werden die Rahmen einer natio­na­len Erin­ne­rungs­po­li­tik in der Ukraine nur zöger­lich aus­ge­han­delt. Davon zeugt die unge­ord­nete Sym­bol­land­schaft, in der sich das Areal bis heute prä­sen­tiert, bestückt von über dreißig Denk­mä­lern, bestimm­ten Opfer­grup­pen oder Ein­zel­per­so­nen gewid­met. Hinter jedem Monu­ment steht ein bestimm­ter Blick, eine bestimmte Lesart der Geschichte.

Foto: Eli­sa­beth Bauer

In den Neun­zi­gern nimmt auch die Initia­tive “Babyn Jar” Gestalt an – ihrem Selbst­ver­ständ­nis nach die staat­li­che, ukrai­ni­sche Erin­ne­rungs­in­itia­tive, aus der ukrai­nisch-jüdi­schen Dis­si­den­ten­be­we­gung her­vor­ge­gan­gen. Eine his­to­ri­sche Schutz­zone, ein natio­na­les Denkmal, ein staat­li­ches Museum – das sind die Auf­ga­ben, denen sich die Initia­tive ange­nom­men hat. Das Komitee „Babyn Jar” beruft sich auf Insti­tu­tio­nen wie The Asso­cia­tion of Jewish Orga­niz­a­ti­ons and Com­mu­nities (VAAD), ukrai­ni­sche wie inter­na­tio­nale For­schungs­ein­rich­tun­gen, aber auch die dem rechten Lager nahe­ste­hende Orga­ni­sa­tion Ukrai­ni­scher Natio­na­lis­ten. Nach jah­re­lan­gem Enga­ge­ment, umfas­sen­den Studien der his­to­ri­schen Topo­gra­phie von Babyn Jar (davon zeugt etwa die Publi­ka­tion “Babyn Jar: Macht, Mensch, Geschichte”) wird 2005 ein weit­räu­mi­ges Areal zum denk­mal­ge­schütz­ten Reser­vat bestimmt; zwei Jahre später wird ihm natio­na­ler Status zuge­spro­chen. Mit diesem Etap­pen­sieg um den rechts­staat­li­chen Schutz des Erin­ne­rungs­or­tes, so hofft man, konnte die inter­es­sen­ge­lei­tete Bebau­ung gestoppt werden. Doch selbst die Ernen­nung zur denk­mal­ge­schütz­ten Zone und dem in diesem Rahmen fest­ge­setz­ten Bebau­ungs­ver­bot hindert private Initia­ti­ven nicht daran, weitere Vor­stöße zu unter­neh­men. 2002 war ein erstes ame­ri­ka­ni­sches Projekt für ein jüdi­sches Zentrum auf dem Gelände des ein­zi­gen erhal­te­nen Fried­hofs ver­hin­dert worden; 2006 macht eine städ­ti­sche Initia­tive den Vorstoß, ein jüdi­sches Reli­gi­ons­zen­trum und Museum zu errich­ten – ein Grund­stein wird aufgestellt.

Sinn­kon­flikt: Zwei Initia­ti­ven – zwei Museen?

2016 nehmen zwei Kon­zept­ent­würfe par­al­lel zuein­an­der Form an – erstellt von jenen Initia­ti­ven, die bis heute in Oppo­si­tion zuein­an­der gelesen werden. Dabei handelt es sich bei dem pri­va­ten um das ton­an­ge­bende, inter­na­tio­nal in Kritik gera­tene Projekt. Den Grund­satz des Bau­ver­bots, als zen­tra­les Anlie­gen im Kon­zept­pa­pier der staat­li­chen Initia­tive genannt, hat es bereits mehr­fach gebro­chen. Das “Konzept einer kom­ple­xen Memo­ria­li­sie­rung von Babyn Jar”, auf Anord­nung des Prä­si­den­ten von einer Arbeits­gruppe unter Auf­sicht der Aka­de­mie der Wis­sen­schaf­ten (NAN) erar­bei­tet, wird 2018 vom Minis­ter­ka­bi­nett bestä­tigt. Ein Jahr später werden die Kon­zepte zur “Erwei­te­rung der Grenzen des natio­na­len Geschichts- und Geden­kre­ser­vats” sowie “für ein Museum der Geschichte von Babyn Jar” von ukrai­ni­schen wie aus­län­di­schen Wis­sen­schaft­li­chern rezen­siert und im Oktober 2021 der Öffent­lich­keit präsentiert.

Der Entwurf des ukrai­ni­schen Pro­jek­tes schlägt auch ein ukrai­ni­sches Gedächt­nis­mo­dell vor: Ent­ste­hen soll ein Erin­ne­rungs­park, der alle Tra­gö­dien von Babyn Jar abbil­det, ein Museum über Babyn Jar und eines über den Holo­caust – letz­tere außer­halb der Schutz­zone. “Der Erin­ne­rungs­park ist unsere Antwort auf die chao­ti­sche Bebau­ung, die auch in diesem Moment auf dem Ter­ri­to­rium Babyn Jars fort­ge­setzt wird”, sagt Tatjana Pas­tus­henko, lei­tende wis­sen­schaft­li­che Mit­ar­bei­te­rin am Insti­tut für Geschichte (NAN) und Sekre­tä­rin der Arbeits­gruppe. Es soll ruhig der Toten gedacht werden können; anstatt auf dem his­to­ri­schen Areal zu bauen, sollen sowohl Orte der Mas­sen­er­schie­ßun­gen als auch ehe­ma­lige Fried­höfe gekenn­zeich­net werden. Die beiden Aus­stel­lungs­kon­zepte, in einem Muse­ums­kom­plex zusam­men­ge­führt, ver­binde die Geschichte der Mas­sen­er­schie­ßun­gen von Babyn Jar.

“Die Erin­ne­rung eines solchen Ortes muss in Zusam­men­ar­beit mit dem Staat, wis­sen­schaft­li­chen und gemein­nüt­zi­gen Insti­tu­tio­nen gesche­hen – und darf kein koope­ra­ti­ves Projekt sein, ver­schlos­sen vor jedem öffent­li­chen Ein­fluss”, findet Pastushenko. 

Auch Vitalyi Nach­ma­no­vich, Eth­no­loge, His­to­ri­ker und stell­ver­tre­ten­der Vor­sit­zen­der der Arbeits­gruppe, sagt in der Geschichts­zeit­schrift „Isto­richna Prawda“, dass es Aufgabe einer staat­li­chen Initia­tive sein müsse, die frag­men­tierte Erin­ne­rungs­land­schaft zu ordnen und die Bedeu­tung von Babyn Jar aus­zu­han­deln. Die Frage sei, wer sich dieser Aufgabe annehme: Der ukrai­ni­sche Staat im Aus­tausch mit ukrai­ni­schen Wis­sen­schaft­lern und der ukrai­ni­schen Gesell­schaft oder „aus­län­di­sche Wohl­tä­ter unter Nach­se­hen des Staats und einer hilf­lo­sen Gesellschaft”.

Warum wird ein Ort maß­lo­sen his­to­ri­schen Leids – je nach Aus­le­gung – einer­seits zum Zentrum natio­nal­staat­li­cher Mythen­bil­dung, ande­rer­seits zum Aus­tra­gungs­ort hybri­der Kriegs­füh­rung ernannt? „Fak­tisch ist eine künst­li­che Kon­fron­ta­tion zweier Erin­ne­rungs­in­sti­tu­tio­nen, zweier Erin­ne­rungs­po­li­ti­ken, zweier Ein­stel­lun­gen zur Erin­ne­rung ent­stan­den“, sagt Kate­ryna Chujeva. Es fehlt also nicht nur an einer gesamt­ge­sell­schaft­li­chen Ver­stän­di­gung über ein gemein­sa­mes his­to­ri­sches Gedächt­nis, sondern auch an einer staat­li­chen Auto­ri­tät, die Ori­en­tie­rung in Fragen der Ver­gan­gen­heits­be­wäl­ti­gung bieten würde.

Erin­ne­rungs­krieg: “Das ist die Kapitulation“

Erin­ne­rungs­krie­gen ist gemein, dass sie sich in abs­trak­ter Distanz zu ihrem Gegen­stand abspie­len und meist sind es Mittel mytho­lo­gi­sie­ren­der Nar­ra­tion, denen sich die um das Gut „ihrer“ his­to­ri­schen Wahr­heit kon­kur­rie­ren­den Par­teien bedie­nen. So wird auch der erin­ne­rungs­po­li­ti­sche Kon­flikt von Babyn Jar auf reprä­sen­ta­ti­ver – sym­bo­li­scher, (global-) poli­ti­scher – Ebene aus­ge­tra­gen. In diesem Falle schlägt er sich ebenso in der his­to­risch-phy­si­schen Topo­gra­phie nieder: Gebaut wird, obwohl über die Zukunft des Ortes wei­ter­hin Unei­nig­keit herrscht.

Die Anhän­ger der ukrai­ni­schen Initia­tive sind über­zeugt: Das “rus­si­sche Projekt” ist ein Hebel im hybri­den Krieg Russ­lands gegen die Ukraine. Khrzha­novsky und die wich­tigs­ten Sta­ke­hol­der stünden für eine ver­zerrte, post-sowje­ti­sche Lesart der Geschichte von Babyn Jar und des Holo­causts. In dieser Per­spek­tive werden alle ukrai­ni­schen Zeit­ge­nos­sen ohne Dif­fe­ren­zie­rung als Kol­la­bo­ra­teure – oder im zeit­ge­nös­si­schen rus­si­schen Polit­jar­gon: als “Faschis­ten” – dar­ge­stellt. Indem “Russ­land” freie Hand im Bau eines Museums an diesem Gedenk­ort erteilt wurde, so die Befürch­tung, wird dem Gedächt­nis von Babyn Jar auch ein rus­si­sches Geschichts­nar­ra­tiv eingeschrieben.

Anfang 2021 hatte Bür­ger­meis­ter Klitschko im Kyjiwer Stadt­par­la­ment für das rus­si­sche Projekt und die Zuwei­sung dreier Grund­stü­cke auf dem Gelände von Babyn Jar an die “rus­si­sche” Initia­tive gewor­ben; eine Abstim­mung wurde mehr­mals ver­scho­ben und endete in einem Skandal. Ein vom Insti­tut für Men­schen­rechts- und Infor­ma­ti­ons­po­li­tik der Wer­chowna Rada ein­ge­brach­ter Geset­zes­ent­wurf wurde ver­ab­schie­det, der die Unzu­läs­sig­keit der rus­si­schen Initia­tive besie­geln sollte.

Trotz­dem sieht es schlecht aus für die lokale Initia­tive. Wie im Juni 2021 bekannt wurde, hatte der staat­li­che Eigen­tums­fond am 29. April die Mög­lich­keit einer Ver­mie­tung des ein­zi­gen erhal­te­nen his­to­ri­schen Gebäu­des in der Schutz­zone von Babyn Jar prüfen lassen: der ehe­ma­li­gen Kanzlei des jüdi­schen Luk’yanov-Friedhofs, die seit 2017 mit staat­li­chen und pri­va­ten Mitteln restau­riert wird. Laut ukrai­ni­schem Konzept ist sie für die Museen vor­ge­se­hen. Laut Josef Zissels, ehe­ma­li­ger Dis­si­dent und Kopf der jüdisch-natio­na­lis­ti­schen Bewe­gung, hat Pre­mier­mi­nis­ter Denys Schmyhal dem Ver­mie­tungs­ge­such zuge­stimmt – und so befin­det sich auch dieses Gebäude nun in der Ein­fluss­sphäre rus­si­scher Spon­so­ren. Ana­to­lyi Podol’skyi, Co-Autor des Kon­zept­pa­piers, bezeich­net den Fall in der „Isto­richna Prawda“ als „Kapi­tu­la­tion“ – als Beweis, dass die höchs­ten Staats­be­am­ten kapi­tu­lier­ten, für das Putin-Régime arbei­te­ten. „Jetzt kann man nicht mehr von his­to­ri­schen oder erin­ne­rungs­be­zo­ge­nen Aspek­ten spre­chen, sondern nur noch von poli­ti­schen. Unser Staat sieht nun aus wie die Ser­vice­ein­heit eines pri­va­ten pro-rus­si­schen Projekts.”

Erin­ne­rungs­po­li­tik: Ringen um die Vergangenheit

„Wir lernen erst jetzt aus dem schwarz-weißen Kalei­do­skop aus­zu­tre­ten, wo alle Sowjets schlecht sind und alle Ukrai­ner gut. Da sehe ich eine Ent­wick­lung. Aber bezüg­lich einiger Punkte – selbst für den sym­bo­li­schen Raum – haben wir keine Antwort“, sagte Anton Dro­bo­vich, Leiter des Insti­tuts für Natio­nale Erin­ne­rung, in einer Dis­kus­si­ons­runde am Tag des 80. Jah­res­ge­den­kens. Wenn es um die „Gerech­ten der Welt­na­tio­nen“, Kol­la­bo­ra­tio­nen ukrai­ni­scher Natio­na­lis­ten mit den Nazis, zivile Denun­zia­tio­nen oder Ana­ly­sen von Über­le­bens­stra­te­gien während der Besat­zungs­zeit gehe, wolle man auf Regie­rungs­ebene keine ein­deu­tige Posi­tion über­neh­men: „Der Staat hat in Fragen des Geden­kens an Babyn Jar keine Subjektivität.“

Foto: Eli­sa­beth Bauer

Ob ein kri­ti­scher Umgang mit dem kom­ple­xen Gedächt­nis von Babyn Jar möglich ist, hängt jedoch wesent­lich davon ab, ob eine gesamt­ge­sell­schaft­li­che Dis­kus­sion eben­je­ner strit­ti­gen Fragen geführt wird. Während das Geschichts­nar­ra­tiv im Putin-Russ­land jeg­li­che sowje­ti­sche Kol­la­bo­ra­tion während der dop­pel­ten Besat­zungs­phase mit den Nazis aus­schließt, stehen Fragen der Inter­pre­ta­tion und Bewer­tung der Rolle der Orga­ni­sa­tion Ukrai­ni­scher Natio­na­lis­ten (OUN) bzw. der Bandera-Frak­tion (OUN‑B) im Zentrum der natio­na­len Erin­ne­rungs­po­li­tik. Neben dem alles “Sowje­ti­sche” aus der ukrai­ni­schen Rea­li­tät tilgen wol­len­den “Dekom­mu­ni­sie­rungs-Gesetz” werde auch eine offi­zi­elle Affir­ma­tion der OUN – und eine Ver­zer­rung der von dieser ultra­na­tio­na­len Bewe­gung ver­tre­te­nen eth­no­zen­tri­schen Werte – auf breiter gesell­schaft­li­cher Ebene erfolg­reich vor­an­ge­trie­ben, erklärt der in Kyjiw lebende Poli­tik­wis­sen­schaft­ler Andreas Umland. Ange­sichts eines von Russ­land geführ­ten hybri­den Krieges ist aus ukrai­ni­scher Sicht die For­mie­rung eines starken, natio­na­len Geschichts­nar­ra­tivs rele­vant. Zen­tra­ler Motor dieser erin­ne­rungs­po­li­ti­schen Ent­wick­lun­gen ist das Ukrai­ni­sche Insti­tut für Natio­nale Erin­ne­rung, das hinter der staat­li­chen Initia­tive wie auch der Neu­eröff­nung des Museums der Rus­si­schen Aggres­sion steht.

Unter­des­sen hat sich die Kriegs­rhe­to­rik im Erin­ne­rungs­dis­kurs längst fest­ge­setzt – auf beiden Seiten. Josef Zissels, Ver­tre­ter der staat­li­chen Initia­tive, hebt die gesetz­wid­rige Funk­tion des rus­si­schen Pro­jekts und seine Rolle im hybri­den Krieg hervor. “Wenn der hybride Krieg mit dem Sieg der Ukraine zu Ende geht, werden das unsere Tro­phäen sein.”

Inva­sion Kyjiws “wie in Sewastopol”?

Wie ist es der rus­si­schen Initia­tive gelun­gen, ukrai­ni­sche und inter­na­tio­nale Intel­lek­tu­elle, sowie Poli­ti­ker wie Ronald Lauder, Natan Sharan­sky oder Patrick Desbois (der Autor des Buches “Hol­caust durch Kugeln”), in den Auf­sichts­rat zu holen und aus­län­di­sche Regie­run­gen – auch die Bun­des­re­gie­rung ist im Gespräch – dazu zu bringen, sich neben kreml­na­hen Sta­ke­hol­dern finan­zi­ell zu betei­li­gen? Der ukrai­nisch-ame­ri­ka­ni­sche His­to­ri­ker Yohanan Petrovsky-Shtern ist über­zeugt, dass dafür “Igno­ranz, Pres­tige und Geld” ver­ant­wort­lich seien – beson­ders letz­te­res, denn für das BYHMC wurden rund 100 Mil­lio­nen Dollar ver­an­schlagt. Sein Urteil über Chrscha­now­ski ist harsch: „Er mag gebil­det und talen­tiert und viel­leicht ein guter Profi sein, aber er ist ein Zyniker ersten Ranges – eine Mario­nette im Hybrid­krieg gegen die Ukraine.”

Die Annahme, dass der Gedächt­nis­raum von Babyn Jar zur Pro­jek­ti­ons­flä­che im Krieg Russ­lands gegen die Ukraine avan­ciert, passt zu Umlands Analyse rus­si­scher sub­ver­si­ver Kriegsstrategien:

„Pur­po­se­ful mani­pu­la­tion with topics of natio­nal memory, recent history, and inter­eth­nic rela­ti­ons, not least in Polish mass media and social net­works, is part and parcel of Russias so-called hybrid war against Kyiv. The Kremlins attack on the Ukrai­nian nation is exe­cu­ted, with a mul­ti­tude of mili­tary and non-mili­tary, hard- and soft-power instru­ments, on a daily basis. It actively exploits con­tro­ver­sial his­to­ri­cal issues and aims to destroy the Ukrai­nian state from within rather than from outside.“ (Andreas Umland, The Ukrai­nian government’s Memory Insti­tute against the West, New Eastern Europe, 7.3.17)

Petrovsky-Shtern spricht gar von einer mög­li­chen Inva­sion Kyjiws durch Russ­land “wie in Sewas­to­pol” – eine Bedro­hung, die wenig abs­trakt anmutet in Zeiten, in denen rus­si­sche Truppen kampf­be­reit entlang der Grenzen mit Belarus und Russ­land stehen. Es brauche viel­leicht nur eine Pro­vo­ka­tion und Kyjiw könnte besetzt werden.

Der Bruder der Schrift­stel­le­rin Katja Petrow­skaja, die ihre mit Babyn Jar ver­knüpfte Fami­li­en­ge­schichte in ihren Roman Viel­leicht Esther ein­flie­ßen ließ, an die Öffent­lich­keit: “Sie müssen ver­ste­hen, dass Herr Putin und sein Hilfs­mann Vla­dis­lav Surkov drei oder vier Olig­ar­chen als ihre Spiel­fi­gu­ren benut­zen (…). Indem sie dies zulas­sen, ermög­li­chen die Ukrai­ner den impe­ria­len Ideo­lo­gen der Ukraine ihre eigene – irre­füh­rende und schäd­li­che – Vision auf­zu­zwin­gen“, so Petrovsky-Shtern im Inter­view.

Das BYHMC weist solche Vor­würfe zurück: „Die Aufgabe des Pro­jek­tes besteht darin, ein inno­va­ti­ves Museum für die Ukraine zu bauen, das ein Bei­spiel für andere Länder werden könnte. Ein tra­di­tio­nel­les Holo­caust-Museum wäre eine Nie­der­lage“, sagt Geschäfts­füh­rer Ruslan Kava­t­s­juk im Rahmen einer Gesprächs­runde, die beide Initia­ti­ven unter dem Titel „Wenn Museen Schau­plätze von Erin­ne­rungs­kämp­fen werden“ an einen Tisch gebracht hatte.

Zu viel Lärm in Babyn Jar

Dass in der heu­ti­gen Ukraine Gedenk­orte auch ohne Skandal ent­ste­hen können, zeigt die Grund­stein­le­gung eines neuen Holo­caust-Denk­mals in Odesa im Oktober 2021. In einem leer­ste­hen­den Muni­ti­ons­la­ger waren hier im Oktober 1941 rund 25.000 Men­schen von rumä­ni­schen Truppen, die die Schwarz­meer­stadt gemein­sam mit der deut­schen Wehr­macht besetzt hatten, ermor­det – genauer: ver­brannt – worden. Der geplante Gedenk­kom­plex geht auf eine Initia­tive von LibMod-Grün­­de­­rin Marie­luise Beck zurück – und greift das lang­jäh­rige Enga­ge­ment der lokalen jüdi­schen Gemeinde auf. Der unschein­bare in den Neun­zi­gern auf­ge­stellte Gedenk­stein war bisher das einzige Erin­ne­rungs­zei­chen, das auf das Mas­sen­grab und seine tra­gi­sche Geschichte ver­weist. Noch dieses Jahr soll er ins neue Mahnmal nach dem Entwurf eines Odesaer Archi­tek­tur­stu­dios inte­griert werden.

Den Opfern von Babyn Jar ein wür­de­vol­les Denkmal zu setzen, das den Sym­bol­cha­rak­ter des Ortes als lokales wie uni­ver­sel­les Mahnmal trägt; ein Museum zu errich­ten, das als staat­li­che Bil­dungs- und For­schungs­ein­rich­tung die Geschichte des Ortes ver­mit­telt – diese Schritte in mehr­heit­li­cher Über­ein­kunft zu gehen hat sich bisher als unmög­lich erwie­sen. Statt­des­sen wird die geschichts­po­li­ti­sche Debatte um den neuen Erin­ne­rungs­kom­plex – gerade in Zeiten des wieder eska­lie­ren­den Kon­flikts mit Russ­land – auf eine geo­po­li­ti­sche Ebene kata­pul­tiert. Wo um ein Erin­ne­rungs­mo­no­pol gerun­gen wird, sind auch his­to­ri­sche Ver­zer­rung und eigen­nüt­zige Mani­pu­la­tion nicht mehr weit.

Am Text mit­ge­ar­bei­tet hat Yeli­z­a­veta Lan­den­ber­ger. Sie stu­diert Phi­lo­so­phie und Sla­wis­tik in Berlin und über­setzt lite­ra­ri­sche Texte.

Textende

Portrait von Bauer

Eli­sa­beth Bauer stu­diert Sla­wis­tik in Berlin und derzeit an der Taras Schewt­schenko Uni­ver­si­tät in Kyjiw.

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