Ein anderer Blick auf die Ukraine

© Pal Sol, CC BY-NC-ND 2.0

Für die Ukraine geht es heute darum, einen sou­ve­rä­nen Natio­nal­staat auf­zu­bauen – im Sinne einer poli­ti­schen Nation, nicht einer eth­ni­schen Gemein­schaft.

Weshalb ist Geschichte wichtig? Ich würde das gerne in dem Satz bündeln: Weil his­to­ri­sche Mythen unseren Blick auf die Gegen­wart prägen, unser Bild von der Gegen­wart prägen. Zu diesen his­to­ri­schen Mythen über die Ukraine gehört die Ukraine als Täter­na­tion, die im zweiten Welt­krieg als Kol­la­bo­ra­teur der Deut­schen agiert hat und von Russ­land als Opfer­na­tion. Das prägt bis heute die Wahr­neh­mung, wenn man etwa die Inter­pre­ta­tion des Majdan in der deut­schen Öffent­lich­keit nimmt. Bei uns gibt es eine hohe Bereit­schaft, Faschis­musalarm aus­zu­lö­sen, also die Ukraine immerzu unter Faschis­mus­ver­dacht zu stellen. Deshalb ist es so wichtig her­aus­zu­ar­bei­ten, dass es zwar einen ukrai­ni­schen Faschis­mus, dass es ukrai­ni­sche Kol­la­bo­ra­tion gab, wie es die Kol­la­bo­ra­tion in Russ­land, in Frank­reich, in den Nie­der­lan­den gegeben hat – dass das aber nicht die ganze Geschichte erzählt. Die Ukraine hat einen unge­heu­ren Blut­zoll gezahlt im 2. Welt­krieg. Es gab ukrai­ni­sche Par­ti­sa­nen gegen die deut­sche Besat­zung und Mil­lio­nen ukrai­ni­sche Sol­da­ten in der roten Armee. Man muss daran erin­nern, diesen Mythos von der „faschis­ti­schen Ukraine“ zu dekon­stru­ie­ren.

Wir wollen nicht zurück zu einem neuen Jalta

Das gilt auch für das Vor­ur­teil, das auch ein ehe­ma­li­ger deut­scher Kanzler wie­der­holt hat: dass die Ukraine gar keine wirk­li­che Nation sei. Offen­bar betrach­tete auch Helmut Schmidt die Ukraine als ein Kunst­ge­bilde, dem kein Recht auf poli­ti­sche Sou­ve­rä­ni­tät zusteht. Das ist eine hoch aktu­elle Frage, wenn es darum geht anzu­er­ken­nen, dass die Ukraine wie die anderen post­so­wje­ti­schen Repu­bli­ken auch als eigen­stän­di­ges poli­ti­sches Subjekt wahr­ge­nom­men wird. Der post­so­wje­ti­sche Raum ist eben nicht Ver­hand­lungs­masse für ein neues deutsch-rus­si­sches Arran­ge­ment über die Zukunft Europas. Das ist der Kern der aktu­el­len Aus­ein­an­der­set­zung: Wir wollen nicht zurück zu einem neuen Jalta.

Natio­nale Sou­ve­rä­ni­tät ist für die Ukraine eine Frage von Sein oder Nicht-Sein

Ich möchte auf einen wei­te­ren Gesichts­punkt hin­wei­sen, der bisher in der Dis­kus­sion kaum eine Rolle gespielt hat: Das ist die his­to­ri­sche Ungleich­zei­tig­keit zwi­schen der Ukraine und Deutsch­land. Wir befin­den uns in der glei­chen Epoche, wir leben in einem Europa, aber es gibt in Deutsch­land wenig Ver­ständ­nis dafür, dass die Ukraine an einem anderen Punkt ihrer his­to­ri­schen Ent­wick­lung ist. Für die Ukraine geht es heute darum, sich zur poli­ti­schen Nation aus­zu­bil­den und einen sou­ve­rä­nen Natio­nal­staat auf­zu­bauen – im Sinne einer poli­ti­schen Nation, nicht einer eth­ni­schen Gemein­schaft. Dagegen herrscht bei den deut­schen poli­ti­schen, kul­tu­rel­len und wis­sen­schaft­li­chen Eliten die Vor­stel­lung, wir würden schon im post­na­tio­na­len Zeit­al­ter leben. So etwas wie natio­nale Sou­ve­rä­ni­tät sei eigent­lich ein Ana­chro­nis­mus –  während es für die Ukraine eine Frage von Sein oder Nicht-Sein bedeu­tet. Das gilt auch für die Bedeu­tung des Mili­tärs als Mittel, die natio­nale Unab­hän­gig­keit und Frei­heit zu ver­tei­di­gen. Bei uns kann kaum jemand nach­voll­zie­hen, weshalb sich Men­schen frei­wil­lig melden, um für ihr Land zu kämpfen. An diesem Bewusst­sein der his­to­ri­schen Ungleich­zei­tig­keit zu arbei­ten und dafür in Deutsch­land Ver­ständ­nis zu schaf­fen ist ein wich­ti­ger Punkt der geschichts­po­li­ti­schen Aus­ein­an­der­set­zung.

Was wir tun können

Zum Schluss noch zu der berühm­ten Frage „Was tun?“.  Mir fallen dazu drei Vor­schläge ein. Der erste zielt auf die ver­stärkte wis­sen­schaft­li­che und kul­tu­relle Zusam­men­ar­beit, den Aus­tausch zwi­schen Wis­sen­schaft­le­rin­nen, Künst­lern, zivil­ge­sell­schaft­li­chen Akteu­ren der Ukraine und der Bun­des­re­pu­blik. Dafür braucht es einen orga­ni­sier­ten Rahmen, zum Bei­spiel Sti­pen­di­en­pro­gramme oder gemein­same For­schungs­pro­jekte.

Bei allen Schwie­rig­kei­ten ist ent­schei­dend, dass der Prozess der demo­kra­ti­schen Refor­men wei­ter­geht

Der zweite Vor­schlag zielt auf eine Public Diplo­macy – Offen­sive für die Ukraine. Das kann ich aus Ber­li­ner Per­spek­tive nur unter­strei­chen. Bei allen respek­ta­blen Anstren­gun­gen der kleinen diplo­ma­ti­schen Ver­tre­tung in Berlin kann man es nicht alleine der ukrai­ni­schen Bot­schaft über­las­sen für Gegen­öf­fent­lich­keit zu sorgen und um Sym­pa­thie für die Ukraine zu werben. Dabei spielen auch zivil­ge­sell­schaft­li­che Akteure eine große Rolle. Schließ­lich ein dritter Punkt: Wenn wir von der deut­schen Ver­ant­wor­tung reden, dann erüb­rigt das nicht die eigene Ver­ant­wor­tung der Ukraine, wie sie heute in Europa wahr­ge­nom­men wird. Und dafür ist ganz ent­schei­dend, dass bei allen Schwie­rig­kei­ten der Prozess der demo­kra­ti­schen Refor­men wei­ter­geht. Die Refor­ma­tion von Wirt­schaft, Ver­wal­tung und Justiz ist eine ent­schei­dende Bedin­gung dafür, dass die Ukraine im Westen als etwas Hoff­nungs­vol­les wahr­ge­nom­men wird und nicht als eine ver­lo­rene Sache, die man am liebs­ten so schnell wie möglich los­wer­den möchte.


Der Beitrag basiert auf einem Vortrag bei der deutsch-ukrai­ni­schen Kon­fe­renz „Deutsch­land und Ukraine in Europa: Ver­ant­wor­tung für die Ver­gan­gen­heit – Ver­pflich­tung für die Zukunft“, die am 10. Juli im ukrai­ni­schen Par­la­ment statt­fand.

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