Zwi­schen Krieg und Wirtschaftskrise

Seit fünf Jahren herrscht in der Ost­ukraine Krieg. Die Region Luhansk hat beinahe die Hälfte ihres Ter­ri­to­ri­ums an von Russ­land unter­stütze Sepa­ra­tis­ten ver­lo­ren. Viele Unter­neh­men schlie­ßen, die Arbeits­lo­sig­keit steigt, die Straßen ver­fal­len. Ein Lokalaugenschein.

Portrait von Daniela Prugger

Daniela Prugger arbei­tet als freie Jour­na­lis­tin über die Ukraine.

Der blaue Van ruckelt über die Straße, die laut Yev­he­nii Vasy­l­iev zu den schlech­tes­ten in der ganzen Ukraine zählt. Hier hat der Asphalt keine Risse, es sind eher Krater, die der Fahrer geschickt umschifft und die ent­ge­gen­kom­men­den Fahr­zeuge gleich mit. Eigent­lich gibt zwei Fahr­spu­ren, aber hier fährt jedes Auto Slalom. Langsam müht sich der Van über die Land­straße, neben der ver­ein­zelt ein­stö­ckige Häuser stehen, vor denen die Hühner gackern.

„Wo bleiben die Straßen“?, steht auf den Pla­ka­ten, die ein­ge­rollt auf der Rück­bank liegen und die Vasy­l­iev wenig später hoch­hal­ten wird. Der 37-Jährige ist Akti­vist und Hilfs­ar­bei­ter der Orga­ni­sa­tion Vostok SOS, die an diesem Tag kurz vor den Par­la­ments­wah­len zum Protest auf­ge­ru­fen hat. Vasy­l­iev will, dass sich das Leben in der öst­lichs­ten Region der Ukraine, dem Oblast Luhansk, ver­bes­sert. Er sagt: „Wenn wir neue Unter­neh­mer und Insti­tu­tio­nen anlo­cken wollen, brau­chen wir hier gute Straßen.“

Der schlechte Zustand der Straßen gilt sicht­bars­tes Zeichen der herr­schen­den Korruption

Als der Wagen in einem ver­schla­fe­nen Dorf anhält, haben sich bereits etliche Men­schen ver­sam­melt. Nur die Kirsch­bäume spenden Schat­ten an diesem drü­ckend heißen Morgen. Den drei lokalen Poli­ti­kern und Beamten in spitzen Leder­schu­hen und kurz­är­me­li­gen Hemden treibt die Sonne Schweiß­trop­fen auf die Stirn. Viel­leicht sind es aber auch die drei älteren Frauen in geblüm­ten Klei­dern, die sie ins Schwit­zen bringen. Denn die „Babush­kas“, wie die Damen genannt werden, reden laut und fuch­telnd auf die Männer ein. Sie wollen Ant­wor­ten: Wer ist ver­ant­wort­lich dafür, dass die Straßen in der Gegend in diesem mise­ra­blen Zustand sind, nach all den jah­re­lan­gen Wahlversprechen?

„Der Stra­ßen­dienst repa­riert die Straßen beson­ders oft, wenn es regnet oder schneit, weil sich der Zustand der Straße dann schnell wieder ver­schlech­tert. Dann können sie die Straßen wieder und wieder repa­rie­ren. Damit lässt sich viel Geld machen“, erklärt die Öko­no­min Inna Semen­enko, für die die Straßen in der Region eines der sicht­bars­ten Zeichen für das hohe Maß an Kor­rup­tion sind.

Semen­enko hat rote Haare, die ihr in weichen Locken über die pas­tell­rosa Bluse fallen. Ihr Smart­phone hat sie stets griff­be­reit, es klin­gelt alle paar Minuten. Im Jahr 2014, als der Krieg unweit von hier aus­brach, musste sie fliehen. Mit kaum mehr als einem kleinen Koffer voller Som­mer­klei­der kam sie in die neue Haupt­stadt der Region, Sewer­odo­nezk. Heute ist sie die Lei­te­rin der Abtei­lung für Wirt­schafts­wis­sen­schaf­ten und Entre­pre­neur­ship an der hie­si­gen Universität.

Die wirt­schaft­li­che Situa­tion der Region ver­schlech­terte sich seit Kriegs­be­ginn dramatisch

Seit Jahren beob­ach­tet die 36-Jährige, wie sich die Wirt­schaft in Luhansk ent­wi­ckelt. Ihr Fazit: „Die Situa­tion hier hat sich seit Kriegs­be­ginn dra­ma­tisch ver­än­dert. Die Region hat viel von ihrem indus­tri­el­len Poten­tial ver­lo­ren.“ Lag das Brut­to­re­gio­nal­pro­dukt im Jahr 2014 noch bei 58 Mrd. Hrywna (UAH), waren es 2017 nur noch 30 Mrd. UAH. Nur wenige Unter­neh­men seien in der Region in den ver­gan­ge­nen Jahren gegrün­det worden. Das Gegen­teil ist der Fall: Viele kleine und mit­tel­stän­di­sche Unter­neh­men schlie­ßen, die Arbeits­lo­sig­keit nimmt zu und die jungen Men­schen ziehen fürs Studium nach Kyjiw, wandern nach Russ­land oder in die EU aus.

Bevor der Krieg im Jahr 2014 aus­brach, war Luhansk eine Indus­trie­re­gion und der wich­tigste Han­dels­part­ner für die Unter­neh­mer war Russ­land. Die Indus­trie­zweige reich­ten vom Koh­le­berg- und Maschi­nen­bau über die che­mi­sche Indus­trie bis hin zur Lebens­mit­tel­in­dus­trie. Doch die größten Fabri­ken, die meisten Koh­len­gru­ben und die gleich­na­mige Haupt­stadt der Region, das ehe­ma­lige Wirt­schafts­zen­trum „Luhansk“, befin­den sich heute im Sepa­ra­tis­ten­ge­biet. Das Gebiet der selbst pro­kla­mier­ten „Volks­re­pu­blik Lugansk“ wird nicht von der ukrai­ni­schen Regie­rung kon­trol­liert. Der Krieg hat dazu geführt, dass der von der Ukraine kon­trol­lierte Teil in der Region fast die Hälfte seines Ter­ri­to­ri­ums ver­lo­ren hat. Heute leben in der Region Luhansk rund 2,2 Mil­lio­nen Men­schen.

Zwar gibt es viele inter­na­tio­nale Orga­ni­sa­tio­nen, die ver­su­chen hier etwas zu bewir­ken. Aber das alles ist ein lang­wie­ri­ger Prozess. Mehr Trans­pa­renz und ein voll­stän­di­ger Wechsel der Leiter in den Straf­ver­fol­gungs­be­hör­den könnten laut Semen­enko im Kampf gegen die Kor­rup­tion helfen.

Beson­ders für die Bin­nen­ver­trie­be­nen, von denen es laut den Ver­ein­ten Natio­nen in der gesam­ten Ukraine mehr als 1,5 Mil­lio­nen gibt, sei es schwie­rig, eine Arbeit zu finden. Etwa 58.000 sollen allein in Sewer­odo­nezk gemel­det sein. „Viele, die aus [der Stadt] Luhansk kommen, sind besser aus­ge­bil­det und schaf­fen Kon­kur­renz am Arbeits­markt. Sie haben oft eine Arbeit erlernt, für die es hier in Sewer­odo­nezk gar keine Stellen gibt.“

Der Umstand, dass noch immer kein Ende des Kon­flikts in Sicht ist, hält viele dieser Bin­nen­ver­trie­be­nen davon ab, nach vorne zu blicken, sagt Olga Lishyk, Pro­jekt­spe­zia­lis­tin bei UN Women. „Und selbst wenn es ein Ende gäbe – viele, die nach Sewer­odo­nezk geflo­hen sind, haben in den Sepa­ra­tis­ten­ge­bie­ten ihre Woh­nun­gen, Häuser und Ange­hö­ri­gen ver­lo­ren. Diese Erin­ne­run­gen bleiben.“

Die 40-jährige arbei­tete selbst zwölf Jahre lang in der Stadt­ver­wal­tung von Sewer­odo­nezk. „Für Sewer­odo­nezk war der Krieg natür­lich auch eine Chance“, sagt sie. Neue Shops haben eröff­net und Restau­rants, deren Spei­se­an­ge­bot von Sushi bis Pizza reicht. Leer­ste­hende Gebäude werden wieder genutzt. Hilfs­or­ga­ni­sa­tio­nen bieten Arbeits­plätze für die lokale Bevöl­ke­rung an. „Doch die Stim­mung in diesem Gebiet ist nach wie vor depri­mie­rend. Schon vor dem Krieg gab es hier kein Budget, die Men­schen hatten keine Jobs und kein Geld“, sagt Lishyk.

Zwar sind die Gehäl­ter in den ver­gan­ge­nen Jahren ange­stie­gen – auch, weil das gesetz­li­che Min­dest­ge­halt erhöht wurde. Doch muss bedacht werden, dass ein Gehalt von rund 3.000 UAH im Jahr 2014 etwa 370 US-Dollar ent­sprach und ein Gehalt im Jahr 2016 von 4.500 UAH nur noch 160 US-Dollar ent­spricht. „Am wich­tigs­ten ist es, die Men­schen aus ihrer Pas­si­vi­tät her­aus­zu­brin­gen“, sagt sie.

Die Frauen über­nah­men Funk­tio­nen, die nor­ma­ler­weise von Männern aus­ge­führt wurden

Als der Krieg aus­brach, ver­lie­ßen viele Männer, die in der Ver­wal­tung, im Sicher­heits­dienst und in der Politik arbei­te­ten, die Region. Manche, weil sie die pro­rus­si­schen Sepa­ra­tis­ten unter­stüt­zen. Manche, weil sie selbst korrupt waren. Manche, weil sie nicht wussten, welche Zukunft sie in der post-Maid­an­schen Ukraine haben werden. „Sie sind geflo­hen oder haben sich ver­steckt. Und dann haben wir Frauen einen Groß­teil der Funk­tio­nen über­nom­men.“ Vor allem als frei­wil­lige Hel­fe­rin­nen waren die Frauen aktiv – sie haben Schlaf­plätze orga­ni­siert, Medi­ka­mente und Lebens­mit­tel besorgt.

Doch leider ist es beson­ders für Frauen schwie­rig, in der Politik etwas zu bewir­ken, sagt Lishyk. „Wer hier in die Politik geht muss stark sein. Nicht nur, weil es sich um ein Kriegs­ge­biet handelt. Man muss hier zeigen, dass man ein Anfüh­rer sein kann.“

Lishyk sagt, dass es zwei trei­bende Kräfte in der Region gibt: die alte Garde der Poli­ti­ker, die teil­weise für den Kon­flikt mit­ver­ant­wort­lich gemacht wird. Und die Gruppe jener, die seit dem Krieg im Bereich der Nicht­re­gie­rungs­or­ga­ni­sa­tio­nen arbei­ten. Doch bis sich das poli­ti­sche System und die Struk­tu­ren ver­än­dern, hier, fast zehn Auto­stun­den vom poli­ti­schen Zentrum Kiew ent­fernt, muss noch viel passieren.

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