„Neue ukrai­ni­sche Schule“ – Gewinn an Frei­heit im Bildungssystem

2018 beginnt die Umset­zung einer umfas­sen­den Reform des ukrai­ni­schen Schul­sys­tems. Eine der Her­aus­for­de­run­gen ist, dafür Akzep­tanz zu schaf­fen. Zivil­ge­sell­schaft­li­che Initia­ti­ven wirken kon­struk­tiv an diesem Prozess mit.

Sie steht nicht im Fokus inter­na­tio­na­ler Auf­merk­sam­keit und wird doch die ukrai­ni­sche Gesell­schaft mehr ver­än­dern als manch andere: die Reform des Schul­sys­tems, deren Umset­zung mit dem Schul­jahr 2018/​19 begon­nen hat. 2017 als Gesetz „Über die Bildung“ ver­ab­schie­det, wagt sie den Sprung von einem System reiner Wis­sens­ver­mitt­lung zu einem kom­pe­tenz­ori­en­tier­ten Ansatz, der das ein­zelne Kind in den Mit­tel­punkt stellt und junge Men­schen für die Her­aus­for­de­run­gen der Welt von morgen fit machen will.

Schule von gestern: Fron­tal­un­ter­richt und saubere Hefte

Fast drei Jahr­zehnte nach der Unab­hän­gig­keit der Ukraine trug das Schul­sys­tem bisher noch viel vom sowje­ti­schen Erbe mit sich: Bildung war zentral orga­ni­siert, der Unter­richt frontal und auf das Erler­nen von Fak­ten­wis­sen aus­ge­rich­tet, das erstrebte „End­pro­dukt“ prak­tisch ein guter Indus­trie­ar­bei­ter. Ver­mitt­lung von kri­ti­schem Denken, Pro­blem­lö­sungs­kom­pe­ten­zen, Krea­ti­vi­tät oder Koope­ra­ti­ons­fä­hig­keit – Fehl­an­zeige. Es ging mehr um Regeln und Dis­zi­plin als um neue Ideen oder per­sön­li­che Ent­wick­lung, Ordnung und Sau­ber­keit in den Heften der Kinder spiel­ten oft eine größere Rolle als der Lern­fort­schritt selbst. Auch die Leh­rer­fort­bil­dung war nicht angetan, päd­ago­gi­sche Kon­zepte fort­zu­ent­wi­ckeln. In hohem Maße büro­kra­ti­siert, stellte sie zwar Fort­bil­dun­gen aller Lehrer in einem Fünf­jah­res­rhyth­mus sicher, beschränkte sich aber auf fach­spe­zi­fi­sche Kennt­nisse und ent­hielt weder Lehr­me­tho­den noch päd­ago­gi­sches Wissen.

„Neue ukrai­ni­sche Schule“: das Kind im Zentrum

Das durch die begin­nende Reform ein­ge­führte Konzept der „Neuen ukrai­ni­schen Schule“ geht nun einen neuen und deut­lich an euro­päi­schen Vor­bil­dern ori­en­tier­ten Weg. Der Haupt­fo­kus liegt auf dem Erwerb von Schlüs­sel­kom­pe­ten­zen, zu denen neben Sprach- und natur­wis­sen­schaft­li­chen Kom­pe­ten­zen auch IT-Kom­pe­tenz, Unter­neh­mer­tum und Finanz­wis­sen, öko­lo­gi­sche Kom­pe­tenz sowie bür­ger­li­che und soziale Kom­pe­ten­zen gehören – letz­tere ver­bun­den mit den Ideen von Demo­kra­tie und Men­schen­rech­ten, guter und gesun­der Lebens­weise sowie dem Bewusst­sein für gleiche Rechte und Möglichkeiten.

Der Lehrer – ver­stan­den als ein Mentor seiner Schüler – muss nicht mehr ein Pro­gramm abspu­len, das ihm von der Bezirks­ebene vor­ge­ge­ben ist. Er hat viel­mehr die Frei­heit, im Rahmen der vom Bil­dungs­mi­nis­te­rium defi­nier­ten Lern­ziele die Auf­ga­ben gemäß den Bedürf­nis­sen seiner Schüler aus­zu­wäh­len und zu gestalten.

Der Tages­ab­lauf in der „neuen“ Grund­schule gibt Raum für inter­ak­tive Lern­for­mate. Wochen­the­men ziehen sich durch mehrere Fächer und fördern die Ver­knüp­fung der Lern­pro­zesse; Grup­pen­ar­bei­ten und „Lernen durch Tun“ lösen in Teilen den fron­ta­len Unter­richt ab. Nicht zuletzt spielt eine ange­nehme Lern­um­ge­bung eine wich­tige Rolle, die die Kinder selbst mit gestal­ten und zu der etwa auch eine Ruhe- oder Erho­lungs­zone gehört.

Formal wird der ver­pflich­tende und kos­ten­lose Schul­be­such  begin­nend mit dem 2018 ein­ge­schul­ten Jahr­gang von elf auf zwölf Jahre aus­ge­dehnt, die sich auf vier Jahre Grund­schule, fünf Jahre Basis­schule („Gym­na­sium“) und drei Jahre wei­ter­füh­rende Schule („Lyzeum“) ver­tei­len. Die wei­ter­füh­ren­den Schulen werden einen aka­de­mi­schen und einen berufs­be­zo­ge­nen Zweig haben und so bereits die spe­zi­fi­sche Vor­be­rei­tung auf den wei­te­ren Bil­dungs­weg ermöglichen.

Nicht zuletzt fällt das staat­li­che Monopol auf die Leh­rer­fort­bil­dung. In Zukunft können Lehrer staat­li­che Fort­bil­dungs­gel­der auch bei nicht­staat­li­chen Anbie­tern ein­set­zen – ein System der Qua­li­täts­kon­trolle muss hierfür aller­dings noch ent­wi­ckelt werden.

Erste Umset­zungs­schritte

So viel­ver­spre­chend die Reform dem Buch­sta­ben nach klingt, so groß ist die Her­aus­for­de­rung, sie umzu­set­zen, denn ins­be­son­dere in der Leh­rer­schaft bestehen Ängste und Wider­stände gegen die neuen Metho­den, die erheb­lich erwei­terte Frei­heit und Selbst­ver­ant­wor­tung in ihrer Arbeit. Werden die Kinder wirk­lich lernen wollen, wenn sie so viel Frei­heit haben? Werden sie der Leh­re­rin nicht auf der Nase herumtanzen?

Bereits im Vorjahr wurde das Konzept der „Neuen ukrai­ni­schen Schule“ an 100 Pilot­schu­len, vier in jeder Oblast, mit je zwei ersten Klassen aus­pro­biert. Während die abschlie­ßende Bewer­tung der Pilot­phase noch aus­steht, zeigen vor­läu­fige Ergeb­nisse bereits posi­tive Effekte. Die Lern­mo­ti­va­tion sei gestie­gen und in den Berei­chen Kom­mu­ni­ka­tion, Team­work und Prä­sen­ta­tion von Arbeits­er­geb­nis­sen erreich­ten die Erst­kläss­ler bessere Ergeb­nisse als Zweit- bis Viert­kläss­ler, die nach dem alten System unter­rich­tet wurden.

Vor der flä­chen­de­cken­den Ein­füh­rung der „Neuen ukrai­ni­schen Schule“ in allen ersten Klassen zum 1. Sep­tem­ber 2018 mussten deren Lehrer einen Online­kurs absol­vie­ren und bestehen, der etwa die Orga­ni­sa­tion des Klas­sen­raums, Lehr­me­tho­den für Erst­kläss­ler, neu­ro­psy­cho­lo­gi­sche Kennt­nisse und inklu­sive Unter­richts­an­sätze ver­mit­telte. Das Inter­esse an diesem Kurs über­stieg die Erwar­tun­gen bei weitem und zer­streute anfäng­li­che Beden­ken, dass er an der man­geln­den IT-Kom­pe­tenz der Lehrer schei­tern könne: Statt der nur 22.000 Erst­klass­leh­rer dieses Jahres schlos­sen ganze 91.000 Teil­neh­mer den Kurs erfolg­reich ab.

Zwei Fliegen mit einer Klappe: Korruptionsbekämpfung

Die Bil­dungs­re­form enthält neben neuen päd­ago­gi­schen Kon­zep­ten auch mehrere Ele­mente, die der ver­brei­te­ten Kor­rup­tion im Schul­sys­tem ent­ge­gen­wir­ken sollen. Auf­grund der noto­ri­schen Unter­fi­nan­zie­rung seit den 1990er Jahren ver­lan­gen Schulen finan­zi­elle Bei­träge von den Eltern, deren Aus­ga­ben aber bisher nicht trans­pa­rent und somit ein Quell von Kor­rup­tion und Ver­un­treu­ung waren. Künftig sollen die Schulen finan­zi­elle Auto­no­mie und damit zusätz­li­chen Gestal­tungs­spiel­raum haben und ihre Ein­nah­men und Aus­ga­ben ein­schließ­lich der Eltern­bei­träge in einem jähr­li­chen Finanz­be­richt offenlegen.

Dem­sel­ben Ziel dient die Abschaf­fung der dis­kri­mi­nie­ren­den und intrans­pa­ren­ten Auf­nah­me­tests für Erst­kläss­ler. In Zukunft werden die Kinder in die am Wohnort zustän­dige Grund­schule ein­ge­schult – übrig­blei­bende Plätze werden unter wohn­ort­fer­ne­ren Inter­es­sen­ten verlost.

Nicht zuletzt wirken die Beschrän­kung der Amts­zeit für Direk­to­ren auf maximal zweimal sechs Jahre sowie die Anhe­bung der Leh­rer­ge­häl­ter auf das Zwei- bis Drei­fa­che des Min­dest­lohns (welcher derzeit bei ca. 116 EURO liegt) kor­rup­ten Prak­ti­ken entgegen.

Poli­tisch heikel: die Sprachenfrage

Inter­na­tio­nale Auf­merk­sam­keit erlangte Artikel 7 des Geset­zes „Über die Bildung“, der Ukrai­nisch als die Bil­dungs­spra­che des Landes fest­legt. Die unga­ri­sche Regie­rung oppo­nierte dagegen zunächst laut­stark und bestand auf dem Recht, den Schul­un­ter­richt aus­schließ­lich auf Unga­risch zu ertei­len. Das Gesetz erlaubt Unter­richt in Min­der­hei­ten­spra­chen in der Vor- und Grund­schule, sieht ab der 5. Klasse aber Unter­richt in Ukrai­nisch vor, wobei auch hier die Mög­lich­keit besteht, ein oder mehrere Fächer in Spra­chen der Euro­päi­schen Union zu ertei­len. Während letz­tere Ein­schrän­kung ein sicht­bar poli­tisch moti­vier­ter Versuch ist, das Ukrai­ni­sche gegen­über dem ver­brei­tet gespro­che­nen Rus­si­schen zu fördern, kann der unga­ri­sche Dis­kri­mi­nie­rungs­vor­wurf nur als absurd bezeich­net werden und wurde nicht zuletzt von der Venedig-Kom­mis­sion des Euro­pa­ra­tes zurück­ge­wie­sen. De facto hebt das Gesetz eine bisher bestehende Dis­kri­mi­nie­rung der Kinder auf, die in kom­pak­ten unga­ri­schen Sied­lungs­ge­bie­ten in Trans­kar­pa­tien bisher kaum Kontakt zur ukrai­ni­schen Sprache hatten und dadurch vom Besuch ukrai­ni­scher Uni­ver­si­tä­ten, Tätig­kei­ten in der staat­li­chen Ver­wal­tung und gene­rell dem Arbeits­markt in anderen Lan­des­tei­len aus­ge­schlos­sen waren.

Zivil­ge­sell­schaft­li­che Träger der Reform

Die Bil­dungs­re­form ist ein wei­te­res Bei­spiel für die bemer­kens­werte Rolle, die zivil­ge­sell­schaft­li­che Akteure in der Ukraine seit der Maidan-Revo­lu­tion 2013/​14 spielen. Erleich­tert wird dies durch ein Bil­dungs­mi­nis­te­rium, das für die Koope­ra­tion auf­ge­schlos­sen ist und die Unter­stüt­zung gern annimmt. Orga­ni­sa­tio­nen wie „Smart Osvita“, „EdCamp“, „Osvi­to­ria“ oder „EdEra“ haben aktiv an der Erar­bei­tung der Reform mit­ge­wirkt, stellen Trai­nings für Lehrer zur Ver­fü­gung, ver­mit­teln die Reform an lokale Behör­den und über­neh­men ganz wesent­lich die Kom­mu­ni­ka­ti­ons­ar­beit zur Reform, etwa die Erar­bei­tung von Infor­ma­ti­ons­fly­ern und den Betrieb der offi­zi­el­len Inter­net­seite „Neue ukrai­ni­sche Schule“ (nus.org.ua). Auch der ver­pflich­tende Online­kurs für die Erst­klass­leh­rer des aktu­el­len Jahr­gangs wurde von einer NGO entwickelt.

Soll die Ent­wick­lung einer frei­heit­li­chen Demo­kra­tie in der Ukraine gelin­gen, muss sie wie jedes andere Land selb­stän­dig den­kende, ver­ant­wort­lich han­delnde und zu Koope­ra­tion und Pro­blem­lö­sung fähige Men­schen her­an­bil­den. Die Umset­zung der Bil­dungs­re­form wird zwar vor­aus­seh­bar noch erheb­li­che Hürden über­win­den müssen – sei es den Mangel an Res­sour­cen, sei es altes Denken und Abwehr­hal­tun­gen vor allem in der Leh­rer­schaft. Ein Schritt in die rich­tige Rich­tung ist sie in jedem Fall.

Die Analyse wurde zu erst bei der Fried­rich-Naumann-Stif­tung ver­öf­fent­licht.

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