Die Mythen einer ortho­do­xen und rus­si­schen Ostukraine

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Eine Ansichts­karte des vor­re­vo­lu­tio­nä­ren Bach­muts mit einem Gruß zum jüdi­schen Neujahrsfest.

Ihor Koslow­skyj erzählt im Buch von Olek­sandr Mykhed „Dein Blut wird die Kohle tränken“ über die Mythen, die die Ost­ukraine geprägt haben, und wie sich Slo­wjansk, Swja­to­hirsk und Mariu­pol von­ein­an­der unterscheiden.

Ihor Koslow­skyj und ich trafen uns in Kyjiw im Januar 2020 und spra­chen über Angst und Sorgen, Tota­li­ta­ris­mus und Kon­for­mis­mus, das geis­tes­wis­sen­schaft­li­che Defizit und die Psy­cho­lo­gie des Geld­ver­die­nens. Außer­dem ging es um Mythen, die mit der Zeit in sich zusam­men­fal­len, sobald man sich bemüht her­aus­zu­fin­den, wie die Dinge wirk­lich gewesen sind. 

Auch wenn dieses Gespräch chro­no­lo­gisch am Ende der Recher­che für dieses Buch steht, scheint es mir ange­mes­sen, es an den Beginn der Einführung in die Ost­ukraine zu setzen. 

Ich möchte nicht behaup­ten, dass dieses Theater um die Donez­ker Identität grund­falsch ist, doch es ver­all­ge­mei­nert wich­tige Dinge, die es nicht wert sind, so redu­ziert zu werden. Vor einiger Zeit habe ich einen Artikel über die mus­li­mi­sche Identität ver­fasst. Die ver­schie­de­nen religiösen Zentren des Islam haben unter­schied­li­che Identitäten, obwohl es am Ende alles Muslime sind. Warum ist das so? Sie waren unter­schied­li­chen Einflüssen aus­ge­setzt, folgten anderen Führern, und hatten abwei­chende Identitäten. Bei den einen ist sie rein religiös geprägt, bei anderen ist sie das Zusam­men­spiel von eth­ni­scher und religiöser Identität. Wieder andere stellen die eth­ni­sche Zugehörigkeit viel höher als die religiöse, und dann gibt es welche, bei denen gesell­schaft­li­che und natio­nale Identitäten ver­mischt sind und die sich als Patrio­ten her­vor­tun. Deshalb ist es falsch zu ver­all­ge­mei­nern und von „allen Mus­li­men“ zu spre­chen, denn „die Muslime“ gibt es nicht.

Auch regio­nal gibt es keine homo­ge­nen Gruppen. Es gibt sub­kul­tu­relle Gemein­schaf­ten, die sich ver­ei­nen, weil sie eine gemein­same Vor­stel­lung vom Leben und ihrem Platz darin haben.

Während meiner Zeit in den Gefängniskellern sah ich Leute, mit denen ich Jahr­zehnte in der­sel­ben Nach­bar­schaft gelebt hatte. Wir spra­chen zwar die­selbe Sprache, doch hatten wir kom­plett unter­schied­li­che Ansich­ten hin­sicht­lich unseres Platzes in dieser Welt und unserer Umge­bung. Gänzlich gegensätzliche Werte und Prin­zi­pien. Sie waren wie Außer­ir­di­sche für mich und ich für sie. Warum war das so? Es zeigt, dass sie aus ver­schie­de­nen Sied­lun­gen stammen, mit unter­schied­li­chen Identitäten.

In meinem Haus wohnte bis zur Revo­lu­tion 1917 nur eine Familie, in meiner Kind­heit waren es dann schon 13, eine wohnte sogar im Keller. Doch sie alle ver­einte die gemein­same Erin­ne­rung an den Krieg. Später dann, 1956–57, kamen Men­schen aus dem Gulag zurück. Es kam vor, dass in einem Innen­hof ehe­ma­lige Machno¹- Leute, Anhänger Pet­lju­ras² und Rot­ar­mis­ten Tür an Tür wohnten.

Sie strit­ten sich und spiel­ten gemein­sam Domino. So war das Leben nach dem Krieg.

Wenn man nach Slo­wjansk, Swja­to­hirsk oder Mariu­pol fährt, fällt einem bald auf, dass dies ganz andere Städte sind. 

Diese Region ist vielfältiger und weniger gleichförmig. Die Oblast Donezk zum Bei­spiel besteht aus sehr ver­schie­de­nen Land­stri­chen. Der „Donbass“ ist ein wirt­schaft­li­cher und in seiner Aus­sa­ge­kraft begrenz­ter Begriff. Welche Bezie­hung haben denn bitte Slo­wjansk oder Bachmut zum Donbass? Diese Gebiete west­lich des Kalmius von Bachmut bis Mariu­pol gehörten im 19. Jahr­hun­dert zum Gou­ver­ne­ment Jeka­te­ri­no­slaw und bil­de­ten zwei eigene Landkreise.

Den Kreis Mariu­pol hier nannte man einst Grie­chen­land, denn Ende des 18. Jahr­hun­derts wurden hier Grie­chen ange­sie­delt. Bei der Umsied­lung, oder Depor­ta­tion, wie ich es nenne, starb ein Drittel von ihnen. Dies war ein Genozid. Sie wurden von dort ver­trie­ben, wo sie jahr­hun­der­te­lang gelebt hatten. Zunächst sie­delte man sie in die Oblast Sapo­rischja um und später auf dem Gebiet der heu­ti­gen Oblast Donezk. Nicht alle zogen hierher. Die meisten, die kamen, waren Ver­tre­ter der Urum und ein kleiner Teil Romei. Die turk­spra­chi­gen Grie­chen spra­chen ver­schie­dene Dia­lekte: Kipt­scha­kisch, Kipt­scha­kisch-Oghu­sisch, Oghu­sisch-Kipt­scha­kisch oder einfach Oghu­sisch. Ihre Sprache ähnelte also denen der Krim­ta­ta­ren, Karäer und Krimt­scha­ken. Sie wurden hier in der Steppe ange­sie­delt, obwohl das ganz andere kli­ma­ti­sche Bedin­gun­gen sind, doch irgend­wie mussten sie ja überleben. Ende des 19. Jahr­hun­derts gab es in Mariu­pol eine grie­chi­sche Polizei, grie­chi­sche Schulen und einen Teil Arme­nier und Juden.

Das 20. Jahr­hun­dert brachte große Umbrüche. Die Städte veränderten sich. Es ver­schwand die Kultur, die Mariu­pol und umlie­gende Dörfer geprägt hatte. Nach und nach wurde hier alles sowje­tisch. Es ent­stan­den die Hochöfen und Metall­ur­gie-Fabri­ken. Die Arbeitskräfte wurden jedoch nicht unter den Ein­hei­mi­schen rekru­tiert. Man holte Leute aus anderen Regio­nen, die sich mit der Zeit an der Nordküste des Asow­schen Meeres niederließen.

Den Kreis Bachmut zeich­net die Beson­der­heit aus, dass er kom­plett ukrai­nisch­spra­chig ist. Hier gab es his­to­risch viele Men­no­ni­ten, denen Katha­rina II. per Erlass die Ansied­lung erlaubte. Die meisten Men­no­ni­ten waren Luthe­ra­ner und kamen aus Preußen.

Mit der Unter­wer­fung der Sapo­ro­ger Kosaken wurden die Bedin­gun­gen für die Ansied­lung geschaf­fen. Die neuen Siedler kamen, um hier ihr eigenes New York zu gründen. Noch heute kann man dies teils an der Archi­tek­tur und der Straßenführung erken­nen, denn sie ver­wirk­lich­ten in diesen Weiten ihre eigene Vor­stel­lung von einer Stadt. Nach dem Zweiten Welt­krieg ver­schwand sie, doch manches ist im kul­tu­rel­len Kontext bis heute erhal­ten geblie­ben erhal­ten. Die Ein­woh­ner­schaft kann sich ändern, doch der kul­tu­relle Code wird stets auch die beein­flus­sen, die hierherziehen.

Der nördliche Teil der Oblast Donezk gehörte früher zum Kreis Isjum im Gou­ver­ne­ment Charkiw und davor zur Sloboda-Ukraine. Diesen Ein­fluss spürt man dort viel stärker, als den von Donezk.

Jusiwka lag west­lich des Kalmius, während Maki­jiwka und Tores, die früher unter dem Ein­fluss der Don-Kosaken standen, auf der anderen Seite lagen. Da galten ganz andere Regeln. Heute ist dort die „DNR“.

Im 19. Jahr­hun­dert war Maki­jiwka eine große Stadt und Jusiwka nur ein Kaff. Es ent­stand am Ort der ehe­ma­li­gen Kosaken-Win­ter­quar­tiere Man­dry­kyne und Jasin­u­wate. John Hughes³ war der erste, der hier eine Fabrik baute. Sie befand sich in der Nähe Ole­niw­kas, wo sie durch einen Kanal mit dem Kalmius ver­bun­den war. Diese Stelle bot sich an, da sich hier mehrere Han­dels­wege kreuz­ten. Nun brauchte man nur noch Wasser und Kohle für die Metall­ur­gie, und die waren hier vorhanden.

Ein Blick in die Kirchenbücher beweist, dass Jusiwka auch als Schtetl, also eine jüdische Klein­stadt, bezeich­net wurde. Der Kalmius war die östliche Grenze des Ansied­lungs­ray­ons. Jusiwka war also ein Schtetl wie es im Buche steht. Hier lebten 11 000 Ortho­doxe Chris­ten und 16 000 Juden. Die drei Syn­ago­gen wurden so errich­tet, dass man von einer zur anderen nie mehr als 900 Meter ging.

Auch wenn die Stra­ßen­na­men schon lange nicht mehr die­sel­ben sind, werden die Pro­spekte immer noch „Erste Linie“ bis „Neunte Linie“ genannt. Das hat auch einen Ein­fluss auf die Her­aus­bil­dung einer gewis­sen Mentalität.

Das, was sich hier im 19. Jahr­hun­dert her­aus­bil­det, lässt sich nur schwer als Identität bezeich­nen. Viel eher waren es ver­schie­dene Enkla­ven mit einer eigenen kul­tu­rel­len Exis­tenz und Mundart.

Später zog die Indus­tria­li­sie­rung dann all jene an, die Arbeit suchten oder auch solche, die kamen, um reich zu werden. 

Später kamen Leute, die sich vor dem Holo­do­mor retten wollten.

Auch kamen Men­schen, die ihren Nach­na­men änderten und ihre früheren Wohn­orte aus den unter­schied­lichs­ten Gründen hinter sich lassen wollten. Hier wurde man nicht danach gefragt. Niemand wollte deine Doku­mente sehen.

Dann kam der Krieg und anschlie­ßend der Aufruf zum Wie­der­auf­bau des Donbass. Mas­sen­weise strömten die Leute hierher. Der Wie­der­auf­bau begann schon 1943–44. Es kamen Leute aus der Ukraine – aus Poltawa und Tschernihiw.

Seit den 1950er Jahren kamen auch Leute aus der Westukraine.

Sie kamen ent­we­der mit dem Inter­esse, Geld zu ver­die­nen, oder um sich vor Repres­sio­nen zu retten. Und dann waren da noch die­je­ni­gen, die aus der Depor­ta­tion oder Gefan­gen­schaft wie­der­ka­men. Vielen von Ihnen wurde ver­bo­ten, in der Ukraine zu leben und dies war die erste Gegend, in der ihnen Ansied­lung wieder gestat­tet wurde.

Während der Mas­sen­um­sied­lun­gen kamen im Rahmen der „Aktion Weich­sel“ Ende der 1940er Jahre auch Lemken hierher. Nun gibt es im Kreis Bachmut mehrere lem­ki­sche Dörfer.

Statt ins Gefängnis zu müssen, gab man den Men­schen die Möglichkeit, ihre Schuld in den Berg­wer­ken „abzu­ar­bei­ten“, wo es beson­ders hart und gefährlich für die Gesund­heit war. Auch dies hatte gewisse Aus­wir­kun­gen auf das ein oder andere Viertel.

Die­je­ni­gen, die im Zentrum wohnten, waren ganz andere Men­schen und nicht mit jenen zu ver­glei­chen, die in einem der Außen­be­zirke Donezks lebten.

Erst in den 1960er Jahren begann man mit der Ein­rich­tung von Hoch­schu­len. Die Aka­de­mi­ker brachte man aus der ganzen Sowjet­union, von Nowo­si­birsk bis Lwiw. Es wurden Wis­sen­schafts- und For­schungs­in­sti­tute gegründet, in denen Phy­si­ker und Che­mi­ker für die Region arbei­ten sollten.

Die Urba­ni­sie­rung und Rus­si­fi­zie­rung nahm ihren Lauf und in der Stadt war die Arbei­ter­klasse in der Mehrzahl. 

Heute leben mehr als 90 Prozent der Bevölkerung in Städten. Damals lebten in den Dörfern ukrai­nisch­spra­chige Men­schen oder Grie­chen, die sich immer weniger eth­nisch defi­nier­ten und ihre Sprache mit der Zeit ver­ga­ßen. Nur die Älteren bewahr­ten sie. Auch dies hin­ter­ließ Spuren in der Bevölkerung.

Diese Kon­zen­tra­tion von Men­schen mit den ver­schie­dens­ten Ansich­ten und Prin­zi­pien und ist wie ein großer Kessel, in dem die alles zu einer Masse zer­kocht wird. Die gewal­tige Metall- und Koh­le­indus­trie brauchte stets neue Kräfte, neue Menschen.

Und die gab es hier.

Für die Stif­tung regio­na­ler Identität braucht es ein starkes Dorf- und Land­le­ben. In Gali­zien, zum Bei­spiel, waren die Städte jüdisch und pol­nisch geprägt, doch die Dörfer waren größtenteils ukrai­nisch. Nach dem Zweiten Welt­krieg wurde Lwiw neu besie­delt und die Men­schen kamen aus den umlie­gen­den Dörfern in die Stadt.

Wenn diese Men­schen heute an die Geschichte Lwiws denken, werden sie wehmütig. Dabei haben die heu­ti­gen Bewoh­ner der Stadt nichts mit dieser Geschichte zu tun.

Mein Vater kam aus Pole­sien in der Region Tscher­ni­hiw in den Donbass. Hier trafen ver­schie­denste kul­tu­relle Vor­stel­lun­gen der Men­schen auf­ein­an­der, die sich im Ein­fa­chen ausdrückten. Wie esse ich? Wie betreibe ich Körperpflege? An diese Beson­der­hei­ten erin­nere ich mich aus der Kindheit.

Natürlich gab es in der Sowjet­union Ver­su­che, alle gleich zu machen. Ein gewis­ses Maß an Gleich­heit erreichte man jedoch erst in den 1970er Jahren, als es kaum noch Zuzug gab.

In den 1980er Jahren kamen die Umbrüche der Glas­nost und Pere­stroika. Die 1990er brach­ten kri­mi­nelle Clans hervor, aus denen später Olig­ar­chen hervorgingen.

Dieses Row­dy­tum wurde zu einem Element der lokalen Psyche. Wenn du nicht für dich selbst sorgen kannst, gehst du unter. Dreis­tig­keit und Prin­zi­pi­en­lo­sig­keit äußerten sich im Slang der Straße.

Dennoch würde ich noch immer nicht von einer Identität spre­chen. Nicht alle waren gleich. Jeder traf seine eigene Wahl.

Die Identität einer jeden Gemein­schaft beginnt mit der Ein­tei­lung in ein „wir“ und ein „sie“, schreibt Nikolai Gumil­jow. „Aus welchem Dorf kommst du? Aus welchem Bezirk? Hier bei uns kommen auch jeden Monat 60 Leute ums Leben.“ Viele sind stolz auf „ihre“ Kri­mi­nel­len und „ihre“ Ban­di­ten. Aus diesem Grund haben so viele Men­schen Janu­ko­wytsch gewählt, denn der kam von hier. Er war einer von „uns“.

Es klingt pri­mi­tiv und unter­kom­plex, doch so etwas gibt es in jeder Region.

Wenn man schon leiden muss, dann lieber unter den eigenen Leuten.

Genau dies führte zu den Pro­ble­men 2014. Auf dem Maidan stand der pro-ukrai­ni­sche, gebil­dete Teil der Bevölkerung. Leute, die Geis­tes­wis­sen­schaf­ten stu­diert und klare Werte hatten oder einfach in einer freien Ukraine leben wollten.

Doch es gab auch einen anderen, indif­fe­ren­ten Teil der Bevölkerung, der weiter nur mate­ri­elle Inter­es­sen verfolgte.

Als man ihnen sagte, dass es in Russ­land mehr zu holen gäbe, wirkte das überzeugender als jedes andere Argu­ment. Darauf auf­bau­end ser­vierte man ihnen dann die Ideo­lo­geme der „Russkij Mir“⁴.

Man muss jedoch die Künstlichkeit dieser Ideo­lo­geme ver­ste­hen, denn so wirk­lich hatte sich vorher niemand für Russ­land interessiert.

Leute, die Ver­wandte dort hatten, standen natürlich mit ihnen in Kontakt. Aber die anderen hatten doch schon fast ver­ges­sen, dass hier einmal Russ­land regiert hatte.

Wir sind Zeugen der Rekon­stru­ie­rung sowje­ti­scher Mythen in Teilen der Ostukraine. 

Dabei geht es noch nicht einmal um die echte Sowjet­union, sondern aus­schließ­lich um ihre Mythen. Fak­tisch expor­tiert man ein ideo­lo­gi­sches Klima aus Russ­land, das gar nicht cha­rak­te­ris­tisch für diese Region ist.

Neben Arbei­tern gab es hier auch Dis­si­den­ten wie Iwan Dsjuba, Wasyl Stus, Oleksa Tychyj und Mykola Rudenko.

Doch im Sinne des neuen Mythos wird alles zu einer Masse zer­kocht. Das rus­si­sche Impe­rium wird deko­riert mit Ele­men­ten des Großen Terrors von 1937 und schließ­lich gibt man noch eine Prise „Ent­wi­ckel­ter Sozia­lis­mus“ hinzu. Das war von Anfang an zu spüren, als diese Kämpfer und Ideo­lo­gen hier den Boden betraten.

Alle, die dies nicht hin­neh­men wollten, zogen weg. Geblie­ben sind nur jene, die es sich nicht leisten können weg­zu­fah­ren, oder eben solche, die besagte Posi­tio­nen unterstützen. Und dann sind da noch die­je­ni­gen, die Ver­bin­dun­gen zu Russ­land und somit tatsächlich eine andere Identität haben.

Die ortho­doxe Kirche war in dieser Region nie die domi­nante Glaubensrichtung.

Hier sie­del­ten vor allem Sieben-Tags-Adven­tis­ten, Pfingst­ler oder Bap­tis­ten. Die gibt es mitt­ler­weile schon in der fünften Genera­tion. Das hier war ein neues Land, ihr eigenes Amerika, ein Ort, an den man fliehen konnte.

Als in den neun­zi­ger Jahren Mis­sio­nare kamen, fanden sie hier Traum­be­din­gun­gen vor. Sie nannten die Ost­ukraine sogar analog zum ame­ri­ka­ni­schen Süden „Bible Belt“. Das ist kein Zufall, denn hier gab es mehr pro­tes­tan­ti­sche Gemein­den als orthodoxe.

Die Zeugen Jehovas gab es hier seit den 1940er Jahren und nun werden sie auf einmal verboten.

Dass dies ortho­do­xes Ter­ri­to­rium sei, ist ein neuer Mythos. 

Es gibt künstlich erschaf­fene Mythen, um Dinge zu erklären.

Einer davon war die pri­vi­le­gierte Stel­lung der Arbei­ter­klasse in der Sowjet­union. In der Realität war sie das nicht. Deshalb brauchte es Auserwählte aus den Reihen dieser Klasse.

Dazu erkor man den Berg­ar­bei­ter. Er ist ein Held, wenn er sich auf den Weg ins Erd­in­nere macht. Denn ob er es zurück ans Tages­licht schafft, ist unge­wiss. Worin drückt sich sein Hel­den­tum also aus? In dem hohen Lohn und dem Mythos, der sich um ihn rankt. Um eine ganze Genera­tion von Men­schen, ganze Fami­lien zu dieser Arbeit zu bewegen, musste der Mythos mit Leben gefüllt werden.

Kul­ti­viert wurde er seit den 1930er Jahren. Hel­den­tum, Berg­manns-Ehre und die Stach­a­now-Bewe­gung. Das ist nichts Ungewöhnliches. Irgend­wie müssen die Leute ja moti­viert werden. Doch der Mythos ver­brei­tete sich in der ganzen Region und auch in Kreisen, die eigent­lich über gar keine Berg­bau­in­dus­trie verfügten.

In meinem Umfeld, zum Bei­spiel, gibt es gar keine Berg­ar­bei­ter, dabei bin ich schon 66 Jahre alt. Ich weiß, dass viele Leute auch gar keine Berg­ar­bei­ter persönlich kennen, oder nur sehr flüchtig. In meiner Familie gab es Metall­ar­bei­ter, die ihren eigenen Mythos hatten, denn das ist auch harte Arbeit.

Doch gerade der Berg­ar­bei­ter­my­thos wurde zum wirkmächtigsten. 

Mit der Zeit began­nen die Berg­ar­bei­ter selbst an den Mythos zu glauben und ihn in ihre Erzählungen auf­zu­neh­men. Der „Tormosok“⁵ kommt aus dem Jargon der Bergleute.

Doch dieser Mythos ist zu all­ge­mein und lässt sich nicht auf die ganze Region anwenden.

Als der Krieg aus­brach, war ein Teil der Berg­werke bereits geschlos­sen und die Arbeit dort wurde immer weniger geschätzt. Das idea­li­sierte Bild des Berg­ar­bei­ters ist eine Folge dieses Mythos.

Man kann nicht sagen, dass die Berg­ar­bei­ter die Beset­zung unterstützten.

Die Mehr­heit von ihnen bewegte sich einfach nicht vom Fleck. Zu den Waffen griffen nur ein­zelne. Oft waren es Drogen- oder Alkoholabhängige, die darin eine Möglichkeit sahen, kos­ten­los an Stoff zu kommen.

Als ich später im Gefängnis war, traf ich auf Leute, die gleich zu Beginn Waffen bekom­men hatten. Das waren kranke Men­schen. Das ist ein Problem, denn der Staat versäumte es, Ideen und Res­sour­cen auf­zu­brin­gen und mit den Men­schen zu arbei­ten und überließ die Region einfach den Clans der Olig­ar­chen. Die meisten Leute lebten in großer Unwis­sen­heit, sodass man jedes beliebige

Samen­korn in die nackte Erde hätte pflan­zen können.

Meine Groß­mutter erzählte uns einst ihre Kind­heits­er­in­ne­run­gen an das frühe 20. Jahr­hun­dert. Damals tum­melte sich hier die ukrai­ni­sche Intel­li­gen­zija der Sloboda-Ukraine. Zusam­men mit ihren Schwes­tern sangen sie ukrai­ni­sche Lieder und mit der Zeit auch russische.

Ein wei­te­res Element der Zerstörung des natio­na­len Bewusst­seins und der Schaf­fung einer sowje­ti­schen Gesell­schaft war der Übergang der Region zur rus­si­schen Sprache. Alle Berg­werke und das tech­ni­sche Per­so­nal waren rus­sisch­spra­chig. Das wurde so verlangt.

Zu Hause konnten sie Ukrai­nisch spre­chen, doch auf der Arbeit sprach man Russisch.

Das sowje­ti­sche System arbei­tete laut Viktor Frankl mit nur zwei Zutaten. Es stoppte die Persönlichkeitsentwicklung mit­hilfe von Tota­li­ta­ris­mus und Konformismus.

Der Tota­li­ta­ris­mus zwingt den Men­schen dazu, die vor­han­de­nen Gege­ben­hei­ten zu akzep­tie­ren. Der Kon­for­mis­mus ist dagegen der Versuch, jedes Indi­vi­duum zum Teil des Systems zu machen. 

Diese zwei Aspekte sind auch heute noch im ukrai­ni­schen Kontext zu finden.

Der Mensch hat seine Grenzen, denn er ist psy­cho­lo­gisch emp­find­sam und Krieg bedeu­tet Dau­er­stress. Viele Men­schen hat der Krieg vor schwer­wie­gende Gewis­sens­ent­schei­dun­gen gestellt. Es hat sich her­aus­ge­stellt, dass viel zu Verrat und Denun­zia­tion bereit war. Leute, denen du einst ver­traut hast, wurden zu Feinden. Traurig ist das.

Doch ich trage es mit Fassung. Der Mensch ist schließ­lich kein per­fek­tes Wesen.

Wir haben enormes Poten­zial, und gleich­zei­tig sind wir faul und ver­lo­gen. Vor allem haben wir Angst.

Wir erschaf­fen ver­schie­dene Mythen, mit denen wir das eigene Bewusst­sein und Gewis­sen zu schützen suchen. Damit er auf die Fragen „Warum hast du das getan?“ oder „Warum hast du ihn ver­ra­ten?“ eine Erklä­rung und eine Ausrede für sich bereit hat.

Wenn du weise bist, kannst du ver­ge­ben, denn auch du muss­test der Ver­su­chung wider­ste­hen. Die Mehr­heit der Men­schen hält der Ver­su­chung nicht stand.

Gerade weil du ver­stehst, wie zer­brech­lich und infan­til die Men­schen sind, kannst du sie nicht verurteilen.

Statt­des­sen gilt es, auf den eigenen Mythos zu ver­zich­ten und auch keinem bereits Bestehen­den zu folgen. Denn wir erschaf­fen ihn einzig zu dem Zweck, nicht ver­ste­hen zu müssen. Waren wir ehrlich mit uns selbst, müssten wir mit seiner Zer­stö­rung beginnen.

—-
Ihor Koslow­skyj ist eine der wich­tigs­ten Stimmen ukrai­ni­scher Intel­lek­tu­el­ler. Der His­to­ri­ker, Schrift­stel­ler, Theo­loge und zivil­ge­sell­schaft­li­che Akti­vist wurde 1954 in Maki­jiwka, in der Oblast Donezk, geboren. Er ist Autor von fast 50 Büchern und 200 wis­sen­schaft­li­chen Arti­keln und arbei­tete mehr als 25 Jahre in der Donez­ker Gebiets­ver­wal­tung als Leiter der Abtei­lung für Religionsgemeinschaften. 

Am 27. Januar 2016 wurde er von Kämpfern der Donez­ker Volks­re­pu­blik“ auf­grund seiner pro-ukrai­ni­schen Ein­stel­lung entführt, die er vielen seiner Stu­den­ten wei­ter­ge­ge­ben hatte. Er ver­brachte 700 Tage in Gefan­gen­schaft. Am 27. Dezem­ber 2017 kam er im Rahmen eines Gefan­ge­nen­aus­tauschs frei.

Anmer­kun­gen der Übersetzer:

¹ Nestor Machno (1888–1934) war ein ukrai­ni­scher Anar­chist, der während des Bürgerkriegs (1917–1921) die nach ihm benannte Bauern- und Par­ti­sa­nen­be­we­gung anführte.
² Symon Pet­ljura (1879–1926) war ein ukrai­ni­scher Poli­ti­ker, Trup­pen­kom­man­dant während des Bürgerkriegs und von 1919 bis 1920 Präsident der Ukrai­ni­schen Volks­re­pu­blik (UNR).
³ John Hughes (1815–1889) war ein wali­si­scher Geschäftsmann, der die Indus­tria­li­sie­rung im Rus­si­schen Reich in der zweiten Hälfte des 19. Jh. vor­an­trieb. Nach ihm wurde Jusiwka, das spätere Donezk und Stalino, benannt.
⁴ Die Rus­si­sche Welt (rus.: Russkij Mir) ist ein his­to­ri­scher und (kultur-)politischer Begriff, mit dem die Zusammengehörigkeit aller Rus­sisch- Spre­chen­den, ortho­do­xen Gläubigen, oder Ein­woh­ner von ehemals zur Sowjet­union gehörenden Ter­ri­to­rien behaup­tet wird.
⁵ Pausenbrot

Textende

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