Der Tag an dem Ost- und West­ukrai­ner zusammengingen

Foto: Yevhen Kotenko /​ Imago Images

Der rus­si­sche Trup­pen­auf­marsch und Äuße­run­gen füh­ren­der rus­si­scher Poli­ti­ker, die der Ukraine das Recht auf Sou­ve­rä­ni­tät abspre­chen, geben dem dies­jäh­ri­gen Tag der Einheit am 22. Januar eine beson­dere Bedeu­tung. Von Ostap Sereda

Die Ereig­nisse auf dem Sophi­en­platz in Kyjiw am 22. Januar 1919, die als Akt der Wie­der­ver­ei­ni­gung in die Geschichte ein­ge­gan­gen sind, waren sehr fei­er­lich und tri­um­phal. Sie wurden als sym­bo­li­sches his­to­ri­sches Ereig­nis von natio­na­ler Bedeu­tung geplant und abge­hal­ten – gegen­über der im 11. Jahr­hun­dert erbau­ten Sophi­en­ka­the­drale, neben dem Denkmal für den Kosaken-Hetman Bohdan Chmel­nyz­kyj, dem wich­tigs­ten, wenn auch kon­tro­ver­ses­ten Helden der Frühen Neuzeit.

Der Platz war mit blau-gelben Fahnen sowie mit Bildern eines Drei­zacks und eines gol­de­nen Löwen geschmückt – die Symbole der neu­ge­grün­de­ten Ukrai­ni­schen Volks­re­pu­blik (UNR) sowie der West­ukrai­ni­schen Volks­re­pu­blik (SUNR), auf die wir noch zu spre­chen kommen werden. Nach der mili­tä­ri­schen Ehren­garde erschie­nen zahl­rei­che Gruppen auf dem Platz, die ver­schie­dene gesell­schaft­li­che Schich­ten sowie Insti­tu­tio­nen reprä­sen­tier­ten. Mitten drin waren Minis­ter und Mit­glie­der des Direk­to­ri­ums der UNR – des höchs­ten Organs der Repu­blik. Dele­gierte aus Gali­zien und der Buko­wina, die die SUNR reprä­sen­tier­ten, machten vor ihnen Halt. Die Dele­ga­tio­nen der UNR und der SUNR setzten sich aus Poli­ti­kern mit unter­schied­li­chen gesell­schaft­li­chen Ansich­ten und poli­ti­schen Erfah­run­gen zusammen.

Die UNR wurde im Novem­ber 1917 in Kyjiw durch den Ukrai­ni­schen Zen­tral­rat aus­ge­ru­fen, einem reprä­sen­ta­ti­ven Komitee aus Schrift­stel­lern, Wis­sen­schaft­lern, Jour­na­lis­ten und Funk­tio­nä­ren, das unmit­tel­bar nach dem Fall des Rus­si­schen Reiches ein­be­ru­fen wurde und im wei­te­ren Verlauf als ukrai­ni­sches Revo­lu­ti­ons­par­la­ment diente. Die poli­ti­schen Führer der UNR hatten geplant, der erneu­er­ten Rus­si­schen Föde­ra­tion als auto­nome Gebiets­kör­per­schaft bei­zu­tre­ten, aber der bol­sche­wis­ti­sche Umsturz in Petro­grad sowie der Ein­marsch rus­si­scher bol­sche­wis­ti­scher Truppen in der Ukraine ver­an­lass­ten sie dazu, am 22. Januar 1918 die Unab­hän­gig­keit auszurufen.

Die deut­schen Truppen, die im Früh­jahr 1918 infolge des Frie­dens­ver­trags von Brest-Litowsk in die Ukraine ein­mar­schiert waren, konnten sich mit der Exis­tenz der UNR nicht abfin­den und instal­lier­ten eine von ihnen kon­trol­lierte Hetman-Regie­rung unter Pawlo Sko­ro­padskyj. Unmit­tel­bar nach Ende des Ersten Welt­kriegs grün­de­ten Poli­ti­ker der UNR das Direk­to­rium, probten den bewaff­ne­ten Auf­stand gegen den Hetman und eta­blier­ten erneut die Macht der UNR in Kyjiw. Der andau­ernde Kampf der UNR mit dem bol­sche­wis­ti­schen Russ­land führte zu einer fal­schen Vor­stel­lung von der UNR als kon­ter­re­vo­lu­tio­nä­rer Kraft im Bür­ger­krieg. Fak­tisch wurde die UNR von Poli­ti­kern mit sozia­lis­ti­schen Ansich­ten domi­niert, sie unter­stütz­ten die Revo­lu­tion im ehe­ma­li­gen Rus­si­schen Impe­rium als Aus­druck einer sozia­len und natio­na­len Eman­zi­pa­tion der Massen und ver­such­ten, demo­kra­ti­sche und land­wirt­schaft­li­che Refor­men ein­zu­füh­ren. Der Ukrai­ni­sche Arbei­ter­kon­gress wurde zu einer Art Par­la­ment der UNR, dem Ver­tre­ter der Bau­ern­schaft, der Arbei­ter und der „Arbei­ter­in­tel­li­genz“ sowie natio­na­ler Min­der­hei­ten ange­hör­ten, und das Direk­to­rium der UNR wurde im Zeit­raum seines Bestehens von den Sozi­al­de­mo­kra­ten Wolo­dymyr Wyn­nyt­schenko und Symon Pet­ljura gelei­tet. Die UNR umfasste fast das ganze Ter­ri­to­rium der heu­ti­gen Zentral‑, Süd- und Ostukraine.

Die West­ukrai­ni­schen Volks­re­pu­blik wurde im Novem­ber 1918 in Lwiw eben­falls nach dem Unter­gang eines Impe­ri­ums aus­ge­ru­fen – in diesem Fall Öster­reich-Ungarns. Sie sollte dessen Gebiete umfas­sen, auf denen eine ukrai­ni­sche Bevöl­ke­rungs­mehr­heit lebte, also Ost­ga­li­zien, die Nord­bu­ko­wina sowie Trans­kar­pa­tien. Da die Habs­bur­ger­mon­ar­chie über par­la­men­ta­ri­sche Insti­tu­tio­nen und kon­sti­tu­tio­nell ver­briefte Frei­heits­rechte ver­fügte, waren die poli­ti­schen Führer der SUNR in der Regel Ange­hö­rige des öster­rei­chi­schen Par­la­ments oder des gali­zi­schen Sejms. Ihre poli­ti­sche Aus­rich­tung war über­wie­gend zen­tris­tisch und kon­ser­va­tiv, während linke Par­teien durch Ein­zel­fi­gu­ren ver­tre­ten waren. Die Haupt­rolle spiel­ten Ver­tre­ter der Natio­nal­de­mo­kra­ti­schen Partei. In ihrem poli­ti­schen Handeln vermied die SUNR radi­kale soziale Maß­nah­men und hielt an den Grund­sät­zen der Lega­li­tät fest, befand sich jedoch von den ersten Tagen ihres Bestehens an in Kon­flikt mit Nach­bar­staa­ten, die ihr Ter­ri­to­rium bean­spruch­ten. Ent­schei­dend war der Kampf mit pol­ni­schen Truppen und bewaff­ne­ten Ein­hei­ten lokaler Polen, die Gali­zien ihrer­seits als Teil eines wie­der­her­ge­stell­ten pol­ni­schen Staates sehen wollten.

Die Ver­hand­lun­gen über die Ver­ei­ni­gung der beiden neu­ge­grün­de­ten ukrai­ni­schen Staaten began­nen im Novem­ber 1918. Als Zwi­schen­er­geb­nis stand der von den Regie­run­gen beider Repu­bli­ken gebil­ligte Vor­ver­trag vom 1. Dezem­ber 1918. Die fei­er­li­che Zere­mo­nie auf dem Sophi­en­platz am 22. Januar 1919 been­dete sym­bo­lisch den Ver­ei­ni­gungs­pro­zess der ukrai­ni­schen Gebiete zu einem Staat, die bis vor kurzem noch zwei Impe­rien ange­hört hatten, die sich im Krieg befan­den – Russ­land und Öster­reich-Ungarn. Die von der UNR-Direk­tion gebil­ligte und auf dem Sophi­en­platz ver­le­sene Dekla­ra­tion (Uni­ver­sal) ver­kün­dete fol­gen­des: „Die seit Jahr­hun­der­ten von­ein­an­der getrenn­ten Teile der Ukraine – die West­ukrai­ni­sche Volks­re­pu­blik (Gali­zien, Buko­wina und die Trans­kar­pa­tien) und die Dnjepr-Ukraine – ver­schmel­zen zu einer Einheit. Die ewigen Träume, für die die besten Söhne der Ukraine gelebt haben und gestor­ben sind, sind in Erfül­lung gegan­gen. Es gibt nur eine einzige unab­hän­gige Ukrai­ni­sche Volks­re­pu­blik.“ Nach stür­mi­schem Beifall wurden ein Got­tes­dienst und eine Mili­tär­pa­rade abge­hal­ten. Am nächs­ten Tag, dem 23. Januar, wurde die Eini­gungs­akte durch den Arbei­ter­kon­gress genehmigt.

Damals waren die poli­ti­schen Eliten der UNR und der SUNR trotz ideo­lo­gi­scher Dif­fe­ren­zen durch eine moderne natio­nale Iden­ti­tät geeint. Dies war eine wich­tige Errun­gen­schaft kul­tu­rel­ler und sozia­ler Akti­vi­tä­ten von meh­re­ren Genera­tio­nen ukrai­ni­scher Intel­lek­tu­el­ler im 19. Jahr­hun­dert. Intel­lek­tu­elle Kon­takte ukrai­ni­scher Per­sön­lich­kei­ten über die rus­sisch-öster­rei­chi­sche Grenze hinweg, zunächst in Form von Kor­re­spon­den­zen, dann durch die Zir­ku­la­tion von Büchern und Zeit­schrif­ten, formten seit Mitte des 19. Jahr­hun­derts eine gemein­same Öffent­lich­keit. In der Epoche der Roman­tik kam der wich­tigste intel­lek­tu­elle Impuls aus den zen­tra­len und öst­li­chen Regio­nen der Dnjepr-Ukraine. Dieser war stark genug, um in Gali­zien einen lite­ra­ri­schen Kult um Taras Schewt­schenko, seine Fas­zi­na­tion für die ukrai­ni­schen Kosaken und schließ­lich eine dyna­mi­sche Natio­nal­be­we­gung zu begrün­den. Die Per­sön­lich­kei­ten dieser Epoche hatten idea­li­sierte Vor­stel­lun­gen über das ukrai­ni­sche Volk, welches den Land­strich zwi­schen den Flüssen San und Kuban, den Kar­pa­ten und dem Krim­ge­birge bevöl­kerte. Obwohl sie dem Studium und der Ent­wick­lung der ukrai­ni­schen Volks­spra­che und eth­ni­schen Kultur Prio­ri­tät ein­räum­ten, wurden die natio­na­len Grenzen der Ukraine nicht nur von lin­gu­is­ti­schen und eth­no­gra­phi­schen Kri­te­rien bestimmt, sondern auch durch wirt­schaft­li­che und han­dels­po­li­ti­sche Ver­flech­tun­gen mit benach­bar­ten Regio­nen. So nahmen die Autoren von „Osnowy“, der wich­tigs­ten ukrai­ni­schen Zeit­schrift der frühen 1860er Jahre, die in der rus­si­schen Haupt­stadt Sankt Peters­burg her­aus­ge­ge­ben wurde, die Halb­in­sel Krim in den ukrai­ni­schen poli­ti­schen Raum auf.

Im Laufe der Zeit brachte die Ver­tei­di­gung des öster­rei­chi­schen Gali­zi­ens vor dem poli­ti­schen Ein­fluss Russ­lands ihr einen beson­de­ren Platz im ukrai­ni­schen natio­na­len Projekt ein. Da die ukrai­ni­schen Kultur- und Bil­dungs­ak­ti­vi­tä­ten im Rus­si­schen Reich sys­te­ma­tisch ein­ge­schränkt wurden und im Gegen­satz dazu die Habs­bur­ger kon­sti­tu­tio­nell ver­bürgte Frei­hei­ten ein­führ­ten, die mehr Spiel­raum für Bildung und poli­ti­schen Tätig­keit unter der Bau­ern­schaft boten, kam Gali­zien all­mäh­lich die Rolle eines „ukrai­ni­schen Piemont“ zu – ein Zentrum für die ter­ri­to­riale Ver­ei­ni­gung der Nation. An der Wende vom 19. zum 20. Jahr­hun­dert wurden in Lwiw Texte des gebür­ti­gen Lwiwers Julian Bat­schyns­kiy und des in Charkiw leben­den Mykola Mich­now­skiy ver­öf­fent­licht, die beide die Vision einer unab­hän­gi­gen Ukraine ent­wi­ckel­ten, obwohl sie auf sehr unter­schied­li­chen ideo­lo­gi­schen Stand­punk­ten beruhten.

Die Eini­gungs­akte von 1919 pro­kla­mierte die Bildung eines ein­heit­li­chen ukrai­ni­schen Staates mit der Ver­ei­ni­gung der Dnjepr-Ukraine sowie der west­li­chen Regio­nen (Gali­zien, Buko­wina, Trans­kar­pa­tien) Die SUNR wurde zum West­ge­biet der UNR und ihr Prä­si­dent Jewhen Petru­sche­wytsch trat dem Direk­to­rium bei. Die Idee, einen ein­heit­li­chen ukrai­ni­schen Staat ins reale poli­ti­sche Leben zu über­füh­ren, konnte jedoch nicht ver­wirk­licht werden. Im Laufe des Früh­jahrs und Sommers 1919 erlit­ten sowohl die SUNR als auch die UNR eine Reihe von mili­tä­ri­schen Nie­der­la­gen (durch Teile der rus­si­schen Weißen Armee, die Bol­sche­wiki sowie durch pol­ni­sche Truppen, die ukrai­ni­sche Gebiete bean­spruch­ten, die früher zum Rus­si­schen Reich oder zu Polen-Litauen gehört hatten) und ver­lo­ren die Kon­trolle über ihr Ter­ri­to­rium. Spätere Bemü­hun­gen beider Repu­bli­ken, ihre Unab­hän­gig­keit zu bewah­ren und eine diplo­ma­ti­sche Aner­ken­nung zu bewir­ken, schei­ter­ten. Im Gegen­satz zu ihren Nach­bar­völ­kern konnten sich die Ukrai­ner auf der neuen poli­ti­schen Land­karte Mittel- und Ost­eu­ro­pas nicht etablieren.

Die Nie­der­lage des ukrai­ni­schen Befrei­ungs­kamp­fes von 1917–21 beein­flusste die Geschichte von ganz Mittel- und Ost­eu­ropa und war ein großes Trauma für eine neue Genera­tion ukrai­ni­scher Per­sön­lich­kei­ten. Sie ver­ur­sachte eine intel­lek­tu­elle Krise der ukrai­ni­schen Bewe­gung und bewirkte ein Umden­ken in den demo­kra­ti­schen, eman­zi­pa­to­ri­schen und volks­tüm­li­chen Ideen des 19. Jahr­hun­derts. Das Pos­tu­lat der natio­na­len Einheit von Ost- und West­ukrai­nern sowie das Recht der Ukrai­ner auf ihre eigene natio­nale Staat­lich­keit blieben jedoch grund­le­gend für die ukrai­ni­sche Bewegung.

Der Tag der Einheit am 22. Januar ist somit zu einem wich­ti­gen patrio­ti­schen Fei­er­tag im his­to­ri­schen Kalen­der der Ukraine gewor­den. Er wurde dort fei­er­lich began­gen, wo er dem Sowjet­re­gime ent­zo­gen war, ins­be­son­dere in der ukrai­ni­schen Emi­gran­ten­ge­mein­schaft im Westen nach dem Zweiten Welt­krieg. Gegen Ende der Pere­stroika in der UdSSR, als in den Sowjet­re­pu­bli­ken die Rufe nach Wie­der­her­stel­lung der Sou­ve­rä­ni­tät lauter wurden, wurde die von der oppo­si­tio­nel­len Volks­be­we­gung der Ukraine am 21. Januar 1990 orga­ni­sierte „Ukrai­ni­sche Welle“ zu einer großen poli­ti­schen Demons­tra­tion, die Tau­sende von Men­schen von Iwano-Fran­kiwsk und Lwiw bis Kyjiw in einer sym­bo­li­schen Men­schen­kette mit­ein­an­der verband. In der unab­hän­gi­gen Ukraine wird der 22. Januar seit 1999 als Tag der Einheit gefei­ert – zu Ehren der Unab­hän­gig­keits­er­klä­rung der UNR im Jahr 1918 sowie des Eini­gungs­ak­tes von 1919.

Textende

Portrait von Sereda

Ostap Sereda ist Dozent an der Ukrai­ni­schen Katho­li­schen Uni­ver­si­tät in Lwiw und Gast­do­zent der Central Euro­pean Uni­ver­sity in Wien.

Ver­wandte Themen

News­let­ter bestellen

Tragen Sie sich in unseren News­let­ter ein und bleiben Sie auf dem Laufenden.

Mit unseren Daten­schutz­be­stim­mun­gen erklä­ren Sie sich einverstanden.