Unbe­tei­ligt geteilt

© Marat Assanov, CC BY-NC 2.0

Die Ukraine wurde von außen mit Gewalt zer­teilt. Wer dies recht­fer­tigt, ver­kennt, dass es heute in der Ukraine nicht um eine Ost-West-Teilung geht, sondern um gesell­schaft­li­che Kern­kon­flikte der Gegen­wart.

Diesen Aufsatz sollte es eigent­lich gar nicht geben, mehr noch: dürfte es nicht geben. Er sollte ganz und gar über­flüs­sig sein, im Ideal-, ja selbst im Nor­mal­fall. Denn er behan­delt lauter Dinge, die eigent­lich ganz offen­sicht­lich, längst allen bekannt und selbst­ver­ständ­lich sein sollten und niсht еinmal ansatz­weise in Frage gestellt werden dürften – wenn die Welt ver­nünf­tig, gut und gerecht wäre.

Aber das ist sie bekannt­lich nicht. Und erfah­rungs­ge­mäß sind es gerade die Sach­ver­halte, die ganz offen­kun­dig sein sollten, es aber aus irgend­wel­chen Gründen nicht sind, bei denen sich am ehesten die Unweg­sam­kei­ten und Unwäg­bar­kei­ten einer Epoche ver­mu­ten lassen. Daher lohnt es sich doch, trotz aller damit ver­bun­de­ner Ver­zweif­lung, sich immer wieder um sie zu bemühen.

Eine Frage, die dieser Mühe wert ist, könnte etwa so lauten: Was hindert die Men­schen daran, mili­tä­ri­schen Über­fall, Besat­zung und Zer­tei­lung eines Landes durch ein anderes Land auch als solches anzu­er­ken­nen? Mehrere schwer­wie­gende Rechts­brü­che auch als solche bedin­gungs­los ein­zu­stu­fen – und nicht zu ver­su­chen, sich auf der Suche nach Rela­ti­vie­run­gen und Beschwich­ti­gun­gen in dubio­sen Laby­rin­then von quasi-his­to­ri­schen Argu­men­ten zu ver­ir­ren?

Oder: Was bewegt die Men­schen dazu, ein über­fal­le­nes und zer­teil­tes Land für „immer schon geteilt“ zu erklä­ren und in dieser angeb­lich genui­nen Teilung die Ursache für mili­tä­ri­sche Gewalt­an­wen­dung und fremde Macht­aus­übung zu sehen? Was bewegt die Leute dazu, die fremd­ge­steu­erte, gewalt­same Zer­tei­lung ent­we­der als nahe­lie­gende Folge der ver­meint­lich bereits vor­lie­gen­den Teilung dar­zu­le­gen oder aber die letz­tere als angeb­li­che Recht­fer­ti­gung der ers­te­ren anzu­se­hen? Ganz unab­hän­gig davon, wie diese beiden Denk­fi­gu­ren auf­ein­an­der bezogen werden – ob als „ja, es exis­tie­ren schon Gewalt und Besat­zung, aber doch nicht ganz unbe­grün­det“ oder als ver­meint­lich unaus­weich­li­che Kau­sa­li­tät, die gera­de­wegs zu Krieg und Zerfall führt – sie hängen im Fall der Aus­le­gung der Ukraine, der ukrai­ni­schen Ver­hält­nisse und Ereig­nisse ganz offen­sicht­lich zusam­men, bedie­nen und bedin­gen sich gegen­sei­tig und ver­ra­ten viel über die­je­ni­gen, die sie auf­stel­len.

Jede Gesell­schaft ist hete­ro­gen

Jedes, aber wirk­lich jedes Land ist geteilt. Das sind selbst die Kleins­ten und ver­meint­lich Unteil­bars­ten. Städte sind geteilt. Und Men­schen inner­lich zer­ris­sen. Jedes, auch das kleinste Land ist in dem Sinne geteilt, weil es eine Menge von sehr unter­schied­li­chen, oft kon­trä­ren his­to­ri­schen Prä­gun­gen aus ver­schie­dens­ten Zeiten in sich trägt und eine Unzahl von kul­tu­rel­len Ein­flüs­sen. Von poli­ti­schen, welt­an­schau­li­chen Gesin­nun­gen ganz zu schwei­gen, genauso von den Zukunfts­vi­sio­nen und dem Befin­den, was gut und was schlecht für ein Land ist. Unbe­strit­ten ist auch, dass diese Prä­gun­gen meis­tens von erstaun­li­cher Dauer und Zähig­keit sind. Doch des­we­gen dem Land das Exis­tenz­recht abspre­chen, oder die Fähig­keit zur Inte­gri­tät, oder das Recht auf Einheit, darauf kommt man in den meisten Fällen nicht.

Und nicht für jedes Land wird diese ele­men­tare Tat­sa­che mit so viel Beharr­lich­keit essen­tia­li­siert, wie es seit Jahr­zehn­ten für die Auf­fas­sung und Beschrei­bung der Ukraine der Fall ist. Gera­dezu mit bemer­kens­wer­ter Wollust und Stur­heit, die jede Wirk­lich­keit igno­riert, wird gerade darin das gesehen, was dieses Land angeb­lich erst aus­macht: Teilung, Geteilt­sein, Zer­ris­sen­heit.

Natür­lich könnte sein, dass dies geschieht, weil einem zu diesem Land sonst nichts ein­fällt; aus Igno­ranz, die sich für Kom­pe­tenz ausgibt. Das wäre noch die harm­lo­sere Erklä­rung.

Aber warum wird dabei die Tat­sa­che über­se­hen, dass die Ukraine nicht nur zwei, sondern min­des­tens 22 wich­tige und blei­bende Prä­gun­gen besitzt. Oder viel­leicht 222? Und dass diese alle­samt sehr blei­ben­den Prä­gun­gen aus ver­schie­dens­ten Zeiten stammen, von unter­schied­lichs­ten Umstän­den und Ver­hält­nis­sen her­rüh­ren und von diver­sen Urhe­bern ver­ur­sacht wurden. Welche dieser Prä­gun­gen, welchen Zeit­punkt und welches Ereig­nis sollte man als Bezugs­punkt für das angeb­li­che Geteilt­sein wählen?

Alles konnte man in diesen Dar­stel­lun­gen finden, alles Mög­li­che haben sie ent­hal­ten – außer, wie es wirk­lich gekom­men ist: Dass dieses Land sich nicht geteilt hat, sondern geteilt wurde, von außen und mit mili­tä­ri­scher Gewalt, durch fremde Besat­zung und vor den Augen der nicht wenig stau­nen­den Welt­öf­fent­lich­keit.

Die ukrai­ni­sche Kom­ple­xi­tät und Viel­falt wird auf eine ver­meint­li­che Zwei­tei­lung redu­ziert

Ja, es ist noch viel schlim­mer: Anstatt diese Viel­falt der Ukraine als voll­kom­men normal im euro­päi­schen Ver­gleich anzu­se­hen, redu­ziert man diese tat­säch­li­che Viel­falt zu einer phan­ta­sier­ten Zwei­tei­lung. Man essen­tia­li­siert dadurch die Ukraine als ein geteil­tes Land. Man essen­tia­li­siert diese ver­meint­li­che Zwei­tei­lung. Und was man auch essen­tia­li­siert, ist die angeb­li­che Unver­träg­lich­keit der Cha­rak­tere dieser beiden – ach so unver­ein­ba­ren! – Teile.

Nur: Wie kann man diese Behaup­tung mit der Tat­sa­che ver­ein­ba­ren, dass die ver­meint­lich essen­ti­elle und zeit­lose Spal­tung Jahr für Jahr gerin­ger wird? Jede weitere Wahl in der Ukraine zeigt nur eins: die unauf­hör­li­che und fort­schrei­tende Homo­ge­ni­sie­rung des Landes. Und zwar ganz unab­hän­gig davon, wie man diese ominöse Zwei­tei­lung auslegt: in „natio­na­lis­ti­schen Westen“ und „pro­rus­si­schen Osten“, oder – etwas wohl­wol­len­der – „pro­west­li­chen Westen und pro­rus­si­schen Osten“? Und was ist dabei „der Westen“, wenn er immer größer wird und warum will man nicht wahr­ha­ben, dass „der Osten schrumpft“? Auch heute noch spricht man wei­ter­hin von einem Kon­flikt zwi­schen den beiden Seiten, unge­ach­tet der Tat­sa­che, dass das, was als „Osten“ bezeich­net wird, mili­tä­risch okku­pierte und fremd­ge­steu­erte Gebiete sind, und das, was wir selber tra­di­tio­nell „Osten“ nennen, ganz im Rhyth­mus des gesam­ten Landes lebt?

Oder dass das, was wir Natio­na­lis­ten nennen, niemals – und am aller­we­nigs­ten nach dem Majdan, der ja angeb­lich ein natio­na­lis­tisch-faschis­ti­scher Putsch war – die Unter­stüt­zung von mehr als einem ver­schwin­dend kleinen Pro­zent­satz der Bevöl­ke­rung gewann, auch nicht im „natio­na­lis­ti­schen Westen“ der Ukraine und ganz im Gegen­satz zu Frank­reich, Däne­mark, Deutsch­land, von den Nie­der­lan­den, der Schweiz und beson­ders Öster­reich ganz zu schwei­gen? Oder dass die meisten, die heute auf ukrai­ni­scher Seite im Osten kämpfen, Rus­sisch spre­chen? Oder dass meine west­lich gele­gene Stadt Lemberg nicht nur voll ist von rus­sisch­spra­chi­gen Flücht­lin­gen aus dem Donbass, sondern auch von Stu­die­ren­den, die von ihrem Studium in Lemberg sicher­lich keine „rus­si­sche Welt“ (Russkij Mir) erwar­ten, aber auch keine Bekeh­rung durch „Natio­na­lis­ten“ befürch­ten. Sonst wären sie ja eher nach Moskau gegan­gen.

Doch es ist nicht nur die – bewusste oder unbe­wusste, aber immer krasse – Sim­pli­fi­zie­rung, die die Betrach­tung der Ukraine aus­zeich­net. Es ist weit schlim­mer. Denn immer ist darin impli­zit oder expli­zit die Vor­stel­lung von der Lebens­un­fä­hig­keit und oft genug auch Unwür­dig­keit des Landes ent­hal­ten: Diese vor­grei­fende Lust am künf­ti­gen Zerfall, als Beweis der Aus­sichts­lo­sig­keit einer bestän­di­gen eigenen Exis­tenz außer­halb und unab­hän­gig von Groß­mäch­ten. Das kann nur eins bedeu­ten: Der Zerfall erscheint den­je­ni­gen, die so denken, gerech­ter – oder zumin­dest siche­rer – als die bis vor kurzem noch bestehende Sach­lage. Und was als weniger gerecht oder Sicher­heit ver­spre­chend erscheint, kann durch­aus revi­diert werden.

Wir haben es hier also mit einer Form von Revi­sio­nis­mus zu tun, einer sehr sub­ti­len, laten­ten Form, die dadurch aber nicht weniger gefähr­lich ist. Nun sollte die Frage lauten: Wo rührt dieser Revi­sio­nis­mus her? Was sind seine Beweg­gründe und seine ratio? Oder lässt er sich allein von mehr oder minder starken Affek­ten leiten? Und sind alles andere bloß mehr oder weniger kunst­volle und findige Ratio­na­li­sie­run­gen dieser Wünsche? Und falls ja, was sind das für Affekte und warum bedür­fen sie Ratio­na­li­sie­run­gen? Was hindert die Men­schen, sie direkt und unver­hoh­len aus­zu­spre­chen oder zumin­dest sich selbst in vollem Ausmaß ein­zu­ge­ste­hen?

Die ganze Pos­tu­lie­rung der „geteil­ten Ukraine“ hat ganz andere Gründe: Es ist zum einen der tief sit­zende, meist ver­bor­gene Impuls und Instinkt, von Impe­rium zu Impe­rium auf Augen­höhe zu spre­chen. Ver­tre­ter west­li­cher Ex-Impe­rien geste­hen dadurch dem Immer-noch- und Wieder-Impe­rium Russ­land dessen „his­to­ri­sche Rechte“ gern zu, weil dieses eben von „Ein­fluss­sphä­ren“ und „Anspruchs­ge­bie­ten“ ausgeht. Und dabei spielt so ein lächer­li­ches, obwohl ter­ri­to­rial rie­si­ges „Nichts“ wie die Ukraine, mit ihrer Geschichte, ihren Wün­schen, Bedürf­nis­sen und Inter­es­sen keine Rolle.

Oder dahin­ter steht die Angst, wegen der abge­trenn­ten und besetz­ten Teile eines in jeder Hin­sicht fremden Landes eine noch viel größere Aus­ein­an­der­set­zung aus­zu­lö­sen. Und eigent­lich liegt diesen beiden Moti­va­tio­nen ein gemein­sa­mer Nenner zugrunde: die Aner­ken­nung des und das Beken­nen zum Recht des Stär­ke­ren.

Auf der Krim und in der Ost­ukraine gab es keine sepa­ra­tis­ti­schen Bewe­gun­gen – die Teilung erfolgte von außen

Nein, die besetz­ten Gebiete im Donbass und die Anne­xion der Krim waren keine natür­li­chen Folgen der „immer schon bestehen­den Geteiltheit“. Sie sind nicht gewor­den. Die besetz­ten Gebiete und die Krim wurden gemacht. Absicht­lich und plan­mä­ßig, kon­se­quent. Spä­tes­tens seit 2004 war das sicht­bar. Täu­schen wir uns nicht und lassen uns nicht zu Ver­glei­chen mit Sepa­ra­tis­ten wie in Kata­lo­nien, Korsika und Bas­ken­land ver­lei­ten. So etwas gab es im Donbass und auf der Krim nicht. Nie, selbst Anfang 2014, gab es dort eine anti­ukrai­ni­sche Partei, eine pro­rus­si­sche Bewe­gung, eine sepa­ra­tis­ti­sche Front, eine sezes­sio­nis­ti­sche Tendenz. Die erheb­li­chen Unter­schiede bestehen nicht nur zwi­schen diesen Teilen der Ukraine und dem Rest, sondern zwi­schen allen Regio­nen des Landes. Alle Regio­nen wurden sei­ner­zeit vom kor­rup­ten und olig­ar­chi­sier­ten Zentrum aus­ge­nutzt und miss­ach­tet. Doch niemals wäre daraus ohne das gewalt­same, bewaff­nete fremde Zutun ein Bür­ger­krieg oder eine Sezes­sion gewor­den. Die Ver­keh­rung von Ursache und Folge ist ein Grund­zug der Aus­le­gung dessen, was mit der Krim und im Donbass pas­siert ist.

Der Grund­kon­flikt in der Ukraine ist der­selbe wie in Europa: Es geht um den rich­ti­gen Umgang mit der kom­pli­zier­ten Welt von heute

Fast überall auf der Welt sehen wir heut­zu­tage hoch­gra­dig gespal­tene Gesell­schaf­ten, nicht nur im Westen. Das sind die neuen Tei­lun­gen, deren Trenn­li­nien ganz anders als gewohnt ver­lau­fen. Es wäre an der Zeit, auch die ukrai­ni­schen Spal­tun­gen in diesem Lichte zu sehen: nicht katho­lisch und ortho­dox, nicht ukrai­nisch- und rus­sisch-affin, nicht einmal „pro­west­lich“ und „pro­rus­sisch“, nicht „natio­na­lis­tisch“ und „inter­na­tio­na­lis­tisch“, ja nicht einmal vor­wärts- und rück­wärts­ge­wandt. Denn das alles bringt nicht viel. Es kann allen­falls einige irrele­vante Teil­wahr­hei­ten umfas­sen, aber nicht das Wesen der Sache.

Denn im innigs­ten Wesen sind es genau die glei­chen Kon­flikte, die auch Europa und die Welt auf eine Zer­reiß­probe stellen: um den rich­ti­gen Umgang mit der kom­pli­zier­ten Welt von heute. Wenn wir das begrei­fen, wird die ver­meint­li­che Teilung der Ukraine nicht als ferne und lokale, ukrai­ni­sche Son­der­heit miss­ver­stan­den (und miss­ach­tet), sonders als Abbild der Kern­kon­flikte der Gegen­wart. Was sich in der Ukraine derzeit ent­schei­det, ist genau das, was heute die ganze Welt in Bann hält: Die Suche nach einem soli­da­ri­schen, plu­ra­lis­ti­schen und tole­ran­ten Zusam­men­le­ben; die Suche nach gerech­te­ren Formen des Wirt­schaf­tens und der Ver­tei­lung; das Bemühen um Deo­lig­ar­chi­sie­rung; die Anstren­gun­gen dafür, die libe­rale Demo­kra­tie wider­stands­fä­hig zu machen.

Das sollten wir lieber als gemein­same Aufgabe begrei­fen, als die Ukraine zu einem Exoten zu erklä­ren und damit in ihrer ver­kann­ten Kom­ple­xi­tät und Moder­ni­tät alleine zu lassen.

Textende

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