Fünf ukrai­ni­sche Lite­ra­tur­emp­feh­lun­gen

© Shut­ter­stock

Wer die Ukraine ken­nen­ler­nen möchte, kann dies durch Filme, Reisen und die Begeg­nung mit Land und Leuten, oder über die Lite­ra­tur tun. Hier werden fünf aus­ge­wählte ukrai­ni­sche Werke vor­ge­stellt, die den Ein­stieg in das Land erleich­tern. Von Ana­sta­siia Gusieva und Lesja Seifert

Die Ukraine des 20. Jahr­hun­derts wurde als eigen­stän­dige Nation nicht wahr­ge­nom­men. Ihre natio­nale Eigen­stän­dig­keit währte nur kurz. War sie vor dem ersten Welt­krieg Teil des zaris­ti­schen Russ­lands und Öster­reich-Ungarns, so wurde sie nach der bol­sche­wis­ti­schen Macht­er­grei­fung und dem nach­fol­gen­den Bür­ger­krieg Teil der Sowjet­union bzw. Polens. Als solche ver­schwand der Blick auf die Ukraine als eigen­stän­di­ges Land mit einer eigenen Sprache, einer eigenen Geschichte, als Träger euro­päi­scher Kultur, Zentrum euro­päi­schen Juden­tums und einer langen Geschichte des Leidens durch impe­ria­lis­ti­sche Über­griffe von Ost und West: Bür­ger­krieg, Holo­do­mor, ras­si­scher Ver­nich­tungs­krieg und Shoa.

Mit Erlan­gung der natio­na­len Sou­ve­rä­ni­tät 1991, mit der oran­ge­nen Revo­lu­tion und der Revo­lu­tion der Würde ist es Zeit, mit der alten und neuen Ukraine Bekannt­schaft zu machen. Das kann über Filme, Reisen und die Begeg­nung mit Land und Leuten, oder über die Lite­ra­tur tun. Wir haben fünf ukrai­ni­sche Werke für Sie aus­ge­wählt, die wir für gut und wichtig halten. Wir haben sie aus­ge­wählt, weil sie den Ein­stieg in das Land erleich­tern und der Viel­falt des Landes gerecht werden. Alle diese Bücher sind in Deutsch­land auf deutsch erhält­lich.

Begin­nen möchten wir mit Oksana Sabuschko, einer der bekann­tes­ten ukrai­ni­schen Schrift­stel­le­rin­nen der Gegen­wart.

Ihr Buch “Museum der ver­ges­se­nen Geheim­nisse“ ist ein Schlüs­sel­werk über die moderne Ukraine. In dem Buch fängt alles mit Daryna an, einer Fern­seh­pro­du­zen­tin aus Kyjiw. Sie findet das Foto von einer Frau, die in den 40er Jahren Mit­glied der Ukrai­ni­schen Auf­stän­di­gen Armee war. Daryna beginnt, ihr nach­zu­spü­ren und fängt damit die Geschichte einer Familie von drei Genera­tio­nen zwi­schen 1940 bis 2004 ein. Oksana Sabuschko führt die Leser jedoch nicht nur durch eine Familie in drei Genera­tio­nen, sondern lässt uns teil­ha­ben an der Geschichte einer Freund­schaft und einer Liebe.

Hard­co­ver oder Paper­back (768 Seiten) S. Fischer Verlag (2014).

 

 

 

Von der Haupt­stadt geht es weiter nach Westen zu der bekann­ten ukrai­ni­schen Schrift­stel­le­rin Tanja Mal­jart­schuk  und ihrem Werk “Über­flu­tet”.

Das Buch handelt von einer Erin­ne­rung an einen gefühls­vol­len Sommer. Die Autorin schreibt über Freude und Trauer –  Gefühle, die eine erste Liebe beglei­ten. Die Prot­ago­nis­tin, ein junges Mädchen, ver­bringt den letzten Sommer ihrer Kind­heit bei ihrer Tante auf dem Dorf. Die Tante hat die große Hun­gers­not der Jahre 1932–1933 und auch den zweiten Welt­krieg über­lebt. Die nach dem Krieg geschlos­sene Ehe endet, als ihr Mann sie wegen einer anderen Frau ver­lässt. Mit diesem Ein­schnitt richtet sich das Inter­esse der Frau aus­schließ­lich auf die Pflege von Haus und Garten: sie sorgt für Vorräte, kocht Kompott und Mar­me­la­den, die unge­nieß­bar sind, weil zu süß oder zu sauer. Doch das ist uner­heb­lich  – getrie­ben ist sie von dem Gedan­ken, nie wieder ohne Vorräte zu sein. Mit “schlech­ten Zeiten“ ist immer zu rechnen.

Für die junge Nichte ist das Leben mit solch einer Tante eher von Lan­ge­weile geprägt. Aber das ändert sich, als sie sich ver­liebt und von dieser Liebe über­flu­tet wird.

Hard­co­ver (80 Seiten) Verlag Tan­häu­ser (2016).

 

Jurij Wyn­nyt­schuk, ukrai­ni­scher Schrift­stel­ler, Sprach­wis­sen­schaft­ler und Jour­na­list, führt uns mit seinem Buch “Im Schat­ten der Mohn­blüte“ in das Lemberg der 1930er Jahre und erzählt die Geschichte von vier Freun­den: einem Ukrai­ner, einem Polen, einem Juden und einem Deut­schen. Sie stehen für eine bunte, mul­ti­kul­tu­relle Stadt, für ver­schie­dene Schick­sale und unter­schied­li­che Lebens­ge­schich­ten.

Diese mul­ti­kul­tu­relle Rea­li­tät wird zunächst von den Bol­sche­wi­ken und ab 1941 durch die Nazis zer­stört. Die einst so bunte Stadt ver­wan­delt sich in einen fins­te­ren Ort.

Der Autor nimmt uns mit in das Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger. Eine Melodie wird zu einem tra­gi­schen Zeichen: der Todestango. Die Melodie führt auf tröst­li­che Weise den Hörer zurück in sein frü­he­res Leben, in der er geliebte Men­schen wie­der­fin­den kann.

Hard­co­ver (456 Seiten) Haymon Verlag (2014).

 

 

Wir wenden uns 1000 km gen Osten und treffen den ukrai­ni­schen Schrift­stel­ler, Dichter und Über­set­zer Serhij Zhadan und sein Buch “Inter­nat“. Für die her­vor­ra­gende deut­sche Über­set­zung des Buches wurde 2018 auf der Leip­zi­ger Buch­messe die Über­set­zer mit einem Preis geehrt.

Zhadan ver­ar­bei­tet in dem Buch den Krieg im Donbas. Wir machen Bekannt­schaft mit Pascha, einem Lehrer der ukrai­ni­schen Sprache, der sich von der Politik immer fern­ge­hal­ten hatte. Diesen Lehrer beglei­tet der Leser auf der Suche nach seinem Neffen im Kriegs­ge­biet. Der Autor kennt den Krieg. Er gibt dem Leser eine Idee von der unge­heu­ren Zer­stö­rungs­kraft und Ver­wüs­tung, die zum Krieg gehören. Der Krieg ist überall, er ver­än­dert die Men­schen und er kennt kein Mitleid. So ver­än­dert dieser Krieg langsam auch die Haupt­fi­gur des Romans. Viele Men­schen im Westen wollen den Krieg nicht wirk­lich sehen, aber dieses Buch von Zhadan zwingt zum Hin­schauen.

Hard­co­ver (300 Seiten) Foto von Suhr­kamp Verlag (2018).

 

 

 

 

 

Abschlie­ßen möchten wir unsere Fünf­bü­cher­emp­feh­lung mit einem Klas­si­ker, dem Gesell­schafts­ro­man “Die  Fünf“ von Vla­di­mir Jabo­tin­sky. Er führt uns in das Odessa zu Beginn des  XX. Jahr­hun­derts“.

„Die Fünf“ ist eine Geschichte über die fünf Geschwis­ter der jüdi­schen Familie Milgrom, die in den poli­tisch-kul­tu­rel­len Wirren ihrer Zeit her­an­wach­sen. Sie erleben den Alltag der jüdi­schen Gemein­schaft, den Ein­bruch der revo­lu­tio­nä­ren Gewalt und auch Bei­spiele der Assi­mi­la­tion. Fünf ver­schie­dene Cha­rak­tere, fünf ver­schiede Schick­sale. Das Buch erlaubt es dem Leser, in das alte Odessa ein­zu­tau­chen: Thea­ter­be­su­che, Lie­bes­aben­teuer, der lokale Slang – all das schil­dert Jabo­tin­sky mit einem wun­der­vol­len Humor.

Es waren die letzten Tage der Leich­tig­keit und Sorg­lo­sig­keit von Odessa, das es in dieser Form nicht mehr gibt...

Hard­co­ver und Paper­back (288 Seiten) Aufbau Taschen­buch (2017).

 

 

 

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