In Mariu­pol liegt die Antwort

Foto: Viktor Ant­onyuk /​ Imago Images

Die rus­si­sche Armee hat die Hafen­stadt Mariu­pol dem Erd­bo­den gleich gemacht. Tau­sende Zivi­lis­ten sind dabei ums Leben gekom­men. Wie lange will Deutsch­land noch zuschauen? Ein Essay von Maxim Borodin, der die ersten Tage der Bom­bar­die­run­gen in Mariu­pol erlebt hat.

Wenn man in einer warmen, kom­for­ta­blen Wohnung mit Strom, Wasser, Essen, Handy und Inter­net sitzt, kann man nur schwer ver­ste­hen, was die rund 300.000 Bewoh­ner der ukrai­ni­schen Stadt Mariu­pol gerade emp­fin­den. Stellen Sie sich 21 Tage in einer Stadt ohne Strom, Wasser und Heizung vor, in der der Han­dy­emp­fang nur stun­den­weise und nur an wenigen Orte der Stadt ver­füg­bar ist. Von Inter­net ganz zu schwei­gen. Die Lebens­mit­tel­lä­den sind völlig aus­ge­bombt. Die gesamte Stadt ist durch die stän­di­gen Bom­bar­die­run­gen der rus­si­schen Flug­zeuge zur Ruine geworden.

Wer Mariu­pol noch vor drei Wochen – vor dem Ein­marsch der Russen in die Ukraine – erlebt hat und jetzt Bilder und Videos aus der Stadt sieht, kann die Tränen nicht zurück­hal­ten. Die Hafen­stadt hat in den letzten sieben Jahren eine Vor­rei­ter­rolle bei der inno­va­ti­ven Stadt­ent­wick­lung ein­ge­nom­men und sich stetig ver­än­dert: neue Parks und Plätze, die Neu­ge­stal­tung des Stadt­zen­trums, ein moder­nes, euro­päi­sches Nah­ver­kehrs­sys­tem sowie die Schaf­fung von Zugangs­mög­lich­kei­ten für Men­schen mit Behinderung.

All das ist wie vom Erd­bo­den ver­schluckt, als ob es kein fried­li­ches Leben mehr gäbe. In den letzten Wochen wurde Mariu­pol vom rus­si­schen Militär gna­den­los von der Land­karte gefegt – auch, wenn es absurd ist, Men­schen, die wahllos ton­nen­schwere (durch Kon­ven­tio­nen ver­bo­tene) Brand­bom­ben aus Flug­zeu­gen auf Kran­ken­häu­ser, Ent­bin­dungs­kli­ni­ken, Schulen und Wohn­häu­ser werfen, als „Militär“ zu bezeich­nen. Das sind Terroristen!

Eine Stadt in die Ver­zweif­lung bomben

Die Erklä­rung für das, was die rus­si­schen Ter­ro­ris­ten in Mariu­pol anrich­ten, ist simpel: Alle Ver­su­che, Mariu­pol durch Boden­trup­pen ein­zu­neh­men, sind geschei­tert. Das ukrai­ni­sche Militär in der Stadt ist zu gut aus­ge­bil­det. Die Russen haben bei jedem Versuch, die Stadt ein­zu­neh­men, zahl­rei­che Ver­luste erlit­ten. Aber da Wla­di­mir Putin den Befehl gegeben hat, die Stadt um jeden Preis ein­zu­neh­men, um Bilder von der „Befrei­ung von den Nazis“ für das rus­si­sche Fern­se­hen zu schaf­fen, wurde statt­des­sen eine andere Taktik gewählt: die Ein­woh­ner zur Ver­zweif­lung bringen.

Seit über einer Woche wird die Stadt unun­ter­bro­chen mit schwe­rer Artil­le­rie und Grad-Raketen beschos­sen und, was am schlimms­ten ist: mit ver­bo­te­nen Brand­bom­ben aus Flug­zeu­gen bom­bar­diert. Alle Stadt­teile sind zer­bombt und es gibt prak­tisch kein ein­zi­ges, intak­tes Gebäude mehr. Das Schau­spiel­haus von Mariu­pol, das Tau­sen­den Men­schen, dar­un­ter Hun­der­ten von Kindern, zum Schutz diente, wurde mut­wil­lig zerstört.

Die Men­schen ver­brin­gen fast ihre gesamte Zeit in kalten Kellern. In sel­te­nen Momen­ten der Ruhe wird Essen über offenem Feuer in der Nähe der Häuser zube­rei­tet. Doch die Lebens­mit­tel­vor­räte sind prak­tisch auf­ge­braucht. Wasser wird aus meh­re­ren Quellen und Flüssen gewon­nen, ist aber ohne Ver­ar­bei­tung unge­nieß­bar. Mobil­te­le­fone werden über ben­zin­be­trie­bene Gene­ra­to­ren geladen. Manch­mal hat man Glück und erreicht Bekannte. Auf den Straßen liegen Leichen, die wegen des stän­di­gen Beschus­ses nicht besei­tigt werden konnten.

Die wirk­li­chen Opfer­zah­len kennt niemand

Die, die von der Straße geschafft werden konnten, werden begra­ben, wo immer es möglich ist – im Vor­gar­ten, im Gemü­se­gar­ten oder vor allem: in Gräben. Die offi­zi­el­len Zahlen von etwa 3000 getö­te­ten Zivi­lis­ten sind weit von der Wahr­heit ent­fernt. Denn es gibt nie­man­den, der eine Sta­tis­tik führt und niemand weiß wirk­lich, wie viele Tote in den zer­stör­ten Häusern und Woh­nun­gen liegen. Höchst­wahr­schein­lich sind es bereits ein Dutzend tausend.

Die Zahl der Ver­wun­de­ten in den Kran­ken­häu­sern ist unüber­schau­bar. Und es werden immer mehr, auch wenn es keine Medi­ka­mente mehr gibt. Es gibt auch keine Aus­sicht auf neue Lie­fe­run­gen. Genauso wie es keine Mög­lich­keit gibt, Grund­be­dürf­nisse wie Trink­was­ser und Lebens­mit­tel gedeckt zu bekommen.

Denn der Hilfs­kon­voi, den die ukrai­ni­sche Regie­rung seit über einer Woche in die Stadt zu bringen ver­sucht, wird von den rus­si­schen Ter­ro­ris­ten, die die Stadt ein­ge­kes­selt haben, einfach nicht durch-gelas­sen. Mehrere Tage steht der von den Russen teil­weise geplün­dert Konvoi nun schon im besetz­ten Ber­d­jansk, 80 Kilo­me­ter von Mariu­pol ent­fernt. Und Gerüch­ten zufolge sind die Russen nur bei einer voll­stän­di­gen Kapi­tu­la­tion von Mariu­pol bereit, Hilfe in die Stadt zu lassen.

Eine Kapi­tu­la­tion wäre nicht das Ende des Kriegs

Viele Euro­päer sind der Meinung, dass es sich lohnen würde, Mariu­pol den rus­si­schen Ter­ro­ris­ten zu über­las­sen, weil so Men­schen­le­ben geret­tet werden könnten. Das ist ein Irrtum. Ja, ein Teil der Men­schen würde wahr­schein­lich geret­tet werden, aber der Groß­teil der Stadt würde samt seinen Ein­woh­nern ver­nich­tet werden. Alle Men­schen, die sich aktiv für die ukrai­ni­sche Bevöl­ke­rung ein­set­zen, werden zu Folter und Tod ver­ur­teilt. Sie alle stehen bereits auf Listen. Das wissen wir auf­grund von Erfah­run­gen aus dem besetz­ten Wol­no­wacha und anderen Kleinstädten.

Das­selbe gilt für die Kapi­tu­la­tion der Ukraine als Ganzes. Es wäre nicht das Ende des Krieges und ganz sicher nicht der Beginn eines Frie­dens. Wla­di­mir Putin sagt aus­drück­lich, dass es keine Ukraine geben soll und dass dies nur durch einen Mas­sen­völ­ker­mord an 42 Mil­lio­nen Ukrai­nern erreicht werden kann. Doch die haben sich nach dem Angriff von Putins Armee wie nie zuvor erhoben und werden sich nie wieder einem Besat­zer beugen.

Die Euro­päer, die sich heute in ihren warmen Häusern und fried­li­chen Städten mit dem Gedan­ken trösten, sie seien nicht betrof­fen, sollten auf­wa­chen und aus ihrer Illu­sion von Sicher­heit erwa­chen. Putin zer­stört nicht nur die Ukraine – er zer­stört Demo­kra­tie und Wahl­recht. Er hat gerade erst mit dem ersten Nach­bar­land begon­nen. Doch das wird erst der Anfang sein, wenn die zivi­li­sierte Welt ihn nicht sofort aufhält! Ja, er besitzt Atom­waf­fen, aber in Wirk­lich­keit ist er ein Feig­ling, der um sein eigenes Leben fürch­tet und nur einen schwä­che­ren Gegner angrei­fen kann.

Putin blufft

Erin­nern Sie sich daran, wie das US-Militär die Eli­te­gruppe Wagner PMC in Syrien besiegte? Oder wie die tür­ki­sche Luft­waffe kürz­lich rus­si­sche Kampf­jets in der Kon­flikt­zone abge­schos­sen hat? Wie hat Russ­land darauf reagiert? Gar nicht.

Und wieder einmal ist es ein Bluff Putins, der die euro­päi­schen und ame­ri­ka­ni­schen Partner davon abhält, der Ukraine die so drin­gend benö­tig­ten MIG-29-Flug­zeuge und Flug­ab­wehr­sys­teme zu liefern. Diese Flug­zeuge hätten die Befrei­ung von Mariu­pol aus der Gefan­gen­schaft der rus­si­schen Ter­ro­ris­ten ermög­licht und Hun­dert­tau­sende von Men­schen­le­ben geret­tet. Und die Luft­ab­wehr­sys­teme hätten unsere fried­li­chen Städte ver­tei­di­gen können, in denen rus­si­sche Raketen Tag und Nacht Kran­ken­häu­ser zer­bom­ben und Kinder töten.

Die Euro­päer und die Ame­ri­ka­ner haben jetzt genau zwei Mög­lich­kei­ten: Sie können der rus­si­schen Aggres­sion direkt ent­ge­gen­tre­ten – zumin­dest in Form einer ange­mes­se­nen Mili­tär­hilfe für die Ukraine – und gleich­zei­tig aner­ken­nen, dass Putin den Dritten Welt­krieg längst begon­nen hat. Oder sie ent­schei­den sich für eine vor­über­ge­hende Bequem­lich­keit und – für eine Schande. Aber zu der Schande wird sehr bald ein Krieg hin­zu­kom­men. Schließ­lich ist all das schon einmal pas­siert. Das ist ziem­lich genau 80 Jahre her.

Komfort über Menschenleben?

Und ich per­sön­lich würde der deut­schen Gesell­schaft gerne eine Frage stellen: Ist das deut­sche Volk, das in seinem Leben den Schre­cken eines Kriegs erlebt und seine Lehren daraus gezogen hat, bereit, wei­ter­hin ein ter­ro­ris­ti­sches Land zu finan­zie­ren, indem es Gas und Öl aus Russ­land kauft? Denn dieses Geld erlaubt es Putin, seinen grau­sa­men Krieg fort­zu­füh­ren und seine Armee von Pro­pa­gan­dis­ten zu finan­zie­ren. Ist der mög­li­che Ver­zicht der Deut­schen auf ihren gewohn­ten Komfort – auch nur vor­über­ge­hend – wich­ti­ger als Hun­dert­tau­sende Men­schen­le­ben, die geret­tet werden könnten und für die Demo­kra­tie und Frei­heit keine leeren Phrasen sind?

Beant­wor­ten Sie diese Fragen. Das Leid in Mariu­pol wird Ihnen die Antwort geben.

Textende

Portrait von Maxim Borodin

Maxim Borodin ist ein Umwelt­ak­ti­vist und Abge­ord­ne­ter des Stadt­ra­tes von Mariu­pol in der Südukraine. 

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