80 Jahre nach dem „Unter­neh­men Barbarossa“

© Zwei deut­sche Sol­da­ten schauen vom Glo­cken­turm der Pech­ersk Lawra in Kyjiw /​ waralbum.ru

Die Ukraine sollte in ihrem Kampf um Frei­heit und Selbst­be­stim­mung auch aus his­to­ri­schen Gründen unter­stützt werden. Doch die poli­ti­sche Elite Deutsch­lands ist immer noch zu sehr auf Russ­land fixiert. Von Jan Claas Behrends

In der deut­schen Öffent­lich­keit wird der Zweite Welt­krieg in Ost­eu­ropa, ins­be­son­dere der Über­fall auf die Sowjet­union vom 22. Juni 1941, häufig noch als deutsch-rus­si­sche Ange­le­gen­heit behan­delt. Diese Ver­en­gung zeigte sich zuletzt in der Ent­schei­dung des Bun­des­prä­si­den­ten, sein Geden­ken an diesen Jah­res­tag nach Karls­horst in das Deutsch-Rus­si­sche Museum zu ver­le­gen. [Marie­luise Beck kri­ti­sierte vor allem die Wahl des Ortes im Deutsch­land­funk. – Anm. d. Red.] Tat­säch­lich ist diese Her­an­ge­hens­weise nicht nur poli­tisch kurz­sich­tig, sondern sie wird auch dem his­to­ri­schen Gesche­hen nicht gerecht. Der Angriff des natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Deutsch­land galt schließ­lich nicht nur Russ­land, das sich heute als einzig legi­ti­mer Nach­fol­ge­staat der UdSSR insze­niert, sondern der gesam­ten Sowjet­union. Allein aus geo­gra­phi­schen Gründen waren 1941 zunächst Belarus, das Bal­ti­kum und die Ukraine vom deut­schen Ein­marsch betroffen.

Doch für die Ukraine hatte der Zweite Welt­krieg bereits 1939 begon­nen. Auf den Hitler-Stalin-Pakt folgte der Kollaps des pol­ni­schen Staates – für Mil­lio­nen von Ukrai­nern wurde das repres­sive Régime in Polen durch die totale Herr­schaft Stalins ersetzt. Eine erste Welle von Ver­fol­gung und Depor­ta­tion folgte unmit­tel­bar dem Vor­rü­cken der Roten Armee. Obwohl sich das Gros der Repres­sio­nen gegen Polen und Juden rich­tete, die mas­sen­haft ent­eig­net wurden, waren bald auch ukrai­ni­sche Akti­vis­ten und Kir­chen­ver­tre­ter von der Ver­fol­gung durch sowje­ti­sche Behör­den betrof­fen. Zugleich kam es jedoch – inner­halb der engen Grenzen des sowje­ti­schen Systems – in der West­ukraine zu einem Auf­schwung ukrai­ni­scher Kultur und Wis­sen­schaft. Auch hier wurden die Ukrai­ner nun zur Titu­lar­na­tion einer Sowjet­re­pu­blik und erhiel­ten so einige Pri­vi­le­gien. Doch wegen der deut­schen Aggres­sion dauerte die Sowje­ti­sie­rung des ukrai­ni­schen Westens nicht einmal zwei Jahre. Noch auf dem Rückzug vor den Deut­schen rich­tete der NKWD seine letzten Mas­sa­ker in der Ukraine an.

Nation ohne Staat – und deshalb beson­ders wehrlos

Mit dem Ein­marsch der Wehr­macht und der Ein­satz­grup­pen der SS im Juni 1941 wütete der natio­nal­so­zia­lis­ti­sche Ver­nich­tungs­krieg auf dem Ter­ri­to­rium der Ukrai­ni­schen SSR. Dass die deut­schen Sol­da­ten an vielen Orten – ins­be­son­dere im Westen der Ukraine – von der Bevöl­ke­rung zunächst als Befreier begrüßt wurden, änderte wenig am Auf­tre­ten der Wehr­macht. Mit beson­de­rer Bru­ta­li­tät führten die Ein­satz­grup­pen in der Ukraine den Genozid an der jüdi­schen Bevöl­ke­rung durch. Das Mas­sa­ker in Babyn Jar bei Kyjiw am 28./29. Sep­tem­ber 1941 steht bis in die Gegen­wart für den „Holo­caust durch Kugeln“, dem die ukrai­ni­schen Juden – Frauen, Männer und Kinder – zum Opfer fielen. Der Mas­sen­mord an den Juden war inte­gra­ler Bestand­teil des Ver­nich­tungs­krie­ges, mit dem NS-Deutsch­land die Sowjet­union überzog.

Die ukrai­ni­sche Bevöl­ke­rung befand sich ab 1941 – so beschreibt es der His­to­ri­ker Orest Sub­telny – in der schwie­ri­gen Lage einer Nation ohne Staat. Es war eine „No-win“-Situation. Ukrai­ne­rin­nen und Ukrai­ner hatten ledig­lich die Wahl zwi­schen Wider­stand oder Kol­la­bo­ra­tion mit einem der beiden tota­li­tä­ren Régime, die sich auf ihrem Boden bekämpf­ten. Deshalb blieben die poli­ti­schen Loya­li­tä­ten unkla­rer als im Westen Europas, wo die Zusam­men­ar­beit mit den Deut­schen in der Regel als natio­na­ler Verrat galt. Ukrai­ner fanden sich auf allen Seiten des Kon­flik­tes; ihre natio­nale Wider­stands­be­we­gung OUN bie­derte sich zunächst bei der Wehr­macht an, doch ihre Staats­bil­dung wurde zurück­ge­wie­sen und schließ­lich kämpfte sie gegen Deut­sche, Sowjets und Polen. Die Deut­schen behan­del­ten die Mil­lio­nen von sowje­ti­schen Kriegs­ge­fan­ge­nen, zu denen auch Ukrai­ner gehör­ten, so mise­ra­bel, dass mehr als die Hälfte von ihnen nicht über­leb­ten. Erich Koch, von 1941 bis 1944 Reichs­kom­mis­sar in der Ukraine, war ein alter Natio­nal­so­zia­list, der die Ver­skla­vung der Zivil­be­völ­ke­rung vor­an­trieb, unter­stützte und umsetzte. Koch bemühte sich rück­sichts­los um die Rekru­tie­rung von Zwangs­ar­bei­tern („Ost­ar­bei­ter“) aus der Ukraine, die im Reich ein­ge­setzt wurden. Bei Kriegs­ende leis­te­ten zwei Mil­lio­nen Ukrai­ne­rin­nen und Ukrai­ner Skla­ven­ar­beit in Deutschland.

Da die gesamte Ukraine während des Krieges von 1941–44 besetzt war, trafen sie die Ver­hee­run­gen dieser Jahre beson­ders stark. Keine Stadt, kein Dorf, keine Familie war nicht betrof­fen. Flucht, Depor­ta­tion und Mas­sen­mord prägten diese Jahre auch fernab der Front. Die Ukraine stand im Zentrum des bru­tals­ten Krieges des ver­gan­ge­nen Jahr­hun­derts, der zugleich ein auch ukrai­nisch-pol­ni­scher und ein Bür­ger­krieg war. Die Par­ti­sa­nen und irre­gu­lä­ren Kämpfer ließen die Gewalt auch im rück­wär­ti­gen Raum eska­lie­ren. Auch jen­seits des Ringens zwi­schen Hitler und Stalin wurde die Ukraine so zu einem Gewal­t­raum, in dem ins­be­son­dere die Zivil­be­völ­ke­rung will­kür­li­cher Gewalt­an­wen­dung aus­ge­setzt wurde.

Auch nach dem Ende des Krieges lebte das ukrai­ni­sche Natio­nal­be­wusst­sein fort

Das Kriegs­ende bedeute die Zuge­hö­rig­keit der gesam­ten Ukraine – inklu­sive der von 1921–1939 pol­ni­schen Gebiete – zur UdSSR. Nach dem Tod Stalins wurde eine zivi­lere Ent­wick­lung des Landes möglich. Ins­be­son­dere der Westen der Ukraine behaup­tete seine Son­der­stel­lung inner­halb der Sowjet­union – hier dauerte die kom­mu­nis­ti­sche Dik­ta­tur nur vier Jahr­zehnte. Trotz fort­schrei­ten­der Rus­si­fi­zie­rung gelang es der sowje­ti­schen Herr­schaft nicht, das ukrai­ni­sche Natio­nal­be­wusst­sein voll­stän­dig zu unter­drü­cken. Während der Pere­stroika began­nen sich die ukrai­ni­schen Intel­lek­tu­el­len wieder zu arti­ku­lie­ren und ihre eigene Sicht auf die Geschichte ein­zu­for­dern. Dazu gehörte stets auch eine spe­zi­fisch ukrai­ni­sche Per­spek­tive auf die Kata­stro­phen des 20. Jahr­hun­derts. Die Geschichte des Zweiten Welt­krie­ges wird von Lwiw oder Kyjiw aus anders erzählt als aus Mos­kauer Sicht. Die Peri­phe­rie des Impe­ri­ums brachte einen eigenen Blick hervor.

Im 20. Jahr­hun­dert war die Ukraine von 1905 bis in die 1950er Jahre immer wieder Schau­platz von Revo­lu­tion, Krieg, Bür­ger­krieg und Mas­sen­ge­walt. Nach 1945 setzte sich die Gewalt noch in den Par­ti­sa­nen­krie­gen gegen die Sowjet­union fort. Umso bemer­kens­wer­ter ist ihre zivile Ent­wick­lung nach dem Ende der Sowjet­union 1991 – als einzige der großen sla­wi­schen Repu­bli­ken fanden in der Ukraine freie, kom­pe­ti­tive Wahlen statt. Vor dem Hin­ter­grund ihrer jüngs­ten Geschichte ist die Ukraine – bei allen Defi­zi­ten – eine demo­kra­ti­sche success story.

His­to­ri­sche Ver­ant­wor­tung Deutschlands

In der Bun­des­re­pu­blik wurde die Ver­ant­wor­tung für den natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Ver­nich­tungs­krieg in Ost­eu­ropa lange geleug­net. Dies änderte sich erst in den 1990er Jahren mit den Wehr­machts­aus­stel­lun­gen und der Debatte über die Ver­stri­ckung aka­de­mi­scher Eliten in den Genozid. Doch nach dem Ende der Sowjet­union waren die deut­sche Öffent­lich­keit und die deut­sche Politik primär auf die bila­te­rale Bezie­hung mit Russ­land fixiert. Die unter­schied­li­chen Geschich­ten dieses Krieges, die Gewalt­er­fah­run­gen im Bal­ti­kum, in Belarus und eben auch in der Ukraine traten ver­gleichs­weise in den Hin­ter­grund. Unter Putin bean­sprucht Russ­land eine Art erin­ne­rungs­po­li­ti­schen Allein­ver­tre­tungs­an­spruch und ver­tritt aggres­siv seine Inter­es­sen, weil sich das Régime durch den Sieg im „Großen Vater­län­di­schen Krieg“ legi­ti­miert. Die geschichts­po­li­ti­sche Ent­wick­lung in der Ukraine ist dagegen weitaus wider­sprüch­li­cher, ambi­va­len­ter und offener. Leider wird dies in Deutsch­land und Europa kaum wahr­ge­nom­men. Wir schauen lieber auf den dröh­nen­den Tri­um­pha­lis­mus aus Moskau, der keinen Raum für Ambi­va­len­zen kennt.

Offen bleibt bis heute die poli­ti­sche Frage, inwie­weit sich Deutsch­land wegen seiner his­to­ri­schen Ver­ant­wor­tung für die Ukraine stärker enga­gie­ren sollte – so wie es die Bun­des­re­pu­blik seit Jahr­zehn­ten für Israel tut. Die Regie­run­gen von Angela Merkel haben dies durch­weg ver­neint und sich statt­des­sen mit Nord Stream 2 ent­schlos­sen, Russ­land zu unter­stüt­zen, dessen Aggres­sion gegen die Ukraine von Berlin zwar nicht gebil­ligt, aber auch nicht ent­schie­den bekämpft wird. Die For­de­rung, die Ukraine in ihrem Kampf um Frei­heit und Selbst­be­stim­mung zu unter­stüt­zen, lässt sich durch­aus his­to­risch begrün­den. Doch dazu müsste sich die poli­ti­sche Elite Deutsch­lands zunächst von ihrer Fixie­rung auf Moskau, von ihrer natio­nal­pa­zi­fis­ti­schen Grund­hal­tung lösen und die Rea­li­tä­ten in Ost­eu­ropa akzep­tie­ren. Dort ist der Kampf zwi­schen Nation und Impe­rium noch nicht ent­schie­den und Russ­land ist eine revi­sio­nis­ti­sche Macht.

Auch Deutsch­land steht nach Jahren poli­ti­scher Lethar­gie vor Ver­än­de­run­gen. Viel­leicht bieten das Ende der Ära Merkel und die Wahlen im Sep­tem­ber auch eine Chance für die Ukraine?

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Portrait von Jan Claas Behrends

Jan Claas Beh­rends arbei­tet als His­to­ri­ker am Zentrum für Zeit­his­to­ri­sche For­schung in Potsdam und unter­rich­tet ost­eu­ro­päi­sche Geschichte derzeit an der Europa Uni­ver­si­tät Viadrina.

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