Der Hitler-Stalin-Pakt: Eine ukrai­ni­sche Per­spek­tive

Der Ost­eu­ro­pa­his­to­ri­ker Jan Claas Beh­rends berich­tet zum 80. Jah­res­tag des Hitler-Stalin-Paktes über die ukrai­ni­sche Per­spek­tive auf den Pakt der zwei Dik­ta­to­ren.

In diesen Tagen jährt sich zum 80. Mal der Nicht­an­griffs­pakt zwi­schen Stalins Sowjet­union und dem natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Deutsch­land. Der Pakt der Dik­ta­to­ren steht am Anfang des Zweiten Welt­kriegs, der mit der gemein­sa­men Aggres­sion gegen Polen und der Auf­tei­lung Ost­eu­ro­pas in impe­riale Ein­fluss­sphä­ren begann, die im gehei­men Zusatz­pro­to­koll des Ver­tra­ges fest­ge­hal­ten waren. Damit zer­stör­ten das bol­sche­wis­ti­sche Russ­land und das „Dritte Reich“ gemein­sam die natio­nal­staat­li­che Ordnung, die nach 1918 als Kon­se­quenz der Nie­der­lage der impe­ria­len Mächte im Osten Europas ent­stan­den war. Nur zwanzig Jahre nach dem Ende des Ersten Welt­kriegs sah es aus, als hätten die revan­chis­ti­schen Mächte die Ober­hand gewon­nen: Polen und die bal­ti­schen Staaten bezahl­ten das deutsch-sowje­ti­sche Bündnis mit ihrer Sou­ve­rä­ni­tät.

Portrait von Jan Claas Behrends

Jan Claas Beh­rends arbei­tet als His­to­ri­ker am Zentrum für Zeit­his­to­ri­sche For­schung in Potsdam und unter­rich­tet ost­eu­ro­päi­sche Geschichte an der Hum­boldt Uni­ver­si­tät zu Berlin. Er beschäf­tigt sich seit 2014 mit dem Krieg im Donbas und der Krise des rus­si­schen Staates.

In diesen Tagen ver­sucht das rus­si­sche Außen­mi­nis­te­rium beharr­lich, den Vertrag vom 23. August 1939 zu rela­ti­vie­ren und zu nor­ma­li­sie­ren. Eine Argu­men­ta­tion des Kreml lautet dabei, dass Moskau aus Sicher­heits­grün­den gezwun­gen gewesen sei, den Pakt zu unter­zeich­nen. Die andere Stra­te­gie fußt auf der Behaup­tung, der Pakt sei ein Vertrag wie jeder andere gewesen: andere Staaten, wie etwa auch Polen 1934, hätten auch Ver­träge mit Hitler geschlos­sen. Diese beiden Argu­mente sind unzu­tref­fend, da die ent­schei­dende Kom­po­nente des Paktes das geheime Zusatz­pro­to­koll war, das aus dem offi­zi­el­len „Nicht­an­griffs­pakt“ nicht nur ein Bündnis, sondern einen Angriffs­pakt gegen Polen und das Bal­ti­kum machte. Sowohl War­schau als auch die bal­ti­schen Staaten, deren Bevöl­ke­rung bereits 1989 mit einer beein­dru­cken­den Men­schen­kette auf das his­to­ri­sche Unrecht des Paktes verwies, wenden sich deshalb mit Recht gegen die rus­si­schen Ver­su­che, die deutsch-sowje­ti­sche Entente des Jahres 1939 zu bestrei­ten. Für Moskau hin­ge­gen steht die Erzäh­lung vom „Großen Vater­län­di­schen Krieg“ und der „Befrei­ung Europas“ auf dem Spiel, die heute rus­si­sche Staat­lich­keit legi­ti­miert.

Der Fokus auf Russ­land, Polen, das Bal­ti­kum und den Kriegs­be­ginn am 1. Sep­tem­ber 1939 ver­stellt den Blick darauf, dass auch Länder wie Rumä­nien, die Ukraine, Weiß­russ­land oder Mol­da­wien bis in die Gegen­wart von den Folgen des Hitler-Stalin-Paktes betrof­fen sind. Dies gilt in beson­de­rem Maße für die Ukraine, deren heutige Gestalt eine direkte Kon­se­quenz der Zäsur von 1939 ist.

Im Unter­schied zu Polen war es der Ukraine nach dem Zerfall des Zaren­rei­ches nicht gelun­gen, ihre kurz­le­bige Unab­hän­gig­keit im rus­si­schen Bür­ger­krieg zu behaup­ten. Gali­zien ging im Frieden von Riga 1921 an Polen, die öst­li­che Ukraine wurde Sowjet­re­pu­blik. Ukrai­ner lebten somit ent­we­der als Min­der­heit im pol­ni­schen Natio­nal­staat oder als Titu­lar­na­tion in der Sowjet­union, wo die Ent­schei­dun­gen in Moskau und nicht in Kyiv getrof­fen wurden. Bereits seit den 1920er Jahren ver­suchte die sowje­ti­sche Politik, die ukrai­ni­sche Min­der­heit in Polen zur Desta­bi­li­sie­rung des Landes zu nutzen. Doch auf die kurze Blüte ukrai­ni­scher Kultur in der Sowjet­union folgte nicht nur die Rus­si­fi­zie­rung unter Stalin, sondern der Holo­do­mor in Folge der Kol­lek­ti­vie­rung und der „Große Terror“ von 1937/​38. Trotz aller Pro­pa­ganda blieb die Strahl­kraft der sowje­ti­schen Ukraine auf die Dia­spora deshalb beschränkt. Im Polen der Zwi­schen­kriegs­zeit waren die Ukrai­ner als natio­nale Min­der­heit gedul­det, doch sie standen am Rande der Gesell­schaft.

Die Ukraine, die als Staat 1939 nicht exis­tierte, wird gleich­wohl bis in die Gegen­wart von den Ent­schei­dun­gen dieses Jahres geprägt. Obwohl sie nur eine Episode in den Jahr­zehn­ten des Terrors und der Gewalt (1905–1953) dar­stellt, wurden durch die Sowje­ti­sie­rung Gali­zi­ens in den Jahren 1939–1941 ent­schei­dende Weichen für das gesamte Land gestellt. Am 17. Sep­tem­ber 1939 über­schrit­ten sowje­ti­sche Truppen die Grenze und fielen damit der pol­ni­schen Armee in den Rücken, die im Westen im Kampf gegen die Wehr­macht stand. Die Begrün­dung für den Ein­marsch war nicht die revo­lu­tio­näre Erhe­bung gegen die „pol­ni­schen Pane“, sondern die natio­nale Befrei­ung der Ukraine: es sei Aufgabe der Roten Armee, so hieß es im Tages­be­fehl, die weitere „Knech­tung“ der „weiß­rus­si­schen und ukrai­ni­schen Brüder“ zu ver­hin­dern. Stalins Pro­pa­gan­dist Emel‘jan Jaros­lavs­kij schrieb in der Pravda, es gehe um „Hilfe für die gleich­blü­ti­gen [edi­no­krov­nij] Ukrai­ner und Weiß­rus­sen, die in Polen wohnen.“ Die Begrün­dung des sowje­ti­schen Ein­mar­sches befand sich im Ein­klang mit dem völ­ki­schen Denken der Epoche.

Nach den Revo­lu­tio­nen, dem Bür­ger­krieg und dem Holo­do­mor begann 1939/​40 eine weitere Phase der Mas­sen­ge­walt auf dem Boden der heu­ti­gen Ukraine.  Die Sowje­ti­sie­rung der west­li­chen Ukraine war zugleich eine eth­ni­sche Säu­be­rung, die vor allem, aber kei­nes­wegs aus­schließ­lich, die pol­ni­sche Bevöl­ke­rung traf. Der pol­ni­sche Staat wurde zer­schla­gen und seine Reprä­sen­tan­ten ver­lo­ren ihre Ämter, ihren Besitz und häufig auch ihre Frei­heit oder ihr Leben. So begann seit dem Herbst 1939 die gewalt­same Ukrai­ni­sie­rung dieser eth­nisch gemisch­ten Gebiete. Durch den deut­schen Über­fall auf die Sowjet­union im Sommer 1941 eska­lierte die Gewalt noch­mals. die unter der anschlie­ßen­den deut­schen Besat­zung im Genozid an der jüdi­schen Bevöl­ke­rung gip­felte. Omer Bartov hat in seiner beein­dru­cken­den Studie über die gali­zi­sche Klein­stadt Buczacz/​ Buchach ein­dring­lich beschrie­ben wie diese Kom­bi­na­tion aus Sowje­ti­sie­rung, Besat­zung. Shoa und seit 1944 erneu­ter Sowje­ti­sie­rung eine gänz­lich neue Gesell­schaft formten. Jene Mul­ti­eth­ni­zi­tät, die über Jahr­hun­derte das Land geprägt hatte, ging auf Grund des Mordes, der Ver­trei­bung und der Depor­ta­tion der Min­der­hei­ten in weiten Teilen des Landes ver­lo­ren. Ins­be­son­dere die Städte und Klein­städte der Ukraine wurden neu bevöl­kert. Auf lange Zeit brannte sich die Erfah­rung von Ver­nich­tungs­krieg und Völ­ker­mord ins Gedächt­nis ein. Nach dem Ende des Krieges gab es kein Zurück mehr in die Welt von 1939 – sie hatte auf­ge­hört zu exis­tie­ren.

Die geo­po­li­ti­schen Rea­li­tä­ten, die im August 1939 geschaf­fen wurden, hatten nach der Nie­der­lage Deutsch­lands Bestand. Stalin behielt die ost­pol­ni­schen Gebiete (die kresy) und das Bal­ti­kum. Dies ver­än­derte auch die Nach­kriegs-Ukraine: sie bestand nun aus einem grö­ße­ren öst­li­chen Teil, der bereits von Beginn an zur Sowjet­union gehört hatte und aus dem gali­zi­schen Westen, in dem trotz aller Kata­stro­phen das Erbe der k.u.k. Zeit und der pol­ni­schen Periode sicht­bar blieb. Ähnlich wie das Bal­ti­kum im Norden war Gali­zien in vieler Hin­sicht „euro­päi­scher“ als der Rest der UdSSR und wurde auch so wahr­ge­nom­men. Es gab eine kul­tu­relle Dif­fe­renz zwi­schen den Lan­des­tei­len, die den Terror der drei­ßi­ger Jahre durch­lit­ten hatten und den Gebie­ten, die erst seit 1939 (mit der Unter­bre­chung der deut­schen Besat­zung) zur UdSSR gehör­ten. Die Dif­fe­renz zwi­schen der sowje­ti­schen und der ost­mit­tel­eu­ro­päi­schen Kom­mu­nis­muser­fah­rung ver­läuft mitten durch die Ukraine. Darin unter­schei­det sich das Land von Russ­land, den kau­ka­si­schen Staaten oder Zen­tral­asien.

Doch min­des­tens so dra­ma­tisch wie Krieg und Mas­sen­ge­walt, die auf den Hitler-Stalin-Pakt folgten, ist die tie­fer­lie­gende geo­po­li­ti­sche Frage, die 1918, 1939, 1945 und 1989 jeweils anders ent­schie­den wurde: Soll Ost­eu­ropa, wie der Westen des Kon­ti­nents, von Natio­nal­staa­ten geprägt sein oder ist es ein impe­ria­ler Raum, in dem nur die Groß­mächte wirk­lich sou­ve­rän sind? Das Jahr 1939 mar­kierte nach nur zwei Jahr­zehn­ten die Rück­kehr zur impe­ria­len Ordnung, die erst im Zuge des Umbruchs von 1989/​91 ein zweites Mal zusam­men­brach. Mit den Kriegen gegen Geor­gien 2008 und gegen die Ukraine seit 2014 hat der Kreml gezeigt, dass er bereit ist, seine impe­ria­len Ambi­tio­nen wieder mit Gewalt durch­zu­set­zen. Wie im Herbst 1939 wird wieder mit dem ver­meint­li­chen Schutz bedroh­ter Min­der­hei­ten argu­men­tiert, um die Inter­ven­tion in fremden Staaten zu legi­ti­mie­ren. Diese Kon­ti­nui­tät impe­ria­len Denkens ist es, die den Frieden in Europa bedroht.

Im Jahr 1939 stand Polen im Fokus des impe­ria­len roll back, seit 2014 ist es nun die Ukraine. Im Unter­schied zur Welt vor 80 Jahren führte das impe­riale Denken Moskau in der Gegen­wart jedoch nicht ins Bündnis, sondern in die Iso­la­tion. Dennoch sind das Hege­mo­nie­stre­ben des Kremls und seine Ent­schlos­sen­heit, zum Errei­chen der eigenen Ziele auch Gewalt ein­zu­set­zen, um Grenzen zu ver­än­dern, eine Rea­li­tät, der sich die Euro­päer erneut stellen müssen. Die Ordnung im Osten des Kon­ti­nents bleibt fragil und das Erbe von 1939 prägt unsere Zeit.

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