Warum Deutsch­land Lehren aus seinen Ver­bre­chen in der Ukraine ziehen muss

In der deut­schen Öffent­lich­keit ist kaum bekannt, welch hohen Blut­zoll die Ukraine im Zweiten Welt­krieg ent­rich­tete. Deutsch­land muss sich seiner Ver­ant­wor­tung bewusst werden – um seiner selbst willen.

Warum sollten wir heute, wo in ganz Europa der Popu­lis­mus blüht, wo die Demo­kra­tie der Ver­ei­nig­ten Staaten von Amerika von innen unter Druck steht und wo Russ­land mili­tä­risch in die Ukraine ein­ge­drun­gen ist – warum sollten wir gerade in dieser tur­bu­len­ten Zeit über his­to­ri­sche Ver­ant­wor­tung spre­chen?

Die Antwort ist: Es sind eben diese Pro­bleme, weshalb wir über his­to­ri­sche Ver­ant­wor­tung spre­chen müssen. Es gibt viele Ursa­chen für die Kon­flikte inner­halb der Euro­päi­schen Union, es gibt viele Gründe für die Krise der Demo­kra­tie in den Ver­ei­nig­ten Staaten. Einer davon ist das Unver­mö­gen, mit bestimm­ten Aspek­ten der Geschichte umzu­ge­hen.

Lassen Sie mich über Deutsch­land spre­chen, indem ich mit den Ver­ei­nig­ten Staaten beginne. Warum haben wir die Regie­rung, die wir jetzt haben? Wie können wir 2017 einen ame­ri­ka­ni­schen Prä­si­den­ten haben, der sich unver­ant­wort­lich in ras­sis­ti­scher Weise äußert? Wie können wir einen Gene­ral­staats­an­walt haben, der als Ver­fech­ter weißer Vor­herr­schaft gilt? Die Antwort lautet: Weil wir uns mit wich­ti­gen Fragen unserer Ver­gan­gen­heit nicht aus­ein­an­der­ge­setzt, keine his­to­ri­sche Ver­ant­wor­tung über­nom­men haben.

Der Prä­si­dent fragt sich öffent­lich, warum wir den ame­ri­ka­ni­schen Bür­ger­krieg geführt haben, warum es über­haupt dazu kam, dass es in Amerika einen Kon­flikt über Skla­ve­rei gab. Die Frage der Skla­ve­rei und die Frage, was eine Kolonie ist, was ein Impe­rium ist, führen uns zu dem zen­tra­len Punkt, den ich für einen blinden Fleck im his­to­ri­schen Gedächt­nis Deutsch­lands halte.

Die Ukraine im Zentrum von Hitlers Ideo­lo­gie

Amerika wurde zu einem großen Teil durch Skla­ven­ar­beit errich­tet. Es ist gerade dieses Modell der Grenz­ko­lo­ni­sa­tion, des von Sklaven errich­te­ten Impe­ri­ums, das Hitler bewun­derte. Für Hitler stand fest, wer im deut­schen Ost­im­pe­rium die ras­sisch Nie­der­ge­stell­ten, die Sklaven, sein sollten. Die theo­re­ti­sche Antwort gab er in „Mein Kampf“, die prak­ti­sche ab 1941 im Ost­feld­zug: Die Ukrai­ner.

Hitlers Idee war eine auf Skla­ve­rei beru­hende Kolo­ni­al­herr­schaft in Ost­eu­ropa, in dessen Zentrum die Ukraine stehen sollte

Sie standen im Zentrum seiner Kolo­ni­sa­ti­ons- und Ver­skla­vungs­po­li­tik. Die Ukrai­ner sollten behan­delt werden wie „Afri­ka­ner“ oder „Neger“, wie deut­sche Doku­mente aus dem Krieg zeigen. In Ana­lo­gie zu den Ver­ei­nig­ten Staaten war Hitlers Idee, eine auf Skla­ve­rei beru­hende Kolo­ni­al­herr­schaft in Ost­eu­ropa zu errich­ten, in dessen Zentrum die Ukraine stehen sollte.

Und weil die Erobe­rung der Ukraine ein zen­tra­les Ziel für Hitler war, ist es sinnlos, an den Zweiten Welt­krieg zu erin­nern, ohne die Ukraine zu berück­sich­ti­gen. Jedes Geden­ken, das an die ideo­lo­gi­schen, wirt­schaft­li­chen und poli­ti­schen Absich­ten des Nazi-Regimes erin­nert, muss daher mit der Ukraine begin­nen.

Hitlers Politik kon­zen­trierte sich gera­dezu auf die Ukraine: Der Hun­ger­plan mit der Vor­stel­lung, zig Mil­lio­nen Men­schen im Winter von 1941 ver­hun­gern zu lassen; der Gene­ral­plan Ost mit der Idee, in den fol­gen­den Jahren weitere Mil­lio­nen Men­schen gewalt­sam umzu­sie­deln oder zu töten und schließ­lich die End­lö­sung, Hitlers Plan von der Ver­nich­tung der Juden – all diese Vor­stel­lun­gen gingen einher mit der Idee der Inva­sion der Sowjet­union, deren Haupt­ziel die Erobe­rung der Ukraine war.

Folgen der deut­schen Besat­zung für die Ukraine

Die Folgen für die Ukraine waren kata­stro­phal: Drei­ein­halb Mil­lio­nen Zivi­lis­ten der Sowjet-Ukraine wurden Opfer deut­scher Tötungs­po­li­tik zwi­schen 1941–1945. Hinzu kommen weitere drei­ein­halb Mil­lio­nen Ukrai­ner, die als Sol­da­ten der Roten Armee oder indi­rekt an den Folgen des Krieges starben.

Natür­lich sind die Zahlen für die gesamte Sowjet­union viel höher. Aber es lohnt sich, hier spe­zi­fisch zu sein und sich der Unter­schiede zwi­schen der Ukraine und dem Rest der Sowjet­union gewahr zu werden. Erstens stand die Ukraine als Lebens­raum und Korn­kam­mer im Zentrum des ideo­lo­gi­schen Kolo­nia­lis­mus‘ Hitlers. Zwei­tens war das Land für die meiste Zeit des Kriegs kom­plett besetzt, während die deut­schen Armeen weniger als fünf Prozent von Sowjet-Russ­land erobert haben (und selbst das nur für einen relativ kurzen Zeit­raum).

Im Zentrum des Ver­nich­tungs­kriegs stand nicht nur Russ­land – sondern die Ukraine

Ohne jeden Zweifel – Russen litten unter dem Zweiten Welt­krieg in einer Weise, die für West­eu­ro­päer undenk­bar ist. Aber dennoch, wenn wir über die Sowjet­union nach­den­ken, ist die Stel­lung der Sowjet-Ukraine beson­ders selbst im Ver­gleich zu Sowjet-Russ­land. In abso­lu­ten Zahlen starben nach Schät­zun­gen rus­si­scher His­to­ri­ker im Zweiten Welt­krieg mehr Ein­woh­ner der Sowjet-Ukraine als Ein­woh­ner Sowjet-Russ­lands. Relativ gesehen war die Ukraine somit viel mehr Gefah­ren während des Kriegs aus­ge­setzt als Sowjet-Russ­land.

Mit anderen Worten: Es ist wichtig, an den deut­schen Ver­nich­tungs­krieg gegen die Sowjet­union zu erin­nern. Aber im Zentrum dieses Ver­nich­tungs­kriegs stand nicht nur Russ­land – sondern die Ukraine.

Wenn wir über deut­sche his­to­ri­sche Ver­ant­wor­tung für Russ­land spre­chen wollen, müssen wir mit der Ukraine begin­nen. Die größte zer­stö­re­ri­sche Praxis des deut­schen Kriegs traf die Ukraine. Wenn es ernst­haft um die deut­sche Ver­ant­wor­tung für den Osten gehen soll, muss deshalb die Ukraine an erster Stelle genannt werden.

Ver­ant­wor­tung für den Holo­caust bedeu­tet auch Ver­ant­wor­tung für die Ukraine

Der Holo­caust ist inte­gral ver­bun­den mit dem Ver­nich­tungs­krieg und dem Bestre­ben, die Ukraine zu erobern. Hätte Hitler nicht die kolo­niale Vor­stel­lung gehabt, einen Krieg in Ost­eu­ropa zu führen, um die Ukraine zu kon­trol­lie­ren, hätte es den Holo­caust nicht gegeben. Denn es war dieser Plan, der die deut­sche Staats­macht nach Ost­eu­ropa brachte, wo die euro­päi­schen Juden mehr­heit­lich lebten.

Erst der Krieg in der Ukraine brachte Wehr­macht, SS und die deut­sche Polizei an Orte, wo Juden mas­sen­haft umge­bracht werden konnten. Es waren Orte wie Babyn Jar oder Kam­ja­nez-Podils­kyj, wo 1941 erst­mals in der Geschichte der Mensch­heit zehn­tau­sende Men­schen durch Mas­sen­er­schie­ßun­gen ermor­det wurden. Hier wurde den Natio­nal­so­zia­lis­ten klar, dass etwas wie der Holo­caust möglich war.

Was bedeu­tet das? Es bedeu­tet, dass jeder Deut­sche, der den Gedan­ken der Ver­ant­wor­tung für den Holo­caust ernst nimmt, auch die Geschichte der deut­schen Okku­pa­tion der Ukraine ernst nehmen muss.

Deut­sche Urteile über die Ukraine sind nicht unschul­dig

Als His­to­ri­ker weiß ich, dass die Geschichte der Ukraine unbe­kannt ist und kom­pli­ziert erscheint. Aber das ist nicht das einzige Problem. Ein Teil des Pro­blems hat zu tun mit Denk­ge­wohn­hei­ten in Bezug auf Kolo­ni­sa­tion, Denk­ge­wohn­hei­ten in Bezug auf Aggres­si­ons­kriege, Denk­ge­wohn­hei­ten in Bezug auf das Bestre­ben, andere Völker zu ver­skla­ven. Dieses Bestre­ben, ein anderes Volk zu ver­skla­ven, kann nicht ohne Schuld sein – auch nicht für kom­mende Gene­ra­tio­nen. Es wird Spuren hin­ter­las­sen, wenn ihm nicht begeg­net wird.

Es wird Spuren hin­ter­las­sen, wie die ver­brei­tete Neigung, ein Volk zu über­se­hen, es nicht als Volk anzu­se­hen. All das Reden von der Ukraine als keiner rich­ti­gen Nation, als einem failed state oder als kul­tu­rell gespal­te­nem Land – all dieses Reden in deut­scher Sprache – das ist nicht unschul­dig. Das ist ein Erbe der Bestre­bung, ein Volk zu kolo­ni­sie­ren, das nicht als Volk ange­se­hen wird.

Urteile über die Ukraine, die das Land mit anderem Maß­stä­ben messen oder die Ver­wen­dung von For­mu­lie­run­gen wie der, dass es keine ukrai­ni­sche Nation und keinen ukrai­ni­schen Staat gäbe – wenn dies auf Deutsch gesagt wird, sind diese Worte nicht unschul­dig.

Aus jüngs­ter Erfah­rung als Ame­ri­ka­ner kann ich sagen: Wenn man die Geschichte von Kolo­ni­sa­tion und Skla­ve­rei falsch ver­steht, kann sie zurück­keh­ren. Und Deutsch­lands Geschichte mit der Ukraine ist gerade eine Geschichte von Kolo­ni­sa­tion und Skla­ve­rei.

Ver­ant­wor­tung über­neh­men, um Deutsch­land zu helfen

Als ich im Sep­tem­ber 2016 in der Ukraine war, um über Babyn Jar zu spre­chen, als ich vor Mil­lio­nen ukrai­ni­schen Fern­seh­zu­schau­ern stand und ver­suchte, über diese Dinge zu spre­chen, war mein wesent­li­cher Punkt: gedenkt Babyn Jar nicht wegen der Juden, gedenkt Babyn Jar wegen Eurer selbst. Ihr gedenkt des Holo­causts‘, weil es Teil des Aufbaus einer ver­ant­wort­li­chen Gesell­schaft und hof­fent­lich in Zukunft funk­tio­nie­ren­den Demo­kra­tie in der Ukraine ist. Das gilt für die Ukraine. Aber das gilt auch für mich. Und das gilt für uns alle.

Der Zweck des Geden­kens der deut­schen Ver­ant­wor­tung für sechs­ein­halb Mil­lio­nen Tote, her­vor­ge­ru­fen durch den deut­schen Krieg gegen die Sowjet­union, ist nicht, der Ukraine zu helfen. Die Ukrai­ner sind sich dieser Ver­bre­chen bewusst. Die Ukrai­ner leben damit, die Kinder, Enkel, Urenkel der Gene­ra­tion leben bereits mit dem Erbe dieser Ver­bre­chen.

Deutsch­land kann es sich nicht leisten, wich­tige Teile seiner Geschichte falsch zu ver­ste­hen

Es geht viel­mehr darum, Deutsch­land zu helfen – Deutsch­land als Demo­kra­tie gerade in diesem his­to­ri­schen Moment, in dem wir mit dem Brexit zu tun haben, mit erstar­ken­den Popu­lis­ten, mit den nie­der­ge­hen­den und immer weniger demo­kra­ti­schen Ver­ei­nig­ten Staaten von Amerika. Genau in diesem Moment kann Deutsch­land es sich nicht leisten, wich­tige Teile seiner Geschichte falsch zu ver­ste­hen. Genau in diesem Moment muss Deutsch­land seine Wahr­neh­mung der Ver­ant­wor­tung ver­voll­stän­di­gen.

Es hatte euro­päi­sche Folgen, die Geschichte der Ukraine im Jahr 2013 und 2014 falsch zu ver­ste­hen. Die Geschichte der Ukraine heute falsch zu ver­ste­hen, während Deutsch­land die ver­blie­bene füh­rende Demo­kra­tie des Westens ist, wird inter­na­tio­nale Folgen haben.


Dieser Text basiert auf einem Vortrag, den der Autor im Juni 2017 zum Thema „Deutsch­lands his­to­ri­sche Ver­ant­wor­tung für die Ukraine“ im Deut­schen Bun­des­tag gehal­ten hat. 

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