„Die Toten haben mich besucht“

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Kriegs­ve­te­ra­nen mit post­trau­ma­ti­schen Belas­tungs­stö­run­gen (PTSB) – Was der ukrai­ni­sche Staat für sie tut. Über die psy­chi­sche Gesund­heit von Kriegs­dienst­leis­ten­den. Von Vik­to­ria Roschina

Drei Männer haben etwas gemein­sam – Oleksij Belko, der die Brücke in der Haupt­stadt „vermint“ hat, Dmytro Bala­bu­cha, der an einer Hal­te­stelle einen Zivi­lis­ten erstach, und Mykola Myky­tenko, der sich selbst in Brand setzte. Sie alle sind kör­per­lich unver­sehrt aus dem Krieg zurück­ge­kehrt, aber, wie Dmitry Bala­bukhas Mutter sagte, der Krieg steckt noch in ihnen.

Sie gehören zu den ca. 500.000 Vete­ra­nen des seit sieben Jahren wüten­den Krieges zwi­schen Russ­land und der Ukraine. In diesen sieben Jahren sind die Nach­rich­ten gespickt mit Berich­ten von Morden, Anschlä­gen und Sui­zi­den ehe­ma­li­ger Kämpfer. Nach der Rück­kehr aus dem Krieg gibt es nicht selten Kon­flikte mit der Familie, Alko­ho­lis­mus und Drogenmissbrauch.

Ärzte erklä­ren dies mit Ver­än­de­run­gen des psy­chi­schen Zustan­des der Betrof­fe­nen. Feh­lende oder abge­lehnte psy­cho­lo­gi­sche Hilfe, das Igno­rie­ren des Pro­blems post­trau­ma­ti­scher Belas­tungs­stö­run­gen (PTBS) auf staat­li­cher Ebene können in der Zukunft zu schwer­wie­gen­den Folgen führen.

In unserer Recher­che und unserem Doku­men­tar­film gehen wir diesem Problem auf den Grund, indem wir mit Psy­cho­lo­gen, Ärzten, Frei­wil­li­gen, mit den Vete­ra­nen selbst und mit deren Ver­wand­ten sprechen.

„Du schließt die Augen und träumst vom Krieg“

„Nach Debal­zewe ist meine Frau ein biss­chen aus­ge­flippt und wollte, dass ich mich ver­set­zen lasse. Ich bin noch ein paar Mal in die ATO gefah­ren und kam zurück nach Kyjiw und bin dann den Spe­zi­al­ein­satz­kräf­ten bei­getre­ten“, erzählt uns der Ex-Soldat Oleksij Belko.

Er ist seit Sep­tem­ber 2019 besser bekannt als der „Mann, der gedroht hat, die Metro-Brücke zu spren­gen“. Wir treffen ihn in einer psych­ia­tri­schen Ein­rich­tung in der Region Kyjiw, wo er sich einer Behand­lung unterzieht.

„Kurz und knapp, ich kann sagen, dass ich diese Tat bereue“, sagt Oleksij. Aber er erklärt, dass er zu dieser Zeit­ei­nen der psy­chi­schen Anspan­nung erlebte.

„Du schließt die Augen und träumst vom Krieg, von Explo­sio­nen und Schüs­sen. Die Jungs, die gestor­ben sind, haben mich besucht, und ich ver­stand nicht, ob ich träume oder nicht“.

Oleksij Belko wurde in eine Mili­tär­fa­mi­lie auf der Krim hin­ein­ge­bo­ren. Er sagt, dass er für sich keine andere Aufgabe als den Mili­tär­dienst gesehen hat. Er diente zunächst bei der Marine, und als der Krieg begann, zog er nach Kyjiw und ging als Scharf­schütze an die Front.

Oleksij nahm an den Kämpfen um Debal­zewe teil. Mit den jungen Offi­zie­ren hatte er sich, seinen Worten nach, schon in Kyjiw nicht ver­stan­den. Schließ­lich ging auch die Bezie­hung zu seiner Frau auf­grund gewis­ser Dif­fe­ren­zen in die Brüche: „Und wieder nur wegen des Krieges“.

Laut Oleksij berich­tete er seinen Vor­ge­setz­ten über seinen Zustand, doch diese leug­ne­ten ihn.

Aber im Laufe des Gesprä­ches setzt er hinzu: „Ich dachte, ich könnte mich noch selbst bezwin­gen. Das ist wahr­schein­lich bei allen Männern so, sie halten sich für stärker als sie sind“.

Oleksij ist über­zeugt, dass alle Vete­ra­nen umge­hend Hilfe in Anspruch nehmen sollten, sobald sie Ver­än­de­run­gen ihres psy­chi­schen Zustands spüren.

„Es kommen defi­ni­tiv alle in einem ver­än­der­ten Zustand zurück. Man darf nicht abwar­ten. Bei Bedarf muss man sich sofort um Hilfe bemühen, auch wenn man noch keinen kri­ti­schen Zustand erreicht hat“, sagt Belko.

Er träumt nach wie vor davon, in den Krieg zurück­zu­keh­ren, aber er schließt auch eine andere Beschäf­ti­gung nicht für sich aus: „Wenn nicht in den Krieg? Dann würde ich ver­su­chen, in Kyjiw eine Schmiede aufzumachen“.

Eine Schmiede betrieb Belko einst auf der Krim, auf die er gerne zurück­keh­ren würde.

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Der Veteran Oleksij Belko, der damit drohte, die Metro­brü­cke in der Haupt­stadt zu spren­gen, während seiner Gerichts­ver­hand­lung in Kyjiw am 20. Sep­tem­ber 2019.

„Morgens liegt er in voller Kampf­mon­tur unter dem Bett“

In Folge der trau­ma­ti­schen Ereig­nisse, die die Sol­da­ten an der Front durch­ma­chen, ist der Prozess der Infor­ma­ti­ons­ver­ar­bei­tung gestört. Ver­let­zun­gen, der Verlust eines Kame­ra­den, Gefan­gen­schaft, können Stress­fak­to­ren sein. In der Folge kann alles, was auch nur im Ent­fern­tes­ten an die trau­ma­ti­schen Ereig­nisse erin­nert, eine Schutz­re­ak­tion des Orga­nis­mus hervorrufen.

„Der Vater kehrt aus dem Krieg heim, und eigent­lich scheint alles in Ordnung zu sein. Alle gehen schla­fen, und morgens liegt er dann in voller Kampf­mon­tur unter dem Bett, die Schnür­sen­kel sind gebun­den. Oder der Vater schreit, es gibt Miss­ver­ständ­nisse mit der Mutter, die ihn in einer Weise bittet, den Müll raus­zu­brin­gen, wie er es nicht gern hört. Mehr häus­li­che Kon­flikte und, was sehr frus­trie­rend ist – sehr viele Schei­dun­gen“, erzählt man im Zentrum für sozial-psy­cho­lo­gi­sche Reha­bi­li­ta­tion in Borodjanka.

„Sol­da­ten sagen oft, dass vor ihren Augen ein Film abläuft, und sie sich plötz­lich, ohne Grund, unter einer Bank ver­ste­cken, so als würden sie vor geg­ne­ri­schem Feuer in Deckung gehen. Die Leute drum­herum sehen das nicht, sie ver­ste­hen den Grund für dieses Ver­hal­ten nicht. Das kann Geläch­ter her­vor­ru­fen, was wie­derum Aggres­sio­nen aus­lö­sen kann“, erklärt Andrij Tschai­kow­skyj, der als Arzt im zen­tra­len Mili­tär­kran­ken­haus arbeitet.

Nach Angaben dieses Kran­ken­haus leiden 30 bis 40 Prozent der ehe­ma­li­gen Wehr­dienst­leis­ten­den an post­trau­ma­ti­schen Belas­tungs­stö­run­gen. Nach Angaben des Minis­te­ri­ums für Vete­ra­nen­an­ge­le­gen­hei­ten sind es 10 bis 15 Prozent.

Die Haupt­sym­ptome einer post­trau­ma­ti­schen Belas­tungs­stö­rung sind soge­nannte Flash­backs und Intru­sio­nen. Dies bedeu­tet, dass ein Mensch durch bestimmte Ereig­nisse, in die er hin­ein­ge­rät, ver­gan­gene trau­ma­ti­sche Momente noch einmal erlebt. Die Sym­ptome können ent­we­der unmit­tel­bar nach dem Trauma oder erst nach meh­re­ren Jahren auftreten.

„Der klas­si­sche Veteran ist als junger Kerl an die Front gekom­men, wo man ihm gesagt hat: ‚Schau mal, das hier ist deine Stelle. Hier legst du dich bäuch­lings auf den Boden, nimmst dir dein Maschi­nen­ge­wehr und bekommst einen Siche­rungs­be­reich. Falls in diesem Bereich jemand auf­taucht, dann schalte ihn aus!‘. Und jetzt stellen Sie sich vor, dass dieser Bereich nicht 60 Grad umfasst, sondern 360 Grad, und zwar in der U‑Bahn. Du drehst dich im Kreis, und du wirkst dadurch merk­wür­dig. Die Leute reagie­ren auf dich, sehen, dass du Uniform trägst. „Der hat eine Gehirn­er­schüt­te­rung!“. Für ihn klingt das natür­lich bedroh­lich. Mög­li­cher­weise fängt er an her­um­zupö­beln, viel­leicht macht er sich auch einfach aus dem Staub. Für ihn ist das völlig normal, er hat ja gelernt zu über­le­ben“, erklärt der Mili­tär­psy­cho­loge Andrij Kosintschuk.

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Der Veteran Dmytro Bala­bu­cha tötete 2018 einen Zivi­lis­ten an einer Hal­te­stelle. Seine Tat war nicht bloß Rache für eine Belei­di­gung, sondern die Folge einer post­trau­ma­ti­schen Belastungsstörung. 

„Er hat die Bedro­hung ausgeschaltet“

Kos­int­schuk ist der Meinung, dass das Ver­hal­ten des Sol­da­ten Dmytro Bala­bu­cha, der 2018 einen Zivi­lis­ten an einer Hal­te­stelle tötete, keine Rache war, sondern Folge seiner post­trau­ma­ti­schen Belastungsstörung.

„Ich will ein Ver­bre­chen verüben und ich will über­le­ben, das sind zwei unter­schied­li­che Sachen. Ich möchte mich nicht her­aus­re­den, aber bei Bala­bu­cha ist die Sache klar. Er wurde gede­mü­tigt, geschla­gen, und aus Rache hat er dann einen Men­schen getötet? Nein, er hat die Bedro­hung aus­ge­schal­tet“, sagt der Psychologe.

Nicht lange vor der Tat war der Veteran im Krieg ver­letzt worden. Er trägt noch immer eine Platte im Kopf.

Der Psych­ia­ter Wolo­dymyr Schurduk erklärt, dass es bei der Beur­tei­lung der Kämpfer wichtig sei, alle ihre Trau­mata zu berück­sich­ti­gen. Derzeit wird solche Exper­tise noch nicht stan­dard­mä­ßig gemacht.

„Hat ein Mensch die Dia­gnose, bei­spiels­weise, einer orga­ni­schen Schä­di­gung des Gehirns erhal­ten, dann geht diese Schä­di­gung oft auch mit psy­chi­schen Stö­run­gen einher. Emo­tio­nale Unaus­ge­gli­chen­heit, eine gestei­gerte Neigung zu effek­ti­ven Reak­ti­ons­for­men und vieles mehr. Das muss also in Betracht gezogen werden, wenn es um die Beur­tei­lung des Ver­hal­tens dieser Men­schen in kri­mi­nel­len Situa­tio­nen geht“, erklärt der Psychiater.

Die Ärzte fügen hinzu, dass im Land lange Zeit kein Ver­ständ­nis für die psy­chi­sche Gesund­heit von Kriegs­dienst­leis­ten­den herrschte. Niemand war sich darüber im Klaren, welche Folgen nach einem Dienst an der Front auf­tre­ten können. Das Fehlen einer solchen Aus­bil­dung dürfte nach Meinung der Ärzte ein Grund für die psy­chi­schen Schäden vieler Vete­ra­nen sein.

Das Minis­te­rium für Vete­ra­nen weist darauf hin, dass die bloße Tat­sa­che der Teil­nahme an Kampf­hand­lun­gen noch keinen straf­min­dern­den Umstand dar­stellt, sondern in jedem Fall eine Prüfung vor­ge­nom­men werden muss.

„Ein Mensch hat ein Ver­bre­chen verübt. Mög­li­cher­weise haben bestimmte Umstände dazu geführt. Diese Prüfung muss unvor­ein­ge­nom­men sein. Als Minis­te­rium werden wir die Vete­ra­nen unbe­dingt beschüt­zen und auf ihre Rechte bestehen“, erklärt der Ver­tre­ter des Minis­te­ri­ums Ihor Beskorowainyj.

Eine ähn­li­che Haltung haben auch die Strafverfolgungsbehörden.

„Wenn ein Mensch ein Ver­bre­chen verübt hat, dann muss er sich dafür ver­ant­wor­ten. Es kann also nicht sein, dass ein Mensch, der einen anderen umge­bracht hat, nur des­we­gen wieder frei­ge­las­sen wird, weil er im Kriegs­ge­biet war“, sagt man bei der Polizei.

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Julia Myky­tenko, Sol­da­tin und Tochter des Vete­ra­nen Mykola Myky­tenko, der sich auf dem Kyjiwer Maidan selbst anzündete. 

„Selen­skyj lässt mich nicht kämpfen“

In der Nacht auf den 11. Oktober des ver­gan­ge­nen Jahres setzte sich der 49-jährige Veteran Mykola Myky­tenko auf dem Maidan in Brand. Er erlitt Ver­bren­nung an 90 Prozent seines Körpers und starb im Krankenhaus.

Die Tochter des Ver­stor­be­nen, Julia Myky­tenko, sagt, dass ein starkes Gerech­tig­keits­ge­fühl ihren Vater zu der Selbst­ver­bren­nung getrie­ben hat.

„Ich habe die Person gefun­den, die den Brand gelöscht hat. Das letzte, was er schrie, war: ‚Selen­skyj lässt mich nicht kämpfen‘“, sagt die junge Frau.

Mykola Myky­tenko war ein aktives Mit­glied der Bür­ger­wehr auf dem Maidan. Er meldete sich 2014 frei­wil­lig zur Natio­nal­garde und nahm in den Reihen des Serhij-Kult­schyts­kyj-Batail­lons an den Kämpfen um Slo­wjansk teil. Während der Eva­kua­tion eines abge­stürz­ten Hub­schrau­bers bei Karat­schun wurde Myky­tenko ver­wun­det. Anschlie­ßend diente er in ver­schie­de­nen Ein­hei­ten im Donbas.

„Gleich nachdem Selen­skyj die Wahlen gewon­nen hatte, fingen diese merk­wür­di­gen Aktio­nen der tri­la­te­ra­len (rus­si­schen, ukrai­ni­schen und OSZE) Kon­takt­gruppe an – über den Rückzug von Truppen, Inspek­tio­nen unserer Posi­tio­nen und Abzug der schwe­ren. Er rief mich an und fragte: ‚Julia, was soll das? Was ist da los?‘. Er hat seinen Schwie­ger­sohn sehr geliebt – meinen Mann, der in der Schlacht von Swit­lo­darsk gefal­len ist. Auch dieses Ter­ri­to­rium fiel unter den Abzugs­be­fehl. Das war für ihn eine beson­dere Tra­gö­die“, erzählt seine Tochter.

Am Vortag seiner Selbst­ver­bren­nung ver­an­stal­tete Mykola eine einsame Mahn­wa­che vom dem Büro des Prä­si­den­ten. Zudem rief er seine Kame­ra­den dazu auf, sich einem Marsch der Ukrai­ni­schen Auf­stän­di­schen Armee anzuschließen.

Die Selbst­ver­bren­nung wird von vielen eben­falls als Folge einer post­trau­ma­ti­schen Belas­tungs­stö­rung eingeschätzt.

„Solange ein Soldat sich im Krieg befin­det, hat er immer eine Rolle. Er ver­tei­digt das Land. Wenn er in das zivile Leben zurück­kehrt, dann ver­sucht er diese Rolle oft fort­zu­set­zen, manch­mal in sehr über­stei­ger­ter Form“, sagt die Frei­wil­lige Oksana Hor­batsch, die den Sport­wett­be­werb für Vete­ra­nen „Spiele der Unbeug­sa­men“ organisiert.

„Wir sehen schon jetzt die nega­ti­ven Folgen der feh­len­den Reinte­gra­tion der Vete­ra­nen. Eine solche Person fühlt sich uner­wünscht, schlecht ver­sorgt, einfach wie eine Null. Das Wich­tigste, was wir als Gesell­schaft tun müssen, ist dafür zu sorgen, dass die Vete­ra­nen inte­griert werden, Rollen für sie zu finden, in denen sie sich wohl­füh­len“, fügt Hor­batsch hinzu.

Ärzte berich­ten auch, dass einige Vete­ra­nen den Wunsch ver­spü­ren, aus dem realen Leben aus­zu­stei­gen. Das tun sie nicht selten mit­hilfe von Alkohol und Drogen.

„Es gibt Men­schen, die wegen einer phy­si­schen Ver­let­zung auf Medi­ka­men­ten ‚hän­gen­ge­blie­ben‘ sind. Ein großes Problem gibt es bei Nal­bu­phin. Ins­be­son­dere bei Men­schen mit Ampu­ta­tio­nen. Einige sind zu mir gekom­men und haben gesagt: ‚Helfen Sie mir, ich will auf­hö­ren und ohne das Zeug klar­kom­men‘. Und wenn du siehst, dass er frei davon ist, Fort­schritte macht und Ziele setzt, dann ist das ein sehr gutes Gefühl“, sagt der Arzt Andrij Tschaikowskyj.

Oft wollen Vete­ra­nen einfach nicht über ihre Pro­bleme reden.

„Vete­ra­nen wollen tat­säch­lich nicht um Hilfe bitten. Erstens, weil sie denken, sie bräuch­ten das nicht, – bei uns fehlt einfach die ent­spre­chende Kultur, sich an einen Psy­cho­lo­gen oder Psy­cho­the­ra­peu­ten zu wenden. Irgend­wie wird es auf­ge­scho­ben.  Dann heißt es, du seist ein Psycho“, sagt Julia Mykytenko.

Gemäß Daten des Minis­te­ri­ums für Vete­ra­nen­an­ge­le­gen­hei­ten hat es im Zeit­raum von 2019 bis 2020 76 Selbst­morde unter Kriegs­teil­neh­mern gegeben. Das Militär betont, dass Frei­wil­lige nicht in diese Sta­tis­tik ent­hal­ten sind, weshalb die tat­säch­li­che Anzahl viel höher sei.

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Vete­ra­nen am 17. Sep­tem­ber 2019 bei einer Ver­an­stal­tung im Zentrum für psy­chi­sche Gesund­heit und Reha­bi­li­ta­tion von Kriegsveteranen

„Jedes Land, das Men­schen an die Front schickt, sollte sich auch um sie kümmern“

Im Minis­te­rium für Vete­ra­nen­fra­gen erklärt man, dass ein Pro­gramm exis­tiert, das die psy­cho­lo­gi­sche Reha­bi­li­ta­tion ehe­ma­li­ger Sol­da­ten finan­ziert. Im ver­gan­ge­nen Jahr erhielt es ca. 80 Mil­lio­nen Hrywnja.

„Es ist geplant, dass sechs- bis sie­ben­tau­send Men­schen eine Reha­bi­li­ta­tion durch­lau­fen. Dafür sind spe­zi­elle Ein­rich­tun­gen vor­ge­se­hen“, gibt man in der Behörde an.

Es exis­tie­ren derzeit 300 Ein­rich­tun­gen zur psy­cho­lo­gi­schen Reha­bi­li­ta­tion, die in allen Regio­nen aktiv sind. Bei fünf von ihnen handelt es sich um spe­zia­li­sierte Einrichtungen.

Eine davon ist „Lisowa Poljana“ in Puscht­scha-Wodytsja. Früher wurden hier Heim­keh­rer des Krieges in Afgha­ni­stan behandelt.

„Gehol­fen werden kann nur auf Bitte des Pati­en­ten. Wenn er sagt, dass er sein eigener Psy­cho­loge ist, dann hat es keinen Sinn“, sagt die Lei­te­rin des Zen­trums Ksenija Wosnitsyna.

„Zual­ler­erst kümmern wir uns um das Trauma selbst. An zweiter Stelle kommen die soge­nann­ten post­kommo­tio­nel­len Syn­drome. Das sind Folgen von Schädel-Hirn-Trau­mata und Baro­t­rau­mata, die oft mit psy­chi­schen Stö­run­gen ein­her­ge­hen. Und an dritter Stelle steht die Behand­lung von Abhän­gig­kei­ten von diver­sen psy­cho­ak­ti­ven Sub­stan­zen“, fügt Wos­nit­syna hinzu.

Bei ihrer Arbeit setzen die Psy­cho­lo­gen neben Com­pu­ter­spie­len auch Malerei und phy­si­sches Trai­ning ein.

„Die durch Trau­mata beein­träch­tig­ten Funk­tio­nen sind vor allem das Gedächt­nis, die Auf­merk­sam­keit und die Raum­wahr­neh­mung. Die Spiele sind einfach gehal­ten (Anm. d. Red.: Com­pu­ter­spiele), aber sie unter­stüt­zen die Erneue­rung dieser Funk­tio­nen und ihre Wei­ter­ent­wick­lung“, erzählt der Psy­cho­loge Roman Panjuschkin.

Außer den Psy­cho­lo­gen und Trai­nern arbei­ten im Zentrum auch Frei­wil­lige des Pro­jekts „Freund eines Helden“ mit den Vete­ra­nen. Es handelt sich dabei um eine The­ra­pie mit­hilfe von Hunden.

„Ein Hund bewer­tet nicht, er stellt keine Fragen. Er blickt einem Men­schen einfach in die Augen und schenkt ihm Liebe. Und das fühlt ein Veteran, der durch bestimmte Ereig­nisse trau­ma­ti­siert ist, der schreck­li­che Dinge gesehen und Schwie­rig­keit hat, sich wieder in die Nor­ma­li­tät ein­zu­fin­den“, erzählt die Koor­di­na­to­rin des Pro­jek­tes Olha Smirnowa.

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Ein Psy­cho­loge mit einem Pati­en­ten im Zentrum für psy­chi­sche Gesund­heit und Reha­bi­li­ta­tion von Kriegs­ve­te­ra­nen auf dem Gelände des „Kran­ken­hau­ses für Vete­ra­nen – Lisowa Poljana“

Psy­cho­lo­gen sagen, dass es für Vete­ra­nen sehr wichtig sei, recht­zei­tig gehört zu werden, denn die Mehr­heit der Suizide seien „ein Schrei nach Hilfe, den niemand gehört hat“.

„Wenn der Was­ser­ko­cher brodelt, dann schal­ten wir ihn aus oder wir klappen ihn auf. Manch­mal wissen Men­schen aber nicht, was sie damit anfan­gen sollen. Wenn sie bei uns anrufen, dann können sie den Dampf ablas­sen und sich aus­spre­chen, denn sie kennen uns nicht per­sön­lich“, sagt der Hotline-Mit­ar­bei­ter und Mili­tär­seel­sor­ger Wjat­sches­law. Er fügt hinzu, dass es sehr wichtig sei, was für ein Mensch der Veteran vor dem Krieg war.

„Es geht um den Intel­lekt, womit er sich beschäf­tigt hat, wie arbeit­sam er war, ob er zum Kampf befä­higt war, welches Ver­hält­nis er zur Familie hatte. Es gibt eine Menge Faktoren“.

Psy­cho­lo­gen berich­ten, dass eines der Sym­ptome, über das Vete­ra­nen oft spre­chen, über­mä­ßige Aggres­si­vi­tät ist.

„Wir bringen ihnen bei, wie sie diese Aggres­sio­nen mög­lichst nach­hal­tig abbauen können. Das kann zum Bei­spiel in der Sport­halle oder gene­rell durch phy­si­sche Akti­vi­tät pas­sie­ren. Wir haben Leuten auch schon einfach eine Schau­fel in die Hand gedrückt, und sie Schnee schip­pen geschickt. Denn durch kör­per­li­che Akti­vi­tät können Aggres­sio­nen sehr gut abge­baut werden. Daneben lehren wir auch Ent­span­nungs­me­tho­den, das Zählen bis zehn“, sagt Panjuschkin.

Eine Initia­tive zur Reha­bi­li­ta­tion von ehe­ma­li­gen Sol­da­ten sind die „Spiele der Unbe­sieg­ten“. Die Koor­di­na­to­rin des Pro­jek­tes Oksana Hor­batsch erklärt, dass die Teil­nahme an sport­li­chen Wett­be­wer­ben den Vete­ra­nen, ins­be­son­dere den Ver­wun­de­ten, dabei hilft, aus ihrem „Schne­cken­haus“ zu kommen, und mit der Außen­welt in Kontakt zu treten.

„Wenn ein Mensch bei den ‚Spielen der Unbe­sieg­ten‘ antritt, dann hat er ein Ziel, eine Moti­va­tion. Ich werde das Land ver­tei­di­gen, und wenn auch nicht mehr auf dem Schlacht­feld, dann wenigs­tens in der inter­na­tio­na­len Sport­arena“, erklärt die Organisatorin.

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Der ehe­ma­lige Soldat und heutige stell­ver­tre­tende Kom­man­deur der Ukrai­ni­schen Frei­wil­li­gen­ar­mee Serhij Ilnyts­kyj berei­tet sich auf die „Spiele der Unbe­sieg­ten“ vor. 

Der ehe­ma­lige Soldat und heutige stell­ver­tre­tende Kom­man­deur der Ukrai­ni­schen Frei­wil­li­gen­ar­mee Serhij Ilnyts­kyj, der 2018 am Wett­be­werb teil­ge­nom­men hat, sagt, dass ein solches Projekt vor allem der Reha­bi­li­ta­tion dient.

„Wenn du zu diesem glo­ba­len Netz­werk des Vete­ra­nen­sports hin­zu­stößt, dann ist schon der bloße Umgang mit­ein­an­der Teil der Reha­bi­li­ta­tion. Wenn ein Mensch nicht die Mög­lich­keit des Kon­takts mit anderen Men­schen hat, kein Ziel hat, dann wird er sich noch weiter ver­krie­chen. Im Januar gab es allein in unserer Einheit zwei Suizide. Das sind Men­schen, die nicht in der Sta­tis­tik auf­tau­chen“, sagt Serhij Ilnytskyj.

Er fügt hinzu, dass es wichtig sei, über die Pro­bleme zu sprechen.

„Wenn ich ein Problem habe, dann, glaub mir, Kumpel, hast du auch eins. Du willst es dir nur nicht ein­ge­ste­hen. Es ist wichtig, dass es mehr Men­schen gibt, die auf sich als Bei­spiel ver­wei­sen, und zeigen, dass das Problem exis­tiert. Denn post­trau­ma­ti­sche Belas­tungs­stö­run­gen exis­tie­ren, und sie können jeden treffen, nur eben zu unter­schied­li­chen Zeit­punk­ten“, so der Veteran.

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Der Veteran Serhij Pop­law­skyj ist nach seiner Rück­kehr aus dem Krieg im Osten der Ukraine in den Poli­zei­dienst eingetreten. 

„Der Mensch muss ver­ste­hen, dass er wieder auf fried­li­chem Ter­ri­to­rium ist“

„Ein Soldat sollte nicht direkt nach Hause zurück­keh­ren, sondern sich zunächst mal wenigs­tens für eine Woche in eine Spe­zi­al­ein­rich­tung begeben. Eine offene, natür­lich. Sich wieder ein­fin­den, zur Besin­nung kommen. Das gilt vor allem für die­je­ni­gen, die zum ersten Mal am Krieg teil­ge­nom­men haben. Wenn er dann nach Hause kommt, weiß er genau, wohin er sich wenden kann, mit wem er spre­chen kann, was die ersten Schritte sind“, erzählt Ljud­myla Boiko, Direk­to­rin des Zen­trums für sozial-psy­cho­lo­gi­sche Reha­bi­li­ta­tion der Bevöl­ke­rung in Borodjanka.

Aber brau­chen wirk­lich alle diese Ein­rich­tun­gen? Manche Vete­ra­nen meinen, es reiche aus sich abzulenken.

„Psy­cho­lo­gi­sche Reha­bi­li­ta­tion? Einer­seits ist das nötig. Aber nicht im Sinne von Psy­cho­lo­gen und Psych­ia­tern. Der Mensch muss sich einfach umstel­len. Er muss ver­ste­hen, dass er sich wieder auf fried­li­chem Ter­ri­to­rium aufhält“, sagt Serhij Pop­law­skyj. Er hat im Osten gekämpft und ist nach seiner Rück­kehr in den Poli­zei­dienst ein­ge­tre­ten. Er sagt, dass es auch im zivilen Leben einiges gebe, wofür es sich zu kämpfen lohne.

„Es gibt eine Menge Leute, die sich nicht selbst schüt­zen können. Die Kri­mi­na­li­tät steigt leider, und dagegen muss ange­kämpft werden“, sagt der Polizist.

Bei den Ukrai­ni­schen Streit­kräf­ten heißt es, Armee­an­ge­hö­rige hätten ange­fan­gen, Anzei­chen von Stress bei sich selbst und den Kame­ra­den anzu­spre­chen. Und man betont die Wich­tig­keit pro­fes­sio­nel­ler psy­cho­lo­gi­scher Hilfe.

„Es ist richtig, sich an einen Psy­cho­lo­gen zu wenden. Nicht mutig, sondern richtig für jeden Kriegs­dienst­leis­ten­den. Pro­bleme ver­schwin­den nicht einfach so, ins­be­son­dere nicht jene psy­chi­schen Cha­rak­ters“, sagt Jaros­law Kalinit­schenko von den Ukrai­ni­schen Streitkräften.

Taras Leljuch, der am Krieg im Donbas teil­ge­nom­men hat, findet, dass die beste Reha­bi­li­ta­tion für Sol­da­ten aus Arbeit und Sport besteht:

„Wenn du per­ma­nent beschäf­tigt bist, nach­hause kommst und denkst, wie du am besten für deine Jungs sorgen kannst, wie du sie durch­bringst, dann denkst du nicht an deine psy­chi­schen Pro­bleme. Du denkst nur daran, dass du gebraucht wirst“.

Derzeit betreibt er ein eigenes Unter­neh­men. Er züchtet und ver­kauft Mais in der Region Poltawa. Er gibt zu, dass es nicht immer so gut lief.

„Ich spa­ziere so durch die Stadt und komme an einem Fenster vorbei. Sagen wir, eine Kunst­schule. Ich bücke mich so, dass mein Kopf nicht auf Ebene des Fens­ters liegt. Die Leute drehen sich um, und erst in diesem Moment merke ich, dass irgend­was nicht stimmt“.

© Maks Lewin /​ Hromadske

Der Ex-Soldat Taras Leljuch (links) wurde nach seiner Rück­kehr aus dem Krieg als Land­wirt tätig. Für ihn ist das die beste Form der Rehabilitation.

„Ein erfolg­rei­cher, toller Mensch und auch noch ein Veteran“

Aus Sicht der Direk­to­rin des Reha­bi­li­ta­ti­ons­zen­trums „Lisowa Poljana“ Kesnija Wos­nit­syna ist es wichtig, den Vete­ra­nen nach dem Krieg dabei zu helfen, zu sich selbst zu finden.

„Damit sie den Krieg vor der Tür­schwelle des eigenen Hauses abstrei­fen. Und damit sie sich in die Gesell­schaft ein­fü­gen und erfolg­reich werden können. Ein eigenes Unter­neh­men gründen, beispielsweise“.

Im Minis­te­rium für Vete­ra­nen­fra­gen ist man über­zeugt, dass es am wich­tigs­ten sei, den Vete­ra­nen wieder auf­zu­bauen. Dann wird er die rich­ti­gen Ent­schei­dun­gen für sich selbst treffen.

„Du schaust dir den Men­schen an, er ist erfolg­reich, gut drauf. Und dann erfährst du, dass er auch noch Veteran ist. Wow, beein­dru­ckend. So würde ich es mir wün­schen. Uns geht es nicht darum, dass der Veteran wieder für den Krieg oder für das zivile Leben fit gemacht wird. Wir bauen sie bis zu dem Punkt auf, an dem wieder eine gewisse Nor­ma­li­tät herrscht. Und der Veteran kann als eigen­stän­di­ges Subjekt selbst ent­schei­den, ob er wieder in den Krieg will“, sagt der Ver­tre­ter des Minis­te­ri­ums Ihor Beskorowainyj.

„Es ist sehr wichtig, sie nicht abzu­wer­ten. Aber ich wäre auch froh, wenn wir ohne die Heroi­sie­rung aus­kä­men. Ein Veteran ist kein Held, denn auch ein Veteran kann Mist bauen“, findet der Psy­cho­loge Andrij Kosintschuk.

Die Psy­cho­lo­gin Tetjana Sirenko sagt, dass man mit PTBS nicht für immer leben muss. Es sei eine Frage der Wil­lens­kraft und der Zeit.

„Es gibt dieses wun­der­bare Phä­no­men des post­trau­ma­ti­schen Wachs­tums. Wenn man auf­grund der Kampf­erfah­run­gen, auf­grund dessen, was man erlebt hat, alles Über­flüs­sige abschnei­den kann, auf sich selbst hört und sich einem Lebens­werk widmen. Und es gibt eine Menge solcher Geschich­ten unter unseren Veteranen“.

Aus dem Ukrai­ni­schen über­setzt von Dario Planert und Chris­toph Brumme.

Anmer­kung

Wir danken Hromadske und Vik­to­ria Roschina für die freund­li­che Geneh­mi­gung zur Über­set­zung. Hier geht es zum Ori­gi­nal­text. Zudem gibt es einen dazu­ge­hö­ri­gen Doku­men­tar­film von Vik­to­ria Roschina/​hromadske: „PTBS. Geän­der­ter Zustand“ (Sprache: UA & RU; Unter­ti­tel: ENG).

Textende

Portrait von Roschina

Vik­to­ria Roschina ist Jour­na­lis­tin bei hromadske, spe­zia­li­siert auf Themen wie Kri­mi­na­li­tät, Justiz und Menschenrechte. 

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