Riskante Personalrochaden

Präsident Selenskyj hat wegen Korruptionsvorwürfen gleich zwei politische Figuren verloren, die für die Ukraine international eine große Rolle spielten. Olha Stefanischyna, Ex-Botschafterin in den USA, ist ebenso wenig ohne Weiteres ersetzbar wie Selenskyjs stellvertretende Bürochefin Iryna Mudra. Die Ukraine macht Fortschritte im Kampf gegen Korruption – und dies verstärkt auf eklatante Weise den Personalmangel im Kyjiwer Regierungswesen.
Manche Personalrochaden der ukrainischen Führung ergeben nicht nur für Außerstehende wenig Sinn, sondern sind selbst für Entscheidungsträger:innen im politischen Kyjiw kaum nachvollziehbar. Das gilt etwa für den jüngsten Umbau der Regierung Mitte Juli, der zur Entlassung von Verteidigungsminister Mychajlo Fedorow und zu den nahezu größten Straßenprotesten im Land seit 2014 führte. Schließlich wurde der Chef des staatlichen Energiekonzerns Naftohas, Serhij Korezkyj, zum neuen Ministerpräsidenten, während die bisherige Premierministerium, Julija Swyrydenko, vor dem Wechsel zu Naftohas steht.
Streng genommen kann in Kyjiw niemand sagen, warum diese Rochade eigentlich notwendig war. Offiziell wird sie damit begründet, dass Korezkyj unter schwersten Bedingungen fortwährender russische Angriffe ausgesprochen gute Arbeit geleistet hat – und diese Erfahrung nun wichtig sei, um das Land auf den bevorstehenden Winter vorzubereiten. Allerdings ist Naftohas selbst neben der Ukrsalisnyzja, der Ukrainischen Bahn, das strategisch wohl wichtigste staatliche Unternehmen des Landes.
Postenkarussell im politischen Kyjiw
Zudem hat Swyrydenko, die explizit als Technokratin zur Ministerpräsidentin befördert wurde, als Regierungschefin exakt das geliefert, was von ihr erwartet wurde. Korezkyj, der ein sehr gutes Image als Manager hat, soll das Kabinett ebenfalls vor allem technokratisch führen. Es mag sogar sein, dass es die bessere Lösung ist, Korezkyj als Ministerpräsidenten und die Wirtschaftspolitikerin Swyrydenko als Chefin von Naftohas einzusetzen.
Nur: Das war so überhaupt nicht geplant. Präsident Wolodymyr Selenskyj hält zwar viel von Korezkyj und es war abzusehen, dass er ihn in die Regierung holen wollen würde. Ende 2025 hatte er Korezkyj bereits das Angebot gemacht, Energieminister zu werden, welches der allerdings ablehnte. Korezkyjs jetzige Beförderung aber entstand aus der Not heraus, dringend eine Person für den Botschafterposten in den USA zu finden.
Genau dafür war Swyrydenko im Gespräch. Mit dem Team von Donald Trump hatte sie seinerzeit schwierige, aber erfolgreiche Verhandlungen über das Mineral- und Rohstoffabkommen geführt. Zunächst nahm Swyrydenko das Angebot, Botschafterin in den USA zu werden, auch an – überlegte es sich kurze Zeit später allerdings wieder anders.
Ermittlungen erhöhen innenpolitischen Druck
Zentral ist die Frage, warum der Botschafterposten in einem derart wichtigen Land überhaupt schon wieder vakant geworden ist. Schließlich hatte ihn die ehemalige Vizeregierungschefin für europäische Integration, Olha Stefanischyna, erst vor einem Jahr angetreten. Stefanischyna hatte Präsident Selenskyj während ihres Besuchs in Kyjiw im Sommer kurz vor dem Regierungswechsel um ihren Rücktritt gebeten und dabei auf persönliche Gründe verwiesen. Der Präsident sei davon überrascht gewesen, heißt es.
Welche „persönlichen Gründe“ dies gewesen sein könnten, liegt auf der Hand: Schon vor der Entsendung Stefanischynas, die in diplomatischen Kreisen einen guten Ruf genießt, mehrten sich Gerüchte, die ukrainischen Antikorruptionsbehörden hätten die Diplomatin im Visier. Am 3. August wurde Stefanischyna formell als US-Botschafterin entlassen. Zwei Tage später teilten die Kyjiwer Antikorruptionsorgane ihr mit, es liege ein Verdacht gegen sie vor und ihr Fall werde untersucht.
Konkret geht es um den Besitz zweier vergleichsweise kleiner Wohnungen in Kyjiw, die auf dem Papier einer Freundin der Ex-Botschafterin gehören. Den Antikorruptionsbehörden zufolge habe aber Stefanischyna die entsprechenden Überweisungen zum Kauf der Wohnungen initiiert. Zudem soll die Diplomatin eine weitere, formell ihrer Mutter gehörende Wohnung genutzt und dies nicht offengelegt haben. Darüber hinaus hätten Stefanischynas Ausgaben deren offizielle Einnahmen überschritten.
Antikorruptionsorgane weiten ihre Arbeit aus
Es ist dies sicherlich nicht der größte Korruptionsfall in der Geschichte der ukrainischen Politik, doch er verweist auf eine gewisse Systematik. Nach einigen holprigen Anfangsjahren ist die Arbeit von Organen wie dem Nationalen Antikorruptionsbüro (NABU) und der Sonderstaatsanwalt für Korruption (SAP) inzwischen eingespielt und viel stärker mit dem politischen Betrieb verzahnt. Ähnliche Untersuchungen könnten in nächster Zeit diverse Beamte und Politiker:innen treffen, die es „vergessen“ haben, ihr Eigentum ordnungsgemäß anzugeben. Das ist zweifellos eine positive Entwicklung im Kampf gegen die Korruption.
Die Schattenseite aber sind die politischen Folgen dieses Falls für die Ukraine, die damit eine ihrer wichtigsten Diplomatinnen verliert. Zwar schlachtet die russische Propaganda, für die Teile der republikanischen Wählerschaft in den USA besonders anfällig sind, jedes Korruptionsdelikt in Kyjiw gnadenlos aus – doch tatsächlich dürften Stefanischynas Wohnungen die amtierende US-Administration unter Donald Trump wenig interessieren.
Leerer Stuhl in der wichtigsten Botschaft
Die diplomatische Arbeit in Washington gehört inzwischen zu den kompliziertesten Aufgaben in der weltweiten Außenpolitik. Und Stefanischyna hatte sich auf diesem Terrain äußerst erfolgreich bewegt: Mit ihrer Arbeit waren Republikaner, Demokraten und Präsident Selenskyj gleichermaßen zufrieden. Auch ihre Vorgängerin Oksana Markarowa hatte in den USA bemerkenswerte Arbeit geleistet, genoss jedoch nur bei den Demokraten einen guten Ruf und fand selbst zum republikanischen Teil der ukrainischen Diaspora keinen Zugang.
Nun bleibt der Vorsitz der Botschaft in Washington bis auf Weiteres unbesetzt, während die Ukraine angesichts ausgeweiteter russischer Luftangriffspläne um jede Flugabwehrrakete für ihre Patriot-Systeme kämpfen muss. Wer Stefanischyna als Botschafterin in den USA ersetzen könnte, ist Stand jetzt auch in eingeweihten politischen Kreisen vollkommen unklar.
Bank soll kriminelles Geld gewaschen haben
Als wäre das nicht genug, ist eine ähnliche Situation nun auch an anderer Stelle entstanden: Iryna Mudra, die sich bisher als stellvertretende Leiterin der Präsidialadministration mit juristischen und zuletzt auch wirtschaftlichen Themen beschäftigte, wird vorgeworfen, an Geldwäsche durch die staatliche Sense Bank beteiligt gewesen zu sein – im Zusammenhang mit einer üppigen Kautionszahlung für den ehemaligen Energie- und Justizminister Herman Haluschtschenko. Das Geld soll aus mutmaßlich kriminellen Quellen stammen und über die Konten etablierter Unternehmen in den legalen Zahlungsverkehr eingeschleust worden sein.
Haluschtschenko war Beschuldigter in der Ende 2025 publik gewordenen Operation „Midas“, bei der ukrainische Antikorruptionsorgane groß angelegte Korruption in der Energiebranche aufdeckten. Die Ermittlungen weiteten sich schnell auch auf andere Bereiche aus und führten nicht zuletzt zur Entlassung des mächtigen Bürochefs von Wolodymyr Selenskyj, Andrij Jermak.
Kompetentes Personal in der Politik fehlt
Anders als Jermak oder der Unternehmer Tymur Minditsch, die Hauptakteure der in der Operation „Midas“ aufgedeckten Machenschaften, gehörte Mudra nie zum engen persönlichen Kreis um Wolodymyr Selenskyj. Gesprächsmitschnitte, die NABU und SAP veröffentlichten, deuten darauf hin, dass sie sich ohne großes Engagement am Zusammentragen der Kautionszahlung beteiligte und in erster Linie die Anweisungen ihrer Vorgesetzten erfüllte. Der Öffentlichkeit war sie bis dahin weitgehend unbekannt.
Tatsächlich hat Mudra jenseits des Rampenlichts an zentralen internationalen Projekten mitgewirkt, zum Beispiel an der Schaffung eines Sondertribunals zum russischen Angriffskrieg. Fachlich wird ihre Arbeit überwiegend positiv bewertet – und wie Stefanischyna hinterlässt sie nun eine Lücke, die nicht ohne Weiteres zu füllen sein wird. Vor allem, weil weder in der Wirtschaft noch im Justizwesen kompetente Personen Schlange stehen, um unter den heutigen Umständen und den allgegenwärtigen Risiken eine politische Position zu übernehmen.
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