Politthriller in Kyjiw

Ex-Generalstaatsanwalt Krawtschenko, dessen Büro gegen Schmiergeld die Tätigkeit betrügerischer Callcenter gedeckt haben soll, flieht ins Ausland – und scheitert mit einer Anklage gegen den Leiter der Antikorruptionsbehörde, die seinen Fall untersucht. Der vierte Generalstaatsanwalt in der Ära Selenskyj wirft ein Schlaglicht auf dessen lückenhafte Personalpolitik.
Viel Glück mit der Auswahl seiner Generalstaatsanwälte hatte Wolodymyr Selenskyj bisher nicht. Als ersten für diesen Posten schlug der Präsident ukrainischem Recht folgend Ruslan Rjaboschapka vor, bevor das Parlament dies bestätigte – und der blieb nicht einmal ein Jahr im Amt. Seine Nachfolgerin Iryna Wenediktowa wurde wenige Monate nach dem russischen Großangriff entlassen, weil zahlreiche Mitarbeitende in der Staatsanwaltschaft des Staatsverrats oder der Kollaboration mit dem Feind beschuldigt wurden. Es folgte Andrij Kostin, der seinen Posten nach zwei Jahren räumen musste – wegen eines Skandals um unrechtmäßige Behindertenrenten und Wehrdienstbefreiungen in regionalen Staatsanwaltschaften.
Der Fall von Ruslan Krawtschenko, dem vierten Generalstaatsanwalt in der Amtszeit Selenskyjs, übertrifft das alles jedoch noch um ein Vielfaches. Die Öffentlichkeit erfuhr davon am 4. September, als das Nationale Antikorruptionsbüro (NABU) und die Sonderstaatsanwaltschaft für Korruption (SAP) die Operation Karthago öffentlich machten. Sie deckt eine Gruppierung im Büro des Generalstaatsanwalts (gemeint ist die frühere Generalstaatsanwaltschaft unter Krawtschenko) auf, die gegen Schmiergeld ein Netz betrügerischer Callcenter gedeckt haben soll – eine Nachricht, die an sich kaum jemanden in der Ukraine überraschte.
Im Land existiert ein breites Netz solcher Callcenter, die – meist in Bürogebäuden stationiert – seit Jahren erhebliche Summen mit Telefonbetrug verdienen. Als sie unmittelbar nach dem russischen Großangriff auf diese Weise unter anderem aus Russland Geld für die eigene Armee sammelten, wurde dies von vielen zumindest stillschweigend begrüßt. Inzwischen richtet sich der Betrug allerdings immer öfter gegen Menschen aus der Ukraine und der EU, weswegen zuletzt auch Brüssel mächtig Druck machte. Die Strafen für das Betreiben von und die Arbeit in betrügerischen Callcentern wurden daraufhin deutlich verschärft. Auch einfachen Mitarbeitenden drohen seither Haftstrafen.
„Wenn schon klauen, dann eine Million.“
Doch in der öffentlichen Wahrnehmung der Operation Karthago geht es weniger um das „Was“ als um das „Wie“. Hauptverdächtiger in dem Fall ist Serhii Kropyva, der mit Cyberthemen befasste stellvertretende Leiter der Abteilung für internationale Zusammenarbeit im Büro des Generalstaatsanwalts. Die von NABU und SAP abgehörten Telefonate zwischen dem „Kanzler“, so der Deckname von Kropyva, und seiner Lebensgefährtin Yelyzaveta Ivakhnenko (Deckname: Muse), sind inzwischen fester Bestandteil der ukrainischen Politikfolklore.
So beklagt sich „Muse“ darüber, dass sie auf Geheiß von Kropyva so gut wie alle Fotos von ihrem Instagram-Account löschen musste, weil überall Luxusgegenstände zu sehen seien. Im Gespräch mit einer anderen Person lässt der „Kanzler“ ein Satz fallen, der in der Ukraine inzwischen fast zu einem geflügelten Wort geworden ist: „Wenn schon Sex haben, dann mit einer Königin. Wenn schon klauen, dann eine Million.“
Zumindest Letzteres ist zwischenzeitlich offensichtlich gelungen: Im Verfahren gegen Kropyva geht es um die Veruntreuung von umgerechnet fast einer Million Euro. Spannender ist allerdings ein weiterer Verdacht, der im Raum steht, ohne bisher vollständig bewiesen zu sein: nämlich, dass auch der damalige Generalstaatsanwalt Ruslan Krawtschenko in den Betrug involviert gewesen sein könnte. Der Vatername desjenigen, den „Kanzler“ Kropyva in den abgehörten Telefonaten seinen „Chef“ nennt, lautet Andrijowytsch – genau wie der von Krawtschenko. Zudem war der „Kanzler“ offenbar selbst in alltägliche Angelegenheiten wie die Renovierung des Hauses des Generalstaatsanwalts involviert war. Es gibt also Grund zu der vorsichtigen Annahme, dass Krawtschenko von den Machenschaften nicht erst aus den Nachrichten erfahren hat.
Dienstreise auf den letzten Drücker oder Flucht?
Am 7. September, drei Tage nachdem die Operation Karthago bekannt wurde, reichte der 36-jährige Krawtschenko – der jüngste Generalstaatsanwalt in der Geschichte der Ukraine – seinen Rücktritt ein. Eine Woche später eskalierte er die Lage weiter und verkündete in einer Videobotschaft, er habe Anzeige gegen NABU-Chef Semen Krywonos sowie eine Person im Umfeld von SAP-Leiter Oleksandr Klymenko erstattet. Bei der ersten Anzeige geht es um Urkundenfälschung zur fiktiven Adoption eines Kindes, durch die sich Krywonos 2008 der Strafverfolgung habe entziehen wollen – Vorwürfe, die längst bekannt und inzwischen verjährt sind. Kurz vor der Veröffentlichung seiner Videobotschaft hatte Krawtschenko die Ukraine verlassen – angeblich, um eine Dienstreise anzutreten. Er hält sich inzwischen in Wien auf.
Präsident Selenskyj reagierte auf die Videobotschaft Krawtschenkows mit einer emotionalen Nachricht auf Telegram, die er Eingeweihten zufolge ausnahmsweise selbst eingetippt haben soll: „Dieser Generalstaatsanwalt hat nur eine Möglichkeit: zurückzutreten. Die Ukraine hat alle Gründe dafür gesehen. Wenn er das als politischen Druck empfindet, dann soll er das so nennen.“ Wenig später entließ das Parlament Krawtschenko. Eine Nachfolge gibt es bisher nicht – was auch noch eine Weile so bleiben dürfte.
Vielversprechende Karriere trotz mangelnder Integrität
Zumindest auf dem Papier hatte sich die Karriere von Krawtschenko, der aus der Region Luhansk stammt, bisher dahin sehen lassen: Er gehörte zu einer Minderheit von Mitarbeitenden der ukrainischen Sicherheitskräfte auf der Krim, die die Halbinsel nach der Annexion durch Russland verließen, um auf von der Ukraine kontrolliertem Gebiet weiterzuarbeiten. Später wurde er einer der Hauptankläger im Verfahren wegen Hochverrat gegen Ex-Präsident Wiktor Janukowytsch, der nach der Maidan-Revolution 2014 nach Russland geflohen war. Als Staatsanwalt von Butscha dokumentierte er zudem die dortigen Kriegsverbrechen. Zu seiner Biografie gehört allerdings auch, dass er bei seiner Bewerbung als NABU-Chef am Kriterium „Integrität“ scheiterte. Grund dafür waren kleinere Skandale in seinem Umfeld.
Seine Ernennung zum Generalstaatsanwalt im Juni 2025 nahmen daher viele ohne echte Begeisterung auf. Zu diesem Zeitpunkt galt er klar als Mann Andrij Jermaks, der einstigen „rechten Hand“ und dem langjährigen Büroleiter Selenskyjs, der Ende 2025 wegen Geldwäsche und Korruption angeklagt wurde. Jermak soll die Kandidatur Krawtschenkos über den Kopf seines für die Sicherheitskräfte zuständigen Stellvertreters, Oleh Tatarow, durchgesetzt haben.
Rund ein Monat später wurde klarer, was Jermak mit Krawtschenko vorgehabt haben könnte: Im Sommer 2025 scheiterte der Versuch, die Unabhängigkeit der Antikorruptionsorgane einzuschränken, an massiven Straßenprotesten und erheblichem Druck aus Brüssel. Er hatte vorgesehen, diese Organe dem Generalstaatsanwalt zu unterstellen. Möglicherweise wollte Jermak dadurch Ermittlungen gegen seine eigene Person einen Riegel vorschieben.
Fähiges und vertrauenswürdiges Polit-Personal fehlt
Krawtschenkos gescheiterte Anklage gegen NABU-Chef Krywonos – er zog diese nach kurzer Zeit selbst zurück – ist am Ende vor allem als politischer Alleingang zu bewerten. „Er ist einfach verrückt geworden“, kommentierten Quellen aus dem Präsidentenbüro lakonisch. Zwar dürfte auch Selenskyj nur begrenzte Sympathien gegenüber NABU und SAP hegen, die etwa bei der Operation Midas auch Korruption unter seinen engsten Vertrauten aufgedeckt hatten. Doch auf Vorschläge von Krawtschenko, gegen NABU-Chef Krywonos oder SAP-Leiter Klymenko vorzugehen, soll Selenskyj nie eingegangen sein.
Dass als Folge der Operation Karthago nun auch der vierte Generalstaatsanwalt in Selenskyjs Amtszeit aufsehenerregend gescheitert ist, wirft erneut ein Schlaglicht auf dessen lückenhafte Personalpolitik. Krawtschenko gehört zu einer längeren Liste von Personen, die in den vergangenen sieben Jahren vergleichsweise zufällig in hohe Ämter gekommen sind. Sowohl in der Ukraine als auch aus dem Ausland werden die Rufe lauter, die Position des Generalstaatsanwalts – ähnlich wie Leitungspositionen bei NABU und SAP – öffentlich auszuschreiben.
Rechtlich ist das allerdings gar nicht so einfach. Weil laut Verfassung allein der Präsident das Recht hat, den Generalstaatsanwalt vorzuschlagen, wäre realistischerweise lediglich eine Art konsultative Ausschreibung denkbar, deren Ergebnisse das Staatsoberhaupt zur Kenntnis nehmen kann, aber nicht muss.
Auch die Vergangenheit von NABU-Chef Krywonos muss öffentlich aufgearbeitet werden, wenn auch die Vorwürfe gegen ihn längst verjährt sind. Eine noch dringendere Frage, die nach der Operation Karthago in der Luft liegt, ist allerdings die Zukunft der kriminellen Callcenter-Industrie. Denn das Büro des Generalstaatsanwalts dürfte eher die „kleineren Fische“ auf diesem Markt gedeckt haben, während die größeren vermutlich nach wie vor unbehelligt weiterarbeiten.
![]()
Verwandte Themen
Newsletter bestellen
Tragen Sie sich in unseren Newsletter ein und bleiben Sie auf dem Laufenden.




