Schlaglicht auf Selenskyjs Personalpolitik

Auf den ersten Blick sieht es so aus, als hätten die Demonstrationen Erfolg gehabt und mit der Entlassung von Oberbefehlshaber Syrskyj ein wichtiges Ziel erreicht. Doch Ex-Verteidigungsminister Fedorow wird deshalb nicht wieder ins Amt kommen. Vielmehr zeigt sich, dass Emotionen die Personalpolitik von Präsident Selenskyj oft stärker prägen als eine langfristige Strategie.
Im zweiten Sommer in Folge tragen die Menschen in Kyjiw und anderen ukrainischen Städten ihren Protest gegen staatliche Entscheidungen auf die Straße. Im vergangenen Jahr wandten sie sich gegen die Einschränkung der Unabhängigkeit zentraler Antikorruptionsorgane, die Wolodymyr Selenskyj daraufhin wieder zurücknahm. Damals wie heute protestieren vor allem diejenigen, die ohnehin politisch aktiv sind und dem Präsidenten eher kritisch gegenüberstehen.
In den nun seit zwei Wochen andauernden Demonstrationen forderten sie die Rückkehr von Verteidigungsminister Mychajlo Fedorow sowie die Entlassung von Armeechef Oleksandr Syrskyj. Deren Beziehung war in den vergangenen Monaten von immer offener ausgetragenen Konflikten geprägt, beide haben eine tiefe persönliche Abneigung gegeneinander entwickelt.
Eines ihrer Ziele haben die Demonstrierenden erreicht: Vor einer Woche wurde Syrskyj – einer der kampferfahrensten Generäle der Welt, der 2022 die Verteidigung von Kyjiw organisierte und für die Offensive in der Region Charkiw verantwortlich war – entlassen. Ersetzt hat Präsident Selenskyj ihn durch den 43-jährigen Mychajlo Drapatyj, das Gesicht der Generation „junge Donbas-Generäle“ in der ukrainischen Armee. Er war der Favorit derer, die auf der Straße gegen Syrskyj protestierten.
Dass Fedorow als Verteidigungsminister zurückkehrt, ist hingegen politisch ausgeschlossen. Der 35-Jährige hatte dieses Amt nur sechs Monate lang inne, hatte zuvor als Digitalminister aber nicht nur die Verwaltung modernisiert, sondern auch das ukrainische Drohnenprogramm maßgeblich vorangebracht. Auch nach mehreren langen Gesprächen mit Selenskyj will er sich mit keinem anderen Posten, etwa einer Art Vizeregierungschef für Technologien, zufriedengeben. Der Präsident wiederum kann nicht auf Fedorows Forderungen eingehen, ohne als klarer Verlierer dazustehen. Die Demonstrationen gehen deshalb weiter, wenn auch in kleinerem Ausmaß.
Proteste als demokratisches Korrektiv?
Auf den ersten Blick hatten die Straßenproteste nun also zum zweiten Mal Erfolg. Und tatsächlich ist es wichtig, dass es auch während des Krieges demokratische Instrumente gibt, mittels derer die Bevölkerung Einfluss auf ein politisches System nehmen kann, in dem ein ohnehin starker Präsident zumindest formell auch über die absolute Mehrheit im Parlament verfügt. Politische Entscheidungen – damals wie heute – jedoch ausschließlich als Reaktion auf die Demonstrationen zu interpretieren, würde der Komplexität der Situation nicht gerecht.
Zumal die Forderung der Protestierenden, Oberbefehlshaber Syrskyj zu entlassen, durchaus auch kritisch gesehen werden kann. Ja, Syrskyj wird eine Neigung zu klassischen, veralteten Kriegsmethoden nachgesagt und vorgeworfen, bisweilen zu hohe Opferzahlen in Kauf genommen zu haben. Doch die Ernennung des Armeechefs liegt in der alleinigen Kompetenz des Präsidenten. Denn wer eine solche Personalentscheidung trifft, muss über ein hohes Maß an vertraulichen Informationen auf strategischer und taktischer Ebene verfügen.
Dass der Oberbefehlshaber auf Druck der Straße ausgetauscht wird, ist ein gefährlicher Präzedenzfall, der auch seinen bislang überwiegend beliebten Nachfolger Drapatyj angreifbar macht. Im Verteidigungskrieg gegen Russland wird der Armeechef früher oder später unliebsame Entscheidungen treffen müssen, die ihm dann um die Ohren fliegen können. Die fachliche Kompetenz der meisten Protestierenden in Militärfragen darf hingegen bezweifelt werden.
Druck aus Brüssel entscheidend
Im Sommer 2025 wiederum spielten die Proteste der Bevölkerung zwar eine Rolle, aber nicht die entscheidende. Dass die Antikorruptionsorgane letzten Endes ihre vollen Befugnisse behielten, lag vor allem am kollektiven Druck aus Brüssel. Dort drohte die EU der Ukraine in aller Deutlichkeit damit, Finanzierungshilfen, die nicht unmittelbar die Verteidigungsfähigkeit betrafen, merklich zurückzufahren, sollte Kyjiw im Kampf gegen die Korruption nachlassen. Die EU-Gremien konnten sich dabei auf die Proteste der Menschen in der Ukraine beziehen – ausschlaggebend aber waren sie nicht.
Jetzt liegen die Dinge etwas anders. Obwohl auch die militärische Zusammenarbeit zwischen der EU und der Ukraine enorm ist, konnte sich Brüssel in Sachen Fedorow nichts weiter erlauben, als höflich nach dem Grund für diese Personalentscheidung zu fragen. Schließlich gehört die Verteidigungspolitik zu den zentralen Verfassungskompetenzen des ukrainischen Präsidenten, jede Einmischung von außen wäre da äußerst unangebracht.
Die ukrainische Bevölkerung hingegen hatte jedes Recht, nach der Entlassung von Fedorow Antworten von Selenskyj zu fordern. Anders als der Armeechef hat der Verteidigungsminister ein politisches Amt inne. Er wird zwar vom Präsidenten vorgeschlagen, muss jedoch vom Parlament bestätigt werden. Die Öffentlichkeit wurde jedoch weder über die Ernennung noch über den Rauswurf des jungen Reformers ausreichend informiert.
Persönlicher Konflikt eskaliert
Auch in westlichen Ländern bedauert man Fedorows Ausscheiden, weil dieser sehr gute Beziehungen zu den meisten seiner Amtskolleg:innen aufgebaut hat – nicht zuletzt zu Boris Pistorius, der Fedorow großen Respekt gezollt haben soll. Dass sich Wolodymyr Selenskyj trotz allem von Fedorow trennte, lag zum einen am strukturellen Konflikt zwischen Verteidigungsministerium und Armeeführung, zum anderen aber vor allem am persönlichen Konflikt zwischen Fedorow und Syrskyj.
Zuletzt sollen sich die beiden bei wichtigen Sitzungen nur noch angeschrien haben, weshalb Selenskyj vor seiner Fraktion kein Geheimnis daraus machte, beide entlassen zu wollen. Weil bei der Auswechslung des Oberbefehlshabers mit weitreichenderen Konsequenzen für das operative Kriegsgeschehen zu rechnen ist, habe Selenskyj damit ursprünglich allerdings noch etwas warten wollen, heißt es im politischen Kyjiw.
Unklare Kompetenzen
Der strukturelle Konflikt wiederum liegt in den ohnehin komplizierten Beziehungen zwischen Verteidigungsministerium und Generalstab, deren Kompetenzen oft nicht klar genug umrissen und voneinander abgegrenzt sind. Fedorow etwa arbeitete als Minister an einem neuen Beschaffungssystem für das Militär, das auf der automatisierten Auswertung konkreter Daten von der Front basieren und erfolgreichere Einheiten bevorzugen sollte.
Daraufhin schlossen sich diverse Waffenproduzenten, die dieses System ablehnten, zu einer Art „Koalition gegen Fedorow“ zusammen und machten politisch Stimmung gegen den Minister. Auch der Generalstab, der sich in strategischen Fragen der Kriegsführung sowieso nicht von einem 35-jährigen IT-Spezialisten belehren lassen wollte – führte mit Recht ins Feld, ein solches Auswertungssystem dürfe nicht die alleinige Grundlage für die Beschaffung sein. Denn dies erschwere die Planung von Operationen, die den Feind im Idealfall überraschen sollen.
Fünf Verteidigungsminister seit 2022
Eine Katastrophe ist die Entlassung von Fedorow nicht. Schließlich wird er durch den designierten Minister Jewhenij Chmara ersetzt, der beim Inlandsgeheimdienst SBU für Angriffe tief im russischen Hinterland verantwortlich war, sich mit Drohnen bestens auskennt und ebenfalls gute Beziehungen zu ausländischen Partnern pflegt. Seine Ernennung hat allerdings einen Beigeschmack. Denn Generalmajor Chmara muss zunächst formell aus dem Militärdienst entlassen werden – und es gibt gute Gründe dafür, dass sich die Ukraine gemäß NATO-Standards dazu entschieden hat, den Posten des Verteidigungsministers mit einem Zivilisten zu besetzen.
Chmara wird bereits der fünfte Verteidigungsminister seit dem Großangriff Russlands auf die Ukraine im Februar 2022. Mehr noch: Mitten im Verteidigungskrieg hat Präsident Selenskyj innerhalb von zwölf Monaten zum zweiten Mal einen grundsätzlich guten Verteidigungsminister entlassen. Fedorows Vorgänger, der zuvor langjährige Ministerpräsident Denys Schmyhal, blieb ebenfalls nur ein halbes Jahr im Amt – dabei hatte er im bis dahin oft als „Chaosministerium“ bezeichneten Verteidigungsressort in dieser Zeit durchaus für Ordnung gesorgt. Ob sich die Ukraine das erlauben kann, bleibt am Ende eine rhetorische Frage.
Intransparente Personalentscheidungen
Die Geschehnisse werfen abermals ein Schlaglicht auf die Art und Weise, wie im System Selenskyj Personalentscheidungen getroffen werden. Im Grunde weiß nämlich auch niemand, warum sich der Präsident gleichzeitig ebenfalls von Ministerpräsidentin Julija Swyrydenko trennte, die als Technokratin in ihrem Jahr als Regierungschefin genau das geleistet hatte, was von ihr erwartet wurde.
Bei der Personalpolitik Selenskyjs scheint es oft mehr um taktische Lückenschließung und Emotionen zu gehen als um eine durchdachte langfristige Strategie. Fedorows Ernennung hätte zu Beginn des Jahres als eine nicht risikofreie, aber klare strategische Entscheidung bewertet werden können – für Reformen und im Wissen darum, dass dies mit Konflikten einhergehen würde. Sie war es aber offensichtlich nicht.
Den politischen Preis dafür wird Selenskyj selbst zahlen. Laut jüngsten Umfragen schoss Fedorow, den Anfang Juli fast die Hälfte der Ukrainer:innen noch gar nicht kannte und der ähnliche Bevölkerungsgruppen wie Selenskyj anspricht, gleich auf Rang drei im potenziellen Präsidentschaftsrennen. Auch das allerdings bleiben vor dem Ende der Kampfhandlungen rein theoretische Erhebungen.
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