Usch­ho­rod: Mosaik-Stadt im Herzen Europas

© Olga Shchelushchenko

Die Region Sakarpattja/​Transkarpatien ist ein Kno­ten­punkt im Herzen Europas und gehörte allein im Verlauf des 20. Jahr­hun­dert meh­re­ren Staaten in Folge an. Trotz güns­ti­ger Bedin­gun­gen wie einer reichen Geschichte, einer inter­es­san­ten Archi­tek­tur und male­ri­schen Land­schaf­ten leidet die Region unter dem Wegzug der jungen Genera­tion ins Ausland und einer hohen Arbeits­lo­sig­keit. Von Dmytro Tuschan­ski aus Uschhorod.

#RegioU­kraine erscheint in Koope­ra­tion mit Kyjiwer Gespräche.

Bäte man Men­schen aus Usch­ho­rod, ihre Hei­mat­stadt in knappen Worten zu beschrei­ben, würden sich ihre Beschrei­bun­gen nicht nur nie wie­der­ho­len, sondern anein­an­der­ge­reiht den Umfang dieses Arti­kels bei weitem spren­gen. Viel­leicht ließe sich damit sogar ein Roman schreiben.

Für manche ist Usch­ho­rod eine alte Stadt mit einer mit­tel­al­ter­li­chen Zita­delle, gegrün­det am Fluss Usch im 9. Jahr­hun­dert, heute das Zentrum der Oblast Sakar­pattja, der west­lichs­ten Region der Ukraine.

Für andere ist das Usch­ho­rod von heute zual­ler­erst die Stadt mit der japa­ni­schen Kirsch­blüte Sakura oder die ukrai­ni­sche Kaffeehauptstadt.

Wie die japa­ni­sche Zier­kir­sche nach Usch­ho­rod kam, weiß keiner mit Sicher­heit zu sagen.

Folgt man der Legende, so wollten die Japaner dem habs­bur­gi­schen Kaiser Franz Joseph I. einen Kirsch­baum zum Geschenk machen, und ihre Rei­se­route führte sie durch Sakarpattja. 

Heute wachsen die exo­ti­schen Bäume in Usch­ho­rod alle­en­weise. In den letzten Jahren ist es sogar in Mode gekom­men, im Früh­ling zur Kirsch­blüte nach Usch­ho­rod zu reisen und ein Selfie mit der Sakura zu machen.

Was den Kaffee angeht, so wächst der hier natür­lich nicht, aber man ver­steht sich aus­ge­zeich­net darauf, ihn zu rösten und zuzu­be­rei­ten und liebt ihn heiß und innig als Getränk. Ein echter trans­kar­pa­ti­scher Kaffee ist unbe­dingt stark und tiefschwarz.

Wer gern Süßes isst, ver­bin­det Usch­ho­rod zual­ler­erst mit der gleich­na­mi­gen Torte aus der Kon­di­to­rei Valen­tin Schte­fanjo, die mit dem Sche­ren­schnitt der grie­chisch-katho­li­schen Usch­ho­ro­der Kathe­drale ver­ziert ist.

© Karl Smutko

Diese Kathe­drale ist nicht nur eines der mar­kan­tes­ten Gebäude in Usch­ho­rod und das Wahr­zei­chen der Stadt, sie ist auch Sitz der Grie­chisch-Katho­li­schen Diözese von Mukat­schewo, die direkt dem Vatikan und dem Papst unter­steht. Man frage lieber nicht, warum die Diözese von Mukat­schewo in Usch­ho­rod, anstatt in Mukat­schewo selbst resi­diert, der 40 Kilo­me­ter ent­fern­ten, zweit­größ­ten Stadt von Sakar­pattja. In wenigen Worten lässt sich das nicht erklä­ren, aber dieses Paradox mag ein wei­te­rer Anlass sein, sich mit Sakar­pattja ein­ge­hen­der auseinanderzusetzen.

Gleich außer­halb von Usch­ho­rod liegt ein wei­te­res Gebäude, mit dem die Stadt häufig asso­zi­iert wird: die Newyzky-Burg. Sie ragt höher auf als die Usch­ho­ro­der Zita­delle und wird nun restau­riert In der gesam­ten Ukraine ist sie vor allem des­we­gen berühmt, weil ihre Mauern die Eti­ket­ten der berühm­tes­ten Cognacmar­ken des Landes zieren, des Sakar­patsky und des Usch­ho­rodsky, die beide seit einem halben Jahr­hun­dert in Usch­ho­rod gebrannt werden.

Archi­tek­tur als Seele des mul­ti­kul­tu­rel­len Uschhorod

In der Zeit, in der Usch­ho­rod zur Tsche­cho­slo­wa­kei gehörte, wurde das Viertel Galagov am Rande eines ehe­ma­li­gen, eigens dafür tro­cken­ge­leg­ten Sumpf­ge­biets als admi­nis­tra­ti­ves Zentrum der Stadt und der gesam­ten Region durch­gän­gig im Stil des tsche­cho­slo­wa­ki­schen Moder­nis­mus pro­jek­tiert und erbaut. In Galagov stehen zudem die schöns­ten Kirsch­baum­al­leen der Stadt.

Die archi­tek­to­ni­sche Ein­zig­ar­tig­keit nicht nur von Galagov, sondern der gesam­ten Stadt Usch­ho­rod hat gerade auch vor dem Hin­ter­grund ihres bestän­dig dro­hen­den Ver­falls die lokalen Wis­sen­schaft­ler Lina Deh­tja­rewa und Oleh Ola­schin zu ihrem Projekt „Usch­ho­ro­der Moder­nis­mus” ange­regt. Laut Lina Deh­tje­rewa sind in der Archi­tek­tur von Usch­ho­rod beinah alle his­to­ri­schen Schich­ten und Stile vorhanden:

„Am Umfas­sends­ten sind bei uns die Strö­mun­gen des 19. und 20. Jahr­hun­derts ver­tre­ten. Dahin­ge­gen gibt es nur drei barocke Gebäude, obwohl benach­barte Groß­städte wie Lwiw und das slo­wa­ki­sche Košice sehr barock geprägt sind. Die Renais­sance ist in der Zita­delle ver­tre­ten. Mit der Burg der Zita­delle und der Rotunde von Gorjani beginnt auch die Usch­ho­ro­der Archi­tek­tur.  Die Rotunde von Gorjani ist eines der ältes­ten Sakral­bau­werke des Landes, wobei die Dis­kus­sio­nen über ihre genaue Datie­rung noch anhal­ten. Man glaubt nun, sie sei noch älter als bisher ange­nom­men, nämlich aus dem 12. oder 13. Jahr­hun­dert. Sollte sich bewahr­hei­ten, dass die Fresken darin tat­säch­lich aus der Flo­ren­ti­ner Maler­schule Giottos stammen, würde sie auto­ma­tisch zu einem Kunst­werk von Weltrang.

Betrach­ten wir das 20. Jahr­hun­dert, so finden wir hier viele Zeug­nisse des unga­ri­schen Jugend­stils, Über­bleib­sel aus den letzten Jahren des öster­rei­chisch-unga­ri­schen Impe­ri­ums, dar­un­ter auch das viel­leicht bekann­teste archi­tek­to­ni­sche Erbe der jüdi­schen Gemeinde in der Stadt, die ortho­doxe Syn­agoge im neo-mau­ri­schen Stil, die heute ein Kon­zert­haus ist. Hinzu kommen der bereits erwähnte tsche­cho­slo­wa­ki­sche Moder­nis­mus von Galagov und inter­es­sante Bei­spiele des sowje­ti­schen Moder­nis­mus und des Postmodernismus.”

Die Stadt Usch­ho­rod von oben © Serhyi Hudak

Die Usch­ho­ro­der Archi­tek­tur ist auch des­we­gen so inter­es­sant, weil sie das Wesen der Stadt bloß­legt, einer Stadt, die von alters her ein Mosaik im Herzen Europas war, geprägt von einer tief ver­wur­zel­ten Mul­ti­kul­tu­ra­li­tät und einer Einheit in einer schier unfass­ba­ren Vielfalt.

Das, was in der Euro­päi­sche Union heut­zu­tage geschätzt wird, hat sich in Usch­ho­rod planlos von selbst ent­wi­ckelt, oft zufäl­lig und umstän­de­hal­ber.  Doch auf­grund seiner har­mo­ni­schen Viel­falt ver­dient nicht nur Usch­ho­rod sondern ganz Sakar­pattja bis in seine letzten Winkel hinein alle Auf­merk­sam­keit, haben doch Ukrai­ner, Ungarn, Rumänen, Slo­wa­ken, Tsche­chen, Juden, Deutsch­schwa­ben und Russen hier genauso wie Arme­nier, Roma, Wal­la­chen und andere Volks­grup­pen immer fried­lich zusam­men gelebt und gear­bei­tet. Für sie alle ist Sakar­pattja Heimat.

Käse, Wein, Ther­mal­was­ser und Sanatorien

Neben der Mul­ti­kul­tu­ra­li­tät einen und prägen die Region vor allen der Weinbau und das Win­zer­hand­werk, und dies schon seit grauer Vorzeit. Obwohl sich im Stadt­wap­pen von Usch­ho­rod eine Wein­rebe rankt und man dort mit dem Fes­ti­val „Trans­kar­pa­ten-Beau­jo­lais” jedes Jahr die Ankunft des neuen Weins feiert, liegen die haupt­säch­li­chen Wein­an­bau­ge­biete etwas außer­halb von Usch­ho­rod. Das Dorf Seredne mit seinen alten Wein­kel­lern wäre zu nennen, wei­ter­hin die Bezirke Bere­howe und Mukatschewo.

Und wenn Sakar­pattja Wein macht, darf der Käse dazu nicht fehlen. 

Fast überall in der Region wird Käse in Hand­ar­beit pro­du­ziert, wobei die berühm­tes­ten Sorten der nach Schwei­zer Machart her­ge­stellte Selisky aus Khust ist, und natür­lich der huzu­li­sche Bryndsja-Käse aus der Rachi­wer Gegend. Eine bestimmte Vari­ante der huzu­li­schen Schafs­milch-Bryndsja wurde zum ersten ukrai­ni­schen Produkt mit einer „geschütz­ten geo­gra­fi­schen Angabe” gemäß den Vor­ga­ben der EU, und reiht sich so ein neben Moz­za­rella, Par­me­san, Cham­pa­gner, Cognac und Co.

Wein und Käse sind in Sakar­pattja aber nicht nur tra­di­tio­nel­les Hand­werk und gutes Geschäft, sondern stehen auch im Zeichen der Bewah­rung von Authen­ti­zi­tät und der Ver­bin­dung zwi­schen den Genera­tio­nen. Nicht zuletzt sind sie auch eine Attrak­tion für Tou­ris­ten. Glei­ches gilt für das Thermalwasser.

Doch damit ist es wie mit dem Wein auch: Obwohl Geo­lo­gen sagen, Usch­ho­rod „stehe” auf Ther­mal­was­ser­quel­len, liegen die berühm­tes­ten Ther­mal­bä­der außer­halb der Stadt, vor allem in Bere­howe und Umgebung.

Neben den Thermal- gibt es auch Mine­ral­quel­len, und ihnen sowie den vielen Sana­to­rien und Kur­kli­ni­ken, die sich in ihrem Umkreis ange­sie­delt haben, ver­dankt die west­lichste Region der Ukraine seit jeher den Ruf als lan­des­weit bedeu­tends­tes gesund­heits­tou­ris­ti­sches Ziel. Eben­falls in Sakar­pattja liegt das höchst­ge­le­gene Ski­ge­biet der ukrai­ni­schen Kar­pa­ten, Dra­g­o­b­rat, wo der Schnee bis fast in den Sommer hinein nicht schmilzt.

Leben an Grenzen

Viele der Beson­der­hei­ten von Sakar­pattja sind der geo­gra­fi­schen Lage der Region an einem Kno­ten­punkt in der Mitte Europas geschul­det, welche ihr im 20. Jahr­hun­dert allein die Zuge­hö­rig­keit zu einer ganzen Reihe von Staaten ein­ge­bracht hat. Unter Ein­hei­mi­schen gibt es einen Witz, der zwar bereits einen ziem­li­chen Bart hat, die Situa­tion aber doch tref­fend auf den Punkt bringt:

Ein alter Mann aus Sakar­pattja wurde einmal gefragt, in wie vielen Ländern er in seinem Leben schon gewesen sei. Er begann auf­zu­zäh­len: „In Öster­reich-Ungarn, der Tsche­cho­slo­wa­kei, der Kar­pa­ten­ukraine, dem König­reich Ungarn, der Sowjet­union, der Ukraine…”

„Da sind Sie aber viel gereist?” fragte sein Gesprächs­part­ner, ganz fas­zi­niert von dieser langen Liste. „Kei­nes­wegs,” ant­wor­tete ihm der Alte ruhig, „ich bin mein ganzes Leben aus Usch­ho­rod nicht herausgekommen.” 

Im trans­kar­pa­ti­schen Dorf Dilowe steht eine Land­marke, die den geo­gra­fi­schen Mit­tel­punkt Europas bezeich­nen will. Aller­dings gibt es ähn­li­che Denk­mä­ler in min­des­tens sieben wei­te­ren nahe­ge­le­ge­nen Ländern, die man von Sakar­pattja alle­samt leicht erreicht, teilt die Region doch mit vier Ländern eine direkte Grenze: mit der Slo­wa­kei, Ungarn, Polen und Rumänien.

Usch­ho­rod liegt im Wort­sinne direkt auf einer dieser Grenzen: eine der städ­ti­schen Straßen, die Sobra­nezka, führt direkt an den Grenz­über­gang zur Slo­wa­kei. Die meisten der am Flug­ha­fen von Usch­ho­rod star­ten­den und lan­den­den Flug­zeuge durch­que­ren dazu slo­wa­ki­schen Luft­raum.  Aller­dings kommt dies auf­grund der Pro­bleme im Flug­ver­kehr im Moment kaum vor. Lini­en­flüge sind derzeit aus­ge­setzt, und es ist unge­wiss, wann und ob über­haupt sie wieder auf­ge­nom­men werden.

Iso­liert im Zentrum Europas

Wenn keine Flug­zeuge fliegen, dann muss man eben Zug, Bus oder Auto nehmen. Doch auch auf diesem Wege ist Usch­ho­rod nur schwer erreichbar.

Die Züge aus Kyjiw brau­chen bis nach Sakar­pattja über 10 Stunden, und in den tou­ris­ti­schen Hoch­zei­ten sind die Kapa­zi­tä­ten kata­stro­phal gering. In den ver­gan­ge­nen Jahren wurden Inter­city-Ver­bin­dun­gen aus Mukat­schewo ins unga­ri­sche Buda­pest und nach Košice in der Slo­wa­kei ein­ge­rich­tet, aber die Coro­na­vi­ruspan­de­mie hat dem nun vorerst ein Ende gesetzt. Aus Lwiw, Iwano-Fran­kiwsk und Tscher­niwzi, den Haupt­städ­ten der drei umlie­gen­den ukrai­ni­schen Oblaste, kommt man nur aus Lwiw auf direk­tem Wege nach Uschhorod.

Kirsch­blüte im Galatov-Viertel © Serhyi Hudak

Hin­sicht­lich des Ver­kehrs auf der Straße hat sich die Qua­li­tät der Straßen kürz­lich etwas gebes­sert, ins­be­son­dere, was die Ver­bin­dun­gen in andere Regio­nen angeht. Doch viele tou­ris­ti­sche Ziele in Sakar­pattja bleiben wei­ter­hin nur schwer erreichbar.

Am hei­kels­ten ist die Situa­tion an den Grenz­über­gän­gen: Obwohl in der Ukraine 2017 die heiß­be­gehrte Visa­frei­heit im Rei­se­ver­kehr mit der EU in Kraft trat, wurde bisher für die Erwei­te­rung der Kapa­zi­tä­ten und die Ver­bes­se­rung der Qua­li­tät der Grenz­ab­fer­ti­gungs­in­fra­struk­tur kaum etwas getan. Zumin­dest nicht genug, um auf die deut­lich gestie­gene Rei­se­freude der Ukrai­ner Rich­tung EU ange­mes­sen zu reagieren.

Para­do­xer­weise ver­mit­telt Sakar­pattja, obgleich es alle Vor­aus­set­zun­gen mit­bringt, ein logis­ti­scher Kno­ten­punkt und das Tor der Ukraine nach Westen zu sein, eher das Bild einer iso­lier­ten Region – im Herzen Europas, aber abge­schot­tet nach allen Seiten.

Die Pro­bleme der Region

Die infra­struk­tu­rel­len Pro­bleme sind dabei noch nicht einmal das schmerz­lichste Thema, das im Zusam­men­hang mit Sakar­pattja in den letzten Jahren immer wieder durch die Medien ging. Schmug­gel, Schie­ße­reien von Kri­mi­nel­len  und bren­nende Autos domi­nie­ren neben dem Thema Sepa­ra­tis­mus die Schlagzeilen.

Beinah täglich gibt es Nach­rich­ten über den trans­kar­pa­ti­schen Schmug­gel. 2012, also vor noch gar nicht allzu langer Zeit, wurde bei Usch­ho­rod ein Schmugg­ler­tun­nel in die Slo­wa­kei ent­deckt, darin ein Gleis und ein Waggon, mit dem alles und jeder in beide Rich­tun­gen geschmug­gelt werden konnte.

Ande­rer­seits weiß fast niemand, auch die Ein­hei­mi­schen nicht: dass in Sakar­pattja ein Drittel der welt­wei­ten Pro­duk­tion von Abfahrts­ski ange­sie­delt ist. Außer­dem werden hier Auto­teile für die Welt­mar­ken VW und Audi her­ge­stellt, Skoda lässt dort Autos fer­ti­gen, Nes­presso Kaf­fee­ma­schi­nen, Ikea Möbel und Zara und Hugo Boss Klei­dung.  2018 wurde in Usch­ho­rod auch der erste Zero-Waste-Laden eröff­net, in dem man kom­plett ohne Plastik und Poly­ethy­len aus­kommt. Die Umwelt­ak­ti­vis­tin Tetjana Schow­kiw­ska-Lemak hat ihn gegrün­det. Ihr Name fand lan­des­weit viel mediale Auf­merk­sam­keit, doch leider folgten vor Ort nur wenige ihrem Beispiel.

Sakar­pattja hat leider, wie viele andere Lan­des­teile auch, ein gra­vie­ren­des Müll­pro­blem. Kaum jemand sor­tiert Müll, kümmert sich um eine Wie­der­ver­wer­tung oder räumt auch nur hinter sich auf. Die über­vol­len Müll­de­po­nien und die vielen ille­ga­len Müll­kip­pen im Grünen um die trans­kar­pa­ti­schen Städte und Dörfer herum bezeu­gen es.

Unter den Ein­hei­mi­schen kur­siert sogar der Spruch, irgend­wann würden wohl sogar die Kar­pa­ten hinter Müll­ber­gen verschwinden. 

Eine schwere Über­trei­bung, dennoch bezeich­nend für den Kern des Pro­blems, das Sakar­pattja als öko­lo­gisch wert­volle und saubere Region mit unbe­rühr­ter Natur ernst­haft diskreditiert.

Sepa­ra­tis­mus ist in der Ukraine ein kom­ple­xes und sen­si­bles Thema, ins­be­son­dere seit der Anne­xion der Krim durch Russ­land 2014 und dem Beginn des Krieges im Donbas. Erstaun­li­cher­weise stand Sakar­pattja schon lange vor diesen Ereig­nis­sen unter Beschuss durch die rus­si­sche Pro­pa­ganda, die mit dem Ziel einer Desta­bi­li­sie­rung in der west­lichs­ten Region der Ukraine aktiv für eine mög­li­che Abspal­tung „Werbung” machte: Bis 2014 wurde haupt­säch­lich das Thema „Rusy­n­is­mus” gefah­ren, in den letzten Jahren liegt der Schwer­punkt auf der unga­ri­schen Min­der­heit und ihren Rechten. Leider fielen diese Aktio­nen mit der tiefen Krise in den ukrai­nisch-unga­ri­schen Bezie­hun­gen nach 2014 zusammen.

Aktu­elle Umfra­gen ange­se­he­ner Mei­nungs­for­schungs­in­sti­tute, dar­un­ter das Kyiv Inter­na­tio­nal Insti­tute of Socio­logy „KIIS“ und die Demo­cra­tic Initia­ti­ves Foun­da­tion, konnten aller­dings belegen, dass die Anzahl der Anhän­ger sepa­ra­tis­ti­scher Ideen in Sakar­pattja sta­tis­tisch ver­nach­läs­sig­bar gering ist.

Sehr viel realer ist das Problem Migra­tion, an erster Stelle die Abwan­de­rung der jungen und der gut aus­ge­bil­de­ten Men­schen. In den letzten Jahren hat sich dies zu einer echten Bedro­hung ent­wi­ckelt. Im Hori­zont dieser Her­aus­for­de­rung steht auch die Arbeit der Kyjiwer Gesprä­che in Sakar­pattja in den ver­gan­ge­nen zwei Jahren: In Zusam­men­ar­beit mit Part­nern vor Ort wurden Bil­dungs­pro­gramme für junge Men­schen auf­ge­legt, Klein­pro­jekte über einen Wett­be­werb geför­dert und jugend­po­li­ti­sches Enga­ge­ment vie­ler­orts durch die Schaf­fung von Jugend­rä­ten und Jugend­zen­tren wiederbelebt.

Ein wei­te­res inter­es­san­tes Projekt, das eine Antwort auf die umris­se­nen Pro­blem­la­gen in Sakar­pattja geben will, heißt Re:Open Zakar­pat­tia. Es ist in diesem Jahr mit Unter­stüt­zung durch USAid in der Region gestar­tet. Der Pro­jekt­ti­tel spricht für sich. Ziel ist es, auf ver­schie­de­nen Ebenen einen Dialog über Sakar­pattja ins Leben zu rufen, um diese ein­zig­ar­tige Region wieder für die Ukraine und die Welt zu erschlie­ßen, nega­tive Vor­ur­teile zu zer­streuen und Poten­tiale und Chancen her­aus­zu­stel­len. Im Rahmen des Pro­jekts recher­chie­ren und publi­zie­ren ein­hei­mi­sche Jour­na­lis­ten und Exper­ten über die Region und ihre Spe­zi­fika, ver­an­stal­ten öffent­li­che Dis­kus­si­ons­run­den zu wich­ti­gen Themen wie Inves­ti­tio­nen, Tou­ris­mus, Ent­wick­lung, Dezen­tra­li­sie­rung, Jugend­be­tei­li­gung und Talent­ent­wick­lung und ver­an­stal­ten jähr­lich ein Ent­wick­lungs­fo­rum zu Sakarpattja.

Viel­leicht braucht Sakar­pattja heute mehr denn je Anstren­gun­gen, Ideen, Ent­schei­dun­gen und Dialog. Immer­hin hängt davon seine Zukunft ab: Bleibt es eine unter­schätzte Region voller über­zo­ge­ner Erwar­tun­gen, die ihre besten Köpfe ver­liert und trotz ihrer zen­tra­len Lage in Europa vom Rest der Welt abge­hängt wird? Oder bekommt Sakar­pattja die Chance, sein Poten­zial zu ent­fal­ten und zu einer Region des mul­ti­kul­tu­rel­len Dialogs zu werden, die über ihre Brü­cken­funk­tion in die EU- und NATO-Staaten dazu bei­trägt, ein neues, erfolg­rei­ches Kapitel in der Geschichte der Ukraine aufzuschlagen?

Aus dem Ukrai­ni­schen von Beatrix Kersten.

  • Eine der zahl­rei­chen Mini­sta­tuen von Mykhailo Kolodko. © Karl Smutko
  • Der Flug­ha­fen von Usch­ho­rod © Karl Smutko
  • Die Grie­chisch-Katho­li­sche Kathe­drale © Karl Smutko
  • Der berühmte Kuchen der Stadt © Karl Smutko
  • Die Burg Palatok in Mukat­schewo © Serhyi Hudak
  • Lina Deh­tja­rewa und Oleh Ola­schin mit ihrem Buch „Usch­ho­ro­der Moder­nis­mus“ © Karl Smutko
  • Sakar­pattja ist auch durch seine rumä­ni­sche Min­der­heit geprägt © Karl Smutko
  • Male­ri­sche Kar­pa­ten­land­schaft © Serhyi Hudak
  • Wein­berge der Region © Serhyi Hudak
  • Käse aus der Region © Karl Smutko
  • Huzulen mit ihrer „kar­pa­ti­schen Trom­pete“, der Trem­bita © Serhyi Hudak

Textende

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