Jedes Kind weiß, was es tun muss, wenn geschos­sen wird.“

Auf dem Schul­weg (© flickr: spoilt.exile, CC BY-SA 2.0)

Wie lebt es sich eigent­lich für die Jugend in den umkämpf­ten Gebie­ten des Donbas‘? Eine Schü­le­rin berich­tet von kul­tu­rel­lem Enga­ge­ment, Schul­un­ter­richt im Keller und dem Traum vom Groß­stadt­le­ben.

Der bewaff­nete Kon­flikt im Donbas dauert nun schon vier Jahre. Von April 2014 bis August 2017 hat er nach offi­zi­el­len Angaben der UNO 10.225 Tote und 24.541 Ver­wun­dete gefor­dert, dar­un­ter Sol­da­ten, Zivi­lis­ten und Kämp­fern pro-rus­si­scher Ein­hei­ten. Jeden Tag hören wir in den Nach­rich­ten von neuen Toten und Ver­wun­de­ten, d.h. die Zahlen sind weiter gestie­gen. Die stän­di­gen Salven, die Tötun­gen und Ver­wun­dun­gen, das feh­lende Per­so­nal, aber auch Pro­bleme in der Bildung und Mobi­li­tät machen die Ent­wick­lung extrem schwer. Außer­dem ist die Infra­struk­tur vieler Städte zer­stört, was das ohnehin schwere Leben der Men­schen zusätz­lich ver­kom­pli­ziert. In dieser Zeit wird eine Gene­ra­tion erwach­sen, die schon bald die Geschi­cke des Landes in die Hand nehmen soll. Wie lebt eigent­lich die Jugend im Donbas?

Ehren­amt­li­ches Enga­ge­ment nahe der Front

In Kriegs­zei­ten spüren die Men­schen ver­stärkt ihre Selbst­wirk­sam­keit und ent­wi­ckeln ein Ver­ständ­nis dafür, dass das Leben besser werden kann, man dafür aber selbst etwas tun muss. Ehren­amt­li­ches Enga­ge­ment spielt im Donbas eine große Rolle, Ehren­amt­li­che spenden Geld, über­neh­men aber auch soziale und kul­tu­relle Auf­ga­ben. Aus­ge­führt werden diese Auf­ga­ben von vielen Orga­ni­sa­tio­nen, die buch­stäb­lich die Welt­sicht der Men­schen, ins­be­son­dere der Jugend­li­chen, ver­än­dern.

Die sieb­zehn­jäh­rige Marina Dunaj aus Popasna, einer Klein­stadt im Gebiet Luhansk, gehört zu den aktiven Ver­tre­te­rin­nen einer Gene­ra­tion, die Inter­esse an aus den Kriegs­fol­gen ent­stan­de­nen Pro­jek­ten zeigt. Marina hat bei vielen Pro­jek­ten mit­ge­macht, so unter anderem im Jahr 2016 bei dem Projekt Class act: Ost – West. Das ist ein ukrai­ni­sches Projekt, das eigent­lich aus Groß­bri­tan­nien stammt. Zehn Teen­ager aus der Ost- und zehn aus der West­ukraine werden für zwei Wochen zusam­men unter­ge­bracht und ange­lei­tet, Stücke zu aktu­el­len Themen zu schrei­ben, damit diese später unter Mit­wir­kung pro­fes­sio­nel­ler Schau­spie­ler und Regis­seure auf großen Bühnen gezeigt werden können.

Marina Dunaj, zweite von rechts, mit Freun­den.

Auch das Stück Kinder und Kämpfer des Thea­ters der Bin­nen­flücht­linge (Teatr Pere­se­lenza) war eine Insze­nie­rung von Schü­le­rin­nen und Schü­lern der Schule Nummer 1 in Popasna und ukrai­ni­schen Sol­da­ten, die helfen soll, die Berüh­rungs­ängste zwi­schen der Bevöl­ke­rung und den Men­schen in Uniform abzu­bauen. Heute stu­diert Marina an der Staat­li­chen Päd­ago­gi­schen Uni­ver­si­tät des Donbas in Slo­wjansk und gehört der Thea­ter­gruppe ihrer Uni an.

Ich mache in der Thea­ter­gruppe mit, weil ich mit dem Projekt Class act mein Talent für Theater ent­deckt habe, und das gefällt mir. Ich würde später gerne auch was mit Theater machen, wenn es klappt. Ent­we­der gründe ich meine eigene Cho­reo­gra­fie-Gruppe oder ich gehe wieder zurück in meine alte Gruppe nach Popasna, aber dann als Lei­te­rin“, berich­tet Marina von ihrem gegen­wär­ti­gen Leben.

Sozio­kul­tu­relle Akti­vi­tä­ten

In den Gebie­ten abseits der Front gründen Bür­ge­rin­nen und Bürger unab­hän­gige Platt­for­men für Ver­an­stal­tun­gen, Werk­stät­ten und Auf­tritte. Zu ihnen gehören zum Bei­spiel Vilna Khata, Druzi, Tepliza usw. Viele werden mit Hilfe von staat­li­chen Zuschüs­sen ein­ge­rich­tet. Junge Leute können sich mit ihren Ideen dorthin wenden und diese umset­zen, z.B. Lesun­gen durch­füh­ren, eine Band gründen, Krea­tiv­werk­stät­ten anbie­ten oder eigene krea­tive Pro­dukte aus­stel­len. Der­ar­tige Platt­for­men sind weit ver­brei­tet und nötig, weil sie die Ent­wick­lung und Poten­ti­a­l­ent­fal­tung fördern.

Es gibt noch viele andere ähn­li­che Pro­jekte, etwa Gemein­sam gestal­ten wir die Ukraine, VIDLIK project, Der neue Donbas (Nowyj Donbas) u.a. Die Teil­neh­men­den arbei­ten ehren­amt­lich, sie helfen jungen Men­schen, ihre Talente zu ent­fal­ten, bauen zer­störte Schulen wieder auf, gründen Initia­tiv­grup­pen und Platt­for­men.

Iwanka Diman, Teil­neh­me­rin am Projekt Gemein­sam gestal­ten wir die Ukraine berich­tet über ihr Team und ihr Projekt: „Die Leute sind jung und voller Energie, zwi­schen 20 und 27. Ange­lei­tet werden wir von Bogdan, unserem großen Ide­en­ge­ber, einem klugen und aktiven Gestal­ter, der 50 Jahre alt ist. Wir sind vier­zehn Per­so­nen, in ver­schie­de­nen Städten der Ukraine und im Ausland gibt es mehr als 1.300 Frei­wil­lige. Von Stu­die­ren­den der Geis­tes­wis­sen­schaf­ten bis zu exzel­len­ten Bau­ar­bei­tern, Künst­lern und IT-Spe­zia­lis­ten, sogar Nonnen waren dabei. Viele Berufe, viele Men­schen, aber jeder ist anders und hat eigene Talente. In diesem Jahr haben wir drei ver­schie­dene Arbeits­ge­biete in zehn Städten: Reno­vie­run­gen für Fami­lien ­– wir helfen kin­der­rei­chen und mate­ri­ell benach­tei­lig­ten Fami­lien sowie Fami­lien von ukrai­ni­schen Kämp­fern aus dem Anti-Terror-Kampf –, Gestal­tung öffent­li­cher Plätze für die Bevöl­ke­rung und Bema­lung von Wänden.“

In der Nähe der Kon­takt­li­nie, die die ukrai­ni­schen Städte von den sepa­ra­tis­ti­schen Gebie­ten der sog. „Volks­re­pu­bli­ken“ Donezk (DNR) und Luhansk (LNR) trennt, schlägt sich die Zivil­be­völ­ke­rung schon das vierte Jahr unter Kriegs­be­din­gun­gen durch.

Heute igno­rie­ren die Bewoh­ner die Deto­na­tio­nen.

Einmal lag unsere Stadt (Popasna, Anm. d. Red.) unter starkem Beschuss, das war 2014, ich war in der Neunten. Das Schul­jahr begann erst am 30. Sep­tem­ber (statt am 1. Sep­tem­ber, Anm. d. Red.), wir mussten in den Bom­ben­kel­ler. An diesem Tag fand der Unter­richt dort unten im Keller statt. Heute igno­rie­ren die Bewoh­ner die Deto­na­tio­nen“, erzählt Marina über die Kriegs­zeit.

Bildung und Ent­wick­lung

Für die jungen Men­schen in den front­na­hen Orten sind die Mög­lich­kei­ten, sich kul­tu­rell zu betä­ti­gen, abge­se­hen von Arbeits­ge­mein­schaf­ten in den Kul­tur­pa­läs­ten, und eine solide Bildung zu erwer­ben, sehr begrenzt. In den Städten ist das Fehlen von Per­so­nal und Büchern für die Bildung, von finan­zi­el­len Mitteln zur Erneue­rung der Aus­stat­tung beson­ders spürbar. Die Fenster sind mit Kle­be­band umwi­ckelt und mit Sand­sä­cken abge­dich­tet, und jedes Kind weiß, was es machen muss, wenn geschos­sen wird. Viel­leicht träumen des­we­gen die Schul­ab­gän­ger von einem Studium in einer großen Stadt.

Jedes Kind weiß, was es machen muss, wenn geschos­sen wird.

Viele wollten ins Lan­des­in­nere, mög­lichst weit weg von zu Hause. Ich wollte nicht so weit weg. Schließ­lich sind alle hier, im Donbas, meine Familie, meine Ange­hö­ri­gen. Und wie könnte ich z.B. in Charkiw ruhig leben, wenn ich weiß, dass hier die ganze Zeit geschos­sen wird?“, erzählt Marina.

Aus Marinas Klasse ist niemand zum Studium nach Russ­land oder in die Sepa­ra­tis­ten­ge­biete gegan­gen, keiner wollte das, alle stu­die­ren in der Ukraine. Leider gibt es noch immer Schul­ab­gän­ger aus den besetz­ten oder front­na­hen Gebie­ten, die sich für ein Studium in Russ­land oder in einem Ort der so genann­ten „LNR“ oder „DNR“ ent­schei­den. Die Tendenz ist sinkend, ver­blüfft aber dennoch. Absol­ven­ten von diesen Hoch­schu­len haben außer­halb der besetz­ten Gebiete keine Zukunft, da ihre Abschlüsse nur dort aner­kannt werden. Das Studium ist teuer, ein Zahn­me­di­zin­stu­dium im besetz­ten Donezk kostet 62.400 Rubel (890 Euro). Lohnt sich diese Ausgabe, wenn man in ein paar Jahren mög­li­cher­weise ohne etwas dasteht?

Das Leben nor­ma­li­siert sich, und ich würde gern zurück­kom­men.

Viele spre­chen von ihrer Abnei­gung gegen­über Popasna. Eine Klein­stadt, ein gott­ver­las­se­nes Nest. Aber ich denke, man muss zurück­keh­ren und die Stadt wieder zum Leben erwe­cken. Nach dem Krieg hat unsere Stadt einen Auf­schwung erlebt: es wurde ein Spring­brun­nen gebaut, jeder Stadt­teil hat zu Neujahr seinen Tan­nen­baum, Straßen werden gebaut. Das Leben nor­ma­li­siert sich, und ich würde gern zurück­kom­men“, erzählt Marina über ihr Ver­hält­nis zur Stadt und zur Zukunft.

Die heutige Jugend verfügt über ein großes Ent­wick­lungs­po­ten­tial. Ohne die Unter­stüt­zung von sozio­kul­tu­rel­len Pro­jek­ten und talen­tier­ten jungen Men­schen im Donbas sind bald nur noch die Erschöpf­ten mit einem großen inneren Miss­trauen übrig. Des­we­gen ist es unge­mein wichtig, die Städte in der Ost­ukraine zu ent­wi­ckeln, sie nicht nur finan­zi­ell zu unter­stüt­zen, sondern auch sozio­kul­tu­relle Pro­gramme anzu­bie­ten. Dann können wir gemein­sam die Bezie­hun­gen im Land in Ordnung bringen und an einer neuen Gene­ra­tion von Bewoh­nern in der Ukraine mit­wir­ken, die um den Wert der Unab­hän­gig­keit und des mensch­li­chen Lebens weiß.


Aus dem Rus­si­schen von Claudia Dathe.

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