„Lebst du noch?“ – Per­sön­li­che Ein­drü­cke von der ukrai­ni­schen Front

Foto: Daniel Carde /​ Imago Images

Zwi­schen Zusam­men­halt und Angst – der in der Ukraine lebende, deut­sche Schrift­stel­ler Chris­toph Brumme schil­dert seinen Besuch bei Freun­den an der Front.

In der Sied­lung Blisnjuki im süd­li­chen Oblast Charkiw ist der Schat­ten des Krieges sehr kurz, nur 30 Kilo­me­ter Luft­li­nie weiter ist die nächste Front, bei Bar­wen­kowo. Viel­leicht sind es auch nur 20 Kilo­me­ter, sagt mein Freund Jura, und die 30 Kilo­me­ter seien Wunsch­den­ken. Unsere Gast­ge­be­rin Nata­scha stammt von dort, sie tele­fo­niert manch­mal mit Nach­barn, die dort geblie­ben sind, und fragt, ob ihr Haus noch steht. Seit vier Monaten hat sie keine Nach­richt von ihrem Bruder mehr bekom­men, der als Frei­wil­li­ger in der Ter­ri­to­ria­len Ver­tei­di­gung (aus Reser­vis­ten und Frei­wil­li­gen bestehende Orga­ni­sa­tion der Ukrai­ni­schen Streit­kräfte; Anmerk. der Red.) diente. Unge­wiss, ob er noch lebt. Deshalb, sagt sie, muss sie so viel rauchen, auch mitten in der Nacht.

Jura hat mich hierher ein­ge­la­den. Wir hatten unser Treffen schon im Januar geplant, doch damals konnte er nicht kommen, weil sein Front­ab­schnitt zu heftig beschos­sen wurde. Das war einen Monat vor Beginn der großen Inva­sion, als ich mein Kriegs­ta­ge­buch zu schrei­ben begann. Er warnte damals Freunde und Ver­wandte vor dem Krieg, aber kaum jemand wollte ihm glauben. Zu oft schon hatte Russ­land bedroh­lich gehan­delt. 2014 schon ließ Putin sich von seinem Ober­haus das Recht ertei­len, die rus­si­sche Armee in der Ukraine ein­zu­set­zen. Doch er hatte es nicht gemacht.

Wir sitzen im Park von Blisnjuki, und Jura erzählt von den dunklen Nächten an der vor­ders­ten Linie der Front, der „Nuller-Linie“, wo kein Licht und keine Auto­schein­wer­fer ein­ge­schal­tet werden dürfen und nicht geraucht werden darf. „Willst du leben, wirst du besser nicht rauchen.“ Das Glühen des Tabaks ist weit zu sehen und von Scharf­schüt­zen und Drohnen leicht zu erkennen.

Die Angst vor dem Erwachen

Jura gibt zu, dass er oft Angst hat. Der unan­ge­nehmste Moment sei sowieso das Auf­wa­chen, wenn man erkennt, wo man sich befin­det. Im Kampf und bei Beschuss hin­ge­gen ist der Adre­na­lin­pe­gel so hoch, dass er keinen Schmerz spürt und wie im Rausch handelt. „Du weißt nie, was dich im nächs­ten Moment erwar­tet und deine kör­per­li­chen Fähig­kei­ten kennst du auch nicht. Wenn du später ana­ly­sierst, was pas­siert ist, stellst du fest, dass du deine Hand­lun­gen nicht erklä­ren kannst.“

Nach Beschuss mit Raketen und Gra­na­ten rufen sich die Sol­da­ten gegen­sei­tig zu „Lebend?“ Kein schö­ne­res Wort als dieses: „Schiwoi, lebend.“ Wenn die Gefahr dann für den Moment vorbei zu sein scheint, will man unge­mein viel trinken, das senkt den Adre­na­lin­spie­gel – weshalb es so wichtig ist, ständig genug Wasser bei sich zu haben.

In diesem Park wurde ich vor vielen Jahren mit Brot und Salz als Fahr­rad­re­por­ter aus Deutsch­land begrüßt. Ich fuhr beim Stadt­fest eine Runde vor den Ein­hei­mi­schen, man ernannte mich zum Ehren­mit­glied der Polizei und der Kosaken, beide Grup­pie­run­gen ver­spra­chen mir Schutz bis in alle Ewigkeit.

Freude passt nicht zu Krieg

Damals war das Zentrum des Parks noch nicht gepflas­tert, es gab noch keine über­dach­ten Grill­plätze, nicht so viele Papier­körbe, keine schönen Later­nen. Doch mit der Dezen­tra­li­sie­rungs­re­form bekam die Kommune in den letzten Jahren mehr Geld, vieles konnte in der Sied­lung ver­bes­sert und ver­schö­nert werden. Das Schul­ge­bäude wurde reno­viert und bunt ange­stri­chen, am zen­tra­len Gehweg wurden über­dachte Bänke auf­ge­stellt. Auf dem See konnte man im letzten Jahr noch mit Kata­ma­ra­nen fahren, die Kinder tobten in Hüpf­bur­gen herum, und Jura ver­kaufte und ver­schenkte zum Stadt­fest Popcorn. Nun wird nur das Vol­ley­ball­feld noch zum Sport­trei­ben genutzt. Aus­ge­las­sene Freude passt nicht so recht zum Krieg.

Aber am Sonn­abend tanzen wir doch und singen patrio­ti­sche Lieder, beson­ders gern die Hits der Kriegs­sai­son, „Bay­raktar“ und „Kalina kras­naja“. Und kei­ner­lei rus­sisch­spra­chige Lieder. Juras Freund Wowa bittet mich, unbe­dingt die Geschichte eines sie­ben­jäh­ri­gen Mäd­chens zu erzäh­len, dessen Mutter und Groß­mutter in Isjum von einer Rakete getötet wurden. Das Kind wurde von „Zigeu­nern“ auf­ge­nom­men, er „kaufte“ es von ihnen frei und übergab es einem Kin­der­trans­port nach Polen. Dann wurde die Tante des Mäd­chens hier in der Gegend gefun­den, die bereit war, es auf­zu­neh­men. Das Mädchen hatte inzwi­schen in Polen das erste Schul­jahr erfolg­reich absolviert.

Jura und Wowa kennen aber auch drei Leute von der Gegen­seite. Wowa arbei­tet bei der Kri­mi­nal­po­li­zei in der Region Isjum. Unter seinen 50 Mit­ar­bei­tern gab es nur einen Ver­rä­ter, der zu den Russen über­lief, von denen aber gefol­tert wurde. Jura kennt zwei frühere Klas­sen­ka­me­ra­den, die in den russ­län­di­schen Donez­ker Truppen gegen die Ukrai­ner kämpfen. Einer rief ihn vor einiger Zeit an und drohte, ihn und die Ukrai­ner fertigzumachen.

Ord­nungs­hü­ter Jura

Früher musste ich über Jura manch­mal schmun­zeln, weil er so deutsch war, so auf Ordnung bedacht, was auch sein Lieb­lings­wort ist. Dass er Sergant bei der Polizei war, merkt man auch in der Frei­zeit. Getrof­fene Ver­ein­ba­run­gen wie­der­holt er immer mehr­mals, als würde er sie pro­to­kol­lie­ren. Mich hatte er im Sommer 2009 vor der Tank­stelle ange­spro­chen, weil ich eine Fahr­rad­panne hatte, er bot seine Hilfe an. Über­haupt hilft er gern oder orga­ni­siert Hilfe, ob für das Abladen einer Fuhre Zie­gel­steine oder indem er wie heute das Schutz­netz um das Vol­ley­ball­feld herum auf­rich­tet und repariert.

Foto: Chris­toph Brumme

Mit Kindern redet er so freund­lich und hört ihnen so auf­merk­sam zu, als hätte er jah­re­lang als Erzie­her im Kin­der­gar­ten gear­bei­tet. An der Front schöpft er Kraft vor allem aus Kin­der­zeich­nun­gen. „Ich beschütze sie wie meinen Aug­ap­fel. Sie sind immer bei mir. Wenn wir mehrere Tage an einem Ort sind, hänge ich die Bilder an die Wand und schaue sie an, diese Bilder erwär­men meine Seele.“

Für die Zukunft der Kinder kämpft er, das sei sein stärks­tes Motiv, sagt er. Seine eigenen Kinder sind nun in Polen, auch das war ihm wichtig, denn in Sorge um die Familie kämpfen zu müssen, das würde ihn sehr beun­ru­hi­gen. „Ein Soldat wird schwach und wehrlos, wenn in seinem Rücken seine Familie in Gefahr ist.“ Das Schlimmste wäre für ihn, Ange­hö­rige in der Besat­zung oder in Gefan­gen­schaft zu wissen. Er zeigt ein Video seiner Tochter Marina, die mit einer ukrai­ni­schen Flagge auf den Schul­tern vor einem pol­ni­schen Rathaus tanzt.

„Für tap­fe­ren Dienst“ an der Front wurde er nun mit dem gleich­na­mi­gen höchs­ten Orden der Natio­nal­garde aus­ge­zeich­net. Jetzt gilt er in der Presse und bei Freun­den und Bekann­ten offi­zi­ell als Held, obwohl er sich selbst nicht so bezeich­nen möchte.

Foto: Chris­toph Brumme

Sterben an der „Nuller-Linie“

Schon vier seiner Mit­kämp­fer wurden im jet­zi­gen Krieg getötet, er weiß, wie hoch das Risiko ist, dort an der „Nuller-Linie“ zu sterben. Aber nie hat er erlebt, dass ukrai­ni­sche Sol­da­ten vom Schlacht­feld davon­ge­lau­fen sind, und er wird das auch nicht tun. Übri­gens spiele auch die Spra­chen­frage im Krieg keine Rolle, erzählt er. „Jeder spricht so, wie er es kann. Wir ver­ste­hen uns perfekt, auch wenn wir schwei­gen. Die Men­schen werden auf dem Schlacht­feld nicht nach Natio­na­li­tät oder Reli­gion getrennt, sondern nach Patronen.“

Ein beson­de­res Kapitel sind Frauen im Krieg. Sein Kom­man­deur ist eine junge Frau, deren Kom­pe­tenz und Tap­fer­keit er in den höchs­ten Tönen lobt. „Eine Frau muss nicht moti­viert werden, denn der Wunsch, die­je­ni­gen zu schüt­zen, die sie liebt, ist gene­tisch in ihr ver­an­kert. Im Zorn sind Frauen furcht­ein­flö­ßen­der als wir und sogar noch stärker. Ich sah sie kämpfen, und ich sah sie weinen und singen.“ Sogar für mich hat sie im Winter am Telefon ein Lied gesungen.

Jura hat keinen Zweifel daran, dass die Ukraine diesen Krieg gewin­nen wird. „Aber jetzt machen wir eine sehr schwie­rige Zeit durch. Wenn das Biest in die Enge getrie­ben wird, ist es am gefähr­lichs­ten“, warnte er im Inter­view mit der Lokal­zei­tung „Neues Leben“.

Froh sei er, weil die Men­schen in der Sied­lung Blisnjuki sich ver­än­dert haben. „Sie began­nen, an die Ukraine und ihre Zukunft zu glauben. Vor der umfas­sen­den Inva­sion habe ich bei vielen Lands­leu­ten keine so selbst­be­wusste Liebe zur Heimat wie jetzt beob­ach­tet.“ Bei­spiels­weise denkt er da an Nata­scha, eine Köchin und Kell­ne­rin im Restau­rant, die ihr Bleiben in Blisnjuki, so nah an der Front, damit begrün­det, dass irgendwo auch ihr Sohn von einer gast­freund­li­chen Frau ver­sorgt werde, der bei der Armee dient. Und so ver­sorgt sie eben hier die Men­schen. Mein Haus steht nicht mehr am Rande, sondern überall, das ist ein prä­gen­des Motto, mit dem Ukrai­ne­rin­nen und Ukrai­ner gemein­sam für ihr Über­le­ben und für die Zukunft der Kinder kämpfen. Meine Heimat ist nicht nur der hei­mi­sche Garten, sondern das ganze Land.

Textende

Portrait von Christoph Brumme

Chris­toph Brumme ver­fasst Romane und Repor­ta­gen. Seit dem Früh­jahr 2016 lebt er in der ost­ukrai­ni­schen Stadt Poltawa.

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