Verteidigung als Aufgabe für die ganze Gesellschaft

Die ukrainischen Streitkräfte halten die russische Invasion bisher erfolgreich auf, weil sie tiefen Rückhalt in der Gesellschaft genießen. Die Ukraine zeigt, dass Widerstand gegen eine stärkere Militärmacht dank Verflechtung von Zivilgesellschaf, Industrie, Behörden und Militär möglich ist.
„Kriege werden von Gesellschaften gewonnen.“ Kaum ein Satz fällt in Kyjiw häufiger, wenn es um die ukrainische Verteidigung geht. Die Ukraine hat den russischen Vormarsch nicht nur mit Soldaten, Waffen und westlicher Unterstützung gestoppt. Ihre eigentliche Resilienz liegt in einem gesellschaftlichen Ökosystem begründet, das im Westen bis heute kaum verstanden wird. Im nationalen Überlebenskampf ist ein organischer Systemverbund entstanden: zivile Initiativen, Tech-Unternehmen und Freiwilligennetzwerke arbeiten direkt mit Fronteinheiten und staatlichen Institutionen zusammen – improvisiert, aber enorm schnell und innovativ.
Mitten im Krieg hat die Ukraine etwas geschaffen, was dem nordischen Konzept der „Total Defence“ nahekommt: ein eigenes Modell demokratischer Verteidigung. Die Grenzen zwischen Staat, Militär, Wirtschaft und Gesellschaft lösen sich dabei auf. Soldaten und Zivilisten wechseln zwischen den Bereichen, viele übernehmen mehrere Rollen zugleich. Unternehmer arbeiten für Kampfeinheiten, Frontsoldaten entwickeln Software, Marketingagenturen unterstützen Defense-Tech-Start-ups, NGOs entwerfen neue Konzepte für den Zivilschutz. Rheinmetall-Chef Armin Papperger ahnte wohl kaum, wie treffend seine abfällig gemeinte Bemerkung war, dass in der Ukraine Hausfrauen zu Hause in der Küche an Drohnen werkeln würden. Genau diese gesellschaftliche Mobilisierung macht das ukrainische Verteidigungssystem aus.
Die Zivilgesellschaft ist Treiber eines neuen Verteidigungsmodells
„Jeder trägt heute alle Hüte“, sagt Yurii Buhai, früher Unternehmer, heute im Reforms Support Office des Verteidigungsministeriums tätig. Unter Minister Mychajlo Fedorow ist die Reform-Taskforce zu einer operativen Schnittstelle zwischen Staat, Militär, Start-ups und Zivilgesellschaft geworden. Eine zentral geplante Verteidigungsreform hat es seit 2014 nie gegeben. Das System entstand aus existenzieller Notwendigkeit heraus, es ist dezentral organisiert und datengetrieben – Aktivismus und Geschwindigkeit gegen Masse und Schwerfälligkeit. Die Zivilgesellschaft ist dabei nicht Begleiter, sondern zentraler Treiber des neuen Sicherheits- und Verteidigungsmodells.
Das militärische System Delta ist dafür beispielhaft. Heute bildet es das wichtigste digitale Gefechtsführungssystem der ukrainischen Streitkräfte. Entwickelt wurde es von Freiwilligen, IT-Spezialisten und Militärs, inzwischen wurde es vom Verteidigungsministerium übernommen. Delta verbindet Informationen von Drohnen, Aufklärungseinheiten und Frontabschnitten in Echtzeit und schafft ein gemeinsames digitales Lagebild. Ukrainische Offiziere vergleichen es mit einem „Google Maps für den Krieg“. Die Ukraine hat mit Delta ein weltweit einzigartiges Datensystem aufgebaut hat.
„Delta ist ein perfektes Beispiel dafür, wie eine Handvoll Enthusiasten den Krieg verändern kann“, sagt Vladyslav Chernetskyi, ein IT-Experte, der 2022 aus dem Silicon Valley zurückkehrte. Zunächst diente er in der 47. mechanisierten Magura-Brigade, heute arbeitet er im Innovationsdirektorat des Verteidigungsministeriums. Gemeinsam mit der Brigade und der NGO treibt er die Digitalisierung des Militärs voran.
Fast jede Einheit unterhält ein Netzwerk mit Freiwilligen
Wie eng private Initiativen mit der Front verflochten sind, zeigt die kleine Stiftung von Anna Stasiuk in Winnyzja. Wie viele Ukrainer hilft Anna einer Einheit, in der ihre Freunde kämpfen. Mit Unterstützung ihrer Eltern kündigte die damals 23-Jährige 2022 ihren Job und gründete eine Stiftung, die medizinisches Material und gepanzerte Fahrzeuge organisiert. Inzwischen arbeitet sie mit jungen Deutschen von der Hilfsorganisation Solidarity Aid zusammen. Anfang des Jahres lieferte Anna ein robotergesteuertes Fahrzeug an die Front – noch bevor unbemannte Bodensysteme breite Aufmerksamkeit erhielten. „Der Krieg und seine Folgen werden mich ein Leben lang begleiten“, sagt sie.
„In der Ukraine heißt es: Es ist Krieg und jeder geht hin“, sagt Isaak Flanagan, ein internationaler Tech-Experte, der an diversen Programmen mitarbeitet. „Sie verteidigen sich als ganze Nation. “Entscheidend sind dabei vor allem größere NGOs, die rund um Militäreinheiten wie die Magura-Brigade entstanden sind. Auch sie begann als loses Netzwerk von aktiven Soldaten, Veteranen, Ingenieuren und Softwareentwicklern. Heute ist die NGO Magura führend bei der Entwicklung innovativer Prozesse – und Vorbild für große Teile der ukrainischen Streitkräfte. „Der Staat ist bei der Beschaffung zu langsam“, sagt Maksym Kuzmenko, früher Anwalt und Zugführer der Brigade, heute aktiv in der NGO. „Inzwischen hat fast jede Einheit ihr eigenes System aus Freiwilligenorganisationen. Dadurch sparen wir Papier, Zeit und letztlich Menschenleben.“
Vor allem die gänzlich neuen Denkweisen und die Digitalisierung hätten die militärische Führung verändert, sagt IT-Experte Chernetskyi. Gemeinsam mit anderen Mitgliedern der 47. mechanisierten Magura-Brigade entwickelte er die Vision der App Armija+ und hat deren Implementierung geleitet. Die App nutzen heute fast alle ukrainischen Soldaten. Über verschiedene Module verbindet sie die Soldaten mit ihren Vorgesetzten und automatisiert interne Abläufe.
„Der Sprung vom digitalen Steinzeitalter zu Big-Data-Systemen war enorm“, sagt Chernetskiy. „Heute funktionieren viele Prozesse mit zwei Klicks“, ergänzt Kuzmenko. Selbst ein Urlaubsantrag könne mitten im Einsatz genehmigt werden. Beide verweisen auf eine neue Kultur in den Streitkräften: Früher erfolgten Kommandos über Anschreien, heute über Daten.
NGOs werden tätig, wo es beim Staat Lücken gibt
Auch in Kyjiw entstehen neue institutionelle Formen der Zusammenarbeit. Die enge Kooperation des Reform Support Office mit Think Tanks wie dem Sahaidachnyi Security Center zeigt exemplarisch, wie militärische Innovation, strategische Planung und politische Reformen zunehmend ineinandergreifen. Das Center hat inzwischen zwei Studien über die neuen „Citizen Soldiers“ der Ukraine veröffentlicht, die die wichtigsten NGOs im Verteidigungssektor vorstellen und für westliche Unterstützung werben.
Auch im Zivilschutz und bei Reformen der Energieversorgung spielen flexible Netzwerke und direkte Kommunikationswege eine entscheidende Rolle. Beispielhaft ist die NGO Brave to Rebuild, die seit 2022 bei Drohnenangriffen, eingestürzten Wohnhäusern und Stromausfällen im Einsatz ist. „Wo der Staat Lücken hat, stehen wir bereit“, sagt Kateryna Raputa, Leiterin des Notfallteams. Mit Kollegen baute sie eine Struktur aus 800 Freiwilligen auf, berät Stadtverwaltungen und entwickelt Handbücher, um Behörden und Bewohner besser auf Krisen vorzubereiten. Inzwischen wird die Organisation auch international wahrgenommen – im April war Direktorin Alona Krytsuk Gast einer „Blackout-Konferenz“ der Stadt Prag.
Besonders weit voraus sind ukrainische Experten und NGOs im Umgang mit hybriden Bedrohungen und strategischer Kommunikation – bis heute Schwachstelle vieler europäischer Demokratien. Akteure wie Liubov Tsybulska oder das Defense-Tech-Unternehmen OpenMinds entwickeln Ansätze, die Informationskrieg, gesellschaftliche Resilienz und demokratische Kommunikation zusammendenken. „Kriege beginnen und enden heute in den Köpfen der Menschen“, sagt Tsybulska, die Resilienz gegen Desinformation früh als Teil der nationalen Sicherheit verstand.
Die Grenzen zwischen Wirtschaft und Verteidigung verschwimmen
„Wir alle geben unsere Schultern dem Staat“, sagt die StratCom-Expertin, die 2022 das staatliche Zentrum für Strategische Kommunikation und Informationssicherheit aufbaute. Mit modernen Videoformaten entwickelte sie eine Social-Media-Strategie, die dem ukrainischen Verteidigungsministerium Millionen Follower und internationale Aufmerksamkeit brachte. Heute leitet Tsybulska ihre NGO Join Ukraine, die westlichen Institutionen erklärt, wie hybride Kriegsführung funktioniert. Ihr jüngstes Projekt ist der Lehrgang „Totale Verteidigung“ an der Ukrainischen Katholischen Universität in Lwiw. Moderne Kriege könnten nur durch „einen Schulterschluss von Staat, Wirtschaft, Zivilgesellschaft und Medien“ gewonnen werden, sagt auch sie.
Noch weiter geht OpenMinds. Kurz nach Beginn der Vollinvasion schlossen sich Datenjournalisten, Verhaltensforscher und Tech-Experten zusammen, um Maßnahmen gegen Propaganda, Desinformation und hybride Angriffe zu entwickeln. Inzwischen ist OpenMinds als Defence-Tech-Unternehmen in London registriert und arbeitet mit mehr als 30 Regierungen und Organisationen weltweit zusammen, darunter acht NATO-Staaten. Die Bilanz des Teams seit 2022 ist beeindruckend: rund 450 Kampagnen gegen russische Einflussoperationen, 55 Forschungsprojekte zu Propaganda und „Foreign Information Manipulation and Interference“ (FIMI), und mehrere langfristige StratCom-Programme.
OpenMinds zeigt auch, wie die Grenzen zwischen ziviler Wirtschaft und dem Verteidigungssektor verschwimmen. Fast jedes Unternehmen ist direkt oder indirekt an der Verteidigung des Landes beteiligt. Die Marketing- und IT-Firma Figmatiсa etwa hilft Defense-Tech-Unternehmen, Projekte professionell aufzubereiten und internationale Investoren zu gewinnen. „Auch mit Marketing kann man unsere Armee unterstützen“, sagt Mykhailo Yemchura, Leiter der Marketingabteilung bei Figmatiсa.
Die Ukraine als Labor demokratischer Resilienz
Ähnlich formuliert es die Investorin Eveline Buchatskiy, die ebenfalls nach der Vollinvasion aus den USA in die Ukraine zurückgekehrt ist. „Jedes Unternehmen, in das wir investieren, produziert etwas für unsere Verteidigung.“ Ihr Defence-Tech-Fonds D3, zu dem Ex-Google-CEO Eric Schmidt zählt, investiert in ukrainische und europäische Militär- und Sicherheitstechnologien – von Drohnen und KI bis zu Sensorik und Entminung. D3 sei eine „Brücke zwischen der ukrainischen Innovationsszene, westlichem Kapital und NATO-Partnern“, sagt Buchatskiy.
All dies zeigt, wie tiefgreifend der Krieg die Ukraine verändert hat. Viele betrachten das Land als Labor für innovative, kampferprobte Militärtechnologien. Vor allem aber ist die Ukraine heute ein Labor demokratischer Resilienz. Verteidigung wird nicht als autoritäre Militarisierung verstanden, sondern als gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Sie ist ein flexibles System, das Staat, Wirtschaft, Zivilgesellschaft und Bürger verbindet. Vielleicht kann Europa gerade in diesem Punkt am meisten lernen.
![]()
Verwandte Themen
Newsletter bestellen
Tragen Sie sich in unseren Newsletter ein und bleiben Sie auf dem Laufenden.




