Beliebt und gefor­dert: Ver­tei­di­gungs­mi­nis­ter Fedorow unter Druck

Der ukrainische Präsident Selenskyj und der Verteidigungsminister Mykhailo Fedorov nimmt am 11. Mai 2026 in Kyjiw an einem Treffen zwischen einer ukrainischen und einer deutschen Delegation teil.
Foto: IMAGO /​ Anadolu Agency

Nach einem halben Jahr als Ver­tei­di­gungs­mi­nis­ter bleibt Mycha­jlo Fedorow einer der belieb­tes­ten Poli­ti­ker der Ukraine. Die von ihm refor­mierte Flug­ab­wehr feiert Erfolge. Doch nun soll er bei der Reform der Armee schier Unmög­li­ches leisten und gerät dabei in Kon­flikt mit dem Gene­ral­stab. Auch sein Ver­hält­nis zu Prä­si­dent Selen­skyj soll sich abge­kühlt haben.

Mycha­jlo Fedorow, der wohl belieb­teste junge Poli­ti­ker der Ukraine, stand während seiner poli­ti­schen Kar­riere noch nie so unter Druck wie jetzt. Seit Anfang 2026 ist der 35-Jährige Ver­tei­di­gungs­mi­nis­ter. Bis dahin glänzte er nicht nur als stell­ver­tre­ten­der Minis­ter­prä­si­dent, sondern vor allem als Digi­tal­mi­nis­ter. Dank Fedorow und seinem Team erreichte die Ukraine sei­ner­zeit einen bemer­kens­wer­ten Durch­bruch in Sachen Digi­ta­li­sie­rung. Schon damals war Fedorow auch für das ukrai­ni­sche Droh­nen­pro­gramm ver­ant­wort­lich und dadurch in Fragen der Mili­tär­pro­duk­tion eben­falls tief eingebunden.

Doch das Digi­tal­mi­nis­te­rium zu führen war ein Leich­tes ver­gli­chen mit dem, was Fedorow nun mitten im Abwehr­kampf gegen Russ­land als Chef des wich­tigs­ten Regie­rungs­res­sorts leisten muss. Das Ver­tei­di­gungs­mi­nis­te­rium galt ohnehin lange als „Cha­os­mi­nis­te­rium“, erst in der kurzen Amts­zeit von Fedo­rows Vor­gän­ger Denys Schmyhal änderte sich das etwas.

Wich­ti­ger aber ist, dass Prä­si­dent Selen­skyj Fedorow mit Auf­ga­ben betraut hat, für die es teil­weise gar keine rea­lis­ti­schen Lösun­gen gibt. So wird vom Ver­tei­di­gungs­mi­nis­ter eine voll­stän­dige Reform der Armee erwar­tet, die sowohl die Anzahl der Vertragssoldat:innen erhöhen als auch denen, die seit 2022 oder sogar noch länger kämpfen, die Mög­lich­keit zur Demo­bi­li­sie­rung eröff­nen soll. Außer­dem soll Fedorow soge­nann­ten Bus­si­zi­fie­run­gen einen Riegel vor­schie­ben – gewalt­sa­men Zwangs­mo­bi­li­sie­run­gen, bei denen Men­schen auf der Straße in „Busse“ (Klein­trans­por­ter) gezerrt und gegen ihren Willen in Rekru­tie­rungs­zen­tren gebracht werden.

Ver­träge mit klarem Enddatum

Seit Mitte Juni ist nun zumin­dest klar, wie das refor­mierte Ver­trags­sys­tem der ukrai­ni­schen Streit­kräfte ab sofort aus­se­hen soll. Bisher waren Ver­träge mit Soldat:innen nicht an ein bestimm­tes Datum gebun­den, sondern an das Ende der Gene­ral­mo­bil­ma­chung; es waren also Ver­träge mit offenem Ende. Die neuen Ver­träge – das Ver­tei­di­gungs­mi­nis­te­rium bezeich­net sie als „Moti­va­ti­ons­ver­träge“ – sehen unter­schied­li­che Lauf­zei­ten von sechs bis 24 Monaten vor.

So dürfen Kriegsveteran:innen, die frei­wil­lig in die Armee zurück­keh­ren wollen, theo­re­tisch sogar ledig­lich ein halbes Jahr dienen. Soldat:innen, die derzeit in einer kämp­fen­den Einheit dienen, können einen Vertrag über zehn Monate abschlie­ßen. Für Zivilist:innen, die sich zum Dienst an der Front melden, um dort zu kämpfen, sind 14 Monate vor­ge­se­hen; die Dienst­dauer bei einer Posi­tion im Hin­ter­land liegt bei 24 Monaten.

Nach Ableis­tung ihrer Dienst­zeit dürfen Per­so­nen, die sich für einen solchen Vertrag ent­schie­den haben, min­des­tens ein halbes Jahr lang nicht erneut ein­ge­zo­gen werden. Je nach Kampf­ein­satz könnte die Min­dest­aus­zeit aller­dings auch deut­lich länger dauern.

Schritt­weise Demo­bi­li­sie­rung geplant

Zudem plant das Minis­te­rium, gegen Ende des Jahres schritt­weise mit der all­ge­mei­nen Demo­bi­li­sie­rung jener Kämp­fen­den zu begin­nen, die schon seit 2022 dienen. Wie dies konkret aus­se­hen soll und ob es mitten im Krieg über­haupt rea­lis­tisch ist, bleibt umstrit­ten. Während der Wunsch danach, vom Armee­dienst ins zivile Leben zurück­zu­keh­ren, bei vielen ver­ständ­li­cher­weise groß ist, ent­ste­hen an der Front natur­ge­mäß Lücken, wenn erfah­rene Ein­hei­ten sich zurückziehen.

Immer­hin öffnet das neue Ver­trags­sys­tem für alle, die schon seit langer Zeit dienen, zumin­dest ein Fenster der Mög­lich­keit, Licht am Ende des Tunnels zu sehen – wobei die Min­dest­aus­zeit von sechs Monaten in bestimm­ten Armee­krei­sen nach wie vor für Kritik sorgt.

Ambi­tio­niert sind die Vor­ha­ben des Ver­tei­di­gungs­mi­nis­te­ri­ums auch in Bezug darauf, was die Bezah­lung der Kämp­fen­den in Sturm­ein­hei­ten angeht. Sie sollen im Schnitt fast 6.000 Euro monat­lich ver­die­nen, der maxi­male Sold inklu­sive Bonus­zah­lun­gen für aktive Kämpfe soll sogar bei umge­rech­net fast 9.000 Euro liegen.

Werbung um aus­län­di­sche Kämpfer

Darüber hinaus sollen ab sofort private Ver­mitt­lungs­fir­men nach aus­län­di­schen Kämp­fern für die Sturm­bri­ga­den suchen – wofür bei erfolg­rei­cher Ver­mitt­lung eine Prämie von eben­falls etwa 6.000 Euro vor­ge­se­hen ist. Fedo­rows Ansatz ist klar: Während die mensch­li­chen Ver­luste an vor­ders­ter Front durch tech­ni­sche Fort­schritte etwa bei der Droh­nen­ent­wick­lung redu­ziert werden sollen, sollen Aus­län­der min­des­tens 30 Prozent der Stellen in den Sturm­bri­ga­den aus­ma­chen, im besten Fall sogar die Hälfte.

Zum einen bestehen jedoch erheb­li­che Zweifel daran, ob dieses Ziel über­haupt erreich­bar ist. Zum anderen haben mehrere pro­mi­nente Mit­glie­der des Ver­tei­di­gungs­aus­schus­ses im Par­la­ment darauf hin­ge­wie­sen, dass die Finan­zie­rung sowohl der Gehalts­er­hö­hun­gen als auch für die Anwer­bung von Aus­län­dern nicht gesi­chert ist. Über­dies berge ein allzu hoher Anteil aus­län­di­scher Kämpfer auch sonst einige Risiken. Obwohl die Ände­run­gen bereits in Kraft sind, ist es zu früh, um ein­zu­schät­zen, inwie­weit sie tat­säch­lich die erwünsch­ten Effekte haben werden.

Ab Juli soll nun auch der zweite Schritt der soge­nann­ten Armee-Reform umge­setzt werden, bei dem es um die Arbeit der Rekru­tie­rungs­zen­tren geht. Wie dies konkret aus­se­hen soll, ist aller­dings noch völlig unklar. Trotz allen tech­ni­schen Fort­schritts muss das Ver­tei­di­gungs­mi­nis­te­rium wei­ter­hin rund 25.000 Männer pro Monat mobi­li­sie­ren, um die Front zusam­men­zu­hal­ten. Gleich­zei­tig bleiben unver­än­dert etwa zwei Mil­lio­nen Wehr­pflich­tige für die Rekru­tie­rungs­zen­tren uner­reich­bar. Das hat dazu geführt, dass die Zahl der Fälle gewalt­sa­mer Zwangs­mo­bi­li­sie­rung in Städten wie Kyjiw in den ver­gan­ge­nen Monaten noch einmal deut­lich gestie­gen ist.

Ob es ange­sichts dieser Pro­bleme und dem kon­kre­ten mili­tä­ri­schen Bedarf, den der rus­si­sche Angriffs­krieg dik­tiert, über­haupt eine wun­der­same Lösung geben kann, ist frag­lich. Anders als im Digi­tal­mi­nis­te­rium wird Mycha­jlo Fedorow es mit Sicher­heit nicht schaf­fen, es allen recht zu machen.

Span­nun­gen mit dem Generalstab

Was in poli­ti­schen Kreisen für Beden­ken sorgt, ist die ange­spannte Bezie­hung des Ver­tei­di­gungs­mi­nis­ters zum Gene­ral­stab, nament­lich zum Ober­be­fehls­ha­ber der Streit­kräfte, Olek­sandr Syrskyj. Dieser genießt wei­ter­hin großes Ver­trauen bei Prä­si­dent Selen­skyj, Fedorow hin­ge­gen soll ihn dem Ver­neh­men nach gern aus­wech­seln wollen. Gerade in Bezug auf die kon­kre­te­ren Vor­stel­lun­gen zu Ver­trags­lauf­zei­ten sieht die Armee­füh­rung Fedorow Vor­schläge skep­tisch, weil sie aus ihrer Sicht nicht unbe­dingt der Rea­li­tät an der Front entsprechen.

Ohnehin ist es für den Gene­ral­stab eine neue Situa­tion, dass ein Ver­tei­di­gungs­mi­nis­ter quasi einen eigenen Kriegs­plan hat und sich nicht darauf beschränkt, so gut es geht die Vor­stel­lun­gen der Armee­füh­rung umzu­set­zen. Dass Fedorow bei seinen Stell­ver­tre­tern inzwi­schen kom­plett auf eigene Ver­traute setzt und sich dafür von einigen erfah­re­nen Mili­tärs trennte, berei­tet im poli­ti­schen Kyjiw eben­falls Kopfzerbrechen.

Es wird also ein deut­lich schwie­ri­ge­rer poli­ti­scher Kampf als gewöhn­lich für Fedorow, der als cha­ris­ma­ti­scher Vor­den­ker bekannt ist. Dass er nun unmit­tel­bar für so unlieb­same wie umstrit­tene Themen wie die Mobi­li­sie­rung ver­ant­wort­lich ist, birgt für den jungen Minis­ter enorme poli­ti­sche Risiken.

Ver­hält­nis zum Prä­si­den­ten abgekühlt

In den nächs­ten Monaten wird deshalb seine Bezie­hung zum Prä­si­den­ten ent­schei­dend sein. Zuletzt soll sie sich etwas abge­kühlt haben, dabei galt Fedorow lange als Selen­skyjs Lieb­ling. Dieser habe, heißt es, Fedorow sogar als poten­zi­el­len Leiter des Prä­si­di­al­amts in Erwä­gung gezogen. Doch offen­bar waren Fedo­rows Reform­vor­ha­ben Selen­skyj damals schon zu radikal, weshalb er sich schließ­lich für den Ex-Mili­tär­ge­heim­dienst­ler Kyrylo Budanow entschied.

Trotz alledem gelten die ersten sechs Monate von Fedorow im Amt des Ver­tei­di­gungs­mi­nis­ters in der Ukraine als Erfolgs­ge­schichte. Allein die von ihm initi­ierte Flug­ab­wehr­re­form, bei der die „kleine Flug­ab­wehr“ geschaf­fen wurde, um ver­gleichs­weise billige rus­si­sche Lang­stre­cken­droh­nen abzu­weh­ren, trieb die Effi­zi­enz der ukrai­ni­schen Luft­ver­tei­di­gung deut­lich in die Höhe. Und auch die aktu­el­len Erfolge der soge­nann­ten middle strikes spre­chen für sich. Ukrai­ni­sche Drohnen greifen dabei rus­si­sche Nach­schub­wege und Waf­fen­de­pots 50 bis 250 Kilo­me­ter hinter der Front an. Möglich wurde das durch die tech­no­lo­gi­schen Neue­run­gen, die Fedorow ange­sto­ßen hat.

Portrait von Denis Trubetskoy

Denis Tru­bets­koy ist in Sewas­to­pol auf der Krim geboren und berich­tet als freier Jour­na­list aus Kyjiw.

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