Beliebt und gefordert: Verteidigungsminister Fedorow unter Druck

Nach einem halben Jahr als Verteidigungsminister bleibt Mychajlo Fedorow einer der beliebtesten Politiker der Ukraine. Die von ihm reformierte Flugabwehr feiert Erfolge. Doch nun soll er bei der Reform der Armee schier Unmögliches leisten und gerät dabei in Konflikt mit dem Generalstab. Auch sein Verhältnis zu Präsident Selenskyj soll sich abgekühlt haben.
Mychajlo Fedorow, der wohl beliebteste junge Politiker der Ukraine, stand während seiner politischen Karriere noch nie so unter Druck wie jetzt. Seit Anfang 2026 ist der 35-Jährige Verteidigungsminister. Bis dahin glänzte er nicht nur als stellvertretender Ministerpräsident, sondern vor allem als Digitalminister. Dank Fedorow und seinem Team erreichte die Ukraine seinerzeit einen bemerkenswerten Durchbruch in Sachen Digitalisierung. Schon damals war Fedorow auch für das ukrainische Drohnenprogramm verantwortlich und dadurch in Fragen der Militärproduktion ebenfalls tief eingebunden.
Doch das Digitalministerium zu führen war ein Leichtes verglichen mit dem, was Fedorow nun mitten im Abwehrkampf gegen Russland als Chef des wichtigsten Regierungsressorts leisten muss. Das Verteidigungsministerium galt ohnehin lange als „Chaosministerium“, erst in der kurzen Amtszeit von Fedorows Vorgänger Denys Schmyhal änderte sich das etwas.
Wichtiger aber ist, dass Präsident Selenskyj Fedorow mit Aufgaben betraut hat, für die es teilweise gar keine realistischen Lösungen gibt. So wird vom Verteidigungsminister eine vollständige Reform der Armee erwartet, die sowohl die Anzahl der Vertragssoldat:innen erhöhen als auch denen, die seit 2022 oder sogar noch länger kämpfen, die Möglichkeit zur Demobilisierung eröffnen soll. Außerdem soll Fedorow sogenannten Bussizifierungen einen Riegel vorschieben – gewaltsamen Zwangsmobilisierungen, bei denen Menschen auf der Straße in „Busse“ (Kleintransporter) gezerrt und gegen ihren Willen in Rekrutierungszentren gebracht werden.
Verträge mit klarem Enddatum
Seit Mitte Juni ist nun zumindest klar, wie das reformierte Vertragssystem der ukrainischen Streitkräfte ab sofort aussehen soll. Bisher waren Verträge mit Soldat:innen nicht an ein bestimmtes Datum gebunden, sondern an das Ende der Generalmobilmachung; es waren also Verträge mit offenem Ende. Die neuen Verträge – das Verteidigungsministerium bezeichnet sie als „Motivationsverträge“ – sehen unterschiedliche Laufzeiten von sechs bis 24 Monaten vor.
So dürfen Kriegsveteran:innen, die freiwillig in die Armee zurückkehren wollen, theoretisch sogar lediglich ein halbes Jahr dienen. Soldat:innen, die derzeit in einer kämpfenden Einheit dienen, können einen Vertrag über zehn Monate abschließen. Für Zivilist:innen, die sich zum Dienst an der Front melden, um dort zu kämpfen, sind 14 Monate vorgesehen; die Dienstdauer bei einer Position im Hinterland liegt bei 24 Monaten.
Nach Ableistung ihrer Dienstzeit dürfen Personen, die sich für einen solchen Vertrag entschieden haben, mindestens ein halbes Jahr lang nicht erneut eingezogen werden. Je nach Kampfeinsatz könnte die Mindestauszeit allerdings auch deutlich länger dauern.
Schrittweise Demobilisierung geplant
Zudem plant das Ministerium, gegen Ende des Jahres schrittweise mit der allgemeinen Demobilisierung jener Kämpfenden zu beginnen, die schon seit 2022 dienen. Wie dies konkret aussehen soll und ob es mitten im Krieg überhaupt realistisch ist, bleibt umstritten. Während der Wunsch danach, vom Armeedienst ins zivile Leben zurückzukehren, bei vielen verständlicherweise groß ist, entstehen an der Front naturgemäß Lücken, wenn erfahrene Einheiten sich zurückziehen.
Immerhin öffnet das neue Vertragssystem für alle, die schon seit langer Zeit dienen, zumindest ein Fenster der Möglichkeit, Licht am Ende des Tunnels zu sehen – wobei die Mindestauszeit von sechs Monaten in bestimmten Armeekreisen nach wie vor für Kritik sorgt.
Ambitioniert sind die Vorhaben des Verteidigungsministeriums auch in Bezug darauf, was die Bezahlung der Kämpfenden in Sturmeinheiten angeht. Sie sollen im Schnitt fast 6.000 Euro monatlich verdienen, der maximale Sold inklusive Bonuszahlungen für aktive Kämpfe soll sogar bei umgerechnet fast 9.000 Euro liegen.
Werbung um ausländische Kämpfer
Darüber hinaus sollen ab sofort private Vermittlungsfirmen nach ausländischen Kämpfern für die Sturmbrigaden suchen – wofür bei erfolgreicher Vermittlung eine Prämie von ebenfalls etwa 6.000 Euro vorgesehen ist. Fedorows Ansatz ist klar: Während die menschlichen Verluste an vorderster Front durch technische Fortschritte etwa bei der Drohnenentwicklung reduziert werden sollen, sollen Ausländer mindestens 30 Prozent der Stellen in den Sturmbrigaden ausmachen, im besten Fall sogar die Hälfte.
Zum einen bestehen jedoch erhebliche Zweifel daran, ob dieses Ziel überhaupt erreichbar ist. Zum anderen haben mehrere prominente Mitglieder des Verteidigungsausschusses im Parlament darauf hingewiesen, dass die Finanzierung sowohl der Gehaltserhöhungen als auch für die Anwerbung von Ausländern nicht gesichert ist. Überdies berge ein allzu hoher Anteil ausländischer Kämpfer auch sonst einige Risiken. Obwohl die Änderungen bereits in Kraft sind, ist es zu früh, um einzuschätzen, inwieweit sie tatsächlich die erwünschten Effekte haben werden.
Ab Juli soll nun auch der zweite Schritt der sogenannten Armee-Reform umgesetzt werden, bei dem es um die Arbeit der Rekrutierungszentren geht. Wie dies konkret aussehen soll, ist allerdings noch völlig unklar. Trotz allen technischen Fortschritts muss das Verteidigungsministerium weiterhin rund 25.000 Männer pro Monat mobilisieren, um die Front zusammenzuhalten. Gleichzeitig bleiben unverändert etwa zwei Millionen Wehrpflichtige für die Rekrutierungszentren unerreichbar. Das hat dazu geführt, dass die Zahl der Fälle gewaltsamer Zwangsmobilisierung in Städten wie Kyjiw in den vergangenen Monaten noch einmal deutlich gestiegen ist.
Ob es angesichts dieser Probleme und dem konkreten militärischen Bedarf, den der russische Angriffskrieg diktiert, überhaupt eine wundersame Lösung geben kann, ist fraglich. Anders als im Digitalministerium wird Mychajlo Fedorow es mit Sicherheit nicht schaffen, es allen recht zu machen.
Spannungen mit dem Generalstab
Was in politischen Kreisen für Bedenken sorgt, ist die angespannte Beziehung des Verteidigungsministers zum Generalstab, namentlich zum Oberbefehlshaber der Streitkräfte, Oleksandr Syrskyj. Dieser genießt weiterhin großes Vertrauen bei Präsident Selenskyj, Fedorow hingegen soll ihn dem Vernehmen nach gern auswechseln wollen. Gerade in Bezug auf die konkreteren Vorstellungen zu Vertragslaufzeiten sieht die Armeeführung Fedorow Vorschläge skeptisch, weil sie aus ihrer Sicht nicht unbedingt der Realität an der Front entsprechen.
Ohnehin ist es für den Generalstab eine neue Situation, dass ein Verteidigungsminister quasi einen eigenen Kriegsplan hat und sich nicht darauf beschränkt, so gut es geht die Vorstellungen der Armeeführung umzusetzen. Dass Fedorow bei seinen Stellvertretern inzwischen komplett auf eigene Vertraute setzt und sich dafür von einigen erfahrenen Militärs trennte, bereitet im politischen Kyjiw ebenfalls Kopfzerbrechen.
Es wird also ein deutlich schwierigerer politischer Kampf als gewöhnlich für Fedorow, der als charismatischer Vordenker bekannt ist. Dass er nun unmittelbar für so unliebsame wie umstrittene Themen wie die Mobilisierung verantwortlich ist, birgt für den jungen Minister enorme politische Risiken.
Verhältnis zum Präsidenten abgekühlt
In den nächsten Monaten wird deshalb seine Beziehung zum Präsidenten entscheidend sein. Zuletzt soll sie sich etwas abgekühlt haben, dabei galt Fedorow lange als Selenskyjs Liebling. Dieser habe, heißt es, Fedorow sogar als potenziellen Leiter des Präsidialamts in Erwägung gezogen. Doch offenbar waren Fedorows Reformvorhaben Selenskyj damals schon zu radikal, weshalb er sich schließlich für den Ex-Militärgeheimdienstler Kyrylo Budanow entschied.
Trotz alledem gelten die ersten sechs Monate von Fedorow im Amt des Verteidigungsministers in der Ukraine als Erfolgsgeschichte. Allein die von ihm initiierte Flugabwehrreform, bei der die „kleine Flugabwehr“ geschaffen wurde, um vergleichsweise billige russische Langstreckendrohnen abzuwehren, trieb die Effizienz der ukrainischen Luftverteidigung deutlich in die Höhe. Und auch die aktuellen Erfolge der sogenannten middle strikes sprechen für sich. Ukrainische Drohnen greifen dabei russische Nachschubwege und Waffendepots 50 bis 250 Kilometer hinter der Front an. Möglich wurde das durch die technologischen Neuerungen, die Fedorow angestoßen hat.
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