Über­le­ben durch Inno­va­tion. Ukrai­ni­sche Tech­no­lo­gien und die Zukunft der Verteidigung

Ukrainische Entwickler und das Militär testen Bodenroboter-Komplexe
Foto: IMAGO /​ Avalon.red

Die Ukraine moder­ni­siert die Kriegs­füh­rung durch neue Tech­no­lo­gien im Ver­tei­di­gungs­sek­tor, und ver­bes­sert sie per­ma­nent durch direk­tes Feed­back von der Front. Für euro­päi­sche Partner bietet die Inte­gra­tion dieser Inno­va­tio­nen die Chance, die Abschre­ckungs- und Ver­tei­di­gungs­fä­hig­keit zu stärken.

Am 22. Mai 2026 erklärte der ukrai­ni­sche Prä­si­dent Wolo­dymyr Selen­skyi, dass die ukrai­ni­sche Armee seit Beginn des Jahres 590 Qua­drat­ki­lo­me­ter ihres Ter­ri­to­ri­ums befreit hätte. Laut der Moni­to­ring­web­seite DeepState haben die ukrai­ni­schen Streit­kräfte im Mai 2026 tat­säch­lich mehr Gebiete befreit, als Russ­land im selben Zeit­raum beset­zen konnte. Die Ukraine gewinnt an der Front an Momen­tum und setzt die rus­si­schen Streit­kräfte durch ihre Über­le­gen­heit in der Droh­nen­kriegs­füh­rung zuneh­mend unter Druck.

Drohnen erhöhen Reich­weite und Effi­zi­enz der ukrai­ni­schen Angriffe

Die durch Russ­land oftmals ange­kün­digte große Früh­jahrs­of­fen­sive scheint geschei­tert zu sein. Trotz hoher Inten­si­tät der Kämpfe sind die rus­si­schen Vor­stöße in diesem Jahr ins Stocken geraten. Das ukrai­ni­sche Militär hat gelernt, den rus­si­schen Infil­tra­ti­ons­tak­ti­ken ent­ge­gen­zu­wir­ken, ukrai­ni­sche Drohnen fügen der vor­rü­cken­den rus­si­schen Infan­te­rie schwere Ver­luste zu. Außer­dem setzten die ukrai­ni­schen Streit­kräfte auf Zer­mür­bung des Gegners durch Angriffe auf dessen Logis­tik, Treib­stoff­in­fra­struk­tur, Kon­troll­sys­teme, Kom­man­do­pos­ten und Munitionsdepots.

Diese Mit­tel­stre­cken­an­griffe gegen rus­si­sche Nach­schub­li­nien stören die Logis­tik in der gesam­ten besetz­ten Region – von Luhansk bis zur Krim. Die Droh­nen­an­griffe unter­bre­chen die rus­si­sche Ver­sor­gung, was zu Treib­stoff­man­gel und ein­ge­schränk­ten Trup­pen­ro­ta­tio­nen führt. Die Auf­nah­men, die das Asow-Korps der Natio­nal­garde am 8. Mai ver­öf­fent­lichte, zeigen, wie die Hornet-Drohnen unge­hin­dert über den von Russ­land besetz­ten Städten Luhansk, Donezk und Mariu­pol fliegen. Sie ver­deut­li­chen die Reich­weite der ukrai­ni­schen Mit­tel­stre­cken­an­griffe sowie die bis­he­rige Macht­lo­sig­keit der rus­si­schen Seite gegen sie. Gleich­zei­tig setzen ukrai­ni­sche Spe­zi­al­ein­hei­ten Flug­zeug­droh­nen gegen die geg­ne­ri­sche Ver­tei­di­gung ein, in mehr als tausend Kilo­me­tern Tiefe auf rus­si­schem Ter­ri­to­rium erreichen.

Ukrai­ner trai­nie­ren NATO-Armeen

Aktuell sieht der Krieg also ganz anders aus als noch vor ein paar Jahren. Die ukrai­ni­sche Seite passt sich nicht nur der neuen Rea­li­tät an, sondern prägt die moderne Kriegs­füh­rung. Die ukrai­ni­sche Armee, die noch bis vor kurzem durch NATO-Aus­bil­der trai­niert wurde, verfügt mitt­ler­weile in vielen Berei­chen über wert­vol­les Wissen, die sie im Rahmen von gemein­sa­men Mili­tär­übun­gen mit anderen euro­päi­schen Ländern teilt.

Aktu­el­les Bei­spiel ist die Übung „Aurora 2026“ auf der schwe­di­schen Ostsee-Insel Gotland: Einige Teams von ukrai­ni­schen Droh­nen­ein­hei­ten brach­ten dort einen mecha­ni­sier­ten NATO-Angriff so schnell zum Stehen, dass die Übung immer wieder von vorne begin­nen musste. Auf der Grund­lage ihrer Kampf­erfah­rung gegen Russ­land erläu­ter­ten die Ukrai­ner im Nach­gang, wie sie Schwach­stel­len in der Stra­te­gie der NATO im Droh­nen­krieg auf­deck­ten. Unter anderem konnten die ukrai­ni­schen Droh­nen­pi­lo­ten die viel zu dicht ange­ord­nete mecha­ni­sierte Kolonne bereits vor ihrer Auf­stel­lung in Gefechts­for­ma­tion entdecken.

Sind gepan­zerte Fahr­zeuge obsolet?

Eine der wich­tigs­ten Lehren aus dem rus­sisch-ukrai­ni­schen Krieg ist, dass die Taktik großer mecha­ni­sier­ter Angriffe unter Einsatz von Pan­zer­ver­bän­den mitt­ler­weile über­holt ist und enorme Ver­luste an Mate­rial und Men­schen­le­ben mit sich bringt. Die Anzahl der Drohnen-Typen und Teams, die gleich­zei­tig an einem Front­ab­schnitt im Einsatz sind, hat sich in den letzten Jahren entlang der gesam­ten Front­li­nie ver­viel­facht. Der Akti­ons­ra­dius jen­seits der Front­li­nie hat sich durch den Einsatz von Quad­c­op­tern, Glas­fa­ser­droh­nen sowie Flug­zeug­droh­nen deut­lich ver­grö­ßert. Beide Seiten erken­nen gepan­zerte Fahr­zeuge bereits in Ent­fer­nung von Dut­zen­den Kilo­me­tern und können sie während ihrer gesam­ten Bewe­gung über­wa­chen. Dieser Wandel führt zu einer Neu­aus­rich­tung auf kleine, ver­teilte und gut aus­ge­rüs­tete Infan­te­rie­grup­pen, die Räu­mungs­ope­ra­tio­nen und Angriffe durch­füh­ren. In NATO-Aus­bil­dungs­gän­gen werden immer noch „Pan­zer­du­elle“ geübt, während sie auf dem ukrai­ni­schen Schlacht­feld nicht mehr vor­stell­bar sind.

Es wäre dennoch zu früh, gepan­zerte Fahr­zeuge ganz abzu­schrei­ben. Sie spielen wei­ter­hin eine wich­tige Rolle bei der Unter­stüt­zung der Infan­te­rie. Um Panzer und andere Fahr­zeuge gegen Drohnen zu schüt­zen, instal­lie­ren die ukrai­ni­schen Streit­kräfte Stör­sen­der als elek­tro­ni­sche Kampf­mit­tel sowie Schutz­kon­struk­tio­nen wie Metall­git­ter, Abde­ckun­gen oder Netze. Mit solchen Maß­nah­men können die Fahr­zeuge manch­mal Dut­zende Droh­nen­an­griffe mit nur kleinen Schäden über­ste­hen und bei Bedarf zur Repa­ra­tur zurück­keh­ren. Ein wei­te­rer wich­ti­ger Faktor ist der Stand­ort im Ein­satz­ge­biet, den das Batail­lons­kom­mando unter Berück­sich­ti­gung der elek­tro­ni­schen Auf­klä­rungs­in­fra­struk­tur vorab eruiert.

Die Evo­lu­tion der Logistik

Auch die mili­tä­ri­sche Logis­tik erlebt eine rasante Ent­wick­lung. In den ersten beiden Kriegs­jah­ren setzte die ukrai­ni­sche Armee gepan­zerte Fahr­zeuge für die Ver­sor­gung der Front ein. Seit Ende 2023 haben sowohl die rus­si­sche als auch die ukrai­ni­sche Seite das Spek­trum und die Anzahl der Drohnen erheb­lich erwei­tert und die Droh­nen­teams aus­ge­baut. Diese Ent­wick­lung hat den Einsatz von gepan­zer­ten Fahr­zeu­gen an der Front unmög­lich gemacht. Daher setzten die Ukrai­ner bei logis­ti­schen Auf­ga­ben nicht mehr so sehr auf Pan­ze­rung, sondern primär auf Geschwin­dig­keit: Pick-ups, Quads und Motor­rä­der. Als Russ­lands Drohnen schnel­ler wurden, musste die ukrai­ni­sche Armee ihre Front­lo­gis­tik mit über den Straßen gespann­ten Netzen schüt­zen – Maß­nah­men, die teuer und per­so­nal­in­ten­siv sind. Gleich­zei­tig begann auch die Logis­tik immer stärker auf unbe­mannte Systeme umzu­stei­gen. Schwere Kampf­droh­nen (20–30 kg Nutz­last) waren der erste Schritt, doch für größere Lasten setzen die ukrai­ni­schen Streit­kräfte seit ver­gan­ge­nem Jahr vor allem auf UGVs (unbe­mannte Boden­fahr­zeuge), die bis zu 600 kg trans­por­tie­ren können.

Auch für Ver­mi­nung, Minen­räu­mung, Auf­klä­rung, Kampf­ein­sätze und medi­zi­ni­sche Eva­ku­ie­rung kommen immer häu­fi­ger UGVs zum Einsatz. Boden­ge­stützte Drohnen können ein Ver­steck des Feindes auf­de­cken und ver­nich­ten, Nach­schub­wege über­fal­len, Angriffs­ope­ra­tio­nen unter­stüt­zen, der Infan­te­rie bei der Ver­tei­di­gung ihrer Stel­lun­gen helfen und vieles mehr.

Boden­droh­nen eva­ku­ie­ren Verletzte

Auch bei der Eva­ku­ie­rung von Ver­letz­ten kommt immer häu­fi­ger Boden­ro­bo­tik zum Einsatz. In einem von Drohnen gesät­tig­ten Schlacht­feld wären Ret­tungs­mis­sio­nen mit gepan­zer­ten Fahr­zeu­gen äußerst gefähr­lich. Eva­ku­ie­run­gen per Hub­schrau­ber sind auch nicht mehr möglich – Droh­nen­pi­lo­ten jagen solche Ziele bereits 10 bis 20 km hinter der Front­li­nie. Ret­tungs­trup­pen können die Front aus dem­sel­ben Grund nur schwie­rig errei­chen. Mit Wär­me­bild- und Nacht­sicht­tech­nik aus­ge­stat­tete Drohnen machen selbst nächt­li­che Eva­ku­ie­run­gen extrem riskant. Medi­zi­ni­sches Per­so­nal ist ohnehin stark gefähr­det, da es sys­te­ma­tisch ange­grif­fen wird. Ver­wun­dete müssen deshalb oft Tage oder Wochen auf eine Eva­ku­ie­rung warten.

Vor weniger als einem Jahr berich­tete die ukrai­ni­sche Armee von der ersten erfolg­rei­chen Eva­ku­ie­rung mit­hilfe eines UGV. Mitt­ler­weile sind solche Trans­porte zur Routine gewor­den. UGVs wie die MAUL-Drohne, die mit einem gepan­zer­ten „Sarg“ als Ret­tungs­kap­sel und Stör­sen­dern aus­ge­stat­tet ist, können Ver­letzte trotz der per­ma­nen­ten Gefahr durch geg­ne­ri­sche UAVs zu einem Sta­bi­li­sie­rungs­punkt bringen.

Rasante Ent­wick­lung bei der elek­tro­ni­schen Kriegsführung

Moderne Kriegs­füh­rung ist ohne elek­tro­ni­sche Kampf­mit­tel nicht mehr denkbar. Die Ukrai­ner nutzten im ersten Jahr der Voll­in­va­sion trag­bare Stör­sen­der mit gerich­te­ter Wirkung, die aber mitt­ler­weile nicht mehr effek­tiv sind. Heute setzen sie auf kup­pel­för­mige Stör­sys­teme, die an gepan­zer­ten Fahr­zeu­gen, Pickups und unbe­mann­ten Boden­fahr­zeu­gen mon­tiert und in die Strom­ver­sor­gung der Fahr­zeuge inte­griert sind. Ähn­li­che, kom­pak­tere Modelle nutzen auch Infan­te­ris­ten. Im Laufe des Kriegs sind die Mittel der elek­tro­ni­schen Kriegs­füh­rung immer kom­ple­xer gewor­den. Es findet ein per­ma­nen­ter tech­no­lo­gi­scher Wett­lauf statt.

Inno­va­tio­nen finden an der Front statt

Der tech­no­lo­gi­sche Wandel an der Front voll­zieht sich in einem rasen­den Tempo. Ohne einen direk­ten Dialog mit den End­nut­zern – den Sol­da­ten und Inge­nieu­ren an der Front, die diese tech­no­lo­gi­schen Lösun­gen täglich imple­men­tie­ren – könnten die Ent­wick­ler bei diesem Wett­lauf nicht mit­hal­ten. Die unge­schön­ten Rück­mel­dun­gen zu Schwä­chen und Mängeln im Einsatz ermög­li­chen es Her­stel­lern, Pro­dukte schnell zu verbessern.

Diese Art der Zusam­men­ar­beit ist einer der Gründe, warum die Ukraine trotz deut­lich gerin­ge­rer Res­sour­cen Russ­land in puncto Ver­tei­di­gungs­in­no­va­tio­nen über­le­gen ist. Am Ende ent­schei­det aber nicht diese über den Ausgang des Krieges, sondern die Ska­lie­rung und Masse. Hier war Russ­land bisher im Vorteil. Für eine nach­hal­tige Wende zuguns­ten der Ukraine wäre eine engere Zusam­men­ar­beit zwi­schen ihr und dem Rest Europas notwendig.

Die Inves­ti­tio­nen in ukrai­ni­sche For­schung und Ent­wick­lung sowie die Inte­gra­tion von ukrai­ni­schen Ver­tei­di­gungs­in­no­va­tio­nen in die euro­päi­schen indus­tri­el­len Kapa­zi­tä­ten können nicht nur die Ukraine im Kampf gegen die rus­si­sche Aggres­sion stärken, sondern auch die Abschre­ckungs- und Ver­tei­di­gungs­fä­hig­keit Europas erhöhen.

Portrait von Daria Malling

Daria Malling ist Refe­ren­tin im Ukraine Pro­gramm. Zu den Schwer­punk­ten ihrer Arbeit zählen u.a. die deutsch-ukrai­ni­sche inter­par­la­men­ta­ri­sche Zusam­men­ar­beit, Sicher­heits- und Ver­tei­di­gungs­po­li­tik sowie die Ener­gie­si­cher­heit in der Ukraine.

Maksym Kuz­menko ist Mit­glied der NGO Magura, Veteran der 47. Brigade „Magura“ und Rechtsanwalt.

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