Die Aufgabe der Region Donezk käme einem militärischen Selbstmord gleich

Russland versucht, die Ukraine zur Abtretung der gesamten Region Donezk zu drängen. Denn eine militärische Einnahme würde schätzungsweise bis Ende 2027 andauern und hohe Verluste für die russische Seite mit sich bringen. Für die Ukraine wäre die Aufgabe der Region Donezk fatal, wie historische Beispiele zeigen.
Im Laufe des Jahres 2025, als sich Donald Trumps vermeintliche Friedensbemühungen im Krieg zwischen der Ukraine und Russland entfalteten, brachte der Kreml die Idee ins Spiel, dass ein einseitiger Rückzug der ukrainischen Streitkräfte aus dem noch von ihnen kontrollierten Nordwesten der Region Donezk eine zentrale Voraussetzung für einen Waffenstillstand und eine Einigung sei. Der Kreml stellte diesen Punkt als geringfügiges Zugeständnis dar.
Trump ging auf diesen russischen Köder ein und der Druck der USA auf die Ukraine, Russland ein solches Zugeständnis zu machen, verstärkte sich gegen Ende des vergangenen Jahres. Der Erfolg der Moskauer Strategie zeigt sich darin, dass Wolodymyr Selenskyjs konsequente Verteidigung der nationalen Interessen der Ukraine vom Weißen Haus als vermeintliches Hindernis für den Frieden dargestellt wurde. Die Leichtigkeit, mit der es Wladimir Putin gelang, Trump und seinen Sonderbeauftragten Steve Witkoff zu manipulieren, lässt sich wohl auch durch deren Hintergrund im Immobiliengewerbe erklären, wo es bei Geschäften letztlich um Land und Vermögenswerte geht.
68 Prozent der Befragten in der Ukraine sind gegen eine Aufgabe der Region Donezk
Da Russland bereits etwa 110.000 Quadratkilometer der Ukraine besetzt hält, scheint die Abtretung von etwa 4.500 Quadratkilometern der Region Donezk kein großes Opfer für den Frieden zu sein. Ob man sich aus Donezk zurückziehen soll, ist jedoch eine grundlegende Frage mit potenziell weitreichenden Folgen für die Zukunft der Ukraine. Der Kampf um die Region Donezk begann 2014, als Russland in die Ostukraine einmarschierte, die Region jedoch nicht vollständig erobern konnte. Russlands Scheitern untergrub seinen Anspruch auf den Status einer großen Militärmacht. Die vollständige Kontrolle über Donezk ist seitdem eines von Putins Hauptzielen in der Ukraine. Putins Unvermögen, die gesamte Region mit militärischen Mitteln zu sichern, erklärt dessen Bemühungen, sie auf diplomatischem Wege zu annektieren.
Selenskyj hat alle derartigen Forderungen zurückgewiesen. Der ukrainische Präsident hat schlichtweg keine rechtliche Befugnis, ukrainisches Territorium abzutreten. Darüber hinaus wäre dies in politischer Hinsicht höchstumstritten. Laut der jüngsten Umfrage des Kyjiwer Internationalen Instituts für Soziologie waren 68 Prozent der Ukrainer nicht bereit, den Nordwesten der Region Donezk aufzugeben, wenn die damit verbundenen Sicherheitszusagen der USA bestenfalls vage sein würden. Somit würden Zugeständnisse nicht nur einen schwerwiegenden Verstoß gegen die Verfassung darstellen, sondern auch den Weg für innenpolitische Instabilität ebnen. Da Selenskyj die US-Vorschläge in der Öffentlichkeit nicht entschieden zurückweisen kann, hat er die Einrichtung einer entmilitarisierten Zone im Nordwesten der Region Donezk vorgeschlagen, die durch einen gegenseitigen Abzug ukrainischer und russischer Truppen sowie den Einsatz von Truppen einer dritten Partei erreicht werden soll, welche die Einhaltung aller Vereinbarungen durch Russland sicherstellen würden.
Die russische Armee besetzte 2025 weniger als 5.000 Quadratkilometer Land
Neben den politischen Risiken für den inneren Zusammenhalt der Ukraine sprechen auch gewichtige militärische und strategische Überlegungen gegen eine einseitige Abtretung der Region Donezk. Heute bildet der befestigte Ballungsraum Slowjansk-Kramatorsk den Kern des ukrainischen Verteidigungssystems. Fünf ukrainische Korps (das 3., 11. und 19. der Landstreitkräfte, das 1. der Nationalgarde und das 7. Fallschirmjägerkorps) verteidigen eine Front, die sich vom Stadtrand von Lyman bis zum Stadtrand von Pokrowsk erstreckt. Truppen des ukrainischen Pionierkorps verstärken diese Gebiete ständig mit Befestigungen und Hindernissen. Würde sich die Ukraine aus dem Gebiet zurückziehen, würde dies die nahegelegenen Regionen Charkiw und Dnipropetrowsk extrem verwundbar machen, da es in der Nähe keine vergleichbaren größeren städtischen Gebiete gibt, an denen die ukrainische Verteidigung verankert werden könnte. In militärischer Hinsicht wären die nahegelegenen Ebenen und Kleinstädte dann äußerst anfällig für die von Russland praktizierten Infiltrationstaktiken.
Der unter ukrainischer Kontrolle stehende Teil der Region Donezk kann von russischen Streitkräften nicht ohne Weiteres umgangen werden, was Russland zu einem kostspieligen Zermürbungskrieg zwingt. Dass der derzeit andauernde Krieg defensive Operationsweisen begünstigt, verschafft der Ukraine die Oberhand. Das Schlachtfeld ist derart mit Aufklärungs- und Angriffs-Drohnen übersät, dass Russland gezwungen ist, auf verstreute Infanterie zu setzen und Infiltrationstaktiken anzuwenden.
Dies bedeutet, dass klassische tiefgreifende Offensivoperationen mit schnellem Eindringen und Ausnutzen territorialer Errungenschaften heute ebenso wenig möglich sind wie in den Jahren 2024 und 2025. Die Abhängigkeit verstreuter Infanterie von Unterstützung schränkt das Tempo und den Umfang der Operationen stark ein. Im Jahr 2025 gelang es Russland gerade einmal, weniger als 5.000 Quadratkilometer der Ukraine zu besetzen. Darüber hinaus zeigten die ukrainischen Verteidigungskräfte sowohl im Dezember 2025 in der Umgebung von Kupjansk als auch im Februar 2026 in der Region Dnipropetrowsk die Fähigkeit, russische Streitkräfte erfolgreich zurückzuschlagen, bevor diese ihre Stellungen festigen konnten. Wenn dies wiederholt werden sollte, wären die russischen Vorstöße im Jahr 2026 noch stärker eingeschränkt. Gleichzeitig hat die Ukraine ihre Fähigkeiten bei Mittelstreckenangriffen (in einer Reichweite von 20 bis 120 Kilometern) verbessert, wie die verstärkte Zerstörung von Systemen der elektronischen Kriegsführung, vielfältigen Luftabwehrsystemen, Lokomotiven und Stützpunkten von Drohneneinheiten zeigt. Eine verbesserte ukrainische Mittelstreckenangriffsstrategie wird den russischen Streitkräften zusätzliche Kosten auferlegen, wenn sich die Kampagne 2026 verschärfen sollte.
Eine kampflose Übergabe wäre eine Einladung zu weiteren russischen Vorstößen
All dies bedeutet nicht, dass es 2026 überhaupt keine russischen Vorstöße geben wird. Die Dynamik an der Front wird wahrscheinlich weder einen größeren russischen Durchbruch noch eine vollständige Stabilisierung mit sich bringen. Die Ukraine wird wahrscheinlich ihre Strategie des Austauschs von Raum gegen maximale Verluste für Russland fortsetzen, wie sie es bereits in den beiden vorherigen Jahren getan hat. Der Kern einer solchen Strategie besteht darin, sich langsam zurückzuziehen, da die vorhandenen Streitkräfte die Front nicht vollständig stabilisieren können, und dem Feind zugleich maximale Verluste zuzufügen, in der Hoffnung, dessen Offensive zu erschöpfen. Nach dieser Logik ist es besser, den russischen Truppen großen Schaden zuzufügen, während sie versuchen, um Slowjansk-Kramatorsk herum vorzustoßen, als sich einseitig zurückzuziehen.
Die Wahrscheinlichkeit, dass die Ukraine den nordwestlichen Teil der Region Donezk durch intensive Kämpfe letztendlich verlieren könnte, rechtfertigt keine sofortige Aufgabe dieser Gebiete. Berechnungen zufolge würde es für Russland mit den derzeitigen Technologien, Taktiken und personellen Ressourcen bis Ende 2027 dauern, die Region Donezk vollständig zu besetzen – verbunden mit hohen Verlusten. Russland beklagt derzeit durchschnittlich etwa 30.000 Tote oder Schwerverletzte pro Monat. Eine kampflose Übergabe von Gebieten, bevor die russischen Streitkräfte endgültig erschöpft sind, wäre lediglich eine Einladung zu weiteren russischen Vorstößen, während die ukrainische Verteidigung dann von weniger vorteilhaften Positionen aus erfolgen müsste.
Beispiele aus der Kriegsgeschichte
Die Kriegsgeschichte liefert gute Beispiele dafür, wie auf Forderungen nach Abtretung souveränen Territoriums durch einen auf imperiale Expansion bedachten Aggressor zu reagieren ist. 1939 stellte die Sowjetunion Finnland ein Ultimatum: Entweder die einseitige Abtretung der Karelischen Landenge oder die Aussicht auf einen Krieg mit einem weitaus größeren Nachbarn. Trotz des intensiven Drucks, der zunächst zum Winterkrieg (1939–1940) und dann zum Fortsetzungskrieg (1941–1944) führte, gab Finnland nicht nach. Finnland verlor schließlich die Karelische Landenge. Durch hartnäckigen Widerstand gelang es Finnland jedoch, der Sowjetunion erschütternde Verluste in Höhe von Hunderttausenden toter oder verwundeter Soldaten zuzufügen, was die Sowjetunion schließlich zu dem Schluss kommen ließ, dass es besser sei, mit einem freien Finnland zu leben, als zu versuchen, es zu erobern und zu unterwerfen. Hätte Finnland die Karelische Landenge 1939 kampflos aufgegeben, wäre möglicherweise das ganze Land besetzt und in eine Sowjetrepublik verwandelt worden, so wie es 1940 mit den baltischen Staaten geschah.
Das Beispiel Finnlands lehrt die Ukraine, dass es besser ist, Gebiete im Kampf zu verlieren, als einseitige Zugeständnisse zu machen, die das eigene Verteidigungssystem untergraben. Das demonstriert auch das Beispiel der Tschechoslowakei, die im Herbst 1938 durch das Münchner Abkommen zunächst zur Abtretung der von Sudetendeutschen bewohnten Gebiete genötigt wurde. Da sich die wichtigsten Befestigungsanlagen der Tschechoslowakei an der Grenze zum Deutschen Reich befanden, machten die Gebietsabtretungen die Tschechoslowakei völlig schutzlos gegenüber der deutschen Besetzung im März 1939, als Böhmen und Mähren in das Deutsche Reich eingegliedert und die Slowakei zu einem Satellitenstaat wurde.
Die russischen Forderungen nach einer einseitigen Übergabe der gesamten Region Donezk sind nur ein weiteres Beispiel dafür, wie der Kreml seine Unfähigkeit auf dem Schlachtfeld verschleiert, während er versucht, dem Ziel der Unterwerfung der Ukraine einen Schritt näher zu kommen. Russlands Behauptung, die Ukraine solle jetzt territoriale Zugeständnisse machen, weil Russland sie letztendlich erobern werde, ignoriert die oben beschriebenen Aspekte. Neben Tiefenschlägen gegen Russlands Ölverarbeitungsanlagen und dessen militärisch-industriellen Komplex sowie Maßnahmen gegen die russische Schattenflotte ist die entschlossene aktive Verteidigung des Nordwestens der Region Donezk durch die ukrainischen Streitkräfte ein integraler Bestandteil der ukrainischen Strategie, maximalen Schaden anzurichten, die russische Entscheidungsfindung vor neue Dilemmata zu stellen und die Voraussetzungen für einen dauerhaften Frieden zu schaffen.
Der Artikel basiert auf einem kürzlich erschienenen Kommentar für das European Policy Institute in Kyiv (EPIK).
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