Die Aufgabe der Region Donezk käme einem mili­tä­ri­schen Selbst­mord gleich

Ein Soldat der Flugabwehrraketenartillerie-Division der 125. Separaten Schweren Mechanisierten Brigade der Ukraine hält während seines Kampfeinsatzes ein tragbares Flugabwehrsystem vom Typ „Piorun“ in den Händen
Foto: IMAGO /​ ABACAPRESS

Russ­land ver­sucht, die Ukraine zur Abtre­tung der gesam­ten Region Donezk zu drängen. Denn eine mili­tä­ri­sche Ein­nahme würde schät­zungs­weise bis Ende 2027 andau­ern und hohe Ver­luste für die rus­si­sche Seite mit sich bringen. Für die Ukraine wäre die Aufgabe der Region Donezk fatal, wie his­to­ri­sche Bei­spiele zeigen.

Im Laufe des Jahres 2025, als sich Donald Trumps ver­meint­li­che Frie­dens­be­mü­hun­gen im Krieg zwi­schen der Ukraine und Russ­land ent­fal­te­ten, brachte der Kreml die Idee ins Spiel, dass ein ein­sei­ti­ger Rückzug der ukrai­ni­schen Streit­kräfte aus dem noch von ihnen kon­trol­lier­ten Nord­wes­ten der Region Donezk eine zen­trale Vor­aus­set­zung für einen Waf­fen­still­stand und eine Eini­gung sei. Der Kreml stellte diesen Punkt als gering­fü­gi­ges Zuge­ständ­nis dar.

Trump ging auf diesen rus­si­schen Köder ein und der Druck der USA auf die Ukraine, Russ­land ein solches Zuge­ständ­nis zu machen, ver­stärkte sich gegen Ende des ver­gan­ge­nen Jahres. Der Erfolg der Mos­kauer Stra­te­gie zeigt sich darin, dass Wolo­dymyr Selen­skyjs kon­se­quente Ver­tei­di­gung der natio­na­len Inter­es­sen der Ukraine vom Weißen Haus als ver­meint­li­ches Hin­der­nis für den Frieden dar­ge­stellt wurde. Die Leich­tig­keit, mit der es Wla­di­mir Putin gelang, Trump und seinen Son­der­be­auf­trag­ten Steve Witkoff zu mani­pu­lie­ren, lässt sich wohl auch durch deren Hin­ter­grund im Immo­bi­li­en­ge­werbe erklä­ren, wo es bei Geschäf­ten letzt­lich um Land und Ver­mö­gens­werte geht.

68 Prozent der Befrag­ten in der Ukraine sind gegen eine Aufgabe der Region Donezk

Da Russ­land bereits etwa 110.000 Qua­drat­ki­lo­me­ter der Ukraine besetzt hält, scheint die Abtre­tung von etwa 4.500 Qua­drat­ki­lo­me­tern der Region Donezk kein großes Opfer für den Frieden zu sein. Ob man sich aus Donezk zurück­zie­hen soll, ist jedoch eine grund­le­gende Frage mit poten­zi­ell weit­rei­chen­den Folgen für die Zukunft der Ukraine. Der Kampf um die Region Donezk begann 2014, als Russ­land in die Ost­ukraine ein­mar­schierte, die Region jedoch nicht voll­stän­dig erobern konnte. Russ­lands Schei­tern unter­grub seinen Anspruch auf den Status einer großen Mili­tär­macht. Die voll­stän­dige Kon­trolle über Donezk ist seitdem eines von Putins Haupt­zie­len in der Ukraine. Putins Unver­mö­gen, die gesamte Region mit mili­tä­ri­schen Mitteln zu sichern, erklärt dessen Bemü­hun­gen, sie auf diplo­ma­ti­schem Wege zu annektieren.

Selen­skyj hat alle der­ar­ti­gen For­de­run­gen zurück­ge­wie­sen. Der ukrai­ni­sche Prä­si­dent hat schlicht­weg keine recht­li­che Befug­nis, ukrai­ni­sches Ter­ri­to­rium abzu­tre­ten. Darüber hinaus wäre dies in poli­ti­scher Hin­sicht höchstumstrit­ten. Laut der jüngs­ten Umfrage des Kyjiwer Inter­na­tio­na­len Insti­tuts für Sozio­lo­gie waren 68 Prozent der Ukrai­ner nicht bereit, den Nord­wes­ten der Region Donezk auf­zu­ge­ben, wenn die damit ver­bun­de­nen Sicher­heits­zu­sa­gen der USA bes­ten­falls vage sein würden. Somit würden Zuge­ständ­nisse nicht nur einen schwer­wie­gen­den Verstoß gegen die Ver­fas­sung dar­stel­len, sondern auch den Weg für innen­po­li­ti­sche Insta­bi­li­tät ebnen. Da Selen­skyj die US-Vor­schläge in der Öffent­lich­keit nicht ent­schie­den zurück­wei­sen kann, hat er die Ein­rich­tung einer ent­mi­li­ta­ri­sier­ten Zone im Nord­wes­ten der Region Donezk vor­ge­schla­gen, die durch einen gegen­sei­ti­gen Abzug ukrai­ni­scher und rus­si­scher Truppen sowie den Einsatz von Truppen einer dritten Partei erreicht werden soll, welche die Ein­hal­tung aller Ver­ein­ba­run­gen durch Russ­land sicher­stel­len würden.

Die rus­si­sche Armee besetzte 2025 weniger als 5.000 Qua­drat­ki­lo­me­ter Land

Neben den poli­ti­schen Risiken für den inneren Zusam­men­halt der Ukraine spre­chen auch gewich­tige mili­tä­ri­sche und stra­te­gi­sche Über­le­gun­gen gegen eine ein­sei­tige Abtre­tung der Region Donezk. Heute bildet der befes­tigte Bal­lungs­raum Slo­wjansk-Kra­ma­torsk den Kern des ukrai­ni­schen Ver­tei­di­gungs­sys­tems. Fünf ukrai­ni­sche Korps (das 3., 11. und 19. der Land­streit­kräfte, das 1. der Natio­nal­garde und das 7. Fall­schirm­jä­ger­korps) ver­tei­di­gen eine Front, die sich vom Stadt­rand von Lyman bis zum Stadt­rand von Pokrowsk erstreckt. Truppen des ukrai­ni­schen Pio­nier­korps ver­stär­ken diese Gebiete ständig mit Befes­ti­gun­gen und Hin­der­nis­sen. Würde sich die Ukraine aus dem Gebiet zurück­zie­hen, würde dies die nahe­ge­le­ge­nen Regio­nen Charkiw und Dni­pro­pe­trowsk extrem ver­wund­bar machen, da es in der Nähe keine ver­gleich­ba­ren grö­ße­ren städ­ti­schen Gebiete gibt, an denen die ukrai­ni­sche Ver­tei­di­gung ver­an­kert werden könnte. In mili­tä­ri­scher Hin­sicht wären die nahe­ge­le­ge­nen Ebenen und Klein­städte dann äußerst anfäl­lig für die von Russ­land prak­ti­zier­ten Infiltrationstaktiken.

Der unter ukrai­ni­scher Kon­trolle ste­hende Teil der Region Donezk kann von rus­si­schen Streit­kräf­ten nicht ohne Wei­te­res umgan­gen werden, was Russ­land zu einem kost­spie­li­gen Zer­mür­bungs­krieg zwingt. Dass der derzeit andau­ernde Krieg defen­sive Ope­ra­ti­ons­wei­sen begüns­tigt, ver­schafft der Ukraine die Ober­hand. Das Schlacht­feld ist derart mit Auf­klä­rungs- und Angriffs-Drohnen übersät, dass Russ­land gezwun­gen ist, auf ver­streute Infan­te­rie zu setzen und Infil­tra­ti­ons­tak­ti­ken anzuwenden.

Dies bedeu­tet, dass klas­si­sche tief­grei­fende Offen­siv­ope­ra­tio­nen mit schnel­lem Ein­drin­gen und Aus­nut­zen ter­ri­to­ria­ler Errun­gen­schaf­ten heute ebenso wenig möglich sind wie in den Jahren 2024 und 2025. Die Abhän­gig­keit ver­streu­ter Infan­te­rie von Unter­stüt­zung schränkt das Tempo und den Umfang der Ope­ra­tio­nen stark ein. Im Jahr 2025 gelang es Russ­land gerade einmal, weniger als 5.000 Qua­drat­ki­lo­me­ter der Ukraine zu beset­zen. Darüber hinaus zeigten die ukrai­ni­schen Ver­tei­di­gungs­kräfte sowohl im Dezem­ber 2025 in der Umge­bung von Kup­jansk als auch im Februar 2026 in der Region Dni­pro­pe­trowsk die Fähig­keit, rus­si­sche Streit­kräfte erfolg­reich zurück­zu­schla­gen, bevor diese ihre Stel­lun­gen fes­ti­gen konnten. Wenn dies wie­der­holt werden sollte, wären die rus­si­schen Vor­stöße im Jahr 2026 noch stärker ein­ge­schränkt. Gleich­zei­tig hat die Ukraine ihre Fähig­kei­ten bei Mit­tel­stre­cken­an­grif­fen (in einer Reich­weite von 20 bis 120 Kilo­me­tern) ver­bes­sert, wie die ver­stärkte Zer­stö­rung von Sys­te­men der elek­tro­ni­schen Kriegs­füh­rung, viel­fäl­ti­gen Luft­ab­wehr­sys­te­men, Loko­mo­ti­ven und Stütz­punk­ten von Droh­nen­ein­hei­ten zeigt. Eine ver­bes­serte ukrai­ni­sche Mit­tel­stre­cken­an­griffs­stra­te­gie wird den rus­si­schen Streit­kräf­ten zusätz­li­che Kosten auf­er­le­gen, wenn sich die Kam­pa­gne 2026 ver­schär­fen sollte.

Eine kampf­lose Über­gabe wäre eine Ein­la­dung zu wei­te­ren rus­si­schen Vorstößen

All dies bedeu­tet nicht, dass es 2026 über­haupt keine rus­si­schen Vor­stöße geben wird. Die Dynamik an der Front wird wahr­schein­lich weder einen grö­ße­ren rus­si­schen Durch­bruch noch eine voll­stän­dige Sta­bi­li­sie­rung mit sich bringen. Die Ukraine wird wahr­schein­lich ihre Stra­te­gie des Aus­tauschs von Raum gegen maxi­male Ver­luste für Russ­land fort­set­zen, wie sie es bereits in den beiden vor­he­ri­gen Jahren getan hat. Der Kern einer solchen Stra­te­gie besteht darin, sich langsam zurück­zu­zie­hen, da die vor­han­de­nen Streit­kräfte die Front nicht voll­stän­dig sta­bi­li­sie­ren können, und dem Feind zugleich maxi­male Ver­luste zuzu­fü­gen, in der Hoff­nung, dessen Offen­sive zu erschöp­fen. Nach dieser Logik ist es besser, den rus­si­schen Truppen großen Schaden zuzu­fü­gen, während sie ver­su­chen, um Slo­wjansk-Kra­ma­torsk herum vor­zu­sto­ßen, als sich ein­sei­tig zurückzuziehen.

Die Wahr­schein­lich­keit, dass die Ukraine den nord­west­li­chen Teil der Region Donezk durch inten­sive Kämpfe letzt­end­lich ver­lie­ren könnte, recht­fer­tigt keine sofor­tige Aufgabe dieser Gebiete. Berech­nun­gen zufolge würde es für Russ­land mit den der­zei­ti­gen Tech­no­lo­gien, Tak­ti­ken und per­so­nel­len Res­sour­cen bis Ende 2027 dauern, die Region Donezk voll­stän­dig zu beset­zen – ver­bun­den mit hohen Ver­lus­ten. Russ­land beklagt derzeit durch­schnitt­lich etwa 30.000 Tote oder Schwer­ver­letzte pro Monat. Eine kampf­lose Über­gabe von Gebie­ten, bevor die rus­si­schen Streit­kräfte end­gül­tig erschöpft sind, wäre ledig­lich eine Ein­la­dung zu wei­te­ren rus­si­schen Vor­stö­ßen, während die ukrai­ni­sche Ver­tei­di­gung dann von weniger vor­teil­haf­ten Posi­tio­nen aus erfol­gen müsste.

Bei­spiele aus der Kriegsgeschichte

Die Kriegs­ge­schichte liefert gute Bei­spiele dafür, wie auf For­de­run­gen nach Abtre­tung sou­ve­rä­nen Ter­ri­to­ri­ums durch einen auf impe­riale Expan­sion bedach­ten Aggres­sor zu reagie­ren ist. 1939 stellte die Sowjet­union Finn­land ein Ulti­ma­tum: Ent­we­der die ein­sei­tige Abtre­tung der Kare­li­schen Land­enge oder die Aus­sicht auf einen Krieg mit einem weitaus grö­ße­ren Nach­barn. Trotz des inten­si­ven Drucks, der zunächst zum Win­ter­krieg (1939–1940) und dann zum Fort­set­zungs­krieg (1941–1944) führte, gab Finn­land nicht nach. Finn­land verlor schließ­lich die Kare­li­sche Land­enge. Durch hart­nä­cki­gen Wider­stand gelang es Finn­land jedoch, der Sowjet­union erschüt­ternde Ver­luste in Höhe von Hun­dert­tau­sen­den toter oder ver­wun­de­ter Sol­da­ten zuzu­fü­gen, was die Sowjet­union schließ­lich zu dem Schluss kommen ließ, dass es besser sei, mit einem freien Finn­land zu leben, als zu ver­su­chen, es zu erobern und zu unter­wer­fen. Hätte Finn­land die Kare­li­sche Land­enge 1939 kampf­los auf­ge­ge­ben, wäre mög­li­cher­weise das ganze Land besetzt und in eine Sowjet­re­pu­blik ver­wan­delt worden, so wie es 1940 mit den bal­ti­schen Staaten geschah.

Das Bei­spiel Finn­lands lehrt die Ukraine, dass es besser ist, Gebiete im Kampf zu ver­lie­ren, als ein­sei­tige Zuge­ständ­nisse zu machen, die das eigene Ver­tei­di­gungs­sys­tem unter­gra­ben. Das demons­triert auch das Bei­spiel der Tsche­cho­slo­wa­kei, die im Herbst 1938 durch das Münch­ner Abkom­men zunächst zur Abtre­tung der von Sude­ten­deut­schen bewohn­ten Gebiete genö­tigt wurde. Da sich die wich­tigs­ten Befes­ti­gungs­an­la­gen der Tsche­cho­slo­wa­kei an der Grenze zum Deut­schen Reich befan­den, machten die Gebiets­ab­tre­tun­gen die Tsche­cho­slo­wa­kei völlig schutz­los gegen­über der deut­schen Beset­zung im März 1939, als Böhmen und Mähren in das Deut­sche Reich ein­ge­glie­dert und die Slo­wa­kei zu einem Satel­li­ten­staat wurde.

Die rus­si­schen For­de­run­gen nach einer ein­sei­ti­gen Über­gabe der gesam­ten Region Donezk sind nur ein wei­te­res Bei­spiel dafür, wie der Kreml seine Unfä­hig­keit auf dem Schlacht­feld ver­schlei­ert, während er ver­sucht, dem Ziel der Unter­wer­fung der Ukraine einen Schritt näher zu kommen. Russ­lands Behaup­tung, die Ukraine solle jetzt ter­ri­to­riale Zuge­ständ­nisse machen, weil Russ­land sie letzt­end­lich erobern werde, igno­riert die oben beschrie­be­nen Aspekte. Neben Tie­fen­schlä­gen gegen Russ­lands Ölver­ar­bei­tungs­an­la­gen und dessen mili­tä­risch-indus­tri­el­len Komplex sowie Maß­nah­men gegen die rus­si­sche Schat­ten­flotte ist die ent­schlos­sene aktive Ver­tei­di­gung des Nord­wes­tens der Region Donezk durch die ukrai­ni­schen Streit­kräfte ein inte­gra­ler Bestand­teil der ukrai­ni­schen Stra­te­gie, maxi­ma­len Schaden anzu­rich­ten, die rus­si­sche Ent­schei­dungs­fin­dung vor neue Dilem­mata zu stellen und die Vor­aus­set­zun­gen für einen dau­er­haf­ten Frieden zu schaffen.

Der Artikel basiert auf einem kürz­lich erschie­ne­nen Kom­men­tar für das Euro­pean Policy Insti­tute in Kyiv (EPIK).

Mykola Bie­lies­kov ist wis­sen­schaft­li­cher Mit­ar­bei­ter am Natio­na­len Insti­tut für Stra­te­gi­sche Studien und lei­ten­der Analyst bei der ukrai­ni­schen Nicht­re­gie­rungs­or­ga­ni­sa­tion Come Back Alive.

Ver­wandte Themen

News­let­ter bestellen

Tragen Sie sich in unseren News­let­ter ein und bleiben Sie auf dem Laufenden.

Mit unseren Daten­schutz­be­stim­mun­gen erklä­ren Sie sich einverstanden.