Militärausbildung braucht mehr Austausch

Eine Analyse der militärischen Grundausbildung in der Ukraine und in sechs europäischen Ländern zeigt: In vielen NATO-Staaten spiegeln militärische Übungen noch immer Kriege der Vergangenheit wider und nicht die Realitäten moderner Kriegsführung. Durch intensiveren Austausch und gemeinsames Lernen mit dem ukrainischen Militär ließe sich die Ausbildung entscheidend verbessern.
Der ukrainische Think-Tank CВА Initiatives Center sollte im Auftrag des Verteidigungsministeriums eigentlich nur die militärische Grundausbildung (Basic Combat Training) in der Ukraine analysieren, um Lücken zu identifizieren und Verbesserungen vorzuschlagen. Doch nachdem mehrere Befragte zur Ausbildung ins Ausland entsandt worden waren, entwickelte sich dies zu einer vergleichenden Studie: Mithilfe mobiler Ethnografie wurden zwischen 2022 und 2025 Rekrut:innen und Offiziere während ihrer Ausbildung in der Ukraine und in sechs europäischen Ländern begleitet. In Tagebüchern aus Text- und Sprachnachrichten teilten sie ihre Beobachtungen und Frustrationen.
Die gesammelten Erfahrungen offenbaren einen zentralen Widerspruch: Während die NATO-Ausbildung meist hervorragend organisiert und ausreichend mit Ressourcen ausgestattet war, spiegelte sie in Teilen Kriege der Vergangenheit wider und nicht die Realitäten des heutigen Schlachtfelds in der Ukraine. Der folgende Text fasst die Probleme zusammen, auf die ukrainische Soldaten und Offiziere bei der Befragung am häufigsten hinwiesen.
Internationales Kriegsrecht gilt kaum noch
NATO-Ausbildende in Westeuropa lehren Soldat:innen weiterhin, sich an allgemein anerkannte Regeln der Kriegsführung zu halten – in der Annahme, der Feind tue dies ebenfalls. Doch die Erfahrungen in der Ukraine zeigen, wie gefährlich das sein kann. Denn der Feind verstößt regelmäßig gegen diese Regeln.
Ukrainische Ausbilder erklären ihren Rekrut:innen deshalb, sie müssten auf Situationen vorbereitet sein, in denen gegnerische Truppen sich nicht an international anerkannte Regeln wie die Genfer Konventionen halten. Westliche Ausbilder unterlassen diesen wichtigen Hinweis oft. Ein ukrainischer Kompaniechef erinnert sich an ein NATO-Training: „Sie sagten uns, wir sollten das Sanitätszelt ‚so schnell wie möglich‘ aufbauen. Sie wissen schon, das weiße mit dem Kreuz. Unsere Jungs lachten nur – der Feind würde dieses Zelt als erstes angreifen!“ Das Bewusstsein, dass Regeln möglicherweise nicht befolgt werden, kann auf dem Schlachtfeld Leben retten.
Drohnen verändern die Kriegsführung
Drohnen sind heute tödlich wie nie zuvor und nicht weniger gefährlich als andere Waffen. Bis zu 80 Prozent der Kämpfenden an der Front sterben durch Drohnen, die auch den größten Teil der Ausrüstung zerstören.
In der militärischen Grundausbildung der Ukraine spielt die ständige Präsenz von Überwachungs- oder Kampfdrohnen deshalb eine zentrale Rolle. Ukrainische Rekrut:innen müssen ein Muskelgedächtnis für das Geräusch von Drohnen aufbauen, und wenn jemand „Luft!“ ruft, müssen sich alle sofort auf den Boden werfen, ihre Gewehre in den Himmel richten, nach einer Drohne suchen und auf sie zielen.
In der Ausbildung in NATO-Ländern hingegen kommt dieses Szenario so gut wie nicht vor. An Drohnen mangelt es dort ebenso wie an denen, die sie bedienen können. Das Thema wird generell unterschätzt. Der bereits zitierte Kompaniechef erinnert sich an ein NATO-Training im Jahr 2022, bei dem ein westlicher Ausbilder die Frage nach Drohnen mit den Worten abtat: „Keine Sorge, Drohnen fliegen hoch am Himmel und dienen nur der Überwachung.“ Die ukrainischen Soldaten mit Kampferfahrung, die diese Ausbildung nach monatelangem Dienst im Krieg absolvierten, nickten bloß und lächelten sich wissend zu.
Ausrüstung und Waffen an moderne Kriege anpassen
Drohnen erfordern neue Techniken der Kriegsführung. Zahlreiche NATO-Fahrzeuge sind durch ihre Konstruktion vor allem gegen Bedrohungen von unten geschützt, etwa durch Minen. Inzwischen nähert sich die größte Gefahr jedoch oft von oben – und das mit einer Geschwindigkeit von bis zu 200 Stundenkilometern. Drohnen können einen mehrere Millionen Euro teuren Panzer fast so leicht zerstören wie einen 30.000 Euro teuren Pick-up – das Fahrzeug, das die ukrainischen Streitkräfte am häufigsten verwenden.
Durch den Einsatz von Drohnen hat sich die Situation bis zu 15 Kilometer hinter der Kontaktlinie vollkommen verändert – und diese Entfernung wird mit dem technologischen Fortschritt nur noch zunehmen. Drohnen verändern die Abläufe auf operativer Ebene: Eine „Mutterdrohne“ kann heute 40 bis 50 Kilometer weit fliegen und eine „Baby-Killerdrohne“ freisetzen, die ihr Ziel in weiteren 10 bis 15 Kilometern erreicht. Glasfaser-Drohnen haben eine Reichweite von mehreren Dutzend Kilometern und können nicht durch Störsignale aufgehalten werden. NATO-Ausbildungsprogramme sind oft veraltet und berücksichtigen diese Entwicklungen bisher nicht.
Schwere gepanzerte Fahrzeuge werden an der Front mittlerweile nur noch selten eingesetzt. Laut den von uns befragten ukrainischen Ausbildern kommen Panzer heute meist in der Artillerie zum Einsatz und feuern aus gut getarnten Positionen Schüsse ab. Werden sie entdeckt, haben sie nur wenige Minuten Zeit sich wieder zu verstecken, bevor sie von einem Drohnenschwarm zerstört werden. Doch in NATO-Ausbildungsgängen werden bisweilen immer noch „Panzerduelle“ geübt – im Jahr 2025 auf dem Schlachtfeld kaum vorstellbar.
Ausbildungsprogramme mit veralteten Lehrplänen
Im Detail sind die Lehrpläne in vielen Ausbildungsgängen veraltet, was zahlreichen Ausbildern bewusst ist. Als zum Beispiel die Gefangennahme feindlicher Kämpfer nachgestellt wurde, seien viel zu viele Leute an einem Ort gewesen, beschreibt ein ukrainischer Offizier. „Das wird nicht funktionieren. Das stammt aus der Kriegsführung in Afghanistan oder im Irak. In unserem Fall wären da maximal zwei bis drei Personen. Hier werden keine [realistischen] Szenarien für einen umfassenden Krieg geübt, bei dem das eigene Land auch mit Drohnen angegriffen wird.“
Ukrainische Ausbilder, die solche Trainings begleiten, haben oft kaum Möglichkeiten, ihren Soldat:innen Feedback oder ergänzende Tipps zu geben. In den Pausen, abends oder an trainingsfreien Tagen besprechen sie mit den Rekrut:innen, was ihrer Meinung nach im Kurs zu kurz gekommen ist, etwa elektronische Kriegsführung oder Drohnenabwehr.
Unsicherheit als Normalzustand
Bei der militärischen Grundausbildung in der Ukraine beklagen sich Rekrut:innen oft über ein hohes Maß an Unsicherheit und darüber, dass sie weder die nächsten Schritte in der Ausbildung kennen noch genau über ihre Aufgaben informiert sind. Die Ausbildung im Ausland hingegen zeichnet sich den Teilnehmenden zufolge meist durch gut organisierte Zeitpläne und klare Kommunikation aus. Ukrainische Offiziere warnen jedoch davor, übermäßige Vorhersehbarkeit könne zu einem Nachteil werden. Krieg sei von Natur aus chaotisch und Soldat:innen müssten in der Lage sein, auch unter diesen Umständen effektiv und besonnen zu agieren.
Private Auftragnehmer: Risiko und Rückendeckung zugleich
In der ukrainischen Armee werden viele Dienstleistungsaufträge intern vergeben. Dieses Modell bringt zwar nicht immer die beste Qualität, hat sich jedoch in Kriegszeiten als verlässlich erwiesen. Westliche Armeen hingegen hängen in ihren Lieferketten stark von privaten Auftragnehmern ab. Wie gut das im Kriegsfall funktioniert, wenn Lieferketten durch Raketen- oder Cyberangriffe unterbrochen werden, ist ungewiss.
In der Ukraine sind private und öffentliche Unternehmen seit 2022 eine enorme Stütze für die Armee. Dies fußt auf einer weit verbreiteten Kultur freiwilligen Engagements, die auf den Beginn des Krieges 2014 zurückgeht. Die Staatliche Eisenbahngesellschaft etwa hat seit dem russischen Großangriff rund vier Millionen Zivilist:innen aus umkämpften Gebieten herausgebracht und landesweit lebenswichtige Logistik aufrechterhalten – trotz schwerer Verluste: Mindestens zwei Dutzend Mitarbeitende verloren dabei ihr Leben. Ob sich Privatunternehmen in westlichen Ländern ähnlich stark in der Landesverteidigung engagieren würden, ist fraglich.
Für und Wider bürokratischer Regulierung
In Friedenszeiten ist die militärische Grundausbildung stark reguliert – im Kriegsfall kann das ihre effektive Durchführung behindern. Denn dann muss die Armee in der Lage sein, alle verfügbaren Ressourcen mit minimalen bürokratischen Verzögerungen einzusetzen. Ukrainische Ausbilder betonen, die übermäßige Regulierung der Ausbildung könne zu höheren Verlusten auf dem Schlachtfeld führen. Rekrut:innen erhalten in der Ukraine nach der Grundausbildung in der Regel zusätzliche Trainings nahe der Front, wo die Sicherheitsvorschriften lockerer sind, dafür aber eine realistische Einschätzung der Lage herrscht. Zahlreichen Ausbildern zufolge ist diese Vorbereitung entscheidend für das Überleben der Soldat:innen.
Fazit: Gemeinsames Lernen nötig
Diese Recherche zeigt sowohl die Stärken als auch die Grenzen von NATO-Ausbildungsprogrammen. Die Befragten stellten fest, dass die Ausbildung in osteuropäischen Ländern wie Estland, Lettland, Litauen und Polen oft relevantere Lehren aus dem Krieg beinhaltet – wahrscheinlich aufgrund der geografischen Nähe und eines klareren Verständnisses der Bedrohung.
Derzeit verfügen weltweit nur drei Länder über direkte Erfahrungen mit moderner Kriegsführung: die Ukraine, Russland und Nordkorea. Für westliche Streitkräfte, die sich an die Realitäten des modernen Kampfes anpassen wollen, ist die Ukraine die wertvollste Quelle für praktische Erkenntnisse. Ein intensiverer Austausch, gemeinsame Übungen und gemeinsames Lernen wären daher für alle Beteiligten von Vorteil.
Die ausführliche Analyse der militärischen Grundausbildung in der Ukraine (Stand: 2024) finden Sie hier.
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