Kriegsgefangene aus den „Volksrepubliken“ von Russland im Stich gelassen

Unter den Kriegsgefangenen, welche die Ukraine macht, erweisen sich Kombattanten aus den sogenannten Volksrepubliken („DNR“, „Volksrepublik Donezk“ und „LNR“, „Volksrepublik Lugansk“) oft als die aggressivsten Verteidiger der „russischen Welt“. Doch die scheint sich wenig für sie zu interessieren, bei Gefangenenaustauschen stehen sie fast nie auf den Listen. Reporter des unabhängigen ukrainischen Mediums Frontliner sprachen mit ihnen.
Als Russland 2014 Teile der ukrainischen Gebiete Donezk und Luhansk besetzte, begann es dort mit einer aktiven Assimilierungspolitik. Insbesondere wurden ab 2019 russische Pässe an die Bewohner der vorübergehend besetzten Gebiete verteilt. Kurz vor Beginn der russischen Vollinvasion, am 21. Februar 2022, erkannte Russland die sogenannten Volksrepubliken „DNR“ und „LNR“ als unabhängig an. Doch die wahre Haltung Russlands gegenüber den Verrätern der Ukraine zeigte sich in den „Fleischstürmen“ – Angriffen, bei denen oftmals schlecht ausgebildete und unzureichend ausgerüstete russische Infanteriesoldaten zum Sturm ukrainischer Stellungen beordert werden. Kombattanten aus der „DNR“ und „LNR“ werden in solchen „Fleischstürmen“ als Kanonenfutter vorangeschickt. Diejenigen, die überlebten und in ukrainische Gefangenschaft gerieten, interessieren Russland nicht mehr.

Ein Besuch im Kriegsgefangenenlager
Ein Kriegsgefangenenlager im Westen der Ukraine wird von einer Gruppe Journalisten besucht. Die ersten „Donezker“, Kombattanten aus der Region Donezk, die auf der Seite Russlands kämpfen, treffen sie auf dem Sportplatz des Lagers an. Große, kräftige Männer trainieren mit Hanteln und Gewichten. Sie sehen recht fit aus, obwohl sie sagen, sie würden sich von Verletzungen erholen. Zunächst werfen sie den Journalisten misstrauische Blicke zu, beginnen aber bald, ihre Doktrin zu rezitieren.
„Ich bin losgezogen, um meine Familie zu verteidigen. Ein Soldat wird einen Soldaten nicht verurteilen“, sagt ein kahlgeschorener Mann mit scharfkantigen Augenbrauen und abstrakten Tätowierungen auf den Armen.


Die übrigen „Donezker“ stehen daneben wie Wachmänner, mit hinter dem Rücken verschränkten Armen. Eine ausländische Journalistin bittet hastig um ein Interview: Name, Nachname, Alter? Der tätowierte Mann schaut sie einige Sekunden skeptisch an und fragt:
„Sagen Sie, was bringt das? Ich habe eine Frage: Wann beginnt man, uns auszutauschen?“
Es scheint, als verletze die Gleichgültigkeit Russlands die Soldaten tief. Doch vorerst glauben sie weiterhin an den Aggressorstaat. Im Frühjahr 2025 nahmen sie eine Videobotschaft an die russische Regierung auf und riefen dazu auf, sie austauschen zu lassen.
„Wir haben Seite an Seite gekämpft, und als es zum Austausch kam, hat man uns vergessen. ‚Die Russen lassen ihre Leute nicht im Stich‘ – gilt dieser Satz auch für die Verteidiger von Donezk und Luhansk?“, fragt der Kriegsgefangene Mykola Duschko im Video die russische Menschenrechtsbeauftragte Tatjana Moskalkowa.
Die russische Regierung kommentierte diese Botschaft nicht, im Gegensatz zu gewöhnlichen russischen Bürgern. Diese äußerten Empörung: „Das sind doch unsere Jungs!“ – allerdings nur in Kommentarspalten in sozialen Netzwerken.

Um einen Austausch bat auch Oleksandr Truchym aus Luhansk, der eigenen Angaben zufolge bereits 2015 in den Krieg zog. Nach seinem Einsatz verschlechterte sich sein Gesundheitszustand. Zehn Jahre später liegt er gelähmt im Lazarett des Lagers.
„Mir geht es besser als allen anderen. Denn niemand beneidet mich“, scherzt der Kämpfer der „Volksmiliz der LNR“.

Zu Hause warten seine Mutter, sein Stiefvater und seine Tochter, sagt Truchym. Doch bisher wurde er nicht ausgetauscht. Sein Körper gehorcht nur einem Impuls: die Hand zu heben und das Gesicht zu bedecken. Er beginnt zu weinen.
Der Status der Kombattanten: Wäre ihr Austausch rechtmäßig?
Seit Beginn der Großinvasion haben rund siebzig Gefangenenaustausche stattgefunden, aber Tausenden freigekommenen Russen stehen nur Dutzende Kämpfer aus den besetzten ukrainischen Gebieten gegenüber. Die Ukraine ist bereit, ihre eigenen Verräter auszutauschen, um ukrainische Soldaten aus der Kriegsgefangenschaft zurückzuholen. Obwohl sie die Kombattanten aus den sogenannten Volksrepubliken wegen Hochverrats oder Kollaboration verurteilt, bleiben ihnen auch nach einem solchen Urteil Chancen auf einen Austausch. Die Entscheidung liegt allein bei Russland.

Diese Politik der Ukraine ist umstritten, da der Staat so seine eigenen Bürger scheinbar nicht als solche behandelt. Der Erhalt russischer Pässe mache sie nicht zu Russen, denn die Ukraine erkenne eine Änderung der Staatsbürgerschaft während eines bewaffneten Konflikts nicht an, erklärt der Jurist Andrii Yakovlev. Zugleich gelten die Kombattanten als Kriegsgefangene.

„Faktisch handeln sie wie russische Soldaten oder sind mit den Streitkräften der Russischen Föderation verbunden, aber das wird anhand der Fakten bestimmt und nicht durch das Vorhandensein eines russischen Passes. Meiner Ansicht nach kann eine Person, die einen Vertrag hat und regelmäßig Geld vom russischen Verteidigungsministerium erhält, kaum als zwangsrekrutiert gelten. Je stärker sie in die militärischen Strukturen integriert ist, desto weniger Zweifel gibt es an ihrem Status“, fügt Yakovlev hinzu.

Laut Informationen des ukrainischen staatlichen Projekts Ich will leben, das russische Soldaten beim Desertieren unterstützt, wurden Kombattanten aus den besetzten Teilen von Donezk und Luhansk zu Beginn der Vollinvasion aktiver ausgetauscht. Später gingen die Anfragen des russischen Verteidigungsministeriums zurück. Möglicherweise werden die Kämpfer nach einem weiteren Jahr Kriegsgefangenschaft ihre Vorstellungen von Russland und der „russischen Welt“ überdenken.

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