Kriegs­ge­fan­gene aus den „Volks­re­pu­bli­ken“ von Russ­land im Stich gelassen

Russische Gefangene im Kriegsgefangenenlager während ihrer Freizeit, Region Lwiw, Ukraine, 28. August 2025. Nadiia Karpova / Frontliner
Foto: Nadiia Karpova /​ Front­li­ner

Unter den Kriegs­ge­fan­ge­nen, welche die Ukraine macht, erwei­sen sich Kom­bat­tan­ten aus den soge­nann­ten Volks­re­pu­bli­ken („DNR“, „Volks­re­pu­blik Donezk“ und „LNR“, „Volks­re­pu­blik Lugansk“) oft als die aggres­sivs­ten Ver­tei­di­ger der „rus­si­schen Welt“. Doch die scheint sich wenig für sie zu inter­es­sie­ren, bei Gefan­ge­nen­aus­tau­schen stehen sie fast nie auf den Listen. Repor­ter des unab­hän­gi­gen ukrai­ni­schen Mediums Front­li­ner spra­chen mit ihnen.

Als Russ­land 2014 Teile der ukrai­ni­schen Gebiete Donezk und Luhansk besetzte, begann es dort mit einer aktiven Assi­mi­lie­rungs­po­li­tik. Ins­be­son­dere wurden ab 2019 rus­si­sche Pässe an die Bewoh­ner der vor­über­ge­hend besetz­ten Gebiete ver­teilt. Kurz vor Beginn der rus­si­schen Voll­in­va­sion, am 21. Februar 2022, erkannte Russ­land die soge­nann­ten Volks­re­pu­bli­ken „DNR“ und „LNR“ als unab­hän­gig an. Doch die wahre Haltung Russ­lands gegen­über den Ver­rä­tern der Ukraine zeigte sich in den „Fleisch­stür­men“ – Angrif­fen, bei denen oftmals schlecht aus­ge­bil­dete und unzu­rei­chend aus­ge­rüs­tete rus­si­sche Infan­te­rie­sol­da­ten zum Sturm ukrai­ni­scher Stel­lun­gen beor­dert werden. Kom­bat­tan­ten aus der „DNR“ und „LNR“ werden in solchen „Fleisch­stür­men“ als Kano­nen­fut­ter vor­an­ge­schickt. Die­je­ni­gen, die über­leb­ten und in ukrai­ni­sche Gefan­gen­schaft gerie­ten, inter­es­sie­ren Russ­land nicht mehr.

Russische Kriegsgefangene auf dem Lagergelände, Region Lwiw, Ukraine, 28. August 2025.
Foto: Diana Deli­ur­man /​ Front­li­ner
Rus­si­sche Kriegs­ge­fan­gene auf dem Lager­ge­lände, Region Lwiw, Ukraine, 28. August 2025. Diana Deli­ur­man /​ Front­li­ner

Ein Besuch im Kriegsgefangenenlager

Ein Kriegs­ge­fan­ge­nen­la­ger im Westen der Ukraine wird von einer Gruppe Jour­na­lis­ten besucht. Die ersten „Donez­ker“, Kom­bat­tan­ten aus der Region Donezk, die auf der Seite Russ­lands kämpfen, treffen sie auf dem Sport­platz des Lagers an. Große, kräf­tige Männer trai­nie­ren mit Hanteln und Gewich­ten. Sie sehen recht fit aus, obwohl sie sagen, sie würden sich von Ver­let­zun­gen erholen. Zunächst werfen sie den Jour­na­lis­ten miss­traui­sche Blicke zu, begin­nen aber bald, ihre Doktrin zu rezitieren.

„Ich bin los­ge­zo­gen, um meine Familie zu ver­tei­di­gen. Ein Soldat wird einen Sol­da­ten nicht ver­ur­tei­len“, sagt ein kahl­ge­scho­re­ner Mann mit scharf­kan­ti­gen Augen­brauen und abs­trak­ten Täto­wie­run­gen auf den Armen.

Kriegsgefangene aus der sogenannten „DNR“ auf dem Sportplatz im Lager, Region Lwiw, Ukraine, 28. August 2025.
Foto: Diana Deli­ur­man /​ Front­li­ner

 

Kriegsgefangene aus der sogenannten „DNR“ auf dem Sportplatz im Lager, Region Lwiw, Ukraine, 28. August 2025. Diana Deliurman / Frontliner
Diana Deli­ur­man /​ Front­li­ner
Kriegs­ge­fan­gene aus der soge­nann­ten „DNR“ auf dem Sport­platz im Lager, Region Lwiw, Ukraine, 28. August 2025. Diana Deli­ur­man /​ Front­li­ner

 

Die übrigen „Donez­ker“ stehen daneben wie Wach­män­ner, mit hinter dem Rücken ver­schränk­ten Armen. Eine aus­län­di­sche Jour­na­lis­tin bittet hastig um ein Inter­view: Name, Nach­name, Alter? Der täto­wierte Mann schaut sie einige Sekun­den skep­tisch an und fragt:

„Sagen Sie, was bringt das? Ich habe eine Frage: Wann beginnt man, uns auszutauschen?“

Es scheint, als ver­letze die Gleich­gül­tig­keit Russ­lands die Sol­da­ten tief. Doch vorerst glauben sie wei­ter­hin an den Aggres­sor­staat. Im Früh­jahr 2025 nahmen sie eine Video­bot­schaft an die rus­si­sche Regie­rung auf und riefen dazu auf, sie aus­tau­schen zu lassen.

„Wir haben Seite an Seite gekämpft, und als es zum Aus­tausch kam, hat man uns ver­ges­sen. ‚Die Russen lassen ihre Leute nicht im Stich‘ – gilt dieser Satz auch für die Ver­tei­di­ger von Donezk und Luhansk?“, fragt der Kriegs­ge­fan­gene Mykola Duschko im Video die rus­si­sche Men­schen­rechts­be­auf­tragte Tatjana Moskalkowa.

Die rus­si­sche Regie­rung kom­men­tierte diese Bot­schaft nicht, im Gegen­satz zu gewöhn­li­chen rus­si­schen Bürgern. Diese äußer­ten Empö­rung: „Das sind doch unsere Jungs!“ – aller­dings nur in Kom­men­tar­spal­ten in sozia­len Netzwerken.

 

Ein 19-jähriger russischer Soldat auf der Krankenstation Kriegsgefangenenlagers, Region Lwiw, Ukraine, 28. August 2025
Foto: Diana Deli­ur­man /​ Front­li­ner
Ein 19-jäh­ri­ger rus­si­scher Soldat auf der Kran­ken­sta­tion Kriegs­ge­fan­ge­nen­la­gers, Region Lwiw, Ukraine, 28. August 2025. Diana Deli­ur­man /​ Front­li­ner

 

Um einen Aus­tausch bat auch Olek­sandr Truchym aus Luhansk, der eigenen Angaben zufolge bereits 2015 in den Krieg zog. Nach seinem Einsatz ver­schlech­terte sich sein Gesund­heits­zu­stand. Zehn Jahre später liegt er gelähmt im Laza­rett des Lagers.

„Mir geht es besser als allen anderen. Denn niemand benei­det mich“, scherzt der Kämpfer der „Volks­mi­liz der LNR“.

 

Der Kriegsgefangene aus der sogenannten LNR, Oleksandr Truchym, wird auf der Krankenstation des Kriegsgefangenenlagers behandelt, Region Lwiw, Ukraine, 28. Mai 2025.
Foto: Diana Deli­ur­man /​ Front­li­ner
Der Kriegs­ge­fan­gene aus der soge­nann­ten LNR, Olek­sandr Truchym, wird auf der Kran­ken­sta­tion des Kriegs­ge­fan­ge­nen­la­gers behan­delt, Region Lwiw, Ukraine, 28. Mai 2025. Diana Deli­ur­man /​ Front­li­ner

 

Zu Hause warten seine Mutter, sein Stief­va­ter und seine Tochter, sagt Truchym. Doch bisher wurde er nicht aus­ge­tauscht. Sein Körper gehorcht nur einem Impuls: die Hand zu heben und das Gesicht zu bede­cken. Er beginnt zu weinen.

Der Status der Kom­bat­tan­ten: Wäre ihr Aus­tausch rechtmäßig?

Seit Beginn der Groß­in­va­sion haben rund siebzig Gefan­ge­nen­aus­tau­sche statt­ge­fun­den, aber Tau­sen­den frei­ge­kom­me­nen Russen stehen nur Dut­zende Kämpfer aus den besetz­ten ukrai­ni­schen Gebie­ten gegen­über. Die Ukraine ist bereit, ihre eigenen Ver­rä­ter aus­zu­tau­schen, um ukrai­ni­sche Sol­da­ten aus der Kriegs­ge­fan­gen­schaft zurück­zu­ho­len. Obwohl sie die Kom­bat­tan­ten aus den soge­nann­ten Volks­re­pu­bli­ken wegen Hoch­ver­rats oder Kol­la­bo­ra­tion ver­ur­teilt, bleiben ihnen auch nach einem solchen Urteil Chancen auf einen Aus­tausch. Die Ent­schei­dung liegt allein bei Russland.

 

Russische Kriegsgefangene beim Appell, Region Lwiw, Ukraine, 28. August 2025.
Foto: Nadiia Karpova /​ Front­li­ner
Rus­si­sche Kriegs­ge­fan­gene beim Appell, Region Lwiw, Ukraine, 28. August 2025. Nadiia Karpova /​ Front­li­ner

 

Diese Politik der Ukraine ist umstrit­ten, da der Staat so seine eigenen Bürger schein­bar nicht als solche behan­delt. Der Erhalt rus­si­scher Pässe mache sie nicht zu Russen, denn die Ukraine erkenne eine Ände­rung der Staats­bür­ger­schaft während eines bewaff­ne­ten Kon­flikts nicht an, erklärt der Jurist Andrii Yako­v­lev. Zugleich gelten die Kom­bat­tan­ten als Kriegsgefangene.

 

Russische Kriegsgefangene haben in ihrer Freizeit Hofgang, Region Lwiw, Ukraine, 28. August 2025.
Foto: Nadiia Karpova /​ Front­li­ner
Rus­si­sche Kriegs­ge­fan­gene haben in ihrer Frei­zeit Hofgang, Region Lwiw, Ukraine, 28. August 2025. Nadiia Karpova /​ Front­li­ner

 

„Fak­tisch handeln sie wie rus­si­sche Sol­da­ten oder sind mit den Streit­kräf­ten der Rus­si­schen Föde­ra­tion ver­bun­den, aber das wird anhand der Fakten bestimmt und nicht durch das Vor­han­den­sein eines rus­si­schen Passes. Meiner Ansicht nach kann eine Person, die einen Vertrag hat und regel­mä­ßig Geld vom rus­si­schen Ver­tei­di­gungs­mi­nis­te­rium erhält, kaum als zwangs­re­kru­tiert gelten. Je stärker sie in die mili­tä­ri­schen Struk­tu­ren inte­griert ist, desto weniger Zweifel gibt es an ihrem Status“, fügt Yako­v­lev hinzu.

Russische Kriegsgefangene im Lager, Region Lwiw, Ukraine, 28. August 2025.
Foto: Nadiia Karpova /​ Front­li­ner
Rus­si­sche Kriegs­ge­fan­gene im Lager, Region Lwiw, Ukraine, 28. August 2025. Nadiia Karpova /​ Front­li­ner

 

Laut Infor­ma­tio­nen des ukrai­ni­schen staat­li­chen Pro­jekts Ich will leben, das rus­si­sche Sol­da­ten beim Deser­tie­ren unter­stützt, wurden Kom­bat­tan­ten aus den besetz­ten Teilen von Donezk und Luhansk zu Beginn der Voll­in­va­sion aktiver aus­ge­tauscht. Später gingen die Anfra­gen des rus­si­schen Ver­tei­di­gungs­mi­nis­te­ri­ums zurück. Mög­li­cher­weise werden die Kämpfer nach einem wei­te­ren Jahr Kriegs­ge­fan­gen­schaft ihre Vor­stel­lun­gen von Russ­land und der „rus­si­schen Welt“ überdenken.

 

Russische Kriegsgefangene beim Hofgang, Region Lwiw, Ukraine, 28. August 2025.
Foto: Nadiia Karpova /​ Front­li­ner
Rus­si­sche Kriegs­ge­fan­gene beim Hofgang, Region Lwiw, Ukraine, 28. August 2025. Nadiia Karpova /​ Front­li­ner
Diese Repor­tage erschien zuerst auf frontliner.ua.

Nadia Karpova ist Repor­te­rin, Kame­ra­frau und Doku­men­tar­fil­me­rin aus Dnipro und berich­tet seit Beginn der rus­si­schen Voll­in­va­sion von der Front sowie über visu­el­les Sto­rytel­ling für das unab­hän­gige Medium Frontliner.

Diana Deli­ur­man ist Repor­te­rin bei Front­li­ner mit Schwer­punkt auf natio­na­ler Sicher­heit, rus­si­schen Kriegs­ver­bre­chen, Angrif­fen auf Kul­tur­gü­ter und den Aus­wir­kun­gen des Krieges auf Kinder.

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