Putins krie­ge­ri­sche Kraft­meie­rei – ein Fiasko

Danilo Kryachko, 7 J., Vulkan

Putin-Russ­land hat den Ukrai­nern wieder gezeigt, was „russki mir“ bedeu­tet: Krieg und Dro­hun­gen. Doch Ukrai­ner lassen sich nicht ein­schüch­tern und beschrei­ten weiter den Weg gen Westen.

Nach wochen­lan­gen per­fi­den Dro­hun­gen, ein­schließ­lich Ver­nich­tungs­fan­ta­sien, hat Russ­land gestern – in Gestalt seines Ver­tei­di­gungs­mi­nis­ters Schoigu – den Abzug von Sol­da­ten vor den ukrai­ni­schen Grenzen ange­kün­digt. Ob es sich hierbei mög­li­cher­weise nur um eine „Kriegs­list“ und um ein Täu­schungs­ma­nö­ver handelt, bleibt abzu­war­ten. Da Ein­hei­ten von rus­si­scher Luft­waffe und Kriegs­flotte ebenso wie neue Mili­tär­la­ger und umfang­rei­che Technik an den ukrai­ni­schen Grenzen ver­blei­ben sollen, handelt es sich ohnehin nur um einen teil­wei­sen Rückzug. Die mili­tä­ri­sche Droh­ku­lisse bleibt jeden­falls erhalten.

Dabei sind etliche der rus­si­schen Begrün­dun­gen für den Trup­pen­auf­marsch nach wie vor absurd: Die angeb­li­che „Bedro­hung Russ­lands durch die Nato“ bzw. durch das seit langem geplante Nato-Manöver „Defen­der Europe 2021“ besteht ja nach wie vor, denn das Manöver soll erst im Mai richtig begin­nen, also dann, wenn die rus­si­schen Truppen sich schon zurück­ge­zo­gen haben sollen.
Auch haben die ukrai­ni­sche Armee und die ukrai­ni­sche Gesell­schaft in den letzten Tagen nicht in ihren Bemü­hun­gen nach­ge­las­sen, sich auf einen groß­flä­chi­gen Angriff der rus­si­schen Armee vor­zu­be­rei­ten. Prä­si­dent Wolo­dymyr Selen­skyj hat eine Rede an die Nation gehal­ten und ange­kün­digt, die Ukraine werde bis zum Letzten kämpfen und man werde sich nicht „zer­stö­ren“ lassen. Zuvor hatte Dmitrij Kosak, der stell­ver­tre­tende Leiter der Admi­nis­tra­tion des rus­si­schen Prä­si­den­ten, das Ende der Ukraine als Staat ange­droht, sollte die ukrai­ni­sche Armee im Donbass eine Offen­sive starten, was diese nie vor­ge­habt oder ange­kün­digt hatte. Die ukrai­ni­sche Regie­rung, das seien „Kinder mit Zünd­höl­zern in der Hand“, so Kosak verächtlich.

Welchen Nutzen hat Putin-Russ­land nun von seiner krie­ge­ri­schen Kraft­meie­rei? Dass Angst Russ­lands erfolg­reichs­tes Export-Produkt ist, wusste man schon vorher. Dass Russ­land eine große Armee hat, die bereit ist in Nach­bar­län­der ein­zu­fal­len, ist eben­falls keine Neu­ig­keit. Und man muss auch nicht Wirt­schafts­wis­sen­schaf­ten stu­diert haben um zu ver­ste­hen, dass die Löhne und Ein­kom­men der Men­schen in Russ­land durch solche „Kriegs­spiele“ nicht steigen.
In der Ukraine sind nun noch mehr Men­schen zu der Über­zeu­gung gelangt, dass Putin-Russ­land ein hin­ter­häl­ti­ger und grau­sa­mer Gegner ist und immer mit der Mög­lich­keit eines furcht­ba­ren Krieges gerech­net werden muss. Die Trans­at­lan­ti­ker wurden enorm gestärkt. Der „Frie­dens­prä­si­dent“ Selen­skyj fordert den schnel­len Bei­tritt seines Landes in die NATO. Die USA und andere west­li­che Ver­bün­dete haben der Ukraine in den letzten Tagen neueste und sehr effek­tive Waffen gelie­fert, dar­un­ter eine Bat­te­rie Anti­schiffs­ra­ke­ten, deren Einsatz die Anlan­dung rus­si­scher Schiffe an ukrai­ni­schen Küsten sehr erschwe­ren würden.

Putin und seine zyni­schen Gehil­fen haben also wieder einmal das Gegen­teil dessen erreicht, was sie ange­strebt haben. Die Ukraine hat sich nicht ein­schüch­tern lassen, sie hat sich rus­si­schen Wün­schen nicht gefügt und bei­spiels­weise mit Russ­lands Frei­schär­lern im Donbass direkt ver­han­delt oder gar Wasser auf die Krim zur Ver­sor­gung der rus­si­schen Sol­da­ten gelei­tet. Statt­des­sen hat sie viel inter­na­tio­nale Soli­da­ri­tät erfah­ren und ihre inneren Kon­flikte rela­ti­vie­ren und hin­tenan stellen können. Statt geschwächt geht sie gestärkt aus dieser Krise hervor.
Neue Freunde dürfte die „russki mir“ nicht gewon­nen haben. Mir jeden­falls ist kein Ukrai­ner bekannt, der froh darüber wäre, bom­bar­diert zu werden. „Hurra, es ist Krieg, die Russen wollen uns töten (oder befreien)!“, schreit hier niemand. Mein Freund Oleg bei­spiels­weise wohnt in der Nähe einer großen Kaserne der ukrai­ni­schen Armee, also einem Ziel­ob­jekt im Falle eines Krieges. Selbst­ver­ständ­lich kal­ku­lie­ren Men­schen wie er das Risiko ein, zu den „Kol­la­te­ral­schä­den“ rus­si­scher Luft­an­griffe zu gehören. Und selbst­ver­ständ­lich sind diese Men­schen nicht froh darüber. Man muss also gar kein beken­nen­der Patriot sein, um Putin-Russ­lands Kriegs­dro­hun­gen und Ver­nich­tungs­wün­sche als abartig und krank anzusehen.
Einer der häu­figs­ten Stoß­seuf­zer lautete in den letzten Wochen in der Ukraine: „Als hätten wir nicht genug Pro­bleme!“. Als würde die Corona-Pan­de­mie nicht an den Nerven zerren, als wären dort nicht schon viele Opfer zu betrau­ern. Nun  kann vor­sich­tig leichte Ent­war­nung gegeben werden. Die „nicht gleich­gül­ti­gen“ Men­schen können ihre Auf­merk­sam­keit wieder ver­stärkt auf die haus­ge­mach­ten und selbst­ver­schul­de­ten Pro­bleme richten – auf die Inef­fi­zi­enz der staat­li­chen Behör­den, der Justiz und der Kri­mi­nal­po­li­zei, auf die trau­rige soziale Lage der Rent­ne­rin­nen und Rentner, auf das immer noch dröge Bil­dungs­we­sen und die immer noch weit ver­brei­tete sowje­ti­sche Men­ta­li­tät, auf Anwei­sun­gen „von oben“ zu warten, statt die Pro­bleme selbst anzu­pa­cken. Zu tun gibt es genug, um die Gesell­schaft zu refor­mie­ren und eine bessere Zukunft zu ermöglichen.

Textende

Portrait von Christoph Brumme

Chris­toph Brumme ver­fasst Romane und Repor­ta­gen. Seit dem Früh­jahr 2016 lebt er in der ost­ukrai­ni­schen Stadt Poltawa.

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