Die Ukraine zwi­schen stra­te­gi­scher Part­ner­schaft und poli­ti­scher Mobi­li­sie­rung in Polen

Anhänger der Partei „Konfederacja Korony Polskiej“ marschieren hinter einem Transparent mit der Aufschrift „Die Polen werden nie vergessen“ her.
Foto: IMAGO /​ ZUMA Press

Für Polen ist eine unab­hän­gige Ukraine von zen­tra­ler sicher­heits­po­li­ti­scher Bedeu­tung. Dennoch belas­ten der Streit um die Ukrai­ni­sche Auf­stän­di­sche Armee und die Erin­ne­rung an die Mas­sa­ker von Wol­hy­nien zuneh­mend die Bezie­hun­gen zwi­schen War­schau und Kyjiw. His­to­ri­sche Kon­flikte werden dabei nicht nur außen­po­li­tisch aus­ge­tra­gen, sondern dienen in Polen immer stärker der innen­po­li­ti­schen Mobilisierung.

Nachdem der ukrai­ni­sche Prä­si­dent Wolo­dymyr Selen­skyj Ende Mai einer Mili­tär­ein­heit den Ehren­na­men „Helden der UPA“ ver­lie­hen hatte, ver­schärf­ten sich die ukrai­nisch-pol­ni­schen Span­nun­gen, in deren Zentrum zwei ver­schie­dene Per­spek­ti­ven auf ein gewalt­vol­les Kapitel der geteil­ten Geschichte beider Länder liegt. Während die Ukrai­ni­sche Auf­stän­di­sche Armee (UPA) in Teilen der Ukraine als Symbol des Kampfes für natio­nale Unab­hän­gig­keit gilt, wird sie in Polen vor allem mit der Ermor­dung pol­ni­scher Zivi­lis­ten in Wol­hy­nien und Ost­ga­li­zien verbunden.

Der pol­ni­sche Prä­si­dent Karol Naw­ro­cki reagierte mit demons­tra­ti­ver Härte und entzog Selen­skyj am 19. Juni 2026 den Orden des Weißen Adlers, die höchste staat­li­che Aus­zeich­nung Polens. Gleich­zei­tig betonte er wei­ter­hin die stra­te­gi­sche Bedeu­tung der Ukraine im Krieg gegen Russ­land. Darin zeigt sich ein grund­le­gen­des Paradox der pol­ni­schen Ukraine-Politik: Die Ukraine bleibt ein wich­ti­ger Sicher­heits­part­ner, wird aber zugleich immer stärker zum Gegen­stand schwe­len­der his­to­ri­scher Kon­flikte und innen­po­li­ti­scher Auseinandersetzungen.

Die aktu­elle Kon­tro­verse ist dabei nicht der einzige Grund für die Ver­schlech­te­rung der Bezie­hun­gen. Bereits zuvor hatten Strei­tig­kei­ten über ukrai­ni­sche Agrar­im­porte, die Exhu­mie­rung pol­ni­scher Opfer, Sozi­al­leis­tun­gen für Geflüch­tete und einen mög­li­chen EU-Bei­tritt der Ukraine das Ver­hält­nis belas­tet. Die Erin­ne­rung an Wol­hy­nien bietet jedoch einen beson­ders emo­tio­na­len Rahmen, in dem diese unter­schied­li­chen Kon­flikt­herde mit­ein­an­der ver­bun­den werden können.

1943 bis Kriegs­ende: Was in Wol­hy­nien geschah

Wol­hy­nien und Ost­ga­li­zien gehör­ten nach dem Ersten Welt­krieg zur Zweiten Pol­ni­schen Repu­blik. Die eth­nisch gemisch­ten Regio­nen waren von Span­nun­gen zwi­schen dem pol­ni­schen Staat und Teilen der ukrai­ni­schen Bevöl­ke­rung geprägt. Polo­ni­sie­rung, die Vergabe von Land an pol­ni­sche Vete­ra­nen und staat­li­che Repres­si­ons­maß­nah­men wie die soge­nannte „Pazi­fi­ka­tion“ von 1930 trugen zur Radi­ka­li­sie­rung ukrai­ni­scher Natio­na­lis­ten bei.

1929 ent­stand die Orga­ni­sa­tion Ukrai­ni­scher Natio­na­lis­ten, kurz OUN. Sie strebte einen unab­hän­gi­gen ukrai­ni­schen Staat an und spal­tete sich 1940 in zwei riva­li­sie­rende Flügel. Die sys­te­ma­ti­schen Angriffe auf pol­ni­sche Dörfer wurden vor allem von der radi­ka­le­ren OUN‑B und der von ihr domi­nier­ten UPA getragen.

Im Sommer 1943 erreichte die Gewalt ihren Höhe­punkt. Am 11. Juli, dem in Polen soge­nann­ten „Blut­sonn­tag“, griffen ukrai­ni­sche Ein­hei­ten zahl­rei­che pol­ni­sche Ort­schaf­ten an. Die Gewalt rich­tete sich vie­ler­orts gegen die gesamte Zivil­be­völ­ke­rung und zielte auf deren Ver­trei­bung oder Ermor­dung. Später wei­te­ten sich die Angriffe auf Ost­ga­li­zien aus.

Auch pol­ni­sche For­ma­tio­nen ver­üb­ten Ver­gel­tungs­ak­tio­nen gegen ukrai­ni­sche Dörfer und töteten ukrai­ni­sche Zivi­lis­ten. Dennoch waren Ziel­set­zung und Ausmaß der Gewalt nicht voll­stän­dig sym­me­trisch. Die von der OUN‑B domi­nierte UPA trug eine zen­trale Ver­ant­wor­tung für die eth­ni­sche Säu­be­rung der pol­ni­schen Bevöl­ke­rung in zahl­rei­chen Gebieten.

Die unter­schied­li­chen his­to­ri­schen Erfah­run­gen prägen die Erin­ne­rung bis heute. In Polen stehen die ermor­de­ten Zivi­lis­ten und die For­de­rung nach Aner­ken­nung der Mas­sa­ker als Genozid im Mit­tel­punkt. In der Ukraine wird die UPA dagegen häufig vor allem als Bewe­gung erin­nert, die gegen die Sowjet­union und für die natio­nale Unab­hän­gig­keit kämpfte. Diese kon­kur­rie­ren­den Erin­ne­rungs­per­spek­ti­ven bestim­men wesent­lich den heu­ti­gen Konflikt.

Von der Ver­söh­nung zum Parteienkonflikt

Nach der ukrai­ni­schen Unab­hän­gig­keit ver­such­ten Polen und die Ukraine zunächst, ihre schwie­rige gemein­same Geschichte auf poli­ti­scher Ebene zu bear­bei­ten. Ein wich­ti­ger Moment der Ver­söh­nung war das gemein­same Geden­ken der Prä­si­den­ten Alek­san­der Kwaś­niew­ski und Leonid Kut­schma im Jahr 2003. Im Mit­tel­punkt standen die Aner­ken­nung des Leidens, gegen­sei­tige Ver­ge­bung und das Ziel, die Ver­gan­gen­heit nicht zum Hin­der­nis für die euro­päi­sche Zukunft beider Länder werden zu lassen.

Dieser Ansatz besei­tigte die unter­schied­li­chen his­to­ri­schen Deu­tun­gen nicht. Er schuf jedoch einen poli­ti­schen Rahmen, in dem die Erin­ne­rung an Wol­hy­nien nicht auto­ma­tisch die gesam­ten bila­te­ra­len Bezie­hun­gen bestimmte.

Ein Wen­de­punkt war das Jahr 2015. Das ukrai­ni­sche Par­la­ment erkannte Mit­glie­der der OUN und UPA offi­zi­ell als Kämpfer für die ukrai­ni­sche Unab­hän­gig­keit an. Die Ent­schei­dung fiel am selben Tag, an dem der pol­ni­sche Prä­si­dent Bro­nisław Komo­row­ski vor dem ukrai­ni­schen Par­la­ment gespro­chen hatte. In Polen wurde dies viel­fach als Miss­ach­tung der Opfer von Wol­hy­nien verstanden.

Die Partei Recht und Gerech­tig­keit, PiS, griff die Ent­schei­dung im Prä­si­dent­schafts­wahl­kampf 2015 auf und stellte Komo­row­ski sowie die dama­lige Regie­rung als zu nach­gie­big gegen­über Kyjiw dar. Die Kon­tro­verse war nicht der ent­schei­dende Grund für den Wahl­sieg des von PiS unter­stütz­ten Andrzej Duda. Sie zeigte jedoch, dass sich die Erin­ne­rung an Wol­hy­nien nicht nur für außen­po­li­ti­sche Kritik, sondern auch für den pol­ni­schen Par­tei­en­wett­be­werb mobi­li­sie­ren ließ.

Seitdem hat die Wol­hy­nien-Frage in der pol­ni­schen Innen­po­li­tik weiter an Bedeu­tung gewon­nen. Rechte und natio­na­lis­ti­sche Par­teien prä­sen­tie­ren sich als Ver­tei­di­ger pol­ni­scher Opfer und natio­na­ler Würde. Zugleich geraten auch gemä­ßig­tere Par­teien unter Druck, eine härtere Haltung gegen­über Kyjiw ein­zu­neh­men, um nicht als zu nach­gie­big zu erscheinen.

Ver­en­gung und Instru­men­ta­li­sie­rung von Erinnerung

Die poli­ti­sche Instru­men­ta­li­sie­rung beginnt nicht mit dem Geden­ken an die Opfer. For­de­run­gen nach Exhu­mie­run­gen, wür­di­gen Bestat­tun­gen und einer kri­ti­schen Aus­ein­an­der­set­zung mit OUN und UPA sind legitim. Pro­ble­ma­tisch wird es dort, wo die Ver­ant­wor­tung his­to­ri­scher Orga­ni­sa­tio­nen pau­schal auf die heutige Ukraine oder auf heute lebende Ukrai­ner über­tra­gen wird.

Eine wich­tige Rolle spielt dabei der Begriff „Ban­de­ris­mus“. Als his­to­ri­sche Bezeich­nung kann er bestimmte Strö­mun­gen der OUN‑B beschrei­ben. In gegen­wär­ti­gen poli­ti­schen Debat­ten wird er jedoch häufig pau­scha­li­sie­rend ver­wen­det. Die kom­plexe ukrai­ni­sche Geschichte wird dann auf Stepan Bandera und die UPA redu­ziert, während Unter­schiede zwi­schen Regio­nen, Gene­ra­tio­nen und poli­ti­schen Lagern aus­ge­blen­det werden.

In einer solchen ver­eng­ten Per­spek­tive erscheint die heutige Ukraine als direkte Fort­set­zung des ukrai­ni­schen Natio­na­lis­mus der 1940er-Jahre. Aktu­elle Streit­fra­gen über Agrar­im­porte, Sozi­al­leis­tun­gen, Geflüch­tete oder einen mög­li­chen EU-Bei­tritt können dann als weitere Belege dafür dar­ge­stellt werden, dass die Ukraine pol­ni­sche Inter­es­sen und his­to­ri­sche Emp­find­lich­kei­ten grund­sätz­lich missachte.

Gerade darin liegt die poli­ti­sche Attrak­ti­vi­tät dieses Nar­ra­tivs. Unter­schied­li­che soziale, wirt­schaft­li­che und his­to­ri­sche Kon­flikte lassen sich zu einem ein­heit­li­chen Bild ukrai­ni­scher „Undank­bar­keit“ ver­bin­den. Posi­tio­nen, die zunächst vor allem am rechten Rand ver­tre­ten wurden, gelan­gen dadurch zuneh­mend in den poli­ti­schen Mainstream.

Spür­bare Folgen für die ukrai­ni­sche Bevöl­ke­rung in Polen

Die Ukrai­ner stellen inzwi­schen die größte Gruppe aus­län­di­scher Ein­woh­ner in Polen. Schät­zun­gen zufolge leben rund 1,6 Mil­lio­nen Ukrai­ner im Land. Dazu gehören sowohl Geflüch­tete, die seit 2022 nach Polen gekom­men sind, als auch Men­schen, die bereits zuvor dort lebten und arbeiteten.

Nach der großen Soli­da­ri­täts­welle zu Beginn der rus­si­schen Voll­in­va­sion berich­ten Geflüch­tete und lang­jäh­rige ukrai­ni­sche Migran­ten zuneh­mend von Beschimp­fun­gen, Dro­hun­gen und Dis­kri­mi­nie­rung im öffent­li­chen Raum, am Arbeits­platz und in Schulen. Anti­ukrai­ni­sche Ein­stel­lun­gen bleiben damit nicht auf poli­ti­sche Reden oder soziale Medien beschränkt.

Auch Poli­zei­da­ten deuten auf eine Ver­schär­fung hin. Im ersten Halb­jahr 2026 wurden 180 mut­maß­li­che Hass­de­likte gegen ukrai­ni­sche Staats­an­ge­hö­rige regis­triert. Das waren rund 30 Prozent mehr als im glei­chen Zeit­raum des Vor­jah­res. 2024 wurden ins­ge­samt 267 und 2025 ins­ge­samt 275 ent­spre­chende Ver­dachts­fälle erfasst. Da viele Belei­di­gun­gen, Bedro­hun­gen oder Über­griffe nicht ange­zeigt werden, dürfte das tat­säch­li­che Ausmaß größer sein.

In sozia­len Netz­wer­ken ver­brei­ten sich zudem immer wieder Videos, in denen Ukrai­ner und Ukrai­ne­rin­nen allein auf­grund ihrer Sprache oder Her­kunft beschimpft oder bedroht werden. Solche Auf­nah­men belegen nicht das Ver­hal­ten der pol­ni­schen Gesell­schaft ins­ge­samt. Sie zeigen jedoch, dass anti­ukrai­ni­sche Feind­bil­der auch in kon­kre­ten All­tags­si­tua­tio­nen auf­tre­ten können.

Diese Ent­wick­lung ist nicht aus­schließ­lich auf die Erin­ne­rungs­po­li­tik zurück­zu­füh­ren. Soziale Span­nun­gen, Kon­kur­renz um staat­li­che Leis­tun­gen, Kri­mi­na­li­täts­nar­ra­tive und die lange Dauer des Krieges spielen eben­falls eine Rolle. Die poli­ti­sche Sprache über ukrai­ni­sche „Undank­bar­keit“, angeb­li­che Pri­vi­le­gien oder „Ban­de­ris­mus“ trägt jedoch dazu bei, unter­schied­li­che Kon­flikte zu einem pau­scha­len anti­ukrai­ni­schen Feind­bild zusammenzuführen.

Polen sollte seine sicher­heits­po­li­ti­sche Unter­stüt­zung für die Ukraine nicht gegen die Auf­ar­bei­tung der Mas­sa­ker in Wol­hy­nien aus­spie­len. Denn wenn his­to­ri­sche Ver­ant­wor­tung pau­schal auf die heutige Ukraine und die in Polen leben­den Ukrai­ner über­tra­gen wird, unter­gräbt die Erin­ne­rungs­po­li­tik gerade jene stra­te­gi­sche Part­ner­schaft, die für Polens Sicher­heit von zen­tra­ler Bedeu­tung bleibt.

Paul Berg ist Rese­arch Fellow beim EPIS-Thinktank mit dem Schwer­punkt Ver­tei­di­gungs- und Sicherheitspolitik.

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