„Wir haben eine Alternative, aber die Russen haben keine“

Presseschau ukrainischer Medien | 17. Juli bis 12. August 2026:
Der Krieg der Lagerhäuser
Blockierte Häfen: Agrarbranche unter Druck
Drapatyj: Hohe Erwartungen an den Neuen
Der Krieg der Lagerhäuser
Seit Anfang Juli greift die Ukraine gezielt Lagerhäuser des russischen Onlinehändlers Wildberries an. Bis zum 12. August traf sie 20 Standorte, rund ein Fünftel der Lagerkapazitäten des Konzerns. Die Folgen sind erheblich: Wildberries gilt als kremlnah, zugleich drohen Tausenden kleinen und mittleren Händlern Verluste oder sogar die Pleite. Trotzdem fragen ukrainische Medien, wie sinnvoll diese Angriffe sind. Russland reagiert inzwischen mit gezielten Schlägen auf ukrainische Lagerhäuser rund um Kyjiw – mit ersten Folgen für Lieferketten und Supermärkte.
„Unser Ziel ist der Geldbeutel“
Auf der Plattform LB rechtfertigt der Soldat Kyrylo Danylchenko die Angriffe auf Wildberries als Teil einer „Taktik der tausend Schnitte“, die den Krieg für die Bevölkerung spürbar machen soll:
„Unser Ziel ist der Geldbeutel – angesichts des rasant wachsenden [russischen] Haushaltsdefizits. Bald entscheidet sich, für wen der Kuchen reicht: für Gazprom, Wildberries, die Subventionierung der Erdölverarbeitung oder für Werke mit 30-Meter-Löchern im Dach nach dem Einschlag einer Flamingo [ukrainischer Marschflugkörper].
Jahrelang haben sie der Bevölkerung und den Eliten eingetrichtert: ‚Der Krieg tobt irgendwo weit weg, läuft im Fernsehen, und in Moskau und [St. Petersburg] bleibt alles wie immer – Latte, billige Taxis, Lieferung binnen eines Tages.‘
Doch die Schläge gegen Logistik und Wirtschaft holen den Krieg zurück in die [russischen] Wohnzimmer.“ […]
„Auf einen Punkt zielen“
Der ehemalige Abgeordnete Vadym Denysenko erläutert auf NV, warum ausgerechnet Wildberries unter den russischen Onlinehändlern zum Ziel auserkoren wurde:
„Die Antwort scheint relativ einfach. Man muss zuerst ein Unternehmen zu Fall bringen und sich dann die anderen vornehmen. Nicht auf breiter Fläche agieren, sondern auf einen Punkt zielen. Der Niedergang eines Unternehmens wie Wildberries könnte eine Kettenreaktion auslösen. Dabei sitzt die russische Regierung in einer Zwickmühle: Wildberries zu helfen, hieße, einen Präzedenzfall zu schaffen, woraufhin Tausende andere fragen würden: ‚Warum helft ihr uns nicht?‘ Nicht zu helfen bedeutet, einen Zusammenbruch auf dem Markt zu erwarten. Vorerst hat man beschlossen zu warten – nach dem Prinzip ‚Vielleicht löst es sich von selbst‘.“
„Keine anomale Zunahme russischer Angriffe“
Dass Russland jeden Treffer auf ukrainische Unternehmen nun als ‚Vergeltung‘ bezeichne, obwohl die Angriffe auf ukrainische Unternehmen bereits seit Beginn der großen Invasion Russlands stattfanden, hebt die Ukrajinska Prawda unter Verweis auf die Ekonomitschna Prawda hervor:
„Die Angriffe dauerten all diese Jahre an. Und nach dem 18. Juli (dem Tag, an dem die Schläge auf Wildberries begannen – UP) gab es tatsächlich keine anomale Zunahme der Angriffe auf unsere Unternehmen, die aus jener Taktik herausfallen würde, die Russland seit 2022 verfolgt – nämlich, die ukrainischen Wirtschaft zu zermürben. Natürlich können die russischen Medien diese Angriffe als ‚Gegenreaktion‘ darstellen, obwohl sie diese in Wirklichkeit […] bereits seit 2022 durchführen.“
„Alternative zu Mega-Hubs“
Am 5. August zerstörte Russland zehn große Lagerhäuser nahe Kyjiw. LIGA beschreibt, wie ukrainische Unternehmen auf die neue Welle russischer Angriffe auf Lagerhäuser reagieren können:
„Die Zerstörung des Lagerkomplexes bei Kyjiw wird den Wandel der Ansätze zur Entwicklung von Logistikimmobilien in der Ukraine beschleunigen. Länder, die lange unter militärischer Bedrohung leben, insbesondere Israel, sind zu verteilter Lagerung und modularen Lagerparks übergegangen, betont [die kaufmännische Direktorin des Immobilienentwicklers GDS] Anna Anisimova.
‚Statt eines einzigen Mega-Hubs errichtet man mehrere separate Gebäude mit 10.000 bis 25.000 Quadratmetern Fläche und mit technologischen und Brandschutzabständen dazwischen‘, erklärt sie. Das erlaubt, die Folgen eines möglichen Treffers zu lokalisieren und den Betrieb des Großteils des Komplexes zu erhalten. […]
Im Jahr 2022, nach den massiven Schlägen gegen Öllager und Ölverarbeitungsanlagen, begannen die Unternehmen, zu einem dezentralisierten Lagermodell überzugehen. ‚Der [ukrainische] Markt hat seine Arbeit unter veränderten Bedingungen wieder aufgenommen. Etwas Ähnliches werden wir auch im Lagerkontext sehen‘, meint [der Leiter der Analyseabteilung der Investmentgesellschaft Concorde Capital] Oleksandr Parashchii.“ Er prognostiziert, dass die kritische Lage in der Hauptstadt die Lagermärkte in den Nachbarregionen beleben wird.
Blockierte Häfen: Agrarbranche unter Druck
Russland hat die Angriffe auf Hafenanlagen und Schiffe, die die Ukraine ansteuern oder sie verlassen, verstärkt. Seit Ende Juli laufen große Frachtschiffe drei ukrainische Schlüsselhäfen nicht mehr an. Das trifft den ukrainischen Export schwer – und damit die Staatseinnahmen. Besonders der Agrar- und der Bergbausektor kämpfen mit den Folgen.
„Monatlich bis zu 1,4 Millarden US-Dollar Einnahmen“
LIGA rechnet vor, was eine Blockade der Häfen in der Großregion Odesa kosten würde:
„Über die drei [attackierten] Seehäfen Piwdennyj, Odesa und Tschornomorsk gehen 70 Prozent der ukrainischen Agrarproduktion in den Export, ebenso der Löwenanteil der Produktion des Bergbau- und Metallurgiekomplexes. Dieser Transportkorridor bringt dem Land monatlich zwischen 900 Millionen und 1,4 Milliarden US-Dollar ein. Ohne die Häfen der ‚Großen Odesa‘ kann die ukrainische Agrarbranche, die bis zu 60 Prozent der Deviseneinnahmen sichert, nicht mit voller Kraft arbeiten – ebenso wenig der Bergbau- und Metallurgiesektor, auf den weitere 15 Prozent entfallen.
2022 standen die Seehäfen fünf Monate still. Dadurch schrumpfte das ukrainische BIP in jenem Jahr um 6 Prozent. […] Der Shutdown der Häfen im Jahr 2022 wurde zu einer der Ursachen der Hrywnja- Abwertung: von 28 Hrywnja pro US-Dollar im Januar 2022 auf 36 Hrywnja im Dezember 2022. Die zweite Ursache war der damals deutlich gestiegene Import.“
„Neuer Schwung für die verarbeitende Industrie“
Auf LB erläutert Nataliia Kolesnichenko, Chefökonomin des Zentrums für Wirtschaftsstrategie, die Folgen der Hafenprobleme für ukrainische Agrarproduzenten – und mögliche Auswege:
„Während die großen Agrarholdings ihre Ernten in eigenen Getreidesilos zurückhalten können (obwohl auch diese getroffen werden, ebenso wie Produktionsstätten), haben die kleinen Betriebe weniger Möglichkeiten. Hier ist die Lage vielschichtig: Einerseits wäre es gut, wenn es gelänge, sich etwa auf die Donau umzuorientieren oder den Export wieder per Zug oder Lkw über Polen und Ungarn abzuwickeln, da die Preise auf den Außenmärkten gerade gestiegen sind. Schließlich haben wir trotz allem Einfluss auf die ausländischen Märkte: Lieferungen wurden eingestellt – die Preise schossen in die Höhe. Zugleich aber begannen die Inlandspreise zu fallen, denn warum sollten Händler:innen etwas aufkaufen, was sie nicht ausführen können? […]
Die gesamte Logistik vollständig von der Großen Odesa auf die Donauhäfen umzustellen ist möglich, aber schwierig. […] Aber es gibt auch alternative Möglichkeiten. Die Rapsernte ist inzwischen praktisch abgeschlossen. Es besteht die Wahrscheinlichkeit, dass der Raps, statt ausgeführt zu werden […], verstärkt im Land verarbeitet wird. Das würde der verarbeitenden Industrie neuen Schwung verleihen.“
„Wir haben eine Alternative, aber die Russen haben keine“
Andrii Vadaturskii, Chef von Nibulon, einem der größten Agrarkonzerne der Ukraine, nennt die Hafenblockade zwar schmerzhaft, fordert im Interview mit Forbes jedoch weitere ukrainische Angriffe auf russische Hafenanlagen am Schwarzen Meer:
„[…] Ich sehe keine Katastrophe für den Agrarsektor. Ich sehe vorübergehende Unannehmlichkeiten, die sich auf Ebene der Nationalbank und des Ministerkabinetts glätten lassen – wir können diesen Schock überstehen und zu normalen Verhältnissen zurückkehren.
Wir werden Wege finden – das ist kein Problem, aufgrund dessen die Ukraine ihre Position [die Blockade der russischen Logistik im Schwarzen und Asowschen Meer] aufgeben müsste. Im Gegenteil: Wir haben eine Alternative [zum Getreideexport über das Schwarze Meer], aber die Russen haben keine. Genau damit muss man sie an den Verhandlungstisch zwingen.“
Drapatyj: Hohe Erwartungen an den Neuen
Am 21. Juli ersetzte Wolodymyr Selenskyj den Oberbefehlshaber der ukrainischen Armee. Oleksandr Syrskyj, der das Amt seit 2024 innehatte, geriet zuletzt vor allem wegen seines harten Umgangs mit Soldaten in die Kritik. Sein Nachfolger Mychajlo Drapatyj ist mit 43 Jahren der jüngste Oberbefehlshaber in der modernen Geschichte der Ukraine. Er gilt als menschenorientiert und fortschrittlich. Entsprechend groß sind die Hoffnungen, dass er tiefgreifende Reformen in der Armee anstößt.
„So müde, aber ungebrochen“
Hromadske erinnert an jene Militäreinsätze von 2014, mit denen Mychajlo Drapatyj erstmals landesweit bekannt wurde:
„Am 9. Mai 2014 half Drapatyj, der damals ein Bataillon kommandierte, einer Gruppe ukrainischer Soldat:innen, aus dem umstellten Milizgebäude in Mariupol zu entkommen. An jenem Tag war er Kommandant der Besatzung eines BMP‑2 [Schützenpanzers], der nach der Räumung aus der Stadt fuhr und mit hoher Geschwindigkeit über eine Barrikade der [prorussischen] Kämpfer hinwegflog. Das Video vom ‚fliegenden‘ BMP machte ihn bekannt.
Anfang August 2014 empfing [Oleksandr] Vdovychenko [der mit Drapatyj seit 2005 in der 72. Selbstständigen mechanisierten Brigade Schwarze Saporoger diente und heute das Aufklärungszentrum des 11. Korps leitet] die Kolonne ukrainischer Kämpfer, die Mychajlo Drapatyj aus der Einkesselung […] im Gebiet Luhansk herausführte.
‚So müde, aber so ungebrochen, so stolz. Und dünn, ganz dünn. Alle, die zusammen mit ihm herauskamen, waren ebenfalls völlig erschöpft. Es waren über 200 – aus verschiedenen Einheiten, sie hatten sich ihm angeschlossen. Mir schien damals, dass [Drapatyj] sich allein durch Willenskraft aufrecht hielt‘, erinnert sich Vdovychenko.“
„Drapatyj wird es sehr schwer haben“
Die Ukrajinska Prawda umreißt die enormen Herausforderungen, die Drapatyj als neuem Oberbefehlshaber bevorstehen:
„Tatsächlich aber ist den Soldat:innen, wie sie in Gesprächen mit der Ukrajinska Prawda erzählen, bloße Menschlichkeit vom Oberbefehlshaber zu wenig.
Sie brauchen das Ende der Epoche des ‚Möwen-Managements‘ [wenn ein Problem, oft inkompetent, erst dann angegangen wird, wenn der Wirbel darum zu groß ist, um ihn zu ignorieren – Anm. d. Red.], eine schnellere Anpassung an die Veränderungen auf dem Schlachtfeld, höhere Löhne – besonders im rückwärtigen Dienst –, planbaren Nachschub aus den Ausbildungszentren und nicht nur aus den Reservebataillonen, Antworten auf die Fragen bezüglich der Sturmregimenter, weniger nicht-kampfbedingte Verluste, höhere Verluste des Gegners und so weiter.
Die ganze Armee [...] stützt sich auf die Schultern tatkräftiger und starker Kommandeur:innen, die ein Korps oder eine Brigade allein führen. Und nicht auf ein effizientes und starkes System.
‚Drapatyj wird es jetzt sehr schwer haben. In Kenntnis all dieser Hinterzimmerspiele und Fallstricke, die leider zum festen Bestandteil der Armee geworden sind, möchte man [ihm] Durchhaltevermögen und einen kühlen Kopf wünschen‘, sagte ein Brigadekommandeur, der vor einigen Jahren seinen Posten verließ, der Ukrajinska Prawda.“

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Ukrainische Medien
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Daneben veröffentlicht Texty.org.ua hochwertige Reportagen und analytische Beiträge, insbesondere zum russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine.
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The Kyiv Independent wurde im November 2021 vom Kernteam der damals führenden englischsprachigen ukrainischen Zeitung Kyiv Post gegründet. Die Journalist:innen hatten das Medium nach einem Konflikt mit dessen Eigentümer verlassen und wollten die neue Redaktion zunächst für einige Zeit aus eigenen Mitteln finanzieren. Der russische Großangriff vier Monate später rückte die Ukraine weltweit ins Zentrum der Aufmerksamkeit – und The Kyiv Independent entwickelte sich zu einer der wichtigsten Nachrichtenquellen über das Land für ein internationales Publikum.
Heute ist The Kyiv Independent eines der führenden englischsprachigen Medien der Ukraine und finanziert sich vor allem über Spenden seiner Leser:innen. Zudem hat das Medium eine eigene Investigativredaktion aufgebaut, die sich insbesondere mit russischen Kriegsverbrechen befasst.
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Jewropejska Prawda wurde im Juni 2014 gegründet und berichtet vor allem über die Integration der Ukraine in die EU und die NATO. Diese Themen gewannen damals stark an Bedeutung: Nach der Revolution der Würde erhielt die Ukraine eine proeuropäische Regierung, während der Krieg im Osten der Ukraine und die russische Annexion der Krim zusätzliche sicherheitspolitische Fragen aufwarfen.
Im Laufe der Jahre hat sich das Medium zu einer der wichtigsten Quellen für verlässliche Informationen und Analysen zur ukrainischen Außenpolitik sowie zu Themen der internationalen Politik entwickelt. Da Jewropejska Prawda eng mit Ukrajinska Prawda kooperiert, wird es häufig als deren Ressort wahrgenommen. Tatsächlich verfügt es jedoch über eine eigenständige Redaktion unter der Leitung von Sergiy Sydorenko. Beide Medien übernehmen regelmäßig Inhalte voneinander und veröffentlichen mitunter gemeinsam recherchierte Beiträge.
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Die ukrainische Nachrichtenagentur RBC-Ukraine wurde 2006 als Tochter des russischen Medienunternehmens RBC (RosBusinessConsulting) gegründet. Seit 2012 bestehen nach Angaben des Unternehmers Jossyp Pintus, der das ukrainische Unternehmen damals übernahm, keine Verbindungen mehr zwischen beiden Firmen – abgesehen vom gemeinsamen Markennamen.
Seit 2014 ist die Website von RBC-Ukraine in Russland gesperrt. Anlass waren Artikel, die von den russischen Behörden als „extremistisch“ eingestuft wurden – eine Bezeichnung, die in Russland auch für Positionen verwendet wird, die der offiziellen Linie gegenüber der Ukraine widersprechen.
Heute gehört RBC-Ukraine zu den meistgelesenen Nachrichtenportalen des Landes. In seiner politischen Berichterstattung äußert sich das Medium vergleichsweise wohlwollend über Präsident Wolodymyr Selenskyj und dessen Umfeld.
Jossyp Pintus bezeichnet RBC-Ukraine als sein wichtigstes Geschäft. Zuvor war er im Bereich Online-Werbung und Traffic-Vermarktung tätig. Chefredakteur ist Rostyslaw Schaprawskyj.
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Die ukrainische Ausgabe des Magazins Forbes erscheint seit März 2011, mit einer Unterbrechung von 2016 bis 2020. Heute beschäftigt sich das Medium vor allem mit der ukrainischen Kriegswirtschaft und der Frage, wie das Land die wirtschaftlichen Herausforderungen des russischen Angriffskriegs bewältigt.
Forbes Ukraine gehört dem Unternehmer Artur Grants, der ein Netzwerk von Duty-Free-Geschäften betreibt, und ist eines der wenigen ukrainischen Medien, die auch weiterhin als Printausgabe erscheinen.
Chefredakteur ist Borys Davydenko, der zuvor LIGA.net leitete. Das Medium vertritt wirtschaftsliberale Positionen und legt einen besonderen Schwerpunkt auf Unternehmertum und freie Marktwirtschaft.
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