„Acht Jahre lang hat sich niemand in Deutsch­land für die Ukraine interessiert“

Foto: Yurii Rylchuk /​ Imago Images

Weder die ukrai­ni­sche Sprache und Kultur noch die Ukraine selbst ist im deut­schen Bewusst­sein vor­han­den. In 30 Jahren Unab­hän­gig­keit hat sich das nicht ver­än­dert, meint Jurij Andruchowytsch.

An Corona will man als Ukrai­ner gerade jetzt nicht wirk­lich erkran­ken, denn aus­ge­rech­net dann könnte ja auch noch Putin angrei­fen. Man würde mit fast 40 Grad Fieber flach­lie­gen und nicht zum bereit­ge­leg­ten Kara­bi­ner greifen können, wenn die Besat­zer vor den Fens­tern die Straße entlang mar­schie­ren und „Kat­ju­scha“ oder andere Lieder aus der Zeit des Welt­kriegs singen.

Unan­ge­nehm wäre es für mich auch, weil ich täglich drin­gende Anfra­gen aus ganz Europa bekomme – und das hau­fen­weise: von einem spa­ni­schen Magazin, einer ita­lie­ni­schen Zeitung, einer rumä­ni­schen Agentur, einem fran­zö­si­schen Unter­neh­men, vom nor­we­gi­schen Radio … Tag für Tag werden es immer mehr.

Alle auf einmal und zur glei­chen Zeit

Acht Jahre lang hat sich niemand für das Land inter­es­siert und die Ukraine schien nicht zu exis­tie­ren. Doch plötz­lich sind sie alle da, auf einmal und zur glei­chen Zeit: „Beant­wor­ten Sie schrift­lich eine Reihe von Fragen.“ „Kon­tak­tie­ren Sie uns per Telefon, Skype oder Zoom.“ „Schrei­ben Sie ein Essay über die his­to­ri­schen Wurzeln der aktu­el­len Kon­fron­ta­tion.“ „Wider­spre­chen Sie Putin.“ „Über­zeu­gen Sie die Deut­schen.“ „Gewin­nen Sie die Auf­merk­sam­keit der Öster­rei­cher.“ „Bringen Sie sich den Kroaten in Erin­ne­rung.“ „Erläu­tern Sie alles den Montenegrinern.“

Puh. Bis wann? „Natür­lich noch heute! Spä­tes­tens bis morgen.“ Wissen Sie, wenn ich auf Eng­lisch schreibe, dann wird es länger dauern … „Kein Problem! Schrei­ben Sie in Ihrer Mut­ter­spra­che! Wir können auch aus dem Rus­si­schen übersetzen!“

Es ist frus­trie­rend, so wie schon damals, vor acht Jahren, als in der Ukraine auf dem Maidan Men­schen erschos­sen wurden, die inzwi­schen „Himm­li­sche Hun­dert­schaft“ genannt werden. Am Telefon hieß es ständig: „Schrei­ben Sie einen Kom­men­tar zum Thema Natio­na­lis­ten! Bei Ihnen auf dem Maidan herr­schen doch natio­na­lis­ti­sche Banden, erzäh­len Sie uns Genaue­res darüber!“

Weder Dank noch Unterstützung

Du zit­terst am ganzen Leib und weißt nicht, wo sich deine Liebs­ten gerade befin­den. Doch im glei­chen Moment wird von Dir eine kühle, distan­zierte, sach­li­che Analyse mit mög­lichst voll­stän­di­ger Dar­le­gung der Posi­tio­nen „beider Seiten“ ver­langt – worum es bei uns eigent­lich gehe?

Dann sammelt man sich wieder und schreibt etwas – und zwar auf Eng­lisch. Um absolut genau zu sein, ver­sinkt man immer wieder in Wör­ter­bü­chern, wägt Begriffe und for­mu­liert. Man ver­schickt Ant­wor­ten an fast alle, von denen Anfra­gen kamen. Igno­riert werden nur ganz offen­sicht­li­che Ablenkungsmanöver.

Alles ver­schickt. Und das war’s. Alle sind ver­schwun­den. Das heißt: über­haupt keine Rück­mel­dung, nicht einmal eine kurze Emp­fangs­be­stä­ti­gung. Darauf kann man lange warten. Erst recht gibt es keine Worte des Dankes oder der Unter­stüt­zung. Nicht für mich per­sön­lich, sondern für mein Land. Bis zum nächs­ten Mal in acht Jahren. Tschüss!

Die Deut­sche Einheit endlich verwirklicht

Heute ist alles ruhiger: In den Straßen wird (noch) niemand erschos­sen und ich weiß, wo meine Liebs­ten sind. Aber wenn mich ein spa­ni­sches Magazin fragt, was wir, die ukrai­ni­schen Schrift­stel­ler, jetzt unter­neh­men, um mit dem rus­si­schen Volk zusam­men­zu­kom­men, dann trifft mich der Schlag.

Und wenn ich lese, dass „die über­wie­gende Mehr­heit der deut­schen Bürger gegen die Lie­fe­rung von Waffen an die Ukraine durch ihr Land ist“, dann ist auch das für mich sehr frus­trie­rend. Zumal dies nicht das Ergeb­nis irgend­ei­ner uralten Umfrage ist, sondern vom Anfang Februar 2022: Demnach sind die Wähler der Links­par­tei (86 Prozent) mit den Wählern der Sozi­al­de­mo­kra­ten (76 Prozent) und der Grünen (72 Prozent) völlig einer Meinung. Und auch die Wähler der rechts­po­pu­lis­ti­schen „Alter­na­tive für Deutsch­land“ (63 Prozent) stimmen mit den Kon­ser­va­ti­ven von der CDU/​CSU (67 Prozent) und den Libe­ra­len (62 Prozent) überein.

Die natio­nale Einheit der Deut­schen – hier ist die nun endlich ver­wirk­licht! Wer sagt, dieses Land sei gespal­ten? Die Deut­schen sind sich einig. In meinen Augen sind sich darin einig, zuzu­las­sen, dass unbe­waff­nete Ukrai­ner getötet werden können. Wenn sie nicht akzep­tie­ren wollen, zu „Putins Volk“ zu gehören, dann sollen sie doch ver­re­cken. Ohne sie wird unser Leben ruhiger und beque­mer sein.

Ich über­treibe? Ver­zerre ich viel­leicht alles absichtlich?

Tra­gi­sche Bilanz

Hier ein Zitat aus einem Brief eines Redak­teurs einer der besten deut­schen Zei­tun­gen: „Ich glaube, den meisten Deut­schen ist eben wirk­lich noch nicht klar, dass Putin ein neues rus­si­sches Impe­rium errich­ten will. Was meinen Sie, was man in – selbst gebil­de­ten – Kreisen hier alles zu hören bekommt: Er wolle doch nur seinen legi­ti­men Ein­fluss­be­reich, die Ukraine habe immer schon zu Russ­land gehört, er wolle bloß Respekt und so weiter. Die Leute sind aus 2014 nicht schlau, sondern dumm geworden.“

Das ist eine sehr trau­rige, für mich per­sön­lich eine tra­gi­sche Bilanz der ver­gan­ge­nen 30 Jahre. Ich habe niemals deut­schen Medien abge­sagt und gerne Kontakt auf­ge­nom­men. Ich habe meine Romane und Gedichte zurück­ge­stellt und auf Wunsch von Redak­tio­nen andere Texte geschrie­ben, ein­fluss­rei­chen über­re­gio­na­len Zei­tun­gen Inter­views gegeben, aber auch lokalen – einfach allen. Und dann war da noch das Radio mit seinem Mil­lio­nen­pu­bli­kum und das Fern­se­hen, sowohl live als auch auf­ge­zeich­net. Ich dachte, man würde mich ver­ste­hen. Zumin­dest anfan­gen, mich zu verstehen.

Und jetzt? Nach mehr als drei Jahr­zehn­ten rie­si­gen Auf­wands an Zeit und Mühe, nach Hun­der­ten und Aber­hun­der­ten, wie mir schien, gelun­ge­ner Gesprä­che, steht mein Karren, wie sich her­aus­stellt, immer noch da, wo ich anfing, als ich 1992 in München gefragt wurde, was es eigent­lich mit der ukrai­ni­schen Sprache auf sich habe. Sei das nicht nur ein rus­si­scher Dialekt? Ich bin mir sicher, dass ich diese Frage auch noch in diesem Jahr 2022 mehr als einmal zu hören bekom­men werde. Weder die ukrai­ni­sche Sprache und Kultur noch die Ukraine selbst – nichts davon ist vor­han­den, nichts hat sich im deut­schen Bewusst­sein verändert!

Wie auch? Der Respekt vor Ein­fluss­sphä­ren steht für die Deut­schen an obers­ter Stelle. Und Putins Ein­fluss­be­reich wird beson­ders respek­tiert. Er ist heilig und unantastbar.

Jurij Andruchow­ytsch ist ukrai­ni­scher Schrift­stel­ler, Dichter, Essay­ist und Über­set­zer. Er gilt heute als eine der wich­tigs­ten kul­tu­rel­len und intel­lek­tu­el­len Stimmen seines Landes. Andruchow­ytschs Werke werden inter­na­tio­nal über­setzt und verlegt.

Über­set­zung aus dem Ukrai­ni­schen: Markian Ostaptschuk

Dieser Text ist am 05.02.2022 bei der Deut­schen Welle erschie­nen. Hier geht es zum Original.

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