Nein, Herr Putin, die Ukraine und Russ­land sind nicht ein Land!

Foto: IMAGO /​ EST&OST

Viele Russen teilen Putins Wahn­vor­stel­lung, dass die Ukraine schon immer zu Russ­land gehört hat. Die Wahr­heit ist viel kom­pli­zier­ter. Von Serhy Yekel­chyk, Pro­fes­sor für Sla­wis­tik und Geschichte an der Uni­ver­si­tät von Vic­to­ria und Autor von Ukraine: What Ever­yone Needs to Know (Oxford Uni­ver­sity Press, 2020).

Im Jahr 2003 ver­öf­fent­lichte der pro-rus­si­sche Prä­si­dent der Ukraine, Leonid Kutschma, ein von einem Ghost­wri­ter geschrie­be­nes Buch mit dem Titel „Die Ukraine ist nicht Russ­land“. Im ver­gan­ge­nen Sommer ver­fasste der rus­si­sche Prä­si­dent Wla­di­mir Putin einen langen his­to­ri­schen Artikel mit einer gegen­sätz­li­chen These und dem Titel „Über die his­to­ri­sche Einheit von Russen und Ukrai­nern“. So manchem Ukrai­ner sackte bei der Lektüre das Herz herab. Und tat­säch­lich: Weniger als sechs Monate später fuhren rus­si­sche Truppen und Panzer an der rus­sisch-ukrai­ni­schen Grenze auf.

Ein Sprich­wort sagt: Wenn Sie nicht in inter­es­san­ten Zeiten leben wollen, meiden Sie am besten die Teile der Welt, in denen Staats­chefs Abhand­lun­gen über die Geschichte schreiben.

Bei dem Versuch, zu behaup­ten, die Ukraine und Russ­land seien his­to­risch gesehen „ein Volk“, griff Putin (oder sein Schrei­ber) nicht auf die sowje­ti­sche Version der Geschichte zurück, sondern auf das reak­tio­närste, zaris­ti­sche Nar­ra­tiv. Das ist ein­leuch­tend, denn die Sowjets erkann­ten die Ukrai­ner als eigen­stän­dige eth­ni­sche Nation mit eigener Sprache und dem (theo­re­ti­schen) Recht auf Selbst­be­stim­mung an. In der Praxis bedeu­tete das, dass ihnen eine ukrai­ni­sche Repu­blik inner­halb der Sowjet­union gewährt wurde.

Im Gegen­satz zu den Sowjets sahen die rus­si­schen Zaren die Ukrai­ner als Teil der rus­si­schen Nation an, die ledig­lich einen „klein­rus­si­schen Stamm“ mit einem eigenen, regio­na­len Dialekt dar­stellte. Sie glaub­ten auch, dass der Westen im Laufe der Jahr­hun­derte immer wieder ver­sucht hatte, die rus­sisch-ukrai­ni­sche Einheit zu unter­gra­ben. Putin griff diesen Punkt auf und erwei­terte die Liste der west­li­chen Übel­tä­ter um NATO und EU.

Selen­skyjs Wandel ist auch Russ­lands Schuld

Zufäl­li­ger­weise hat auch der ukrai­ni­sche Prä­si­dent Wolo­dymyr Selen­skyi einen gewis­sen Draht zur Geschichts­schrei­bung. Als belieb­ter Komiker spielte er die Haupt­rolle in einer Sitcom über einen Geschichts­leh­rer, der ver­se­hent­lich Prä­si­dent wird und ver­sucht, ein kor­rup­tes poli­ti­sches System zu bekämp­fen. Er spielte die Rolle glaub­haft und wurde schließ­lich im Alter von 41 Jahren zum echten Prä­si­den­ten der Ukraine gewählt – obwohl er kei­ner­lei poli­ti­sche Erfah­rung besaß.

Selen­skyjs Fern­seh­rolle bestand darin, Kindern die dunklen Seiten der ukrai­ni­schen Geschichte zu ver­mit­teln, als das Land Teil des rus­si­schen und sowje­ti­schen Impe­ri­ums war. Doch die Pro­du­zen­ten hielten sich nicht lange damit auf. Sie wollten ein brei­te­res Publi­kum anspre­chen, ein­schließ­lich der Ukrai­ner, die zu Hause Rus­sisch spre­chen und Nost­al­gie für die Sowjet­union haben, sowie jene, die sich nicht für Geschichte oder Iden­ti­tät inter­es­sie­ren. Und sie hatten Erfolg. Das zeigte Selen­skyjs über­wäl­ti­gen­der Sieg in der Stich­wahl 2019, bei der er 73 Prozent der Stimmen gegen den dama­li­gen Amts­in­ha­ber Petro Poro­schenko erhielt.

Selen­skyj kam als das Gegen­bild eines ukrai­ni­schen Natio­na­lis­ten ins Amt: rus­sisch­stäm­mig, jüdi­sche Her­kunft, mit Schwie­rig­kei­ten, Ukrai­nisch zu spre­chen, und – ein stän­di­ger Opti­mist, der behaup­tet, dass es ein­fa­che, ver­nünf­tige Lösun­gen für große Pro­bleme gibt. Doch selbst er konnte Russ­land nicht zufrie­den stellen. Nach einer kurzen Phase der Unsi­cher­heit began­nen die staat­lich kon­trol­lier­ten rus­si­schen Medien, ihn als gehor­sa­men Diener des Westens anzu­pran­gern. In jüngs­ter Zeit wird er als ein Lakai des Westens dar­ge­stellt, der jeder­zeit dazu bereit ist, Russ­land im Namen des Westens anzugreifen.

Das käme Zelen­skyj natür­lich nicht einmal in seinem schlimms­ten Alp­traum in den Sinn. Aber seit seinem Amts­an­tritt hat sich seine Rhe­to­rik in der Tat deut­lich ver­än­dert. Er klingt jetzt patrio­ti­scher, und ja, er spricht oft über Geschichte, ins­be­son­dere über die Schwie­rig­kei­ten der Ukraine, sich von ihrem ehe­ma­li­gen impe­ria­len Herr­scher zu ver­ab­schie­den, mit dem sie immer noch eine gemein­same Grenze hat. Für Zelen­skyys Wandel kann die rus­si­sche Führung nur sich selbst die Schuld geben.

Eine kom­plexe Geschichte: Das Erbe der „Kyjiwer Rus“

Viele Russen teilen heute Putins Wahn­vor­stel­lung, dass die Ukraine schon immer ein Teil Russ­lands war. Die Wahr­heit ist viel komplizierter.

Als Mitte des 9. Jahr­hun­derts eine Gruppe von Wikin­gern, die sich „Rus“ nannten, die Kon­trolle über die Slawen in der heu­ti­gen Zen­tral­ukraine und im Nord­wes­ten Russ­lands über­nahm, machten sie Kyjiw zu ihrer Haupt­stadt. Moskau wurde erst zwei Jahr­hun­derte später gegrün­det und war zu Beginn eine kleine Sied­lung tief in den Wäldern an der fernen Grenze der mit­tel­al­ter­li­chen Rus. Die ein­hei­mi­schen Slawen, die sich lang­fris­tig als das Volk der Rus iden­ti­fi­zier­ten, nannten sich selbst Rusinen – ein Name, der in einigen Teilen der süd­west­li­chen Ukraine bis weit ins 20. Jahr­hun­dert reichte. Heute bean­spru­chen die drei ost­sla­wi­schen Natio­nen Ukraine, Belarus und Russ­land das Erbe der Kyjiwer Rus, obwohl das alte Kern­land der Rus und ihre Haupt­stadt Kyjiw in der heu­ti­gen Ukraine liegen.

Für ein ehe­ma­li­ges Impe­rium wie Russ­land ist es beun­ru­hi­gend, dass das, was es als seine mit­tel­al­ter­li­che Haupt­stadt und den Sitz seiner ersten Dynas­tie betrach­tet, nun „im Ausland“ liegt. Der größte legen­däre Ritter der rus­si­schen Epik, Ilja Muromez, liegt in Kyjiw begra­ben. Dort taufte Groß­fürst Wolo­dymyr der Heilige die Russen als ortho­doxe Chris­ten im Wasser des mäch­ti­gen Flusses Dnipro. Auf Rus­sisch wird er „Wla­di­mir“ genannt, und sowohl Lenin als auch Putin ver­dan­ken ihm ihre Vornamen.

Aber so wie die mit­tel­al­ter­li­chen Franken zur Zeit Karls des Großen weder Fran­zo­sen noch Deut­sche waren, wäre es irre­füh­rend, den Rusinen irgend­eine moderne eth­ni­sche Bezeich­nung zuzu­wei­sen. Sie spra­chen viele ost­sla­wi­sche Dia­lekte, aus denen sich Jahr­hun­derte später die moderne ukrai­ni­sche, weiß­rus­si­sche und rus­si­sche Sprache ent­wi­ckel­ten. Die Kirchen- und Staats­spra­che, das Alt­sla­wi­sche, wurde von den Bal­kansla­wen ent­lehnt, und nur wenige in der Rus kannten sie gut. Die Tat­sa­che, dass die Rus das öst­li­che (oder ortho­doxe) Chris­ten­tum des Byzan­ti­ni­schen Reichs annahm, unter­schied sie später von den Katho­li­ken und Pro­tes­tan­ten in Europa. Aber diese Spal­tung der Kirche blieb in der Kiewer Zeit unentwickelt.

Erst nach der Erobe­rung durch die Mon­go­len in der Mitte des 13. Jahr­hun­derts kris­tal­li­sier­ten sich die kul­tu­rel­len Unter­schiede zwi­schen den Fürs­ten­tü­mern heraus, die früher den Kiewer Groß­fürs­ten unter­stan­den. Diese Unter­schiede wurden bald poli­tisch, ins­be­son­dere nachdem die west­li­chen Fürs­ten­tü­mer der Rus unter litaui­sche und pol­ni­sche Herr­schaft fielen. In den öst­li­chen Fürs­ten­tü­mern wuchs die Macht der Fürsten von Mos­ko­wien als Vasal­len der Mon­go­len, bevor sie schließ­lich die Auto­ri­tät ihrer Herren ablehnten.

Zwei unter­schied­li­che poli­ti­sche Welten treffen aufeinander

Als die beiden auf Kyjiw und Moskau kon­zen­trier­ten Welten 1654 wieder auf­ein­an­der trafen, ver­stan­den sie sich nicht mehr – nicht wegen der Sprache, sondern wegen der sich dras­tisch unter­schei­den­den, poli­ti­schen Modelle. Aus der ost­sla­wi­schen Bevöl­ke­rung, die in den süd­li­chen Steppen der pol­nisch-litaui­schen Gemein­schaft frei lebte, war eine neue soziale Gruppe ent­stan­den: die Sapo­ro­ger Kosaken. Sie wurden zunächst von den pol­ni­schen Gou­ver­neu­ren als mili­tä­ri­sches Boll­werk gegen osma­ni­sche Ein­fälle und tata­ri­sche Über­fälle gedul­det und später als Gefan­gene für die Skla­ven­märkte auf der Krim oder in Istan­bul genutzt.

Die ukrai­ni­schen Kosaken sahen sich auch als Beschüt­zer des ortho­do­xen Volkes der Rus gegen­über den katho­li­schen pol­ni­schen Groß­grund­be­sit­zern. Nach zahl­rei­chen Kosa­ken­auf­stän­den gegen Polen ent­wi­ckelte sich der von Hetman (Kosa­ken­ge­ne­ral) Bohdan Chmel­nyz­kyj initi­ierte Auf­stand im Jahr 1648 zu einem Bauern- und Reli­gi­ons­krieg. Als Kon­se­quenz gewährte der pol­ni­sche König der Kosa­ken­re­gion in der heu­ti­gen Zen­tral­ukraine fak­tisch die Unab­hän­gig­keit. Als der Krieg schnell wieder auf­flammte, bat Chmel­nyz­kyj den ortho­do­xen Mos­kauer Zaren um „Schutz“.

Als die mos­ko­wi­ti­schen Gesand­ten 1654 ein­tra­fen, erwar­te­ten die Kosa­ken­of­fi­ziere, dass beide Seiten einen Eid ableg­ten: die Kosaken ver­spra­chen, die Auto­ri­tät des Zaren anzu­er­ken­nen, und die Gesand­ten, die Rechte und Frei­hei­ten der Kosaken zu achten. Die Mos­kauer wehrten sich jedoch und bestan­den darauf, dass ihr Zar ein Auto­krat sei, der seinen Unter­ta­nen gegen­über nicht rechen­schafts­pflich­tig sei. Schließ­lich legten die Kosaken den Eid ab. Doch His­to­ri­ker strei­ten bis heute darüber, was sie mit der Aner­ken­nung des Mos­kauer „Schut­zes“ meinten.

Es besteht kein Zweifel daran, was die Zaren meinten. Schon bald errich­te­ten sie rus­si­sche Gar­ni­so­nen in den wich­tigs­ten ukrai­ni­schen Städten und began­nen, die Auto­no­mie der Kosa­ken­ver­wal­tung ein­zu­schrän­ken, ins­be­son­dere nach derem ver­zwei­fel­ten Versuch im Jahr 1709, schwe­di­schen Schutz gegen die Russen zu suchen. In ihrem Bestre­ben, die rus­si­sche Reichs­ver­wal­tung zu straf­fen, kon­zen­trierte sich Katha­rina II. auf die Ein­ver­lei­bung der Ukraine, die sie assi­mi­lie­ren wollte.

Im Jahr 1764 zwang Katha­rina II. den letzten Hetman zum Rück­tritt und löschte die letzten Reste der Kosa­ken­au­to­no­mie aus. Während der Tei­lun­gen Polens erwarb sie auch die ukrai­ni­schen Gebiete, die Polen nach den Kriegen mit Chmel­nyz­kyj behal­ten hatte. Anläss­lich der Ver­ei­ni­gung der meisten ehe­ma­li­gen Rus-Länder unter ihrem Zepter, ließ Katha­rina 1793 eine Medaille mit der Auf­schrift „Was weg­ge­ris­sen wurde, habe ich wie­der­her­ge­stellt“ prägen.

Doch dann kam das Zeit­al­ter des moder­nen Nationalismus.

Erwa­chen und Zer­schla­gung der ukrai­ni­schen Nation

Die ame­ri­ka­ni­sche und die fran­zö­si­sche Revo­lu­tion sowie die Ideen der deut­schen roman­ti­schen Phi­lo­so­phen ermu­tig­ten die ukrai­ni­schen Intel­lek­tu­el­len des 19. Jahr­hun­derts dazu, die Sou­ve­rä­ni­tät des Volkes und das Volk als Ver­tre­ter der Bauern zu betrach­ten. Anstatt die Rück­kehr der Kosa­ken­au­to­no­mie anzu­stre­ben, ent­war­fen sie eine neue Vor­stel­lung der Ukraine: ein Gebiet, in dem sprach­li­che und eth­ni­sche Kri­te­rien die Mehr­heits­be­völ­ke­rung als ukrai­nisch identifizierten.

Es folgten Ver­öf­fent­li­chun­gen in der moder­nen ukrai­ni­schen Sprache, vor allem die Gedichte des Natio­nal­bar­den Taras Schewt­schenko (1814–1861). Das Rus­si­sche Reich stellte sich der Her­aus­for­de­rung der moder­nen Natio­na­li­tät nicht beson­ders gut, sondern kon­zen­trierte sich eher auf die Pflege der Loya­li­tät zur Dynas­tie und zur ortho­do­xen Reli­gion. In den ukrai­ni­schen Gebie­ten jedoch sahen die rus­si­schen Behör­den die moderne ukrai­ni­sche Kultur selbst als eine Gefahr für den rus­sisch-ortho­do­xen Kern der impe­ria­len Macht. Im Jahr 1876 verbot Alex­an­der II. die Ver­öf­fent­li­chung von Büchern in ukrai­ni­scher Sprache vollständig.

Fast zeit­gleich unter­nah­men die lokalen Rusinen (oder „Ruthe­nen“, wie es in Öster­reich hieß) im Habs­bur­ger­reich erste Schritte zur poli­ti­schen Par­ti­zi­pa­tion und began­nen, die Bauern für die natio­nale Sache zu mobi­li­sie­ren. In den 1890er-Jahren gingen ukrai­ni­sche Akti­vis­ten in beiden Reichen dazu über, die eth­ni­sche Bezeich­nung „Ukrai­ner“ zu ver­wen­den, anstatt die von Rus abge­lei­te­ten Namen. So sollten Ver­wechs­lun­gen mit Russen ver­mie­den werden. Der Name Ukraine, der Grenz­land bedeu­tet, wird seit dem 16. Jahr­hun­dert für die heutige Zen­tral­ukraine verwendet.

Eines der Haupt­ziele Russ­lands im Ersten Welt­krieg war die Erobe­rung der habs­bur­gi­schen ukrai­ni­schen Gebiete, um so den ukrai­ni­schen Natio­na­lis­mus zu zer­schla­gen und die Ver­ei­ni­gung der alten Rus-Länder zu voll­enden. Statt­des­sen führte der Krieg jedoch zum Zusam­men­bruch des Kai­ser­reichs und zur Grün­dung von zwei ukrai­ni­schen Repu­bli­ken – auf beiden Seiten der ehe­ma­li­gen rus­sisch-öster­rei­chi­schen Grenze. Diese Repu­bli­ken ver­ei­nig­ten sich 1919 in der kurz­le­bi­gen Ukrai­ni­schen Volks­re­pu­blik. Doch so kurz diese Ver­ei­ni­gung auch gewesen sein mag, so zeigte sie doch, dass ein „Zusam­men­schluss“ der Rus-Länder nur noch unter Aner­ken­nung der Exis­tenz einer moder­nen ukrai­ni­schen Nation erfol­gen konnte. Tat­säch­lich sahen sich die Bol­sche­wiki, denen es bald gelang, den größten Teil der ukrai­ni­schen Gebiete des ehe­ma­li­gen Rus­si­schen Reiches zurück­zu­er­obern, gezwun­gen, eine ukrai­ni­sche Mario­net­ten-Sowjet­re­pu­blik zu gründen. Sie gehörte 1922 zu den Grün­der­staa­ten der Sowjet­union gehörte.

Eine Nation wird aus­ge­wischt: der Holo­do­mor und seine Folgen

Der sowje­ti­sche Dik­ta­tor Josef Stalin, der sich an den Bemü­hun­gen der Bol­sche­wiki um die Rück­ge­win­nung der Ukraine betei­ligt hatte, sah eine unab­hän­gi­gen Ukraine wei­ter­hin als eine Bedro­hung für das bol­sche­wis­ti­sche Projekt. Auch er ver­stand das ukrai­ni­sche Problem in erster Linie als ein bäu­er­li­ches Problem. Die letzten Schlach­ten der Revo­lu­tion von 1917 im Rus­si­schen Reich wurden in der Ukraine noch in den frühen 1930er-Jahren wei­ter­ge­führt. Stalin zwang der ukrai­ni­schen Bau­ern­schaft zunächst die kol­lek­tive Land­wirt­schaft auf und brach dann den ukrai­ni­schen Wider­stand mit einem Dop­pel­schlag: einer staat­lich orga­ni­sier­ten Hun­gers­not 1932–33, der etwa vier Mil­lio­nen Men­schen zum Opfer fielen, und gleich­zei­ti­gen Mas­sen­re­pres­sio­nen gegen ukrai­ni­sche Intel­lek­tu­elle. Zusam­men­ge­nom­men sind diese Ereig­nisse in der Ukraine als „Holo­do­mor“ (Mord durch Hun­gers­not) bekannt, ein Völ­ker­mord an der moder­nen ukrai­ni­schen Nation. Eine Nation, die mit der Revo­lu­tion erwach­sen wurde. Bezeich­nen­der­weise weigert sich Russ­land als Rechts­nach­fol­ger der Sowjet­union, den Holo­do­mor anzuerkennen.

Als Stalin 1939 mit Hitler einen Pakt zur Auf­tei­lung Polens schloss, ließ er sich von der­sel­ben Groß­macht­lo­gik leiten wie Katha­rina II.. Aller­dings bean­spruchte er die neuen Gebiete nicht im Namen der alten Rus, sondern im Namen der moder­nen Ukraine. Die Ukrai­ni­sche Sozia­lis­ti­sche Sowjet­re­pu­blik sollte die ukrai­ni­schen Gebiete Polens erhal­ten, die zu einem Teil vom ehe­ma­li­gen Habs­bur­ger­reich geerbt und zum anderen den Bol­sche­wi­ken während der Revo­lu­tion abge­run­gen worden waren. Zwi­schen 1939 und 1945 gelang es Stalin, prak­tisch alle eth­no­gra­fi­schen ukrai­ni­schen Gebiete in der Ukrai­ni­schen Sozia­lis­ti­schen Sowjet­re­pu­blik zu ver­ei­nen. Er bemühte sich, sie an die rus­si­schen Kultur anzupassen.

Sein Nach­fol­ger, Nikita Chruscht­schow, setzte diese Bemü­hun­gen mit Begeis­te­rung fort. Doch jeder sowje­ti­sche Führer musste sich mit der Stärke der ukrai­ni­schen Iden­ti­tät in den west­lichs­ten Regio­nen aus­ein­an­der­set­zen, die nie Teil des Rus­si­schen Reiches war und nur eine kurze Zeit unter  der Herr­schaft des Sowjet­kom­mu­nis­mus stand. In den frühen 1950er-Jahren gelang es dem Kreml nur mit Mühe, den natio­na­lis­ti­schen Auf­stand in der Region zu unterdrücken.

Aus der Sicht des rus­si­schen Natio­na­lis­mus erscheint Chruscht­schows Abtre­tung der Halb­in­sel Krim von der Rus­si­schen Sozia­lis­ti­schen Föde­ra­ti­ven Sowjet­re­pu­blik an die Ukrai­ni­sche Sozia­lis­ti­sche Sowjet­re­pu­blik im Jahr 1954 als eine schwere Ver­let­zung des rus­si­schen Natio­nal­stol­zes. Die sowje­ti­sche Führung änderte jedoch die Grenzen zwi­schen den Repu­bli­ken nach Belie­ben, wenn es die wirt­schaft­li­che und poli­ti­sche Ver­nunft gebot. So wurde bei­spiels­weise 1924 der Bezirk Tag­anrog (der Geburts­ort des Dra­ma­ti­kers Anton Tsche­chow) von der Ukraine nach Russ­land verlegt, obwohl es dort eine ukrai­ni­sche Mehr­heit gab, und 1940 wurde aus dem auto­no­men Gebiet Moldau in der Ukraine eine neue Repu­blik Moldau gegrün­det. Im Falle der Krim hatte Chruscht­schow jedoch einen poli­ti­schen Hin­ter­ge­dan­ken: Er wollte die Ukraine „rus­si­scher“ machen, da die eth­ni­schen Russen auf der Halb­in­sel infolge von Stalins völ­ker­mör­de­ri­scher Depor­ta­tion der Krim­ta­ta­ren im Jahr 1944 die Mehr­heit bildeten.

Die Auf­lö­sung der Sowjet­union als Hoffnungsschimmer

Dass es den Sowjets nicht gelun­gen war, die ukrai­ni­sche natio­nale Iden­ti­tät aus­zu­lö­schen, wurde während der Refor­men von Michail Gor­bat­schow in den späten 1980er-Jahren deut­lich. Die Ukraine folgte den bal­ti­schen Repu­bli­ken in ihrer ent­schie­de­nen Ableh­nung der Sowjet­union, die Ende 1991 formell auf­ge­löst wurde. Viele west­li­che Kom­men­ta­to­ren erwar­te­ten damals einen Krieg zwi­schen Russ­land und der Ukraine. Eine Aus­sicht, die durch die Präsenz des dritt­größ­ten Atom­waf­fen­ar­se­nals der Welt auf ukrai­ni­schem Ter­ri­to­rium noch ver­schärft wurde – ein zer­fal­len­des sowje­ti­sches Arsenal, über das die Ukraine nie die ope­ra­tive Kon­trolle besaß.

Dennoch kam es nach dem Zusam­men­bruch der Sowjet­union nicht zu einer Kern­schmelze nach jugo­sla­wi­schem Vorbild. Das lag auch daran, dass der rus­si­sche Prä­si­dent Boris Jelzin sein neues unab­hän­gi­ges Russ­land zunächst als das Gegen­mo­dell des repres­si­ven Sowjet­im­pe­ri­ums prä­sen­tierte. Doch auch er verfiel schließ­lich der impe­ria­len Nost­al­gie, nachdem die Ukraine im Ein­klang mit dem Buda­pes­ter Memo­ran­dum von 1994, in dem drei Atom­mächte – Russ­land, die Ver­ei­nig­ten Staaten und das Ver­ei­nigte König­reich – auch die Sou­ve­rä­ni­tät der Ukraine und die Unver­sehrt­heit ihrer Grenzen garan­tier­ten, auf ihre Atom­waf­fen ver­zich­tet hatte. Damals konnten Russen und Ukrai­ner noch gemein­sam von einer demo­kra­ti­schen und pro­spe­rie­ren­den Zukunft als Nach­barn träumen.

Russ­land sieht sich als Impe­rium, nicht als Nation

Was sollt man tun, wenn der ehe­ma­lige Impe­ri­al­herr­scher erklärt, dass er ohne einen nicht leben kann? Putins his­to­ri­scher Artikel vom letzten Sommer ist im Grunde eine uner­wi­derte Lie­bes­er­klä­rung und ver­deut­licht das Kern­pro­blem Russ­lands gegen­über der Ukraine: Es sieht sich selbst nicht als Nation, sondern als Imperium.

Nach drei Jahr­zehn­ten Unab­hän­gig­keit können sich immer weniger Ukrai­ner vor­stel­len, mit dem auto­ri­tä­ren Russ­land im selben poli­ti­schen Raum zu leben. Die beiden Volks­re­vo­lu­tio­nen in der Ukraine – die Oran­gene Revo­lu­tion (2004–2005) und die Revo­lu­tion der Würde (2013–2014) – rich­te­ten sich nicht einfach gegen pro­rus­si­sche Poli­ti­ker, sondern gegen das poli­ti­sche Modell, das Putins Russ­land reprä­sen­tiert. Seit Russ­land die Krim annek­tiert hat und de facto einen Teil der Indus­trie­re­gion Donbas kon­trol­liert, ist der Anteil der Putin-Anhän­ger in der Ukraine dras­tisch zurück­ge­gan­gen. Das liegt daran, dass diese Regio­nen die russ­land­freund­lichs­ten der Ukraine waren. Aber es gibt noch einen wei­te­ren Grund: Russ­lands mili­tä­ri­sche Besat­zung hat zu einem langen Krieg und einer mas­si­ven Ver­trei­bung der Bevöl­ke­rung geführt. Mit anderen Worten: Putins Vor­ge­hen in der Ukraine hat die anti-rus­si­sche Haltung der Bevöl­ke­rung weiter gestärkt.

Die eigen­stän­dige eth­ni­sche Iden­ti­tät der Ukraine stellt Russ­lands Selbst­ver­ständ­nis als Impe­rium in Frage. Gleich­zei­tig wider­setzt sich die poli­ti­sche Iden­ti­tät der Ukraine Putins auto­ri­tä­rem poli­ti­schen Modell. Eine erfolg­rei­che Ukraine als Nachbar könnte den Russen, die jetzt aller poli­ti­schen Frei­hei­ten beraubt wurden, als Vorbild dienen. Die beiden jüngs­ten ukrai­ni­schen Revo­lu­tio­nen haben Putin sicht­lich ver­ängs­tigt. Wenn der Westen dabei hilft, eine demo­kra­ti­sche und wohl­ha­bende Ukraine auf­zu­bauen, kann ihre bloße Exis­tenz eines Tages ein demo­kra­ti­sches Russ­land hervorbringen.

Das ist es, was Putin wirk­lich fürch­tet. Und deshalb hat Selen­skyj keine andere Wahl, als seine Geschichts­bü­cher zu entstauben.

Dieser Artikel ist bereits am 7. Februar bei Poli­tico erschie­nen. Mit Geneh­mi­gung des Autors ver­öf­fent­li­chen wir die Über­set­zung ins Deut­sche. Zudem weisen wir noch auf die Ein­ord­nung des Arti­kels im Stern vom 18. Februar hin, der Auszüge des Ori­gi­nal-Arti­kels enthält.

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