Ussyk: Der Mann der Wider­sprü­che

Andriy Makukha [CC BY-SA 4.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/deed.fr)] via Wiki­me­dia

Mit seinem Sieg gegen Murat Gas­si­jew in Moskau wurde der ukrai­ni­sche Boxer Olex­an­der Ussyk zum unum­strit­te­nen Welt­meis­ter – und ent­fachte eine ange­heizte poli­ti­sche Debatte, die auch Wochen danach nicht abflaut. Der Streit um Ussyk zeigt: Auch vier Jahre nach dem Beginn des Kon­flikts ist sich die ukrai­ni­sche Gesell­schaft über den Umgang mit Russ­land nicht einig.

Ende Juli hat der ukrai­ni­sche Boxer Olex­an­der Ussyk Geschichte geschrie­ben. Mit seinem sou­ve­rä­nen Sieg im Finale der ersten Auflage der World Boxing Super Series (WBSS) gegen den jungen Russen Murat Gas­si­jew sicherte Ussyk, selbst aus Sim­fero­pol auf der derzeit von Russ­land annek­tier­ten Krim-Halb­in­sel stam­mend, nicht nur die begehrte Muham­mad-Aly-Trophy, sondern wurde vor allem zum unum­strit­te­nen Welt­meis­ter im Crui­ser­ge­wicht. Ein gigan­ti­scher Erfolg für den ukrai­ni­schen Box­sport, der dank Ussyk und Wassyl Lomat­schenko auch nach dem Kar­rie­re­ende der beiden Klitschko-Brüder bestens auf­ge­stellt ist.

Der Umgang mit Russ­land bleibt pro­ble­ma­tisch

Im Nor­mal­fall hätte der Erfolg Ussyks anstelle der ange­heiz­ten gesell­schaft­li­chen Debatte ledig­lich Begeis­te­rung aus­ge­löst. Doch alleine die Person des 31-jäh­ri­gen pola­ri­siert sowohl in der Ukraine als auch in Russ­land. Und weil Ussyk und seine Pro­mo­ting­agen­tur K2, die von Wla­di­mir Klitschko geführt wird, letzt­lich der Aus­tra­gung des Titel­kamp­fes in der Mos­kauer Olim­p­ijs­kyj-Halle zustimm­ten, obwohl der Boxer zuerst meinte, der Kampf würde in der rus­si­schen Haupt­stadt nur ohne ihn statt­fin­den, war eine heiße Dis­kus­sion quasi vor­be­stimmt. Schließ­lich herrscht in der Ukraine auch vier Jahre nach der Anne­xion der Krim und dem andau­ern­den Krieg im Osten des Landes kein Konsens in der Frage, wie man grund­sätz­lich mit Russ­land umgehen soll. Das zeigte auch die jüngste Debatte um den Boykott der Fußball-WM zeigte. Die Politik sowie der ukrai­ni­sche Fuß­ball­ver­band riefen mehr­heit­lich dazu auf, die WM im Nach­bar­land zu igno­rie­ren. Dennoch konnte der wegen seiner russ­land­freund­li­che­ren Aus­rich­tung umstrit­tene Sender Inter starke Ein­schalt­quo­ten vor­wei­sen.

Ussyk als Held der Nation?

Nach dem his­to­ri­schen Sieg Ussyks ver­suchte die Politik zunächst, die Eupho­rie-Welle aus­zu­nut­zen. „Ich werde dem Prä­si­den­ten vor­schla­gen, Ussyk als Helden der Ukraine aus­zu­zeich­nen. Ruhm der Ukraine, Ruhm dem unseren Helden“, schrieb unter anderem der Minis­ter­prä­si­dent Wolo­dy­myr Gro­js­man auf Face­book. Und auch Petro Poro­schenko selbst zeigte sich zufrie­den und beein­druckt: „Die ukrai­ni­sche Hymne, die heute in Moskau gespielt wurde, ist ein Symbol unseres Kampfes und der Annä­he­rung unseres Sieges.“ Trotz­dem griffen zahl­rei­che Poli­ti­ker, wie der für Kultur zustän­dige Vize­pre­mier Wjat­sches­law Kyrylenko, Ussyk hart an: „Er ist ein super Boxer. Aber noch mehr solche Events in Moskau – und keiner wird an die rus­si­sche Aggres­sion in der Ukraine mehr glauben. Nur an die soge­nannte Freund­schaft.“

In der Debatte wurde zudem ein wei­te­rer Aspekt auf­ge­grif­fen. Hätte Ussyk dem Kampf in Moskau nicht zuge­stimmt, hätte er zum einen die ein­ma­lige Chance ver­passt, unum­strit­te­ner Welt­meis­ter zu werden – ein von seinen Ver­tei­di­gern belieb­tes Argu­ment. Zum anderen gehört Boxen de facto, genauso wie Pop-Musik, zur Unter­hal­tungs­bran­che und ukrai­ni­sche Musiker, die nach 2014 immer noch in Russ­land auf­tre­ten, werden hart vom patrio­ti­schen Teil der Gesell­schaft kri­ti­siert. „Die Sän­ge­rin Ani Lorak gewann vor kurzem eine Musik­prä­mie in Moskau. Hätten wir diesen Sieg der Logik der Ussyk-Unter­stüt­zer nach feiern sollen?“, schreibt der bekannte Blogger und Akti­vist Witalij Dejnega. „Denkt ihr nicht, dass jeder Sieg in Moskau in erster Linie ein Sieg Moskaus ist?“.

Ussyk als Pro­vo­ka­teur

Nach seiner Rück­kehr in die Ukraine hat Ussyk den Aus­zeich­nungs­vor­schlag Gro­js­mans klar abge­lehnt. „Ich brauche nichts. Ich bitte nur darum, mir nicht im Wege zu stehen. Mein Volk, meine Fans nehmen mich ohnehin als Helden wahr“, sagte er während der großen Pres­se­kon­fe­renz in einem Kiewer Ein­kaufs­zen­trum. Auf dieser pola­ri­sierte der 31-Jährige poli­tisch wieder – in dem er den kon­tro­ver­sen Exil­jour­na­lis­ten und Blogger Ana­to­lij Scharij lobte. Scharij, damals als Inves­ti­ga­ti­v­jour­na­list bekannt, floh 2012 wegen poli­ti­schen Ver­fol­gung durch die Regie­rung von Wiktor Janu­ko­wytsch in die EU. Mitt­ler­weile betreibt er von dort aus einen Kiew-kri­ti­schen Video­blog auf Youtube, der in der Ukraine oft als Teil der rus­si­schen Pro­pa­ganda abge­stem­pelt wird. Es folgte eine weitere Kri­tik­welle an Ussyk. „Ussyk ist klarer Sepa­ra­tist und spielt seine Rolle im System der rus­si­schen Pro­pa­ganda“, sagte Ajder Musch­da­ba­jew, stell­ver­tre­ten­der Gene­ral­di­rek­tor des ukrai­ni­schen krim­ta­ta­ri­schen Senders ATR und ehe­ma­li­ger rus­si­scher Jour­na­list. „Scharij und er werden noch mehr­mals in einem Zusam­men­hang erschei­nen.“

Diese Dis­kus­sion um Ussyk ist aller­dings deut­lich älter als der Kampf gegen Gas­si­jew in Moskau und dafür hat der gebür­tige Sim­fero­po­ler auch selbst viel Öl ins Feuer gegos­sen. Nach der Anne­xion der Krim hat sich der Boxer als ukrai­ni­scher Patriot posi­tio­niert und sich aus Mar­ke­ting­sicht als Kosak sti­li­sie­ren lassen – mit patrio­ti­schen Liedern als Auf­lauf­mu­sik. Trotz­dem hat Ussyk noch eine Weile in Sim­fero­pol gelebt. Heute fährt er noch ab und zu auf die Schwarz­meer­halb­in­sel, was in seiner neuen Wahl­hei­mat Kiew oft auf Unver­ständ­nis stößt. Es sind aber viel­mehr seine Aus­sa­gen, die Kritik pro­vo­zie­ren. So hat Ussyk im April 2016 betont, er trenne Ukrai­ner und Russen als Völker nicht – und in diesem Jahr sagte er auf die Frage nach der Zuge­hö­rig­keit der Krim, die Krim sei eben die Krim. „Nach meinen Siegen wird die ukrai­ni­sche Hymne gespielt, das ist meine Antwort“, fügte Ussyk hinzu – Auf­re­gung gab es aber dennoch. Seine Unter­stüt­zung der Ukrai­nisch-ortho­do­xen Kirche des Mos­kauer Patri­ar­chats sowie der tra­di­tio­nel­len Fami­li­en­werte ist vielen Kri­ti­kern ein Dorn im Auge.

Die Ussyk-Debatte als Grad­mes­ser gesell­schaft­li­cher Stim­mung

Und so gab es in der Ukraine zuletzt nur wenige Themen, die aktiver als Olex­an­der Ussyk dis­ku­tiert wurden. Die Ussyk-Debatte sagt vieles darüber, wo sich die ukrai­ni­sche Gesell­schaft vier Jahre nach dem Beginn des Kon­flikts mit Russ­land befin­det. Ein großer Teil erwar­tet, dass Stars wie Ussyk bei­spiel­hafte Patrio­ten sein müssen, die eine klare poli­ti­sche Linie ver­fol­gen. Offen bleibt jedoch die Frage, was im End­ef­fekt besser ist: Ein Star, der sich aus reinen PR-Gründen ganz und voll zur Ukraine bekennt – oder ein Ussyk, der seinen Bera­tern viele Kopf­schmer­zen berei­tet, und dennoch mög­lichst ehrlich in seinen Aus­sa­gen ist. So oder so: Besser als Olex­an­der Ussyk kann wohl niemand die Wider­sprüch­lich­keit wie­der­spie­geln, mit der viele Durch­schnitt­s­ukrai­ner seit 2014 täglich kon­fron­tiert werden.

 

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