Schießerei aus persönlichen Gründen?

Ein Schusswechsel zwischen Vertretern ukrainischer Geheimdienste sorgte in der vergangenen Woche über die Ukraine hinaus für Schlagzeilen. Hintergrund ist vermutlich der persönliche Konflikt zwischen dem einflussreichen Interimschef des Inlandsgeheimdienstes SBU, Oleksandr Poklad, und Kyrylo Budanow, der bis vor Kurzem den Militärgeheimdienst HUR anführte und seit Jahresbeginn das Präsidialamt leitet.
Konflikte zwischen Geheimdiensten sind in der Ukraine an sich nichts vollkommen Neues. Gerade der Inlandsgeheimdienst SBU und der Militärgeheimdienst HUR pflegen traditionell keine besonders guten Beziehungen – seit dem russischen Großangriff im Februar 2022 besteht sogar eine gewisse Konkurrenz zwischen den Diensten, deren Kompetenzen sich im Krieg teilweise überschneiden. Doch dass dies am 2. September in Kyjiw zu einer Schießerei auf offener Straße führte, bei der drei HUR-Männer verletzt wurden, alarmierte selbst eingefleischte Kenner der Szene.
Hinter vorgehaltener Hand danken viele dem glücklichen Umstand, dass Wolodymyr Selenskyj zum Zeitpunkt des Geschehens vor Ort war und nicht etwa im Ausland unterwegs. Mit mehr als harschen Worten soll der Präsident die Chefs beider Geheimdienste am Telefon aufgefordert haben, jede öffentliche Auseinandersetzung sofort zu beenden. Er entließ die zuständigen Stellvertreter beider Dienste und ordnete weitere Untersuchungen an. Dass der SBU dem HUR am 7. September zum Tag der Militäraufklärung gratulierte, deutete man als Zeichen der Annäherung und des guten Willens.
Dabei steht vermutlich weniger die vermeintliche Rivalität beider Dienste hinter der aktuellen Auseinandersetzung als der persönliche Konflikt zwischen dem einflussreichen Interimschef des SBU, Oleksandr Poklad, und dem ehemaligen HUR-Chef und heutigen Leiter des Präsidialamts, Kyrylo Budanow.
Umstrittene Entführung eines russischen Kämpfers
Was genau zu der Schießerei am 2. September im Kyjiwer Stadtteil Beresnjaky geführt haben könnte, ist indes äußerst kompliziert. Eine zentrale Rolle spielt offenbar die Entführung des stellvertretenden Kommandeurs im Russischen Freiwilligenkorps (RDK), Stepan Kaplunow, kurz vor dem ukrainischen Unabhängigkeitstag am 24. August durch den SBU. Das RDK, ein Korps russischer Freiwilliger, die im Krieg auf der Seite der Ukraine kämpfen, untersteht dem HUR.
Kaplunow gibt an, die Spionageabwehrabteilung des SBU habe ihn tagelang in einem verschlossenen Raum festgehalten, teilweise sei er durch Poklad persönlich unter Druck gesetzt worden. Der SBU führt zu Begründung an, Kaplunow habe in Kontakt mit russischen Geheimdiensten gestanden und einen Anschlag auf Achmed Sakajew geplant – den Chef der tschetschenischen Exilregierung, der anlässlich des Unabhängigkeitstags einen Besuch in der Ukraine geplant habe.
Das Video, auf dem Kaplunow die angeblichen Anschlagspläne gesteht, sieht jedoch aus, als wäre er zu den Aussagen gezwungen worden. Der HUR bestreitet denn auch diese Version der Ereignisse, die Auslöser für den Schusswechsel in Kyjiw gewesen sein sollen – eine Situation, die Präsident Selenskyj als „beschämend“ bezeichnete und die ohne seine Intervention sicher nicht so rasch hätte beendet werden können. Inzwischen untersucht das Staatliche Ermittlungsbüro den Vorfall, das ukrainische Pendant zum US-amerikanischen FBI.
Persönliche Feindschaft als Auslöser des Konflikts?
Welche Angaben hier der Wahrheit entsprechen und welche nicht, lässt sich derzeit kaum feststellen. Einerseits ist nicht unwahrscheinlich, dass die Spionageabwehr des Inlandsgeheimdienstes SBU Mitglieder des Russischen Freiwilligenkorps im Visier hatte, die zum Teil offen rechtsextrem agieren. Möglich ist aber genauso, dass diese Aktion vor allem den einstigen HUR-Chef Kyrylo Budanow und ihm nahe stehende Einheiten kompromittieren sollte. Denn neben dem RDK war an dem Konflikt an prominenter Stelle auch die Spezialeinheit Tymur beteiligt, die enge Verbindungen zu Budanow pflegt – auch in dessen aktueller Funktion als Leiter der Präsidialadministration.
Dabei muss man heute durchaus zwischen dem HUR als Institution und Budanow als Person unterscheiden. Als Budanow noch Chef des HUR war, galt sein Einfluss auf den Militärgeheimdienst als uneingeschränkt. Dies hat sich mit seinem Wechsel ins Präsidialamt zu Beginn dieses Jahres geändert. Der neue HUR-Leiter und bisherige Chef der Auslandsaufklärung SSR, Oleh Iwaschtschenko, soll vergleichsweise gute Beziehungen zu SBU-Chef Poklad pflegen – während es innerhalb des HUR weiterhin Einheiten geben soll, die sich Budanow gegenüber loyal verhalten.
Geheimdienst-Mord kurz nach dem Großangriff
Über die Hintergründe des persönlichen Konflikts zwischen Budanow und Poklad, einem anerkannten Fachmann für Spionageabwehr, ist kaum etwas bekannt. Doch es gibt einen Vorfall kurz nach Beginn des russischen Großangriffs, der ein wenig Licht auf die Sache werfen könnte: Am 5. März 2022 erschossen Spezialeinheiten des SBU den ukrainischen Bankier Denys Kirejew, der zeitlebens enge zu Russland gepflegt und die Ukraine bei den Verhandlungen zur Beendigung des Krieges im belarussischen Homel vertreten hatte. Hinter der Operation soll Poklad gestanden haben. Der SBU, heißt es, habe einen russischen Agenten beseitigen wollen.
Der damalige HUR-Chef Budanow hingegen behauptete, Kirejew sei ein Agent seines Dienstes gewesen und habe der Ukraine zentrale Informationen über russische Angriffspläne auf den Militärflughafen Hostomel bei Kyjiw übergegeben. Wer Denys Kirejew wirklich war, lässt sich viereinhalb Jahre nach seiner Ermordung nicht mehr zweifelsfrei feststellen.
Skepsis gegen über dem neuen SBU-Leiter
Als Poklad im Zuge der jüngsten Regierungsrochade Mitte Juli zum Interimschef des SBU aufstieg, soll Budanow hinter vorgehaltener Hand damit gedroht haben, als Leiter des Präsidialamts zurückzutreten. Er war nicht der Einzige im politischen Kyjiw, der die Ernennung Poklads mit Skepsis betrachtete – zumal Gerüchte im Umlauf sind, dieser habe im Sommer 2025 eine Rolle bei dem gescheiterten Versuch gespielt, die Unabhängigkeit der Antikorruptionsorgane einzuschränken. Für seine ordnungsgemäße Ernennung zum SBU-Chef jedenfalls fehlen im Parlament derzeit die nötigen Stimmen. Denn während an Poklads professionellen Fähigkeiten bei der Spionageabwehr kaum jemand zweifelt, ist seine Biografie teilweise noch rätselhafter als die von Kyrylo Budanow.
Am 4. September – zwei Tage nach dem Schusswechsel – traf eine jetgetriebene Drohne, die die russische Armee seit Neuestem vermehrt bei Luftschlägen einsetzt, Poklads Arbeitszimmer in der SBU-Zentrale in Kyjiw. Offenbar wollte Russland sich demonstrativ einmischen, die Spannungen zwischen den ukrainischen Geheimdiensten für sich nutzen und dabei vor allem Wirkung nach außen erzielen. Denn einen Geheimdienstchef mitten im Krieg – noch dazu während eines Luftalarms – an seinem Dienstort im Zentrum der Hauptstadt töten zu wollen, ist einigermaßen absurd. So war dieser öffentlichkeitswirksame Angriff am Ende vor allem eine Erinnerung daran, wo der Feind wirklich sitzt: nämlich in Moskau.
Besser gegen den Feind statt gegeneinander
Für Wolodymyr Selenskyj bleibt die Situation kompliziert. Die jüngste Eskalation zeigt, dass der Präsident die eigenen Geheimdienste nicht vollständig unter Kontrolle hat. Mit der zügigen Entlassung vermeintlich verantwortlicher Stellvertreter hat er die Situation vorerst in einer Art „unentschieden“ belassen – nicht ohne Grund, denn weder Poklad noch Budanow lassen sich schnell und wirksam ersetzen.
Nun muss Selenskyj vor allem ein funktionierendes System der checks and balances bei den Geheimdiensten etablieren, um ähnliche Konflikte in Zukunft zu vermeiden. Im Idealfall wäre damit ein unabhängiges Kontrollgremium beauftragt – doch auch hier ist unklar, wer diese Aufgabe übernehmen könnte.
Eines steht für die Menschen in der Ukraine zweifelsfrei fest: Geheimdienste wie SBU und HUR, die in der Vergangenheit erfolgreiche Schläge gegen russische Militäranlagen durchführten, etwa die Operation „Spinnennetz“ im vergangenen Sommer, sollten lieber weiter Sabotageaktionen gegen Russland durchführen, statt sich gegenseitig zu bekämpfen.
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