Politische Sanktionen in der Ukraine: Wo endet die Logik des Kriegsrechts?

Persönliche Sanktionen gegen Oppositionelle, Druck auf investigative Journalisten und ein staatlich finanziertes Fernsehprogramm, in dem die Regierungspartei dominiert: In der Ukraine mehren sich problematische Eingriffe in den politischen Wettbewerb. Gerade weil das Land um den EU-Beitritt kämpft, darf Europa diese Entwicklung nicht ignorieren.
Am 7. Juli 2026 verhängte der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj persönliche Sanktionen gegen Boryslav Bereza, einen ehemaligen Parlamentsabgeordneten (in der Periode der 8. Werchowna Rada 2014–2019) und scharfen Kritiker der Staatsführung. Bereza war nach Beginn der russischen Großinvasion 2022 als einfacher Soldat zur Armee gegangen und hatte im Krieg einen großen Teil seines Sehvermögens verloren. Nach mehreren Behandlungen wurde er aus gesundheitlichen Gründen aus dem Armeedienst entlassen. Welche konkreten Verfehlungen ihm vorgeworfen werden, ist nach seiner Darstellung bis heute nicht bekannt.
Der Fall erinnert an die Sanktionen gegen Selenskyis Vorgänger Petro Poroschenko, den Vorsitzenden der größten Oppositionspartei Europäische Solidarität. Im Februar 2025 durchlief der Sanktionsvorschlag gegen ihn nach Angaben seines Anwalts Ilia Novikov innerhalb von nur sieben Stunden die zuständigen Instanzen. Zu den verhängten Maßnahmen gehört ein unbefristetes Verbot, Verträge und andere Rechtsgeschäfte abzuschließen. Das ist politisch relevant: Ein Wahlkandidat benötigt ein Bankkonto zur Finanzierung seines Wahlkampfs. Damit stellt sich die Frage, ob ein von der Exekutive kontrollierter Sanktionsmechanismus faktisch beeinflussen kann, wer bei einer künftigen Präsidentschaftswahl antreten darf.
Vom Einzelfall zum politischen Instrument
Bereza ist für Selenskyj kein unmittelbar gefährlicher Wahlkonkurrent. Er führt keine große Partei an und wäre für Letzteren wohl kaum ein ernsthafter Rivale. Bereza selbst verbindet die Sanktionen gegen sich mit seiner öffentlichen Kritik am Präsidenten und mit von ihm geäußerten Korruptionsvorwürfen gegen dessen Umfeld. Laut Bereza wurde ihm keine Anklage vorgelegt und die Generalstaatsanwaltschaft habe seinen Anwälten bestätigt, dass gegen ihn kein Strafverfahren anhängig sei.
Auch Andrij Bohdan, 2019 bis 2020 Leiter des Präsidialamts und damals einer der engsten Mitarbeiter Selenskyjs, wurde nach dem Bruch mit ihm zu dessen Kritiker. Im Mai 2026 verhängte Selenskyj persönliche Sanktionen gegen Bohdan für einen Zeitraum von zehn Jahren.
Inzwischen ist ein weiterer Fall hinzugekommen: Am 13. September 2026 verhängte Selenskyj auch gegen seine ehemalige Pressesprecherin Julija Mendel persönliche Sanktionen für zehn Jahre. Mendel, die von 2019 bis 2021 für den Präsidenten gearbeitet hatte, war nach ihrem Ausscheiden zunehmend mit Kritik an Selenskyj und dessen Umfeld hervorgetreten. Die ukrainischen Behörden begründeten die Sanktionen gegen sie mit der Verbreitung russischer Propaganda und der Unterstützung der aggressiven Politik Russlands. Poroschenko, Bereza, Bohdan und Mendel haben politisch wenig gemeinsam: ein politischer Rivale, ein öffentlicher Kritiker und zwei ehemalige enge Mitarbeiter des Präsidenten. Dennoch wurde gegen alle vier dasselbe politische Instrument eingesetzt: persönliche Sanktionen.
Das ukrainische Sanktionsgesetz wurde 2014 unter Poroschenko verabschiedet. Problematisch wird seine Anwendung, wenn Sanktionen gegenüber ukrainischen Staatsbürgern im Inland die Funktionen eines Strafverfahrens übernehmen: Vermögen kann blockiert, die wirtschaftliche Tätigkeit eingeschränkt und der politische Handlungsspielraum reduziert werden – ohne öffentliche Anklage, Beweisaufnahme und Urteil. Im Juli hat das Europäische Parlament die ukrainischen Behörden aufgefordert, auf politisch motivierte Verfahren und Sanktionen gegen Vertreter der Opposition zu verzichten und den parlamentarischen Pluralismus zu wahren.
Druck auf Journalisten und die Opposition
Unter Kriegsbedingungen verfügt der ukrainische Staat über ein weiteres besonders sensibles Instrument: die Mobilisierung, sprich die Einberufung zum Militärdienst. Nachdem der investigative Journalist Yevhenii Shulhat für das Medium Slidstvo.Info Recherchen über das Vermögen eines ranghohen Beamten des Inlandsgeheimdiensts SBU angestellt hatte, wurde er in einem Supermarkt von zwei Mitarbeitern der Einberufungsbehörde mit seinem Namen angesprochen. Eine Videoaufnahme zeigt, wie die beiden von einem mutmaßlichen Kollegen des von Shulhat untersuchten SBU-Beamten begleitet werden. Im Juli 2026 wurde Shulhat von der Polizei wegen angeblicher Verstöße gegen die militärische Registrierung festgenommen. Der TV-Sender Hromadske, für den Shulhat tätig ist, erklärte daraufhin, über Dokumente zu verfügen, die diesen Vorwürfen widersprechen.
Ein anderer bezeichnender Fall: Laut einem Monitoring von Detector Media zum staatlich finanzierten Nachrichten-Telemarathon United News entfielen von Mai bis Dezember 2025 800 von 939 Auftritten politischer Gäste auf Vertreter des Präsidialamts, der Regierung und Selenskyis Partei Diener des Volkes – das sind mehr als 85 Prozent. Die liberale Partei Holos kam auf lediglich sechs Auftritte. Repräsentanten der Europäischen Solidarität, der größten Oppositionsfraktion im Parlament, wurden überhaupt nicht eingeladen. Auch in diesem Jahr blieb das Muster bestehen.
Warum Europa nicht wegsehen darf
Die Ukraine ist EU-Beitrittskandidat. Europa investiert deshalb nicht nur in die Fähigkeit der Ukraine, den russischen Angriff abzuwehren, sondern auch in den politischen Charakter eines möglichen künftigen Mitgliedstaats. Der Nachrichten-Telemarathon wird aus dem ukrainischen Staatshaushalt finanziert. Die EU bezahlt ihn nicht unmittelbar, stützt den Staatshaushalt aber mit umfangreicher Budgethilfe, deren Auszahlung ausdrücklich an Bedingungen wie Rechtsstaatlichkeit und Korruptionsbekämpfung geknüpft ist.
Kritik an solchen Entwicklungen bedeutet nicht, die militärische und finanzielle Unterstützung der Ukraine infrage zu stellen. Im Gegenteil: Ein Land, das für seine europäische Zukunft kämpft, muss sich auch an europäischen Maßstäben messen lassen. Rechtsstaatlichkeit, politische Konkurrenz, Medienpluralismus und grundlegende Bürgerrechte sind keine Schönwetterregeln, die im Krieg beliebig suspendiert werden können.
Die Antwort Europas kann daher nicht darin bestehen, die Ukraine weniger zu unterstützen. Sie muss darin bestehen, genauer darauf zu achten, welche Ukraine Europa unterstützt. Wer von Kyjiw demokratische Standards verlangt, hilft damit nicht dem Kreml. Er nimmt vielmehr das europäische Versprechen ernst, für das Ukrainer seit Jahren kämpfen und sterben.
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