„Alle Feinde wurden vernichtet“

Presseschau ukrainischer Medien | 02. bis 22. September 2026:
Gegenoffensive „Vivaldi“: überraschend erfolgreich
Russland nimmt Tankstellen ins Visier
Chassiden in Uman: Neujahrsfest trotz Angriffskrieg
Gegenoffensive „Vivaldi“: überraschend erfolgreich
Im Norden des Gebiets Donezk stößt die ukrainische Armee überraschend erfolgreich vor. Mit der Operation Vivaldi drängt sie den nördlichen russischen Keil zurück, mit dem Moskau den „Festungsgürtel“ um Kramatorsk und Slowjansk schließen wollte. Der Vorstoß hat auch symbolische Bedeutung: Lange schien Russland zwar hohe Verluste zu erleiden, aber dennoch stetig vorzurücken. Nun zeigt sich, dass sich solche Erfolge deutlich zurückdrehen lassen – Russlands Nettogebietsgewinn der vergangenen sechs Monate liegt bei null.
„Operativ ist diese Gegenoffensive kaum zu überschätzen“
LB hält den ukrainischen Vorstoß für besonders wichtig – und angesichts der begrenzten ukrainischen Feuerkraft für die derzeit wirksamste Taktik:
„Die operative Bedeutung dieses Gegenangriffs ist kaum zu überschätzen – der [russische] Druck auf Lyman nimmt aber, ebenso wie die [russischen] Versuche, sich durch die Felder zwischen Isjum und Slowjansk vorzukämpfen. Wenn [der Aggressor] Slowjansk und Kramatorsk unbedingt erobern will, bleibt nur der Frontalangriff – durch Gräben mit Stacheldraht und Minenfelder, unter Beschuss von Drohnen und präzisionsgelenkten westlichen Bomben auf die [russischen] Sturmtruppen, die in die Häuser vorgerückt sind. [...]
Moderne schwedische und französische Flugzeuge, die mit Meteor-Raketen die [KAB-] Werfer zurückdrängen können, stehen noch lange nicht bereit, die ukrainische Raketentechnik wird auch nicht über Nacht massentauglich sein, und in Deutschland hat die Produktion von Abfangraketen für das Patriot-System gerade erst begonnen. Daher [...] ist in der Nähe von Lyman – unter anhaltendem Druck des Feindes – mit einer monotonen dreimonatigen Gegenoffensive zu rechnen.“
„Alle Feinde wurden vernichtet“
Zu den bislang offiziell als befreit gemeldeten Dörfern gehört Serednje. Suspilne sprach mit dem Kommandanten des Bataillons, das den Ort zurückerobert hat, über die Operation:
„[Der Bataillonskommandant mit dem Rufnamen] Yudzh berichtete [...], dass die Operation zwei Phasen umfasste; insgesamt dauerte die Säuberung des Dorfes anderthalb Monate und es gab zwei Tage mit Sturmangriffen.
‚Alle Feinde, die sich in der Ortschaft Serednje befanden, wurden vernichtet. Auf zwei [ukrainische] Bataillone kam ein verwundeter Soldat [...].‘ erklärte er.
‚In der Ortschaft waren keine Menschen mehr. [...] Dort gab es nicht einmal mehr Gebäude. Die Häuser dort sind Ruinen – sie standen ständig unter Beschuss. Aber jedes Haus hat einen Keller. Das ist alles ukrainisches Land, und Sie wissen, dass es keine [ukrainische] Familie ohne Vorratskeller gibt. Das bereitete enorme Probleme, denn verstecken konnte sich [der Feind] in jedem Hof.‘“
„Militärkultur Russlands schwer zu ändern“
Obwohl die Offensive schon Ende Mai startete, verschwieg Russland seine Gebietsverluste lange. Texty beschreibt, wie die russische Militärkultur der Ukraine dabei in die Karten spielt:
„[E]s trafen mehrere Faktoren perfekt zusammen: Westliche Geolokalisierungsdienste schwiegen, russische Aufklärungsdienste schwiegen, ukrainische Medien schwiegen, und die russischen Kommandostäbe der unteren Ebenen schwiegen ebenfalls. Während also die Einheiten der 20. und 25. Armee der russischen Streitkräfte auf dem Lyman-Vorstoß eine vernichtende Niederlage erlitten, ‚eroberten‘ ihr Generalstab und Oberbefehlshaber Putin Lyman und Swjatohirsk.
[D]ieses Szenario ist kein Einzelfall: Unter Einhaltung der Operations Security [militärische Maßnahmen zum Schutz einsatzrelevanter Informationen vor dem Gegner, Anm. d. Red.] gelingt es den ukrainischen Truppen, die Russen zu täuschen und erfolgreiche Manöver durchzuführen. Kann der Feind daraus lernen und Gegenmaßnahmen entwickeln?
‚Ich glaube nicht‘, sagt [...] ein Offizier [aus dem Stab eines Korps der ukrainischen Streitkräfte]. ‚Das ist einfach die Kultur ihrer Armee. Das läuft seit Jahrhunderten so – es wird schwer für sie sein, das zu ändern.‘“
Russland nimmt Tankstellen ins Visier
Seit Monaten attackiert Russland gezielt die Treibstoffversorgung in frontnahen Regionen und hat dabei etwa 300 Tankstellen mit Drohnen oder Raketen zerstört. Zuletzt trafen die Angriffe auch Kyjiw und sogar die Westukraine. Ukrainische Medien fragen nun, wie sich das auf Wirtschaft sowie die Versorgung mit Benzin und Diesel auswirken könnte.
„Das ist reiner Terrorismus“
Die russischen Angriffe auf Tankstellen seien schmerzhaft, gefährdeten jedoch nicht die Treibstoffversorgung des Landes, berichtet Forbes:
„Russische Angriffe haben nach Angaben des Energieministeriums in den letzten sechs Monaten mehr als 300 Tankstellen in der Ukraine zerstört oder beschädigt. Betroffen sind vor allem Regionen in Frontnähe. In der ersten Septemberhälfte griffen russische Truppen gezielt die Kraftstoffinfrastruktur der Hauptstadt an. Insgesamt wurden in Kyjiw drei Tankstellen angegriffen [Stand 14. September, Anm. d. Red.], die alle dem staatlichen Unternehmen Ukrnafta gehören.
‚Es gibt keinen Grund, [aufgrund dieser Angriffe] mit einer [Kraftstoff-]Knappheit zu rechnen – das ist reiner Terrorismus‘, sagt Serhii Kuiun, Direktor des Beratungsunternehmens A‑95, [das sich auf die ukrainischen Märkte für Erdölprodukte und Kraftstoffe spezialisiert].
Laut Kuiun würden etwa 80 Prozent der beschädigten Tankstellen in Frontnähe repariert.
Deshalb gäbe es in keiner Region […] infolge der Angriffe Engpässe oder Preisanstiege.“
„Keine systemischen Probleme in der Hauptstadt“
Tatsächlich gäbe es in Kyjiw einen Überschuss an Tankstellen, berichtet LIGA:
„Selbst eine vorübergehende Schließung einzelner Tankstellen schaffe auf dem Markt der Hauptstadt keine systemischen Probleme, sagt Oleksandr Sirenko, Analyst des Beratungsunternehmens NaftoRynok. Die Zahl der Tankstellen in Kyjiw übersteigt den Bedarf der Autofahrer vor Ort um etwa das Dreifache. Selbst wenn eine einzelne Tankstelle also einige Wochen geschlossen bleibt, haben die Verbraucher genug Alternativen.“
„Tankstellen mit Gabionen und mobilen Luftschutzräumen“
Besonders betroffen ist die staatliche Tankstellenkette Ukrnafta: Bis zum 22. September beschädigten russische Drohnen zehn ihrer Stationen in Kyjiw. Im Interview mit LB sagt Vorstandschef Bohdan Kukura, sie seien inzwischen alle wieder in Betrieb – zugleich verstärke das Unternehmen den Schutz der übrigen Tankstellen für Beschäftigte und Kunden:
„Seit geraumer Zeit führen wir diese Arbeiten in den an Russland angrenzenden und frontnahen Regionen durch: Wir installieren Anti-Drohnen-Netze, stellen Gabionen [mit Steinen gefüllte Drahtkörbe, die als Schutzbarrieren dienen; Anm. d. Red.] auf, um Menschen und Anlagen zusätzlich vor Trümmern zu schützen, und errichten Luftschutzräume.
Aufgrund der verstärkten russischen Angriffe auf Kyjiw haben wir umgehend zusätzliche Maßnahmen zum Schutz der Anlagen in der Hauptstadt ergriffen. […] Die ersten 19 Objekte wurden bereits [mit Gabionen] ausgestattet. Außerdem bauen wir mobile Luftschutzräume dort, wo stationäre Schutzeinrichtungen fehlen.“
Chassiden in Uman: Neujahrsfest trotz Angriffskrieg
Vom 11. bis 13. September pilgerten erneut Zehntausende chassidische Juden aus aller Welt in die zentralukrainische Stadt Uman, um dort ihr traditionelles Neujahrsfest Rosch ha-Schana zu feiern. Ukrainische Medien berichten vor Ort, wie die ausgelassene Stimmung des großen religiösen Treffens in scharfem Kontrast zum Kriegsalltag in der Ukraine steht.
„Gott auf den Dächern näher sein“
Die Pilger ließen sich auch dieses Jahr nicht von der Gefahr russischer Angriffe abschrecken – einige verweisen auf die ebenfalls unsichere Lage in Israel, andere auf den Schutz höherer Mächte, berichtet LB:
„Aziza, einer der Pilger, der aus London nach Uman gekommen ist, erklärt, sie seien gelassen, weil höhere Mächte die Chassidim beschützen.
‚Wir kamen alle sowohl vor der großen Invasion hierher als auch jetzt noch. Keiner von uns hat in der Ukraine auch nur einen Kratzer abbekommen. Das ist ein großes Wunder‘, betont er. […]
[Für das Tikun ha-Klali, das Massengebet vor dem Neujahrsfest,] müssen wir so hoch wie möglich über dem Boden sein. Die Chassidim glauben, dass sie auf diese Weise Gott näher sind.
Auf dem Weg zum Dach drängen wir uns […] durch die Chassidim – von der Rezeption über das Treppenhaus bis ins oberste Stockwerk des Gebäudes. Dort ist ein Speisesaal mit Panoramafenstern, an denen die Pilger kleben und auf den Beginn des Gebets warten.
Um Unfälle zu verhindern, stehen Polizisten und Katastrophenschützer auf den Dächern der umliegenden Gebäude. Ihre Aufgabe ist es, die Chassidim vor Gefahren zu schützen, während diese versuchen, näher bei Gott zu sein.“
„Rekordsumme für die Stadtkasse“
Die jährliche Pilgerfahrt bringt vielen Einwohnern von Uman ein gutes Einkommen – für eine Übernachtung verlangen sie teils bis zu 2.000 US-Dollar. Gleichzeitig hinterlassen die Zehntausenden Besucher viel Müll, manche missachten die Regeln. Dieses Jahr verlief jedoch alles ohne größere Zwischenfälle, berichtet Radio Svoboda:
„In diesem Jahr kamen nach Angaben der ukrainischen und israelischen Polizei etwa 50.000 Chassidim nach Uman, um Rosch ha-Schana zu feiern.
Die Pilger zahlten laut Oleh Hanich, dem ersten stellvertretenden Bürgermeister von Uman, eine Rekordsumme von 25 Millionen Hrywnja [rund 488.000 Euro] an Tourismusabgaben in die Stadtkasse.
Doch nicht alles, was die Chassidim [in Uman] zurückließen, hinterließ einen angenehmen Nachgeschmack. […] Man konnte beobachten, wie sich Müllzonen in den Straßen des Viertels ausbreiteten.
Obwohl die Stadt alle Kräfte auf die Reinigung des Geländes konzentrierte – die Mitarbeiter der Stadtreinigung arbeiteten rund um die Uhr und riesige Lastwagen fuhren den Abfall im Akkord ab –, blieb überall Müll liegen.
Dennoch verlief dieses Jahr nach Angaben der Mitarbeiter der Stadtreinigung […] leichter als die vorherigen. Auch die Ordnungskräfte zogen eine ähnliche Bilanz […]: Es habe keine schwerwiegenden Verstöße gegeben, lediglich einige Fälle von Nichtbeachtung der Passkontrolle sowie die Sicherstellung von Betäubungsmitteln.“
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Ukrainische Medien
Die Online-Zeitung Ukrajinska Prawda veröffentlicht als regierungskritisches Medium investigative Artikel und deckte auch Korruptionsfälle innerhalb der ukrainischen Regierung auf. Sie zählt zu den meistgenutzten Nachrichtenportalen der Ukraine.
Die Ukrajinska Prawda wurde im Jahr 2000 vom ukrainisch-georgischen Journalisten Heorhij Gongadse gegründet, der im darauffolgenden Jahr – angeblich auf Veranlassung des damaligen Präsidenten Leonid Kutschma – ermordet wurde. Die heutige Chefredakteurin ist die bekannte ukrainisch-krimtatarische Journalistin Sevgil Musaieva.
Im Mai 2021 verkaufte die damalige Eigentümerin Olena Prytula 100 Prozent der Anteile an Dragon Capital, eine ukrainische Investment-Management-Gesellschaft, die vom tschechischen Unternehmer Tomáš Fiala geleitet wird.
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Die Weiterentwicklung von Hromadske wird von einem Vorstand vorangetrieben, der aus sieben prominenten ukrainischen Persönlichkeiten besteht, darunter Nobelpreisträgerin Oleksandra Matwijtschuk.
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Dserkalo Tyschnja liefert Hintergrundberichte und Analysen; das Themenspektrum umfasst politische, wirtschaftliche, soziale und kulturelle Themen. Die Zeitung betrachtet die ukrainische Politik und deren Akteure in einem internationalen Zusammenhang. Dserkalo Tyschnja steht auf der „weißen Liste“ ukrainischer Medien, die zuverlässige Informationen liefern.
Dserkalo Tyschnja ist eine der ältesten ukrainischen Zeitungen und erschien zuerst 1994. Seit 2020 ist die Zeitung nur noch online verfügbar: auf Ukrainisch, Russisch und Englisch. Chefredakteurin ist die bekannte ukrainische Journalistin Julija Mostowa, Ehefrau des ehemaligen ukrainischen Verteidigungsministers Anatolij Hrysenko.
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Heute ist die ukrainische Journalistin Kateryna Kobernyk Chefredakteurin von Babel.
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Das Online-Magazin LB gehört zum Horschenin-Institut, einer ukrainischen Denkfabrik, die sich mit politischen und gesellschaftlichen Prozessen in der Ukraine und der Welt beschäftigt. LB hat sich auf Interviews spezialisiert; häufige Themen sind die ukrainische Innen- und internationale Politik sowie soziale Fragen in der Ukraine.
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Im Fokus des ukrainischen im Jahr 2000 gegründeten Online-Nachrichtenportals LIGA stehen wirtschaftliche, politische und soziale Themen. Seit 2020 steht LIGA auf der „weißen Liste“ ukrainischer Medien, die stets präzise Informationen und zuverlässige Nachrichten anbieten.
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Der Eigentümer des Nachrichtenportals ist die ukrainische unabhängige Mediaholding Ligamedia, deren Geschäftsführer Dmytro Bondarenko ist.
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Censor präsentiert sich als Website mit „emotionalen Nachrichten“. Der Fokus liegt vor allem auf innenpolitischen Entwicklungen. Seit dem russischen Überfall auf die Ukraine sind viele Beiträge den Ereignissen an der Front und den ukrainischen Streitkräften gewidmet. Censor ist auf drei Sprachen verfügbar: Ukrainisch, Russisch und Englisch.
Das Nachrichtenportal Censor wurde 2004 vom bekannten ukrainischen Journalisten Jurij Butusow gegründet und zählt zu den populärsten Nachrichtenseiten des Landes. Butusow gilt als scharfer Kritiker von Präsident Selenskyj. Er erhebt schwere Vorwürfe in Bezug auf Korruption innerhalb der ukrainischen Regierung, schlechte Vorbereitung auf den Krieg gegen Russland und unbefriedigende Verwaltung der Armee. Butusow wird von über 400.000 Menschen auf Facebook gelesen. Seine Posts auf dem sozialen Netzwerk haben enormen Einfluss und lösen hitzige Diskussionen aus.
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