Die Kritik an Klit­schko wächst

Demonstration gegen den Bürgermeister von Kyjiw, Vitali Klitschko
Foto: ABACAPRESS

Am ver­gan­ge­nen Wochen­ende for­der­ten Demons­tran­ten in Kyjiw den Rück­tritt des Bür­ger­meis­ters Vitali Klit­schko. Er steht wegen man­gel­haf­ter Vor­be­rei­tung auf den Winter, feh­len­der Luft­schutz­räume und Kor­rup­ti­ons­vor­wür­fen in seinem Umfeld in der Kritik.

Pro­teste sind in der ukrai­ni­schen Haupt­stadt Kyjiw mit ihrer starken Zivil­ge­sell­schaft nichts Neues. Auch die Unzu­frie­den­heit mit dem Bür­ger­meis­ter Vitali Klit­schko, der 2014 ins Amt gekom­men und seitdem zweimal wie­der­ge­wählt worden ist, ist – gerade auf der Exper­ten­ebene – keine Neu­ig­keit. Sein Bekannt­heits­grad hat dem 55-jäh­ri­gen Ex-Box­welt­meis­ter bei den Bür­ger­meis­ter­wah­len zwar stets einen Vorteil gegen­über der ver­gleichs­weise schwa­chen Kon­kur­renz ver­schafft. Doch er hat es in zwölf Jahren im Amt nicht fer­tig­ge­bracht, auch nur einen ein­zi­gen neuen U‑Bahnhof zu eröffnen.

Im Zuge der neuen Pro­teste fand am 17. Oktober die erste bedeu­tende, von der Com­mu­nity „Marsch für Kyjiw“ mit­in­iti­ierte Pro­test­ak­tion mit dem klaren Motto „Klit­schko muss weg“ statt. Unter­schied­li­chen Angaben zufolge haben sich zwi­schen 200 und 1.000 Men­schen vor dem Gebäude der Kyjiwer Stadt­ver­wal­tung ver­sam­melt. Die tat­säch­li­che Teil­neh­mer­zahl dürfte etwa in der Mitte liegen. Die Aktion ist inso­fern bemer­kens­wert, als ihre demo­gra­fi­sche Zusam­men­set­zung stark der­je­ni­gen der Pro­teste gegen die Ein­schrän­kung der Befug­nisse der Anti­kor­rup­ti­ons­or­gane im Sommer 2025 sowie der Pro­teste gegen die über­ra­schende Ent­las­sung des Ex-Ver­tei­di­gungs­mi­nis­ters Mycha­jlo Fedorow ein Jahr später ähnelt.

Was Klit­schko vor­ge­wor­fen wird

UDAR (Ukrai­ni­sche demo­kra­ti­sche Allianz für Refor­men), die Partei des Bür­ger­meis­ters, hat im Vorfeld ver­sucht, die poten­zi­el­len Demons­tran­ten mit Verweis auf die Gefahr durch neu­ar­tige Jet-Drohnen von den Pro­tes­ten abzubringen.

Es zir­ku­lier­ten offen­sicht­lich gestellte Videos in den sozia­len Medien, die belegen sollten, dass die Pro­teste bezahlt worden seien. Direk­ter Aus­lö­ser der Pro­teste war der Kon­flikt rund um den Bau einer Fern­wär­me­lei­tung auf einer Grün­flä­che im Stadt­teil Teremky. Auf­grund der kom­pli­zier­ten Situa­tion des ständig unter rus­si­schem Beschuss ste­hen­den Ener­gie­sys­tems der Haupt­stadt gibt es unter­schied­li­che Mei­nun­gen über die Not­wen­dig­keit dieses kon­kre­ten Pro­jekts. Doch auf der Bau­stelle ist es Ende Sep­tem­ber zu Aus­ein­an­der­set­zun­gen gekom­men, bei denen Ver­tre­ter des kom­mu­na­len Sicher­heits­diens­tes Gewalt gegen Per­so­nen, die gegen die Leitung demons­trier­ten, ange­wandt haben.

Die tat­säch­li­chen Gründe des grö­ße­ren Pro­tes­tes am ver­gan­ge­nen Wochen­ende reichen aller­dings tiefer. Sie haben vor allem mit der man­gel­haf­ten Vor­be­rei­tung auf den kom­men­den schwe­ren Winter, aber auch mit zahl­rei­chen Kor­rup­ti­ons­vor­wür­fen im Umfeld Klit­sch­kos zu tun. Die ukrai­ni­schen Anti­kor­rup­ti­ons­be­hör­den ermit­teln derzeit gegen rund ein Dutzend Stadt­be­amte und Stadt­räte, die Klit­schko nahe­ste­hen. Bei der Haupt­an­klage geht es um den fol­gen­den Vorgang: Öffent­li­che Toi­let­ten oder andere kleine Bauten wurden auf viel­ver­spre­chen­den Grund­stü­cken regis­triert, wor­auf­hin die Stadt­be­hör­den Eigen­tums­rechte ein­räum­ten, die dann vom Stadt­rat ohne die eigent­lich nötige Aus­schrei­bung bestä­tigt wurden.

Unzu­rei­chende Schutzräume

Letzte Woche wurde die Errich­tung des ersten kom­mu­na­len mobilen Schutz­raums gemel­det. Es handelt sich dabei um Beton­an­la­gen, die etwa in der Nähe von Bus­hal­te­stel­len auf­ge­stellt werden, um spon­ta­nen Schutz vor Drohnen zu bieten. Der eigent­li­che Bedarf der Haupt­stadt mit rund drei Mil­lio­nen Ein­woh­nern wird von der Stadt­ver­wal­tung selbst auf mehr als 600 Stück bezif­fert. Die bis­he­ri­gen ver­ein­zel­ten mobilen Schutz­räume wurden alle­samt privat initi­iert und es gab beacht­li­che Pro­bleme mit deren Geneh­mi­gun­gen. Auch die neu errich­tete Anlage wurde nicht aus Mitteln der Stadt finan­ziert, obwohl im letzten Jahr Gelder für den Bau von Schutz­räu­men aus­ge­schrie­ben waren – sie wurden größ­ten­teils nie genutzt. Bis Jah­res­ende will die Stadt Kyjiw eigenen Angaben zufolge 14 mobile Schutz­räume errich­ten, während sie in Städten wie Charkiw oder Odessa längst zahl­reich ver­füg­bar sind. Dabei ist der Haus­halt der Mil­lio­nen­stadt Charkiw etwa fünfmal kleiner als der­je­nige Kyjiws.

Klit­schko erklärt die Pro­bleme mit Kom­pe­tenz­kon­flik­ten, die aus seiner lang­jäh­ri­gen Aus­ein­an­der­set­zung mit Wolo­dymyr Selen­skyj resul­tie­ren. Ganz Unrecht hat er damit­nicht: Obwohl die gene­relle Auf­sicht über die ver­teil­ten Gelder bei der Stadt liegt, ent­schei­den die Ver­wal­tun­gen der Stadt­teile über deren kon­krete Ver­wen­dung. Die Lei­tun­gen dieser Ver­wal­tun­gen werden per Prä­si­di­al­de­kret ernannt.  Klit­schko wird jedoch auch vor­ge­wor­fen, dass er seine inter­na­tio­nale Bekannt­heit stärker dazu nutzen könnte, das Problem der feh­len­den  mobilen Schutz­räume ander­wei­tig zu lösen. Zudem wird ihm zu lang­sa­mes Handeln bei der Teil­ver­le­gung der kri­ti­schen Infra­struk­tur der Haupt­stadt unter die Erde sowie die unzu­rei­chende Aus­stat­tung der Pump­sta­tio­nen mit Gene­ra­to­ren, die bei Strom­aus­fäl­len essen­ti­ell sind, unterstellt.

Das kom­pli­zierte Ver­wal­tungs­sys­tem Kyjiws

Der Kon­flikt Selen­skyjs mit Klit­schko hat teil­weise einen poli­ti­schen Hin­ter­grund. 2019 gewann Selen­skyj nicht nur die Prä­si­dent­schafts­wahl – seine Partei Diener des Volkes gewann auch die abso­lute Mehr­heit bei der Par­la­ments­wahl. Die Tat­sa­che, dass die mit Abstand wich­tigste Stadt des Landes von einem Oppo­si­ti­ons­po­li­ti­ker regiert wird, der zudem immer wieder mit Selen­skyjs poli­ti­schem Erz­feind, dem ehe­ma­li­gen  Prä­si­den­ten Petro Poro­schenko, koope­riert, stieß im Umfeld des Prä­si­den­ten nicht gerade auf Begeis­te­rung. Selen­skyj dürfte bislang vor allem wegen des inter­na­tio­na­len Anse­hens Klit­sch­kos und dessen Beliebt­heit in Berlin von einer mög­li­chen Teilent­mach­tung abge­se­hen haben.

Das Ver­wal­tungs­sys­tem Kyjiws ist äußerst kom­pli­ziert. Der Bür­ger­meis­ter der Haupt­stadt wird gewählt. Er orga­ni­siert die Arbeit des Kyjiwer Stadt­rats, leitet die Sit­zun­gen, unter­zeich­net die Beschlüsse und ver­wal­tet den Haus­halt der Stadt. Etwas mäch­ti­ger ist aller­dings die Posi­tion des Leiters der Stadt­ver­wal­tung: Weil die Haupt­stadt und die sie umge­bende Region Kyjiw ähnlich struk­tu­riert sind wie Berlin und Bran­den­burg in Deutsch­land, sprich die Haupt­stadt ein eigener Regie­rungs­be­zirk ist, hat Kyjiw eine Art „Gou­ver­neur“, der vom Prä­si­den­ten bestimmt wird. Dieser leitet die Abtei­lun­gen der Stadt­ver­wal­tung, die für ver­schie­dene Berei­che wie  Verkehr, Bildung, Gesund­heits­we­sen, Woh­nungs- und Kom­mu­nal­wirt­schaft sowie Ver­wal­tungs­dienst­leis­tun­gen zustän­dig sind. Tra­di­tio­nell wird der Sieger der Bür­ger­meis­ter­wahl zum Gou­ver­neur ernannt . Recht­lich ist dies aller­dings nir­gends fest­ge­schrie­ben – und so kam es in der Praxis bereits vor, dass die beiden Posten von unter­schied­li­chen Per­so­nen besetzt wurden.

Als Leiter der Stadt­ver­wal­tung könnte Klit­schko daher jeder­zeit ersetzt werden, als Bür­ger­meis­ter jedoch kaum. Zwar kann der Stadt­rat dem Bür­ger­meis­ter mit einer Zwei­drit­tel­mehr­heit das Amt ent­zie­hen, doch Klit­sch­kos Frak­tion verfügt dort über die Mehrheit.

Eine fak­ti­sche Stär­kung der Mili­tär­ver­wal­tung als Ausweg?

Ange­sichts der hef­ti­gen Kritik an Klit­schko ist seine Ablö­sung als Ver­wal­tungs­lei­ter derzeit so wahr­schein­lich wie nie zuvor. Prä­si­dent Selen­skyj hätte aber auch einen anderen Weg: Unter Kriegs­recht gibt es in Kyjiw zusätz­lich eine eigene Mili­tär­ver­wal­tung, die sich vor allem mit Fragen der Ver­tei­di­gung und Sicher­heit befasst und formal die oberste Auto­ri­tät in der Stadt dar­stellt. Sie ist jedoch nicht befugt, über die Struk­tur der Fach­ab­tei­lun­gen der Stadt­ver­wal­tung zu entscheiden.

Zunächst wurde die Mili­tär­ver­wal­tung von zwei Gene­rä­len geführt, die sich nicht in zivile Fragen ein­misch­ten. Bis vor Kurzem leitete dar­auf­hin der von Selen­skyj ein­ge­setzte erfah­rene Büro­krat Tymur Tkat­schenko die Mili­tär­ver­wal­tung, der im ste­ti­gen Kon­flikt mit Klit­schko stand und sich nur schwer durch­set­zen konnte. Auf­grund der nicht näher defi­nier­ten Befug­nisse der Mili­tär­ver­wal­tung käme für Selen­skyj daher die Beru­fung einer mäch­ti­gen Figur für diese Posi­tion infrage, die das tat­säch­li­che Gewicht der Mili­tär­ver­wal­tung stärken könnte. Offen­bar ist dafür der ehe­ma­lige Chef des Inlands­ge­heim­diens­tes SBU Wassyl Maljuk im Gespräch, der in der Bevöl­ke­rung einen guten Ruf hat.

Eines steht fest: Die zuneh­mende Kritik an Klit­schko aus den Reihen der Zivil­ge­sell­schaft zeigt, dass die alten Schuld­zu­wei­sun­gen nicht mehr funktionieren.

Portrait von Denis Trubetskoy

Denis Tru­bets­koy ist in Sewas­to­pol auf der Krim geboren und berich­tet als freier Jour­na­list aus Kyjiw.

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