Warum Kyjiws Stra­te­gie nicht vom Wahl­aus­gang in den USA abhän­gen darf

Demonstranten mit US-amerikanischen und ukrainischen Flaggen in der Nähe des US-Kapitols
Foto: ZUMA Press Wire

Die US-ame­ri­ka­ni­schen Zwi­schen­wah­len können die Bedin­gun­gen der Ukrai­ne­hilfe ver­än­dern. Sie erset­zen jedoch keine Stra­te­gie. Ent­schei­dend ist, wie Kyjiw unab­hän­gig vom Wahl­aus­gang gemein­same Inter­es­sen lang­fris­tig verankert.

Am 3. Novem­ber wählen die Ver­ei­nig­ten Staaten ein neues Reprä­sen­tan­ten­haus und einen Teil des Senats. Für die Ukraine ver­bin­det sich damit eine ver­ständ­li­che Hoff­nung: Könnte eine Ver­schie­bung der Mehr­hei­ten zuguns­ten der Demo­kra­ti­schen Partei Donald Trumps Hand­lungs­spiel­raum begren­zen und die Unter­stüt­zung für Kyjiw stärken? Durch­aus. Doch eine Ver­bes­se­rung der Bedin­gun­gen wäre noch keine Lösung des eigenen stra­te­gi­schen Problems.

Wer in Washing­ton regiert, macht für die Ukraine einen erheb­li­chen Unter­schied. Doch auch güns­tige Mehr­hei­ten erset­zen keine eigene Stra­te­gie. Eine Wahl eröff­net Hand­lungs­mög­lich­kei­ten. Welche davon tat­säch­lich genutzt werden, hängt von den poli­ti­schen Kräf­te­ver­hält­nis­sen, insti­tu­tio­nel­len Grenzen und Inter­es­sen ab.

Was der Kon­gress ver­än­dern kann

Mit einer Mehr­heit im Reprä­sen­tan­ten­haus könnten die Demo­kra­ten Aus­schüsse führen, Anhö­run­gen anset­zen und die Ukraine­po­li­tik der Admi­nis­tra­tion genauer unter­su­chen. Das könnte Ver­zö­ge­run­gen öffent­lich machen und die poli­ti­schen Kosten eines Kurses erhöhen, der Kyjiw schwächt. Eine solche Kon­trolle ist rele­vant, bewirkt aber noch keine zusätz­li­che Lie­fe­rung von Flugabwehrraketen.

Der Kon­gress kann Hilfs­gel­der bewil­li­gen, deren Ver­wen­dung näher bestim­men und Sank­tio­nen gesetz­lich ver­an­kern. Neue Gesetze müssen grund­sätz­lich beide Kammern, das Reprä­sen­tan­ten­haus und den Senat, pas­sie­ren und dem Prä­si­den­ten vor­ge­legt werden. Um dessen Veto zu über­stim­men, sind Zwei­drit­tel­mehr­hei­ten in beiden Kammern nötig. Auch bei bewil­lig­ten Hilfen bleiben die kon­kre­ten Vor­ga­ben und die Umset­zung durch die Exe­ku­tive entscheidend.

Gewin­nen die Demo­kra­ten nur das Reprä­sen­tan­ten­haus, wäre vor allem mit stär­ke­rer Kon­trolle und schwie­ri­ge­ren Haus­halts­ver­hand­lun­gen zu rechnen. Gewin­nen sie beide Kammern, könnten sie eigene Vor­ha­ben ent­schlos­se­ner ver­fol­gen; auch dann könnte der Prä­si­dent neue Gesetze jedoch mit seinem Veto blo­ckie­ren. Behal­ten die Repu­bli­ka­ner beide Mehr­hei­ten, käme es darauf an, ob sich genü­gend Unter­stüt­zer einer ver­läss­li­chen Ukrai­ne­hilfe inner­halb der repu­bli­ka­ni­schen Partei durch­set­zen. Keine dieser Kon­stel­la­tio­nen garan­tiert einen Kurswechsel.

Am 3. Novem­ber wird kein neuer US-Prä­si­dent gewählt. Die neue Zusam­men­set­zung des Kon­gres­ses greift erst im Januar 2027. Die Ukraine muss ihre Ver­tei­di­gung unter­des­sen täglich orga­ni­sie­ren. Selbst ein güns­ti­ges Wahl­er­geb­nis würde keine sofor­ti­gen Lie­fe­run­gen garantieren.

Gemein­same Inter­es­sen haben Grenzen

Für die Ukraine geht es um Men­schen­le­ben, staat­li­che Unab­hän­gig­keit und die eigene Zukunft. Für den Kreml steht Russ­lands impe­ria­ler Anspruch auf dem Spiel. Ein ein­ge­fro­re­ner Krieg könnte Moskau neue Spiel­räume eröff­nen, wenn poli­ti­sche Zuge­ständ­nisse seine Ein­fluss­sphäre fak­tisch aner­ken­nen. Für Kyjiw ist deshalb ent­schei­dend, welche Sicher­heits­ga­ran­tien einen Waf­fen­still­stand absi­chern und einen erneu­ten rus­si­schen Angriff ver­hin­dern sollen.

Die Partner der Ukraine betrach­ten den Krieg aus anderen Per­spek­ti­ven. Das macht ihre Unter­stüt­zung weder wertlos noch unauf­rich­tig. Es muss jedoch klar zwi­schen Soli­da­ri­tät, gemein­sa­men Inter­es­sen und vor­über­ge­hend über­ein­stim­men­den Zielen unter­schie­den werden.

Die Natio­nale Sicher­heits­stra­te­gie der Trump-Regie­rung von 2025 nennt den Wett­be­werb im Indo­pa­zi­fik und stra­te­gi­sche Sta­bi­li­tät mit Russ­land als wich­tige Auf­ga­ben. Zugleich ver­langt sie mehr euro­päi­sche Eigen­ver­ant­wor­tung für die Ver­tei­di­gung. Die Sicher­heits­stra­te­gie doku­men­tiert die Prio­ri­tä­ten der Trump-Admi­nis­tra­tion. Doch auch Trumps poli­ti­sche Gegner müssen innen­po­li­ti­sche Kosten, mili­tä­ri­sche Res­sour­cen und kon­kur­rie­rende außen­po­li­ti­sche Auf­ga­ben gegen­ein­an­der abwägen.

Daraus kann ein Ziel­kon­flikt ent­ste­hen: Washing­ton könnte eine rasche Ver­stän­di­gung mit Moskau für einen Erfolg halten, obwohl ihre Bedin­gun­gen aus ukrai­ni­scher Sicht einen spä­te­ren Angriff wahr­schein­li­cher machen. Sollte Washing­ton darauf setzen, Moskau von Peking zu lösen, könnte dies eine solche Politik zusätz­lich begüns­ti­gen. Ob diese Rech­nung auf­ginge, ist eine andere Frage.

Umge­kehrt lässt sich die Ver­tei­di­gung der Ukraine mit ame­ri­ka­ni­schen Sicher­heits­in­ter­es­sen begrün­den: Ein erfolg­rei­cher rus­si­scher Angriffs­krieg würde die Glaub­wür­dig­keit west­li­cher Abschre­ckung schwä­chen und auch über Europa hinaus Zweifel an der Ver­läss­lich­keit ame­ri­ka­ni­scher Sicher­heits­zu­sa­gen wecken. Welche Über­le­gung über­wiegt, ist poli­tisch umkämpft. Ein Wahl­sieg ukrain­freund­li­cher Poli­ti­ker ent­schei­det diese Aus­ein­an­der­set­zung nicht dauerhaft.

Auch China bietet keinen ein­fa­chen Ausweg. Ein abhän­gi­ges Moskau kann Peking nützen; eine schwere Desta­bi­li­sie­rung Russ­lands könnte dagegen Grenzen und Trans­port­ver­bin­dun­gen gefähr­den. Kyjiw sollte Unter­schiede zwi­schen chi­ne­si­schen und rus­si­schen Inter­es­sen prüfen, ohne Peking zum neu­tra­len Ver­mitt­ler zu erklä­ren. Eine Nie­der­lage der rus­si­schen Aggres­sion ist zudem nicht mit einem Zerfall Russ­lands gleichzusetzen.

Mit Europa ver­bin­det die Ukraine eine unmit­tel­ba­rere Sicher­heits­ge­mein­schaft. Ein rus­si­scher Erfolg würde gewalt­same Grenz­ver­schie­bun­gen beloh­nen und den Druck auf weitere Staaten erhöhen. Die Unter­stüt­zung Kyjiws ver­schafft Europa zugleich Zeit, seine Ver­tei­di­gungs­fä­hig­keit aus­zu­bauen. Doch die EU ist kein ein­heit­li­cher Akteur: Bedro­hungs­wahr­neh­mung, wirt­schaft­li­che Inter­es­sen und Bereit­schaft zur Kos­ten­über­nahme unter­schei­den sich von Staat zu Staat.

Europas Inter­esse an einer sou­ve­rä­nen Ukraine reicht über den Zeit­ge­winn für die eigene Auf­rüs­tung hinaus. Kyjiw sollte seine Rolle deshalb lang­fris­tig als Bestand­teil der euro­päi­schen Sicher­heit verankern.

Was Kyjiw selbst leisten muss

Eine ukrai­ni­sche Stra­te­gie muss gemein­same Inter­es­sen lang­fris­tig ver­an­kern: durch Ver­tei­di­gungs­pro­duk­tion, tech­no­lo­gi­sche Zusam­men­ar­beit, wirt­schaft­li­che Inte­gra­tion und ver­läss­li­che Sicher­heits­ver­ein­ba­run­gen. Ent­schei­dend ist, welche Part­ner­schaf­ten Bestand haben, wenn die Auf­merk­sam­keit nach­lässt oder eine Regie­rung wechselt.

Dazu gehört eine Diplo­ma­tie, die ihre Gesprächs­part­ner nicht als geschlos­se­nen Block behan­delt. Mit Washing­ton stellen sich andere Fragen als mit Berlin oder Paris. Die Türkei, Indien und China ver­fol­gen eigene Ziele. Auch gegen­über diesen Staaten sollte Kyjiw kon­krete Inter­es­sen und Koope­ra­ti­ons­mög­lich­kei­ten aus­lo­ten, ohne seine Bindung an die euro­päi­schen und trans­at­lan­ti­schen Partner infrage zu stellen.

Moskau ver­bin­det Ver­hand­lun­gen mit wirt­schaft­li­chen Ange­bo­ten und geo­po­li­ti­schen Erwar­tun­gen. Kyjiw benö­tigt ein eigenes Zukunfts­bild: Welche Rolle kann eine unab­hän­gige Ukraine für die Sicher­heit und den Wohl­stand ihrer Partner spielen? Was würden diese ver­lie­ren, wenn die Sou­ve­rä­ni­tät der Ukraine zur Ver­hand­lungs­masse wird?

In Washing­ton braucht es dafür Kon­takte über Par­tei­gren­zen hinweg sowie kon­krete Vor­ha­ben. Die gemein­same Ent­wick­lung und Pro­duk­tion von Rüs­tungs­gü­tern kann ame­ri­ka­ni­schen Unter­neh­men Per­spek­ti­ven eröff­nen und ukrai­ni­sche Fähig­kei­ten stärken. Kyjiw muss prüfen, welche Ver­ein­ba­run­gen eine mehr­jäh­rige Planung ermög­li­chen. Wirt­schafts­pro­jekte erset­zen keine Sicher­heits­ga­ran­tien, können aber zusätz­li­che Inter­es­sen an einer sou­ve­rä­nen Ukraine schaffen.

Par­la­men­ta­ri­sche Kon­takte müssen auf belast­bare Mehr­hei­ten für kon­krete Finan­zie­rungs­zu­sa­gen und gesetz­li­che Vor­ga­ben für die Ukrai­ne­hilfe zielen. Kyjiw sollte fest­le­gen, welche Beschlüsse es nach der Wahl errei­chen will, wer dafür gewon­nen werden muss und wie Lie­fer­aus­fälle über­brückt werden können. Diese Planung muss auch funk­tio­nie­ren, wenn die erhoffte Mehr­heit ausbleibt.

Bei mög­li­chen Ver­hand­lun­gen über einen Waf­fen­still­stand oder einen Frie­dens­schluss können Ver­mitt­ler Gesprä­che ermög­li­chen, aber nicht anstelle der Ukraine bestim­men, welche Bedin­gun­gen ihr Über­le­ben sichern. Ebenso wenig beant­wor­tet ein Waf­fen­still­stand die Frage, wie ein erneu­ter Angriff ver­hin­dert werden soll.

Die Aufgabe lautet, kurz­fris­tige Hilfe in dau­er­hafte Bin­dun­gen zu über­set­zen und exis­ten­zi­elle Abhän­gig­kei­ten zu ver­rin­gern. Die Ukraine kann die Inter­es­sen ihrer Partner nicht bestim­men. Sie kann aber beein­flus­sen, wie eng diese mit der Zukunft der Ukraine ver­bun­den sind.

Der 3. Novem­ber kann Kyjiws Hand­lungs­mög­lich­kei­ten ver­än­dern. Neue Mehr­hei­ten zu nutzen wäre sinn­voll. Die eigene Stra­te­gie von ihrem Zustan­de­kom­men abhän­gig zu machen, wäre jedoch gefährlich.

Boris Nemi­rov­ski ist Jour­na­list, Kon­flikt­for­scher und Inhaber des Schwei­zer Unter­neh­mens Altner Press GmbH

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