Minditschgate: Neue Leaks bergen innenpolitischen Sprengstoff

Nach den Ermittlungen der ukrainischen Antikorruptionsorgane im Fall des zwielichtigen Geschäftsmanns Tymur Minditsch sind weitere Transkripte angeblich abgehörter Gespräche aufgetaucht. Über ihre Echtheit wird gestritten. Es geht um die für die Landesverteidigung zentrale Firma Fire Point, um den Vorsitzenden des Sicherheitsrates – und darum, ob Präsident Selenskyj von all dem gewusst hat.
Im November 2025 gab es in der Ukraine ein innenpolitisches Erdbeben – und vollständig abgeklungen sind dessen Folgen bis heute nicht. Antikorruptionsorgane hatten damals Korruption in enormem Ausmaß rund um das Staatsunternehmen Enerhoatom aufgedeckt, den wichtigsten Betreiber von Atomkraftwerken in der Ukraine. Dabei ging es unter anderem um den Bau von Schutzanlagen für Kraftwerke, was die Menschen in der Ukraine angesichts massiver russischer Luftangriffe auf die Energieinfrastruktur besonders empörte.
Das Nationale Antikorruptionsbüro (NABU) führte die Ermittlungen offiziell unter dem Namen „Operation Midas“ – in den Medien und der Öffentlichkeit aber etablierte sich bald ein anderer Name: Minditschgate. Denn im Zentrum der Machenschaften soll vor allem der Unternehmer Tymur Minditsch gestanden haben, einst enger Verbündeter von Präsident Wolodymyr Selenskyj und Miteigentümer von dessen früherer Fernsehproduktionsfirma Kwartal 95. Auch dessen Geschäftspartner Oleksandr Zuckerman soll eine entscheidende Rolle gespielt haben. Beide schafften es, die Ukraine kurz vor den Enthüllungen zu verlassen, Minditsch lebt heute in Israel.
Ein Netzwerk weit über die Energiebranche hinaus
Schon damals wurde vermutet, der Fall Minditsch könne weit über die Energiebranche hinausgehen. In der Wohnung von Timur Minditsch im Kyjiwer Regierungsviertel – im gleichen Gebäude, in dem vor dem russischen Großüberfall vom 24. Februar 2022 auch Selenskyj wohnte – liefen Fäden zusammen; selbst Minister- und Botschafterposten sollen dort verteilt worden sein.
Mehrere politische Figuren, darunter Justizminister Herman Haluschtschenko und Energieministerin Switlana Hrintschuk, mussten nach Bekanntwerden der Vorwürfe zurücktreten. Auch Selenskyjs rechte Hand, der so mächtige wie umstrittene Leiter des Präsidialamtes Andrij Jermak musste gehen, nachdem das Antikorruptionsbüro seine Wohnung durchsucht hatte.
Unter denen, die am Korruptionssystem rund um Minditsch beteiligt gewesen sein sollen, wurde im November 2025 auch der ehemalige Verteidigungsminister und jetzige Sekretär des Nationalen Sicherheitsrates, Rustem Umjerow genannt. Ihm wurde unter anderem vorgeworfen, er habe den Einkauf schutzsicherer Westen von mangelhafter Qualität über das Unternehmen Fire Point durchsetzen wollen.
Verbindungen zum wichtigsten Drohnenhersteller des Landes?
Schon damals wurde in politischen Kreisen vermutet, hinter dem innerhalb weniger Jahre wie aus dem Nichts entstanden Unternehmen Fire Point stehe Tymur Minditsch. Fire Point wurde binnen kürzester Zeit zum größten Auftragnehmer auf dem ukrainischen Drohnenmarkt, international ist die Firma vor allem als Produzent des Marschflugkörpers Flamingo bekannt.
Der Betrieb von Fire Point gilt als effektiv, Technik des Unternehmens wurde unter anderem für die zunehmend erfolgreichen Angriffe auf Militäranlagen und Rüstungsfabriken in Russland (sog. deep strikes) genutzt. Was die Finanzierung von Fire Point angeht, gab es allerdings immer schon Fragezeichen.
Die Unternehmensleitung bestreitet bis heute vehement jede Verbindung zu Minditsch, der mit Sanktionen belegt ist und dem in der Ukraine bis zu zwölf Jahre Haft drohen. Sie gibt zu, der Geschäftsmann habe sich Anfang 2024 für den Kauf von 50 Prozent der Firmenanteile interessiert, alles andere streitet sie ab.
Enthüllungen aus vorgelesenen Gesprächsprotokollen
Doch das wird zunehmend schwieriger: Ende April veröffentlichte der Investigativjournalist Mychajlo Tkatsch, der für die Online-Zeitung Ukrajinska Prawda arbeitet, weitere Leaks aus den abgehörten Gesprächen des Kreises rund um Minditsch. Diesmal sind es nicht die originalen Audioaufnahmen, sondern Tkatsch liest Transkripte der Gespräche vor, die er laut eigenen Angaben von Quellen in politischen Kreisen erhalten hat. Die wichtigste Erkenntnis daraus: Es gab möglicherweise sehr wohl Verbindungen zwischen dem zwielichtigen Geschäftsmann Minditsch und Fire Point.
Den Transkripten zufolge erklärte Minditsch angeblich am 8. Juli 2025 Rustem Umjerow, der damals noch Verteidigungsminister war, wie wichtig staatliche Rüstungsaufträge für Fire Point seien – und bezieht sich auf die Firma dabei mit dem Wort „wir“. Minditsch soll unter anderem versprochen haben, Fire Point könne mehr ballistische Raketen – deren Produktion bei dem Unternehmen bislang eher im Entwicklungsstadium steckt – produzieren als US-amerikanische Lieferanten, wenn sich der Staat stärker finanziell beteiligt. Das sei bei dem damaligen Minister auf Unverständnis gestoßen: „So viele Milliarden für Raketen. Ich verstehe alles, aber das ist zu viel, Bruder“, soll Umjerow gesagt haben. Das Unternehmen würde bereits in ausreichender Weise vom Staat finanziert.
Diskussionen über die Echtheit der Transkripte
In Reaktion auf die jüngsten Leaks bestritt Fire-Point-Chefkonstrukteur Denys Stilerman jegliche Vorwürfe und sprach von „einem weiteren Angriff auf Fire Point“. Eine unabhängige Wirtschaftsprüfung habe im Sommer 2025 belegt, dass die Drohnen von Fire Point nicht zu überhöhten Preisen gehandelt würden. Stilerman behauptet, die Transkripte seien gefälscht. Darauf würde allein schon die Tatsache hinweisen, dass die Umsatzzahlen von Fire Point, von denen in den Leaks die Rede ist, deutlich überhöht seien.
Ob die neu aufgetauchten „Protokolle“ echt sind oder nicht, wird in der Ukraine kontrovers diskutiert. Fakt ist: Der Investigativjournalist Mychajlo Tkatsch, der sie veröffentlicht hat, genießt einen ausgesprochen guten Ruf. Und auch seine Kollegen in der Redaktion der Ukrajinska Prawda, die Innenpolitik-Experten Roman Krawez und Roman Romanjuk, zweifeln kaum daran, dass die Gespräche echt sind.
Zentral für die Verteidigung des Landes
Der mögliche Zusammenhang zwischen dem Fall Minditsch und der Firma Fire Point ist in vielerlei Hinsicht brisant. Drohnen vom Typ FP‑1 und FP‑2, die Fire Point produziert, sind Schätzungen zufolge für bis zu 70 Prozent der ukrainischen Schläge gegen russische Militär- und Ölinfrastruktur verantwortlich. Die Bedeutung des Unternehmens für die Ukraine im Verteidigungskrieg gegen Russland ist kaum zu unterschätzen.
Sollten Minditsch und seine Gefolgsleute auch mithilfe von Fire Point Gelder veruntreut haben, stellen sich gleich mehrere Fragen von enormer politischer Explosivität. Zum Beispiel, ob der in der Ukraine mit Sanktionen belegte Unternehmer nach wie vor Verbindungen zur Firma unterhält und weiterhin von ihr profitiert.
Außerdem wird Fire Point auch von ausländischen Partnern – allen voran Dänemark – finanziert und hat erst kürzlich mit dem deutschen Unternehmen Diehl Defence eine Zusammenarbeit bei der Flugabwehr europäischer Länder vereinbart. Und nicht zuletzt geht es – wie bei allen Fragen rund um Minditschgate – darum, ob und wenn ja wieviel Präsident Selenskyj von den möglichen Machenschaften wusste. Das Präsidentenbüro jedenfalls hat die Enthüllungen zunächst einmal nicht offiziell kommentiert.
Geld aus schwarzen Kassen und Häuser am Flussufer?
Auch andere Teile der veröffentlichten Transkripte könnten von öffentlichem Interesse sein. So soll Minditsch etwa mit Serhij Schefir, Kindheitsfreund und lange der engste Berater des Präsidenten – auch wenn er zum fraglichen Zeitpunkt längst nicht mehr in dieser Position tätig war –, darüber geredet haben, wie die Kaution für den des Amtsmissbrauchs und der Bestechlichkeit verdächtigten Ex-Vizepremier Oleksandr Tschernyschow finanziert werden solle – nämlich aus der „schwarzen Kasse“ von Minditsch.
Mit einer gewissen „Natalija“, deren Nachname in den Transkripten nicht genannt wird, soll Minditsch zudem über den angeblichen Bau von vier Häusern im Dorf Kosyn bei Kyjiw am Fluss Dnipro gesprochen haben. Den Veröffentlichungen zufolge habe dieser unter der Aufsicht von Tschernyschow stattfinden und mit Minditsch‘s Geld finanziert werden sollen. Laut dem Gespräch hätten die vier Gebäude künftig Minditsch selbst, Tschernyschow sowie einem „Andrij“ und einem „Wowa“ (kurz für Wolodymyr) gehören sollen. Schnell kochten die Gerüchte hoch, es könne sich dabei möglicherweise um Andrij Jermak und Wolodymyr Selenskyj handeln.
Zukunft von Rustem Umjerow ungewiss
Größere Sorgen muss sich der ukrainische Präsident zunächst allerdings neben dem militärisch wichtigen Unternehmens Fire Point um die politische Zukunft von Rustem Umjerow machen, dem Sekretär des Nationalen Sicherheitsrates. Als Verteidigungsminister hatte Umjerow die großen Hoffnungen, die man in ihn legte, nicht erfüllt – allerdings weiter die ukrainische Delegation in den Gesprächen mit den USA und Russland geleitet.
Seit dem Amtsantritt von Kyrylo Budanow als neuer Leiter des Präsidialamtes ist zwar formell nun dieser für den Verhandlungsprozess verantwortlich – Umjerows gute Kontakte in die Türkei und in die arabischen Länder sind für die Ukraine jedoch weiterhin äußerst wertvoll. Und auch für die US-Administration um Donald Trump ist der aus der Welt der Unternehmer kommende Umjerow ein zugänglicher Gesprächspartner.
Wie sich der mögliche Skandal auf die Vertrauenswerte von Präsident Selenskyj auswirkt, ist derzeit noch nicht abzusehen. Nach den ersten Enthüllungen im Fall Minditsch im November konnte er eine schwere politische Krise nicht zuletzt durch starke Personalentscheidungen abwenden. Selenskyj ernannte damals den beliebten Ex-Chef des Militärgeheimdienstes HUR, Kyrylo Budanow, zum Leiter seines Büros. In den vergangenen Wochen ging das Vertrauen in den Präsidenten laut dem Kyjiwer Internationalen Soziologie-Institut allerdings wieder etwas zurück: Während Selenskyj im März 62 Prozent der Ukrainerinnen und Ukrainer vertrauten, waren es im April 58 Prozent.
![]()
Verwandte Themen
Newsletter bestellen
Tragen Sie sich in unseren Newsletter ein und bleiben Sie auf dem Laufenden.




