„Face the Future“: Wie Chirurgen Soldaten das Gesicht retten

Chirurgen aus den USA und Kanada operieren gemeinsam mit ihren ukrainischen Kollegen Soldaten, die im Gesicht verwundet wurden. Innerhalb von fünf Tagen werden 30 Eingriffe durchgeführt. Wie das Aussehen und die Funktionen des Gesichts wiederhergestellt werden, schildert ein Beitrag von Frontliner.
In den Fluren des regionalen Krankenhauses von Iwano-Frankiwsk herrscht reges Treiben: Die Patienten sind unruhig, aufgeregt, blicken fragend zu den Ärzten und tun so, als würden sie die zahlreichen Kameras und Medienvertreter nicht bemerken. In einem Raum am Anfang des Flurs finden Untersuchungen statt. Die Patienten betreten den Raum einzeln und müssen sich durch die Ansammlung aus Journalisten und Ärzten drängen, die den Vorgang beobachten. Die Ärzte untersuchen die Verletzungen, bitte die Patienten, die Lippen zu spitzen und zu lächeln. Sie leuchten den Patienten ins Gesicht und befragen sie zu ihren Verletzungen. Die Mediziner beraten sich untereinander, schlagen verschiedene Optionen vor und erklären die Einzelheiten des Eingriffs.

Während der Untersuchungen gewöhnen sich die Ärzte langsam aneinander und machen Witze. Sie versuchen, sich über einen Dolmetscher zu verständigen und teilen die Patienten unter sich auf. Die Mediziner kommen aus verschiedenen Ländern und haben unterschiedliche Fachgebiete, aber etwas hat sie heute hier zusammengeführt.
Ein neues Augenlid, aus einem anderen Körperteil transplantiert
Oleksiy Tomashun ist 22 Jahre alt, davon verbrachte er vier beim Militär. Er hat eine Frau und einen anderthalbjährigen Sohn. Er hat praktisch sein ganzes Erwachsenenleben lang gekämpft, an der Front bei Donezk. Dort, nahe der Kleinstadt New York, erlitt er Verletzungen am Kopf und an der linken Körperhälfte – an Schulter, Arm und Bein. Er will sich nicht daran erinnern – ein Kamerad ist gefallen, dessen Leiche befindet sich noch immer dort. Nach seiner Verwundung blieb Oleksiy in der Armee, ist jetzt im Hinterland tätig. Zum Dienst gehe er wie zu einem gewöhnlichen Bürojob. Oleksiy hat einen gebrochenen Gesichtsknochen, sein rechtes Auge fehlt. Es wurde durch eine Prothese ersetzt, die rechte Gesichtshälfte ist vernarbt.

Oleksiy soll ein Augenlid aus einem Stück Haut erhalten, das von einer anderen Körperstelle entnommen wird. Er scherzt, dass er wegen der im Kopf verbliebenen Splitter die Sicherheitsschleusen am Flughafen nicht passieren könne.
Auf die Frage, wohin er gerne reisen würde, antwortet Oleksiy: nach Spanien, an den Strand. Er erzählt, wie er sich Europa vorstellt – als eine andere Welt, in der es die Probleme nicht gibt, die man in der Ukraine hat. Als eine Welt, in der das Leben ganz anders verläuft.
Wie die Mission „Face the Future“ begann
Bereits zum sechsten Mal kommen Chirurgen aus Kanada und den USA im Rahmen der Mission „Face the Future“ in die Ukraine, um rekonstruktive Operationen an durch den Krieg entstellten Soldaten und Zivilisten durchzuführen. Erstmals kamen die ausländischen Chirurgen im September 2022. Die in Lwiw stattfindende Mission fand damals noch unter dem Namen „Face to Face“ statt. Die HNO-Ärztin des Klinischen Krankenhauses Iwano-Frankiwsk und Leiterin der Mission, Nataliia Komashko, war sich nicht sicher, ob alles funktionieren würde. Da man zu diesem Zeitpunkt noch keine Erfahrung hatte, war es schwierig, die Abläufe in Gang zu bringen – die Ärzte kannten einander und die Verletzungen der Patienten nicht. Auch wussten die Mediziner nicht, ob sie der Belastung standhalten würden.

„Hier spielte mein Bruder eine große Rolle. Er ging von den ersten Tagen an als Freiwilliger an die Front. Ich hatte Zweifel: die Mission durchführen oder nicht. Er sagte: ‚Schau mal, Nataliia, ich könnte an der Stelle dieser verwundeten Soldaten sein.‘ Das war der entscheidende Moment“, sagt Komashko.
Damals wurden 35 Menschen operiert, nach Abschluss der Mission meldeten sich massenhaft neue Patienten. Man systematisierte die Daten, beriet sich mit Kollegen und erstellte Behandlungspläne. In dieser Zeit lernte das ukrainische Team Dr. Peter Adamson kennen.
Ruslan fehlte die Hälfte seines Gesichts
Ruslan ist 25 Jahre alt und seit 2019 in der Armee. Er scherzt mit seinem Zimmergenossen darüber, vor den Journalisten zu fliehen. Sollte er sich für den Weg aus dem Fenster entscheiden, müsse er wohl Fallschirmjäger werden.

Die Gesichtsverletzung – jetzt ist die Nase mit einem Pflaster abgeklebt, sodass nur noch die Narben drumherum zu sehen sind – erlitt er bereits im März 2022 in Isjum. Er evakuierte sich selbst, da es für seine Kameraden praktisch unmöglich war, zu ihm zu gelangen.
Trotz seiner Verwundung kämpft er weiter. Er ist bereits zum dritten Mal Patient der Mission. Er sagt, dass die Hälfte seines Gesichts gefehlt habe. Die Ärzte haben den Nasenflügel angehoben, die Atmung wiederhergestellt. Sein Gesicht sieht nun fast so aus wie vor der Verletzung. Ruslan hält es für sinnlos, Pläne für die Zukunft zu schmieden. Auf die Frage nach Träumen sagt er, dass er keine habe. Dann fügt er doch hinzu, dass er gerne ein Unternehmen eröffnen würde. Er lacht und sagt: kein gewöhnliches, sondern einen Nachtclub.
Wer nimmt an den Missionen teil?
Im Juli 2023 fand die erste Mission von „Face the Future“ statt. Obwohl die Chirurgen nun bereits zum sechsten Mal mit der Mission in der Ukraine sind, wird die Arbeit für sie nicht weniger. Es gibt immer mehr Patienten, weshalb es notwendig wurde, Wissen und Erfahrung weiterzugeben – damit auch ukrainische Chirurgen Gesichtsrekonstruktionen durchführen können.

„Es war wichtig, dieses Wissen nicht auf ein einziges Krankenhaus zu beschränken. Deshalb haben wir Kollegen aus Odesa und Kyjiw zur Mission eingeladen – alle, die Interesse bekundeten“, sagt Nataliia Komashko. Neben der Einbindung einer größeren Anzahl von Ärzten hat die Zusammenarbeit mit weiteren Krankenhäusern auch das Leben der Patienten erleichtert: Nun muss man für die Behandlung nicht unbedingt nach Iwano-Frankiwsk kommen. Zudem ermöglicht die Zusammenarbeit von Krankenhäusern aus verschiedenen Städten den Erfahrungsaustausch und die Fortsetzung der Arbeit, auch wenn die amerikanischen Spezialisten gerade nicht vor Ort sind.

„Face the Future“ umfasst mehrere Bereiche, jeder davon ist für eine bestimmte Art von Operationen zuständig. Mittlerweile nehmen fünfzehn Fachkräfte aus Kyjiw an der Mission teil: Ärzte, Krankenschwestern und Assistenzärzte.
Das Zuhause des verletzten Soldaten liegt in den besetzten Gebieten
Serhiy Kotelnikov ist 23 Jahre alt. Er stammt aus der Region Cherson und unterschrieb seinen Vertrag acht Monate vor Beginn der Vollinvasion Russlands in der Ukraine. Es fällt Serhiy schwer, sich an die Vergangenheit zu erinnern. Durch seine Verwundungen waren seine Erinnerungen verschwunden und kehrten erst nach einer langen Rehabilitation zurück. Erst nach drei Monaten begann er wieder zu sprechen. Er lernte Wörter und Buchstaben neu.
Die Folgen seiner Verwundung blieben in seinem Gesicht zurück: Sein linkes Auge fehlt, die Augenbraue ist zerschnitten und mit Narben übersät. So wie über seine eigene Vergangenheit fällt es Serhiy schwer, über seine Träume für die Zukunft zu sprechen.

„Nach Hause fahren. Aber das wird nicht mehr passieren“, seufzt er – denn sein Zuhause liegt in den besetzten Gebieten.
Erfahrungsaustausch und Ausbildung
Die Mission wurde zu einer Plattform für den Erfahrungsaustausch. Ukrainische Ärzte wissen, wie man mit durch Minen und Sprengstoffe herbeigeführten Verletzungen umgeht, amerikanische und kanadische Chirurgen haben Erfahrung mit den Folgen von Verkehrsunfällen und kennen sich gut mit rekonstruktiver Chirurgie aus. Die Ärzte arbeiten zusammen und haben die Möglichkeit, sich gegenseitig bei der Arbeit zu beobachten. Sie können komplexe, mehrstufige Operationen durchführen. Und sie können Fälle behandeln, die allein nicht zu bewältigen sind.

Die Zusammenarbeit schafft neue Möglichkeiten am Operationstisch, aber auch in der Ausbildung. Die Erfahrungen, die die Ärzte sammeln, gehen über die Grenzen der Sprechzimmer hinaus und liefern Stoff für die Lehre. Das Team organisiert Workshops und Konferenzen.
„Das Hauptziel unserer Anwesenheit hier ist, abgesehen von der Hilfe für die Soldaten, dass wir der Ukraine helfen wollen, ihr Gesundheitssystem weiterzuentwickeln. Das beginnt damit, dass wir dabei helfen, ukrainische Chirurgen auszubilden und zu schulen. Wir teilen unser Wissen und unsere Erfahrungen mit ihnen. Ebenso wichtig ist, dass sie auch ihre eigenen Erfahrungen mit uns teilen“, sagt Peter Adamson, Präsident und Gründer der Stiftung „Face the Future“. Er organisiert seit 1996 internationale chirurgische Einsätze.

Adamson erzählt, dass er sich entschlossen habe, eine Hilfsmission für die Ukraine zu gründen, da die ukrainischen Soldaten nicht nur ihr Land verteidigen, sondern auch seine Lebensweise – auf einem anderen Kontinent.
„Einige von uns glauben fest an die westliche Demokratie und die westlichen Werte. Es war sehr schwer, die Tragödie der ukrainischen Soldaten und des ukrainischen Volkes mitanzusehen. Sie sind sehr stark und verteidigen nicht nur die Ukraine. Sie verteidigen auch die Werte und die Lebensweise Nordamerikas. Ich bin kein Soldat, ich habe nicht die Möglichkeit, in den Krieg zu ziehen. Aber als Chirurg… wir haben Chirurgen, Krankenschwestern und Anästhesisten, die tatsächlich helfen können, die Soldaten zu versorgen. Und so wie die Soldaten ihre Pflicht erfüllen, indem sie der Menschheit dienen, erfüllen wir unsere Mission, um ihnen zu dienen. Dies ist unsere sechste Mission, und wir freuen uns, bei jeder davon Soldaten zu operieren“, sagt der Missionsleiter aus Kanada.
Sieben Stunden im Operationssaal
Der Operationssaal ist voller Menschen. Bis zur Operation bleibt noch Zeit für die Vorbereitung, aber im Raum ist bereits Aufregung zu spüren. Ständig kommen und gehen Menschen, bringen Materialien herein und unterhalten sich miteinander. Die älteren, erfahreneren Ärzte halten ihre Emotionen etwas besser im Zaum, die jüngeren scherzen mehr. Man sieht ihnen an, dass sie nervös sind. Endlich kommt der Patient herein – Serhiy Kotelnikov aus der Region Cherson.

Es handelt sich um eine komplexe Rekonstruktion des Bereichs um Auge und Nase. Die Operation soll mehr als fünf Stunden dauern. Neben dem Team aus ausländischen und ukrainischen Ärzten befinden sich im Raum auch Krankenpfleger und Krankenschwestern sowie Journalisten. Je komplizierter der Fall, desto mehr Menschen beobachten die Operation – wenn man die Tür zum Operationssaal öffnet, sieht man ein Dutzend Rücken in weißen Kitteln.
Serhiy legt sich auf die Liege, man verabreicht ihm die Narkose. Die nächsten Stunden werden schwierig. Man baut den Knochen um sein Auge wieder auf, indem man dafür einen Teil des Schädels entnimmt, der wiederum durch ein Implantat ersetzt wird. Auch die Position des Augenlids wird korrigiert – all das sind komplexe, zeitaufwändige Vorgänge.

Vier Chirurgen verschiedener Fachrichtungen sind im Einsatz: Raymond Cho und Scott Walen aus den USA, Jonathan Trites aus Kanada und die ukrainische Chirurgin Tetiana Pavlychuk. Die Operation sollte eigentlich fünf Stunden dauern, zieht sich aber über ganze sieben Stunden hin. Dennoch verläuft sie erfolgreich. Und damit haben sich alle Anstrengungen gelohnt.
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