Der KI-Soldat: Werden Maschinen künftig den Menschen im Krieg ersetzen?

Taktische Entscheidungen werden im Krieg in der Ukraine immer häufiger von Maschinen getroffen. KI ist nach über vier Jahren Krieg zu einem alltäglichen Instrument der ukrainischen Streitkräfte geworden, aber die letzte Entscheidungsgewalt liegt bislang beim Menschen. Das unabhängige ukrainische Medium Frontliner erklärt, was von der KI in Zukunft zu erwarten ist.
Am Mittag des 1. Juni 2025 hielt in der russischen Region Irkutsk, 4.000 km östlich der ukrainischen Grenze, ein Lkw an. Das Dach des Anhängers öffnete sich, von dort starteten kleine Quadrokopter-Drohnen, die zum Luftwaffenstützpunkt „Belaja“ flogen, wo sie mehrere strategische Bomber der russischen Streitkräfte zerstörten. Fast zeitgleich hielten Lastwagen in den Regionen Murmansk, Rjasan und Iwanowo an, wo sich dieses Szenario wiederholte.

Drohnen mit Machine Vision
Wenige Minuten nach dem Angriff tauchten in den ukrainischen Medien Drohnenaufnahmen vom Abschuss eines russischen Tu-95-Flugzeugs auf – so erfuhr die ganze Welt von der Spezialoperation „Pawutyna“ („Spinnennetz“). Die eingesetzten Drohnen waren mit Machine Vision ausgestattet, also mit Künstlicher Intelligenz.
Künstliche Intelligenz bezeichnet die Gesamtheit von Technologien, die die kognitiven Funktionen des Menschen nachahmen und hierfür Algorithmen, maschinelle Analyse und aufgabenbasiertes Lernen nutzen. KI kann große Datenmengen sammeln und nach deren Analyse Empfehlungen und Lösungsvorschläge für Aufgaben liefern. In der Regel trifft dennoch der Mensch am Ende die Entscheidung. Doch dieses Prinzip ändert sich allmählich. KI wird auf mehreren Ebenen für militärische Zwecke eingesetzt.
Die taktische Ebene
KI kommt etwa zum Einsatz, wenn ein Pilot von seinem Unterstand aus eine Drohne steuert, die sich in mehreren Dutzend Kilometern Entfernung befindet. Auf einem Tablet wählt der Pilot das Ziel aus und trifft die Entscheidung zum Angriff. Sobald sich die Drohne dem Ziel nähert und in den Wirkungsbereich der feindlichen elektronischen Kriegsführung gerät, erfasst sie das Ziel mithilfe von Machine Vision. Den Angriff führt die Drohne selbstständig durch – selbst dann, wenn die Verbindung zum Piloten gekappt wird.

Machine Vision ist eine Technologie, die mithilfe von Algorithmen und neuronalen Netzwerken die von der Kamera empfangenen Daten analysiert, ein Ziel erkennt und dieses entweder auf Anweisung eines Menschen oder eigenständig verfolgen und angreifen kann. Die Einführung dieser Technologie hat die Erfolgsquote bei ukrainischen Angriffen von 30 auf 80 Prozent gesteigert. Die ukrainische Aufklärungsdrohne „Saker Scout“ kann 64 Typen russischer Militärtechnik unterscheiden und ist in der Lage, unter Bedingungen aktiver elektronischer Kriegsführung zu operieren. Sie ortet das Ziel und übermittelt die Daten an eine FPV-Drohne, die dieses dann angreift. Nach Angaben der ukrainischen Regierungsplattform Brave1 aus dem vergangenen Jahr beschäftigen sich in der Ukraine über 200 Unternehmen mit der Entwicklung von Drohnen, die mit Machine Vision ausgestattet sind.

Eine weitere Facette des taktischen Einsatzes von KI sind robotergesteuerte Geschütztürme. Auch sie nutzen die Machine-Vision-Technologie, kommen jedoch in der statischen Verteidigung zum Einsatz. Der Geschützturm wird selbstständig oder mit Hilfe eines Bedieners aufgestellt und über einen gesicherten Kommunikationskanal mit einem Tablet verbunden. So kann das robotergesteuerte System Ziele in einem Umkreis von 800 Metern erkennen und bekämpfen. Die Entscheidung zum Schuss trifft nach wie vor ein Mensch, der Geschützturm ist keine autonome Waffe. Der Algorithmus erfasst potenzielle Ziele und wählt diese für den Menschen aus.

Der Einsatz von KI auf taktischer Ebene hat die Zeit für die Entscheidungsfindung von Stunden auf Minuten verkürzt, was zahlreiche ukrainische Soldatenleben rettet.
Die operative Ebene – Koordination und Planung
Auf operativer Ebene erfolgt die Koordination der Truppen auf dem Schlachtfeld. DELTA ist eine ukrainische Plattform, auf der verschiedene Arten von Informationen zusammengeführt werden: Satellitenbilder, Koordinaten der Positionen feindlicher Fahrzeuge, Daten von Drohnen. Eine schnelle Kreuzanalyse unterschiedlicher Datentypen erfasst die Lage operativ und liefert Handlungsoptionen. Die Automatisierung der Analyse spart Zeit und beschleunigt die Entscheidungsfindung.
Die strategische Ebene
Die taktische Ebene erstreckt sich über eine Tiefe von mehreren Kilometern, die operative Ebene über Dutzende von Kilometern. Die strategische Ebene hingegen bietet die Möglichkeit, Aufgaben in einer Tiefe von Tausenden Kilometern hinter der Front im feindlichen Hinterland auszuführen: die Bekämpfung der Luftkomponente der russischen Nukleartriade (interkontinentale ballistische Raketen, atomgetriebene U‑Boote und strategische Luftstreitkräfte), Attacken auf die Schwarzmeerflotte sowie Angriffe auf Ölraffinerien und die Energiewirtschaft tief im Inneren der Russischen Föderation. Obwohl die ukrainischen Sicherheitsbehörden keine Details über den Umfang des Einsatzes von Künstlicher Intelligenz bei diesen Spezialeinsätzen preisgeben, ist klar, dass all dies ohne Machine Vision unmöglich gewesen wäre.

Analytische Aufklärung
Humanoide Roboter konnten den Menschen bislang nicht an der Front ersetzen. Sie konnten aber in manchen Fällen die Rolle eines Aufklärers im Einsatzgebiet übernehmen.
Die Automatisierung der Analyse großer Datenmengen kann potenzielle Konflikte beschleunigen, indem sie die Voraussetzungen für deren Entstehung frühzeitig aufdeckt. Andererseits beschleunigt sie auch die Entscheidungsfindung in Kriegen, was zu deren schnellerem Ende führen kann.
Der Einsatz von KI zur Datenverarbeitung ist visuell der am wenigsten beeindruckende Teil – hier finden sich keine Aufnahmen von brennender Technik. Ohne diesen Teil wären jedoch Spezialeinsätze unmöglich oder würden zumindest deutlich mehr Vorbereitungszeit in Anspruch nehmen. In diesem Zusammenhang wird meist das amerikanische Unternehmen Palantir erwähnt. Einer der ersten Anwendungsfälle des Palantir-Systems durch die ukrainischen Sicherheitskräfte war die Befreiung der Region Cherson im Herbst 2022.
Weitere Anwendungsbereiche: Medizin und Justiz
Militärische KI wird nicht immer als Waffe oder zur Vorbereitung von Angriffen eingesetzt. Im Oktober letzten Jahres berichtete die britische Fachzeitschrift The Engineer von einem ukrainischen Medizingerät, das in Echtzeit Daten zur Herzfrequenz, Temperatur und zu anderen Parametern von Verletzten erfasst. Ein Algorithmus analysiert die Daten und legt Prioritäten für die Evakuierung der verletzten Person fest.
Eine weitere Anwendungsmöglichkeit ist die Prothetik. Das ukrainisch-amerikanische Unternehmen Esper Bionics stellt mit KI ausgestattete Handprothesen her. Mithilfe der KI passt sich das Gerät an die typischen Bewegungen des Benutzers an und lernt, diese präzise auszuführen.

Das amerikanische Unternehmen Clearview AI kann Personen anhand von Fotos identifizieren. Nach Angaben ukrainischer Beamter und des Unternehmens selbst hat Clearview dazu beigetragen, russische Kriegsverbrecher zu enttarnen.
Wie sieht die Zukunft aus?
Derzeit ist die KI-Technologie vollständig vom Menschen abhängig, benötigt eine Energieversorgung und hat keine physische Gestalt. Sie kann nicht lange autonom arbeiten. Das humanitäre Völkerrecht kennt bislang keine geregelten Vorgaben hinsichtlich der Grenzen des Einsatzes von KI im Krieg: weder seitens des Angreifers noch seitens der sich verteidigenden Partei. Experten gehen davon aus, dass es noch zwei bis drei Jahre dauern wird, bis die KI Eigenständigkeit erlangt – das heißt, autonom Entscheidungen treffen kann, etwa bei der Zerstörung von Zielen. Sie könnte auch eigenständig Daten sammeln und die Lage nach eigenem Ermessen analysieren, ohne sich zuvor menschliche Anweisungen einzuholen.
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