Der KI-Soldat: Werden Maschi­nen künftig den Men­schen im Krieg ersetzen?

Soldaten der ukrainischen Streitkräfte an Steuerungs- und Navigationsmonitoren während eines Angriffs auf russische Stellungen in der Region Donezk, Ukraine, 11. März 2025
Foto: Andriy Dubchak /​ Front­li­ner

Tak­ti­sche Ent­schei­dun­gen werden im Krieg in der Ukraine immer häu­fi­ger von Maschi­nen getrof­fen. KI ist nach über vier Jahren Krieg zu einem all­täg­li­chen Instru­ment der ukrai­ni­schen Streit­kräfte gewor­den, aber die letzte Ent­schei­dungs­ge­walt liegt bislang beim Men­schen. Das unab­hän­gige ukrai­ni­sche Medium Front­li­ner erklärt, was von der KI in Zukunft zu erwar­ten ist.

Am Mittag des 1. Juni 2025 hielt in der rus­si­schen Region Irkutsk, 4.000 km östlich der ukrai­ni­schen Grenze, ein Lkw an. Das Dach des Anhän­gers öffnete sich, von dort star­te­ten kleine Qua­dro­kop­ter-Drohnen, die zum Luft­waf­fen­stütz­punkt „Belaja“ flogen, wo sie mehrere stra­te­gi­sche Bomber der rus­si­schen Streit­kräfte zer­stör­ten. Fast zeit­gleich hielten Last­wa­gen in den Regio­nen Mur­mansk, Rjasan und Iwanowo an, wo sich dieses Sze­na­rio wiederholte.

Satellitenaufnahme

Satel­li­ten­auf­nahme aus öffent­lich zugäng­li­chen Quellen

Drohnen mit Machine Vision

Wenige Minuten nach dem Angriff tauch­ten in den ukrai­ni­schen Medien Droh­nen­auf­nah­men vom Abschuss eines rus­si­schen Tu-95-Flug­zeugs auf – so erfuhr die ganze Welt von der Spe­zi­al­ope­ra­tion „Pawut­yna“ („Spin­nen­netz“). Die ein­ge­setz­ten Drohnen waren mit Machine Vision aus­ge­stat­tet, also mit Künst­li­cher Intelligenz.

Künst­li­che Intel­li­genz bezeich­net die Gesamt­heit von Tech­no­lo­gien, die die kogni­ti­ven Funk­tio­nen des Men­schen nach­ah­men und hierfür Algo­rith­men, maschi­nelle Analyse und auf­ga­ben­ba­sier­tes Lernen nutzen. KI kann große Daten­men­gen sammeln und nach deren Analyse Emp­feh­lun­gen und Lösungs­vor­schläge für Auf­ga­ben liefern. In der Regel trifft dennoch der Mensch am Ende die Ent­schei­dung. Doch dieses Prinzip ändert sich all­mäh­lich. KI wird auf meh­re­ren Ebenen für mili­tä­ri­sche Zwecke eingesetzt.

Die tak­ti­sche Ebene

KI kommt etwa zum Einsatz, wenn ein Pilot von seinem Unter­stand aus eine Drohne steuert, die sich in meh­re­ren Dutzend Kilo­me­tern Ent­fer­nung befin­det. Auf einem Tablet wählt der Pilot das Ziel aus und trifft die Ent­schei­dung zum Angriff. Sobald sich die Drohne dem Ziel nähert und in den Wir­kungs­be­reich der feind­li­chen elek­tro­ni­schen Kriegs­füh­rung gerät, erfasst sie das Ziel mit­hilfe von Machine Vision. Den Angriff führt die Drohne selbst­stän­dig durch – selbst dann, wenn die Ver­bin­dung zum Piloten gekappt wird.

Ein Soldat der ukrainischen Streitkräfte verfolgt den Flug einer Drohne auf einem Tablet, Region Donezk, Ukraine, 11. März 2025.
Foto: Andriy Dubchak/​Frontliner

Machine Vision ist eine Tech­no­lo­gie, die mit­hilfe von Algo­rith­men und neu­ro­na­len Netz­wer­ken die von der Kamera emp­fan­ge­nen Daten ana­ly­siert, ein Ziel erkennt und dieses ent­we­der auf Anwei­sung eines Men­schen oder eigen­stän­dig ver­fol­gen und angrei­fen kann. Die Ein­füh­rung dieser Tech­no­lo­gie hat die Erfolgs­quote bei ukrai­ni­schen Angrif­fen von 30 auf 80 Prozent gestei­gert.  Die ukrai­ni­sche Auf­klä­rungs­drohne „Saker Scout“ kann 64 Typen rus­si­scher Mili­tär­tech­nik unter­schei­den und ist in der Lage, unter Bedin­gun­gen aktiver elek­tro­ni­scher Kriegs­füh­rung zu ope­rie­ren. Sie ortet das Ziel und über­mit­telt die Daten an eine FPV-Drohne, die dieses dann angreift. Nach Angaben der ukrai­ni­schen Regie­rungs­platt­form Brave1 aus dem ver­gan­ge­nen Jahr beschäf­ti­gen sich in der Ukraine über 200 Unter­neh­men mit der Ent­wick­lung von Drohnen, die mit Machine Vision aus­ge­stat­tet sind.

Abbildung der ukrainischen Aufklärungsdrohne Saker Scout von der offiziellen Website des Herstellers.

Abbil­dung der ukrai­ni­schen Auf­klä­rungs­drohne Saker Scout von der offi­zi­el­len Website des Herstellers

 

Eine weitere Facette des tak­ti­schen Ein­sat­zes von KI sind robo­ter­ge­steu­erte Geschütz­türme. Auch sie nutzen die Machine-Vision-Tech­no­lo­gie, kommen jedoch in der sta­ti­schen Ver­tei­di­gung zum Einsatz. Der Geschütz­turm wird selbst­stän­dig oder mit Hilfe eines Bedie­ners auf­ge­stellt und über einen gesi­cher­ten Kom­mu­ni­ka­ti­ons­ka­nal mit einem Tablet ver­bun­den. So kann das robo­ter­ge­steu­erte System Ziele in einem Umkreis von 800 Metern erken­nen und bekämp­fen. Die Ent­schei­dung zum Schuss trifft nach wie vor ein Mensch, der Geschütz­turm ist keine auto­nome Waffe. Der Algo­rith­mus erfasst poten­zi­elle Ziele und wählt diese für den Men­schen aus.

Abbildung des ukrainischen robotischen Geschützturms Shablya von der offiziellen Website des Herstellers.

Abbil­dung des ukrai­ni­schen robo­ti­schen Geschütz­turms Shablya von der offi­zi­el­len Website des Herstellers

 

Der Einsatz von KI auf tak­ti­scher Ebene hat die Zeit für die Ent­schei­dungs­fin­dung von Stunden auf Minuten ver­kürzt, was zahl­rei­che ukrai­ni­sche Sol­da­ten­le­ben rettet.

Die ope­ra­tive Ebene – Koor­di­na­tion und Planung

Auf ope­ra­ti­ver Ebene erfolgt die Koor­di­na­tion der Truppen auf dem Schlacht­feld. DELTA ist eine ukrai­ni­sche Platt­form, auf der ver­schie­dene Arten von Infor­ma­tio­nen zusam­men­ge­führt werden: Satel­li­ten­bil­der, Koor­di­na­ten der Posi­tio­nen feind­li­cher Fahr­zeuge, Daten von Drohnen. Eine schnelle Kreuz­ana­lyse unter­schied­li­cher Daten­ty­pen erfasst die Lage ope­ra­tiv und liefert Hand­lungs­op­tio­nen. Die Auto­ma­ti­sie­rung der Analyse spart Zeit und beschleu­nigt die Entscheidungsfindung.

Die stra­te­gi­sche Ebene

Die tak­ti­sche Ebene erstreckt sich über eine Tiefe von meh­re­ren Kilo­me­tern, die ope­ra­tive Ebene über Dut­zende von Kilo­me­tern. Die stra­te­gi­sche Ebene hin­ge­gen bietet die Mög­lich­keit, Auf­ga­ben in einer Tiefe von Tau­sen­den Kilo­me­tern hinter der Front im feind­li­chen Hin­ter­land aus­zu­füh­ren: die Bekämp­fung der Luft­kom­po­nente der rus­si­schen Nukle­ar­triade (inter­kon­ti­nen­tale bal­lis­ti­sche Raketen, atom­ge­trie­bene U‑Boote und stra­te­gi­sche Luft­streit­kräfte), Atta­cken auf die Schwarz­meer­flotte sowie Angriffe auf Ölraf­fi­ne­rien und die Ener­gie­wirt­schaft tief im Inneren der Rus­si­schen Föde­ra­tion. Obwohl die ukrai­ni­schen Sicher­heits­be­hör­den keine Details über den Umfang des Ein­sat­zes von Künst­li­cher Intel­li­genz bei diesen Spe­zi­al­ein­sät­zen preis­ge­ben, ist klar, dass all dies ohne Machine Vision unmög­lich gewesen wäre.

Screenshot aus einem vom Sicherheitsdienst der Ukraine öffentlich veröffentlichten Video.

Screen­shot aus einem vom Sicher­heits­dienst der Ukraine öffent­lich ver­öf­fent­lich­ten Video

 

Ana­ly­ti­sche Aufklärung

Huma­no­ide Roboter konnten den Men­schen bislang nicht an der Front erset­zen. Sie konnten aber in manchen Fällen die Rolle eines Auf­klä­rers im Ein­satz­ge­biet übernehmen.

Die Auto­ma­ti­sie­rung der Analyse großer Daten­men­gen kann poten­zi­elle Kon­flikte beschleu­ni­gen, indem sie die Vor­aus­set­zun­gen für deren Ent­ste­hung früh­zei­tig auf­deckt. Ande­rer­seits beschleu­nigt sie auch die Ent­schei­dungs­fin­dung in Kriegen, was zu deren schnel­le­rem Ende führen kann.

Der Einsatz von KI zur Daten­ver­ar­bei­tung ist visuell der am wenigs­ten beein­dru­ckende Teil – hier finden sich keine Auf­nah­men von bren­nen­der Technik. Ohne diesen Teil wären jedoch Spe­zi­al­ein­sätze unmög­lich oder würden zumin­dest deut­lich mehr Vor­be­rei­tungs­zeit in Anspruch nehmen. In diesem Zusam­men­hang wird meist das ame­ri­ka­ni­sche Unter­neh­men Palan­tir erwähnt. Einer der ersten Anwen­dungs­fälle des Palan­tir-Systems durch die ukrai­ni­schen Sicher­heits­kräfte war die Befrei­ung der Region Cherson im Herbst 2022.

Weitere Anwen­dungs­be­rei­che: Medizin und Justiz

Mili­tä­ri­sche KI wird nicht immer als Waffe oder zur Vor­be­rei­tung von Angrif­fen ein­ge­setzt. Im Oktober letzten Jahres berich­tete die bri­ti­sche Fach­zeit­schrift The Engi­neer von einem ukrai­ni­schen Medi­zin­ge­rät, das in Echt­zeit Daten zur Herz­fre­quenz, Tem­pe­ra­tur und zu anderen Para­me­tern von Ver­letz­ten erfasst. Ein Algo­rith­mus ana­ly­siert die Daten und legt Prio­ri­tä­ten für die Eva­ku­ie­rung der ver­letz­ten Person fest.

Eine weitere Anwen­dungs­mög­lich­keit ist die Pro­the­tik. Das ukrai­nisch-ame­ri­ka­ni­sche Unter­neh­men Esper Bionics stellt mit KI aus­ge­stat­tete Hand­pro­the­sen her. Mit­hilfe der KI passt sich das Gerät an die typi­schen Bewe­gun­gen des Benut­zers an und lernt, diese präzise auszuführen.

Eine bionische Handprothese in einem Rehabilitationszentrum in Kyjiw, Ukraine, April 2024.
Foto: Mykhaylo Palinchak
Eine bio­ni­sche Hand­pro­these in einem Reha­bi­li­ta­ti­ons­zen­trum in Kyjiw, Ukraine, April 2024

 

Das ame­ri­ka­ni­sche Unter­neh­men Cle­ar­view AI kann Per­so­nen anhand von Fotos iden­ti­fi­zie­ren. Nach Angaben ukrai­ni­scher Beamter und des Unter­neh­mens selbst hat Cle­ar­view dazu bei­getra­gen, rus­si­sche Kriegs­ver­bre­cher zu enttarnen.

Wie sieht die Zukunft aus?

Derzeit ist die KI-Tech­no­lo­gie voll­stän­dig vom Men­schen abhän­gig, benö­tigt eine Ener­gie­ver­sor­gung und hat keine phy­si­sche Gestalt. Sie kann nicht lange autonom arbei­ten. Das huma­ni­täre Völ­ker­recht kennt bislang keine gere­gel­ten Vor­ga­ben hin­sicht­lich der Grenzen des Ein­sat­zes von KI im Krieg: weder seitens des Angrei­fers noch seitens der sich ver­tei­di­gen­den Partei. Exper­ten gehen davon aus, dass es noch zwei bis drei Jahre dauern wird, bis die KI Eigen­stän­dig­keit erlangt – das heißt, autonom Ent­schei­dun­gen treffen kann, etwa bei der Zer­stö­rung von Zielen. Sie könnte auch eigen­stän­dig Daten sammeln und die Lage nach eigenem Ermes­sen ana­ly­sie­ren, ohne sich zuvor mensch­li­che Anwei­sun­gen einzuholen.

Diese Repor­tage erschien zuerst auf frontliner.ua.

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