Häuser auf den Gebei­nen tau­sen­der Ermor­de­ter

Im ukrai­ni­schen Poltawa soll ein Areal als Bau­ge­lände ver­mie­tet werden, auf dem sowohl der sowje­ti­sche Geheim­dienst als auch Mord­kom­man­dos der SS mit Hilfe der Wehr­macht viele tau­sende Men­schen ermor­det haben. Stadt­rat und Zivil­ge­sell­schaft ver­su­chen einen Kom­pro­miss zu finden. Von Chris­toph Brumme

Von welchem Balkon aus Adolf Hitler geredet hat, das weiß in der ukrai­ni­schen Stadt Poltawa fast jeder. Aber wo tau­sende jüdi­sche Men­schen, sowje­ti­sche Kriegs­ge­fan­gene und Zivi­lis­ten von den Deut­schen ermor­det wurden, das weiß nicht einmal der Stadt­rat. Dabei ist der Ort des Grauens nur wenige hundert Meter vom Gebäude des Stadt­rats ent­fernt.

Die Abge­ord­ne­ten der Stadt wollen Beweise sehen, wo genau die Mas­sen­morde statt­ge­fun­den haben, sonst wird das Areal als Bauland ver­pach­tet. Die Pro­teste von 15 gesell­schaft­li­chen Orga­ni­sa­tio­nen haben über­haupt erst einen Auf­schub dieses Beschlus­ses bewirkt. Aber Beweise zu erbrin­gen, ist gar nicht so einfach. Denn das Archiv des ukrai­ni­schen Sicher­heits­diens­tes SBU, in dem die ent­spre­chen­den Doku­mente lagern, ist nicht für jeder­mann zugäng­lich. Vor zwei Jahren durften dort einen Tag lang Stu­den­ten eine Aus­stel­lung sehen, das galt als Sen­sa­tion. Den Ver­tre­tern von Nicht­re­gie­rungs­or­ga­ni­sa­tio­nen jedoch, die für einen Doku­men­tar­film über den Holo­caust in Poltawa Nach­for­schun­gen anstel­len wollten, wurde der Zugang zum Archiv ver­wei­gert.

Portrait von Christoph Brumme

Chris­toph Brumme ver­fasst Romane und Repor­ta­gen. Seit dem Früh­jahr 2016 lebt er in der ukrai­ni­schen Stadt Poltawa.

Poltawa wurde am 19. Sep­tem­ber 1941 von der Wehr­macht ein­ge­nom­men, hier wurde das Haupt­quar­tier der deut­schen Hee­res­gruppe Süd ein­ge­rich­tet, die Sta­lin­grad und das Kau­ka­sus­ge­biet erobern sollten. Hitler kam zwei Mal nach Poltawa, am 3. Dezem­ber 1941 und am 1. Juni 1942. Schon wenige Tage nach Beginn der Okku­pa­tion ermor­de­ten die Deut­schen viele jüdi­sche Men­schen. Die glei­chen Ein­satz­trup­pen der „Sicher­heits­po­li­zei“, die bei Kiew in der Schlucht von Babi Yar 33.000 jüdi­sche Men­schen getötet hatten, mor­de­ten auch in Poltawa. Wehr­macht und SS arbei­te­ten zusam­men, ver­ant­wort­li­cher Ober­be­fehls­ha­ber war Gene­ral­feld­mar­schall Walter von Rei­chenau, der unmit­tel­bare Befehls­ha­ber SS-Stan­dar­ten­füh­rer Paul Blobel. In Poltawa sollen die Deut­schen nach neu­es­ten Schät­zun­gen ins­ge­samt 34.000 Men­schen ermor­det haben. Etwa ein Drittel von ihnen waren Juden, etwa ein Drittel waren sowje­ti­sche Kriegs­ge­fan­gene und alle anderen waren Zivi­lis­ten.

Sie nutzten für ihre Morde ein Gelände, auf dem in den Jahren zuvor schon der sowje­ti­sche Geheim­dienst viele tau­sende angeb­li­che „Feinde des Volkes“ gefol­tert und hin­ge­rich­tet hatte. Damals stand die soge­nannte Rote Kaserne am Stadt­rand, doch inzwi­schen ist die Stadt gewach­sen, der größte Markt ist jetzt nur wenige Geh­mi­nu­ten ent­fernt. Das Gelände ist heute teil­weise ein Park, teil­weise aber auch freier Acker. Men­schen spa­zie­ren dort, braten Schasch­lik, feiern Partys. Es gibt keine offi­zi­el­len Gräber, keine Mar­kie­run­gen, wo der Bereich der Tötun­gen war. Ledig­lich zwei Gedenk­steine erin­nern an die Opfer, jedoch nur an die Opfer der Deut­schen.

Auf dem einen Stein lautet die Inschrift „Die Erin­ne­rung an sie ist in unserem Herzen – den getö­te­ten sowje­ti­schen Men­schen 1941 – 1943“. Auf dem zweiten Gedenk­stein, errich­tet auf­grund einer Pri­vat­in­itia­tive noch zu Zeiten der Sowjet­union, ist auf Hebrä­isch und Ukrai­nisch zu lesen, „Nicht alle Opfer des Nazis­mus waren Juden. Aber alle Juden waren Opfer des Nazis­mus.“ Und in drei ukrai­ni­schen Zeilen wird das jüdi­sche Volk dazu auf­ge­ru­fen, „die unsterb­li­che Kraft des Geistes“ zu loben. Außer­dem stehen am Rande des Areals auf einer alten, oft mit Graf­fiti beschmier­ten Tafel, noch all­ge­meine Hin­weise, dass an diesem Ort Men­schen ermor­det wurden, „die leben wollten“.

Unter den sowje­ti­schen Macht­ha­bern galten sowohl die mas­sen­haf­ten Tötun­gen des eigenen Geheim­diens­tes als auch die Mas­sen­morde der Deut­schen als Staats­ge­heim­nisse. Zu ähnlich waren sich die deut­sche und die sowje­ti­sche Mord­ma­schi­ne­rie. Wäre an die Ver­bre­chen der Deut­schen erin­nert worden, hätte man viel­leicht auch nach den sowje­ti­schen unter Stalin gefragt. Sogar noch während der anti­se­mi­ti­schen Kam­pa­gnen zwi­schen den Jahren 1961 und 1964 gegen den „Dieb­stahl sozia­lis­ti­schen Eigen­tums“ wurden mehrere Juden in Poltawa fest­ge­nom­men und zu langen Haft­stra­fen und sogar zu Todes­stra­fen ver­ur­teilt.

Jetzt haben die pro­tes­tie­ren­den Akti­vis­ten und die Ver­tre­ter der jüdi­schen Gemeinde zwei Monate Zeit, Doku­mente über die genauen Orte vor­zu­le­gen, an denen sich die Gebeine der Ermor­de­ten befin­den. Die bisher gezeig­ten Doku­mente über­zeu­gen die Abge­ord­ne­ten nicht, unter anderem eine Luft­auf­nahme von US-ame­ri­ka­ni­schen Flie­gern, auf welcher die Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger der Deut­schen zu sehen sind. Wenn die Beweise nicht aus­rei­chen, wird das Land wie geplant ver­pach­tet und es werden Wohn­häu­ser auf ihm gebaut. Die zustän­dige Kom­mis­sion des Stadt­ra­tes ver­si­chert, dass die Bau­ar­bei­ten unter­bro­chen werden, sollten sterb­li­che Über­reste gefun­den werden. Dann sollen die Gebeine umge­bet­tet und dann soll weiter gebaut werden. Jedoch erklä­ren die Ver­tre­ter der jüdi­schen Gemeinde, dass die Über­reste von Men­schen nach ihrem Glauben nicht an einen anderen Ort gebracht werden können. Ihrer Ansicht nach dürften die Stadt­be­hör­den ohne Berück­sich­ti­gung der Begräb­nis­stät­ten keine Unter­la­gen für die Ent­wick­lung dieses Ter­ri­to­ri­ums erstel­len, sonst begin­gen sie ein Ver­bre­chen. Sie berufen sich auf das Dekret des ukrai­ni­schen Minis­ter­ka­bi­netts Nr. 1867, dem­zu­folge Bau­ar­bei­ten auf den Ter­ri­to­rien der Opfer von Kriegs- und Repres­si­ons­hand­lun­gen von außer­par­la­men­ta­ri­schen Kom­mis­sio­nen ent­schie­den werden müssen, also im Dialog mit den Bürgern und spe­zia­li­sier­ten gesell­schaft­li­chen Orga­ni­sa­tio­nen.

Den Zusi­che­run­gen des Stadt­rats, die Bau­ar­bei­ten bei Bedarf zu unter­bre­chen, ist ohnehin schwer zu glauben. Denn erst am 29. März wurden Straf­ver­fah­ren wegen Macht­miss­brauch gegen die für Bau­ge­neh­mi­gun­gen zustän­di­gen Aus­schüsse eröff­net. Beim Bau neuer Häuser muss Infra­struk­tur-Hilfe an die Stadt gezahlt werden, bis zu vier Prozent des Bau­werts. Die Abge­ord­ne­ten legten bei etli­chen Neu­bau­ten der letzten Zeit nur 0,05 Prozent fest. Dazu gehören Häuser des ehe­ma­li­gen Bür­ger­meis­ters, der im Herbst letzten Jahres abge­wählt wurde. Doch auch in der neuen Koali­tion ist einer der füh­ren­den Poli­ti­ker ein wich­ti­ger Bauherr. Er ist Vor­sit­zen­der des Block Poro­schenko und trägt im Volks­mund er den Spitz­na­men „Fünfzig Prozent“, weil er in seiner Amts­zeit als Bür­ger­meis­ter bei neu geneh­mig­ten Geschäf­ten angeb­lich immer fünfzig Prozent von den Gewin­nen haben wollte.

„Wem gefällt die Deponie?“, fragt er während der öffent­li­chen Sitzung des Stadt­ra­tes. „Die Akti­vis­ten kon­stru­ie­ren eine Situa­tion, als ob wir etwas Ille­ga­les tun wollen.“ Seinen Angaben zufolge wurden schon im Sommer 2006 Aus­hub­ar­bei­ten durch­ge­führt und es wurden keine sterb­li­chen Über­reste gefun­den. Aber bereits vor zwei Jahren waren nach dem Frost des Winters bei Kana­li­sa­ti­ons­ar­bei­ten mensch­li­che Knochen an die Erd­ober­flä­che gekom­men, ohne dass die Bau­ar­bei­ten deshalb gestoppt wurden. Die städ­ti­sche Behörde zum Schutz und zur Erfor­schung archäo­lo­gi­scher Denk­mä­ler erklärte damals, sie sei dafür nicht zustän­dig, rief aber dazu auf, die Such­ak­ti­vi­tä­ten fort­zu­set­zen.

Der Stadt­rat beschloss nun, eine Arbeits­gruppe ein­zu­rich­ten, die ver­su­chen soll, eine Lösung zu finden. Doch wie diese Lösung aus­se­hen soll, ist völlig unklar. Die Bürger fordern, die Grab­stät­ten zu bestim­men und ein wür­di­ges Denkmal zu errich­ten wie etwa in Baby Yar bei Kiew. Die Ver­tre­te­rin der jüdi­schen Gemeinde, Sasha Supra-Zhenko bot an, alle Begräb­nis­stät­ten zu iden­ti­fi­zie­ren, den alten Fried­hof, den Ort der Erschie­ßun­gen von Zivi­lis­ten durch den sowje­ti­schen Geheim­dienst und die zwei Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger, in denen die Deut­schen Besat­zer Kriegs­ge­fan­gene töteten. Man werde mit der Aka­de­mie der Wis­sen­schaf­ten der Ukraine und mit dem Ame­ri­ka­nisch-Jüdi­schen Komitee für Juden der ehe­ma­li­gen Sowje­tion zusam­men­ar­bei­ten, um das weitere Vor­ge­hen zu beraten.

Die Stadt­ver­wal­tung hin­ge­gen erklärt, die Vor­schläge der Demons­tran­ten würden nur zu jah­re­lan­gen Ver­zö­ge­run­gen führen. Es sei weder zeit­lich noch finan­zi­ell rea­lis­tisch, nach den sterb­li­chen Über­res­ten von Men­schen auf dem gesam­ten Ter­ri­to­rium zu suchen. Für die Unter­su­chung von einem Hektar Land wird ein Jahr benö­tigt, und es müssten min­des­tens zehn, eigent­lich sogar 56 Hektar erkun­det werden. Die Erkun­dung von einem Hektar kostet zwei bis drei Mil­lio­nen Griwna, umge­recht­net 67.000 – 100.000 Euro.

Tat­säch­lich teilen nicht alle Men­schen aus Poltawa die Ein­wände der Akti­vis­ten gegen die Bau­pläne, zumal nur eine Min­der­heit von den Ver­bre­chen der Nazis und des sowje­ti­schen Geheim­diens­tes etwas gehört hat, nur vier von zehn Jugend­li­chen bei­spiels­weise, wie eine Umfrage ergab.

„Dieses Thema ist so traurig, dabei ist die Gegen­wart doch schon traurig genug. Warum soll man Geld aus­ge­ben für ein Denkmal, wenn die Rentner und Inva­li­den nicht genug Geld haben, um lebens­not­wen­dige Medi­ka­mente zu kaufen?“, fragt ein Kom­men­ta­tor im Online-Magazin Pol­taw­schina.

Der Akti­vist Wiktor Tro­fi­menko von der NGO „Save Poltawa“ hofft, dass mit dem neuen Prä­si­den­ten Wolo­dy­myr Selens­kij sich die Chancen ver­bes­sern, zumin­dest umfas­sende Auf­klä­rung betrei­ben und die Archive des Sicher­heits­diens­tes SBU für alle Inter­es­sier­ten öffnen zu können. Weil Selens­kij selbst Jude sei, habe er viel­leicht mehr Ver­ständ­nis für dieses Anlie­gen. Und die Ver­bre­chen der Ver­gan­gen­heit sollten drin­gend Lehr­stoff in den Schulen und Uni­ver­si­tä­ten werden.

Denn das Ver­gan­gene ist nicht tot, es ist nicht einmal ver­gan­gen, wie der ame­ri­ka­ni­sche Schrift­stel­ler William Faulk­ner in seinem Roman „Requiem für eine Nonne“ schrieb. Bevor am 23. Mai Archäo­lo­gen aus Lwiw das Gelände der Roten Kaserne unter­su­chen und die genauen Orte der Mas­sen­grä­ber bestim­men konnten, fanden Spa­zier­gän­ger dort in dieser Woche (am 15. Mai) etwa 50 mensch­li­che Knochen mit Spuren von Schuss­wun­den. Laut dem Foren­si­ker sind diese Knochen über 70 Jahre alt. Sie werden nun kri­mi­no­lo­gisch unter­sucht, erklärte der Inspek­tor der Unter­su­chungs­ab­tei­lung des Kiewer Gebiets.

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