Vier Tage leben in “Moskau”

Die 75-jährige Lydmila Kiri­chenko im Keller ihres Wohn­hau­ses in Sal­tiwka, Charkiw; Foto: Carol Guzy /​ Imago Images

Die ukrai­ni­sche Jour­na­lis­tin Marichka Paplaus­kaite kam im Sommer nach Deutsch­land, um sich zu erholen und Inspi­ra­tion zu sammeln. Doch sie stieß auch auf unsen­si­ble Sym­bo­lik und frag­wür­dige Auf­for­de­run­gen zur Dia­log­be­reit­schaft. Ein Erfahrungsbericht.

Ende Dezem­ber 2021 begin­gen wir – meine Kolleg:innen und ich, die wir als Journalist:innen für ein kleines unab­hän­gi­ges Medium tätig sind – unsere tra­di­tio­nelle Win­ter­be­triebs­feier außer­halb der Stadt. Tags­über spa­zier­ten wir durch den ver­schnei­ten Wald, abends wärmten wir uns im Häus­chen auf. Wir fassten die Ergeb­nisse unserer Arbeit aus dem ver­gan­ge­nen Jahr zusam­men und schmie­de­ten Pläne für das kom­mende Jahr. Es war ein gemüt­li­ches Treffen unter Gleich­ge­sinn­ten, die ähn­li­che Werte und Inter­es­sen teilen. Ich weiß noch, wie wir eines Abends hinter dem gewal­ti­gen Holz­tisch im warmen Lam­pen­schein saßen, Glüh­wein tranken und so sehr lachten, wie es nur junge und lebens­hung­rige Men­schen tun können. Wäh­rend­des­sen betrach­tete ich meine Kolleg:innen und konnte mein Unbe­ha­gen nicht ver­ber­gen. Der Gedanke, dass ein Über­fall Russ­lands unsere Lebens­wege mit aller Gewalt ver­än­dern könnte, erschüt­terte mich bis ins Mark.

Und genau so kam es dann auch. Alle unsere Pläne, unsere Träume, unser gewohn­tes Leben wurden mit den ersten Tref­fern rus­si­scher Raketen im Mor­gen­grauen des 24. Februar zer­stört. Plötz­lich stand das Über­le­ben an vor­ders­ter Stelle: Wo findet man einen siche­ren Unter­stand? Wie bringt man einem Sechs­jäh­ri­gen bei, nicht jedes Mal in Panik zu ver­fal­len, wenn man unter Sire­nen­ge­heul in den Keller flüch­ten muss? Wie kann man seine Eltern zur Flucht bewegen und sie sicher aus einer Stadt bringen, die gestern noch die fried­li­che Stadt deiner Kind­heit gewesen – und binnen eines Tages zur Kriegs­front gewor­den ist? Wie wappnet man seinen Mann für den Krieg – einen Men­schen, der bisher nicht das Geringste mit der Armee zu tun hatte, der Anwalt, IT-Spe­zia­list, Bar­kee­per ist?

Wie behält man die Nerven, wenn er wochen­lang nicht an sein Handy geht? Woher nimmt man die Kraft zum Durch­hal­ten, wenn einen die Nach­richt ereilt, dass ein nahe­ste­hen­der Mensch gefal­len ist und sie seinen Leich­nam tage­lang nicht vom Schlacht­feld abholen können, da der Beschuss nicht nach­lässt? Wie soll man bei alledem wei­ter­ar­bei­ten und in Texten und Fotos Hun­derte ähn­li­cher Tra­gö­dien seiner Mit­bür­ger erzäh­len? Das sind keine belie­bi­gen Bilder, sondern wahre Geschich­ten aus meinem neuen Leben und dem meiner Kolleg:innen.

Retreat in “Moskau”

Nachdem ich fünf Monate unter Kriegs­be­din­gun­gen gelebt und gear­bei­tet habe, freute ich mich über eine Ein­la­dung nach Deutsch­land zu einem vier­tä­ti­gen Retreat für ukrai­ni­sche Journalist:innen. Das ruhige, mit­tel­al­ter­li­che Guts­haus des Semi­nar­zen­trums, einsam zwi­schen Wei­zen­fel­dern an der Ost­see­küste gelegen und die Grup­pen­ar­beit mit einem Psy­cho­lo­gen hätten meinen Kolleg:innen und mir die Mög­lich­keit geben sollen, Abstand zu gewin­nen, den Akku wieder auf­zu­la­den und Kraft zu tanken für den wei­te­ren Kampf an der Infor­ma­ti­ons­front. So war es dann auch. Wäre da nicht dieses „Moskau“ gewesen.

So hieß das Zimmer, in dem ich unter­ge­bracht worden war. Die Lei­te­rin des Zen­trums bemerkte nicht einmal, dass sie mir den Schlüs­sel zu einem Zimmer reichte, auf dem „Moskau“ geschrie­ben stand. Als wäre es ganz normal, eine Person, die für einige Tage dem Krieg ent­kom­men war, in einem Zimmer unter­zu­brin­gen, das nach der Haupt­stadt des Angrei­fer­lan­des benannt ist. Sie sagte dazu: „Ich habe nicht darüber nach­ge­dacht.“ Von einer Ent­schul­di­gung war zunächst keine Rede. Da ich keinen Skandal her­vor­ru­fen wollte, habe ich den Namen des Zimmers behut­sam mit einem Schild über­klebt, auf das ich „Kyjiw“ geschrie­ben hatte. Das Stück­chen Papier wurde vom Per­so­nal des Zen­trums ent­fernt, noch bevor ich abge­reist war.

„Unser Zentrum wurde im Namen des Dialogs und der Ver­stän­di­gung gegrün­det – beides war sehr wichtig für das Nach­kriegs­eu­ropa“, erklärte die Lei­te­rin des Zen­trums die Gründe für die Exis­tenz eines Raumes mit dem Namen „Moskau“. Offen­sicht­lich war sie noch immer nicht bereit, die neue Rea­li­tät zu akzep­tie­ren, in der die Welt an der Schwelle zum nächs­ten Welt­krieg steht und eben­je­nes Moskau die Schuld dafür trägt. Dieser Umstand hat mich und meine Kolleg:innen empört – umso mehr, als wir fest­stel­len mussten, dass die Posi­tion der Lei­te­rin unter deut­schen Staats­bür­gern keine Aus­nahme darstellt.

Alles für den Dialog

Am Abschluss­tag des Retre­ats trafen wir uns mit deut­schen Journalist:innen in Berlin. Die geschlos­sene Dis­kus­si­ons­ver­an­stal­tung sollte einen Raum schaf­fen, um über die Bericht­erstat­tung zu Russ­lands Krieg gegen die Ukraine in den deut­schen (Massen-)Medien zu spre­chen. Daraus wurde jedoch schnell eine emo­tio­nal geführte Aus­ein­an­der­set­zung – in dem Augen­blick nämlich, als deut­sche Journalist:innen ihre ukrai­ni­schen Kolleg:innen ver­früht zu Ver­söh­nung und Dialog mit den Russen auf­rie­fen. Zur Ver­schär­fung der Situa­tion trugen Notiz­bü­cher bei, mit dem Auf­druck „Dialog trotz Krieg“ und dem Bild einer Matrjoschka-Puppe, die an die Teil­neh­men­den des Tref­fens ver­teilt worden waren. Die Matrjoschka auf dem Cover – ein durch­weg rus­si­sches Symbol – wurde in den Natio­nal­far­ben der ukrai­ni­schen Flagge dar­ge­stellt, so als könnten die Urheber des Bildes nicht zwi­schen Opfern und Agres­so­ren unterscheiden.

Diese Details sind nicht nur krän­kend und schmerz­lich für die Ukrainer:innen – sie stellen auch für Deutsch­land selbst eine Bedro­hung dar. In solch einer all­täg­li­chen Tole­ranz gegen­über Russ­land drückt sich die Politik des „sowohl als auch“ aus: Indem wir die Ukraine rhe­to­risch unter­stüt­zen, fak­tisch jedoch die Lie­fe­rung von Waffen ver­zö­gern und Russ­land wei­ter­hin als Partner erach­ten, stärken wir den Kreml in diesem Krieg gegen die Welt­ord­nung und die demo­kra­ti­sche Welt.

Ich bin bemüht, Deutsch­lands Posi­tion zu ver­ste­hen. Die engen Wirt­schafts­be­zie­hun­gen, die Geschichte der Über­win­dung des Kalten Krieges durch Annä­he­rung und Handel, Schuld­ge­fühle in Bezug auf den Zweiten Welt­krieg – all das ist nachvollziehbar.

Aber weshalb werden diese Schuld­ge­fühle auf die Russen pro­ji­ziert und nicht auf die Ukrai­ner? Es waren die Ter­ri­to­rien der moder­nen Ukraine sowie Weiß­russ­lands, die im ver­gan­ge­nen Krieg die größten Ver­luste erlit­ten hatten. Jede:r fünfte Ukrainer:in starb bei der Ver­tei­di­gung der Heimat vor den Angrif­fen der Nazis. Bezogen auf die Gesamt­ver­luste der UdSSR machen diese 40 bis 44 Prozent aus – somit waren fast die Hälfte aller Getö­te­ten in der rie­si­gen Sowjet­union nun einmal Ukrai­ner. Nun droht uns erneut die Ver­nich­tung – diesmal durch Russ­land – und wir bitten um Ver­ständ­nis für unsere Lage und um bedin­gungs­lose Unterstützung.

Zer­störte Biografien

Vor kurzem fuhr ich mit dem Zug durch die halbe Ukraine. In meinem Abteil saßen drei Unbe­kannte: eine junge Frau mit schwar­zem Kopf­tuch, die zur Beer­di­gung eines Ver­wand­ten nach Kyjiw reiste, eine andere junge Frau, die nach fünf Monaten erzwun­ge­nem Geflüch­te­ten­schick­sal vor­über­ge­hend aus dem Ausland zurück­ge­kehrt war, und ein Soldat, dem nach schwe­ren Kämpfen ein mehr­tä­ti­ger Hei­mat­ur­laub bewil­ligt worden war. Ein belie­bi­ges Abteil, drei zufäl­lige Men­schen, drei vom Krieg ver­hunzte Leben. Wenn es zutrifft, dass ich diese Men­schen rein zufäl­lig an diesem Ort getrof­fen habe, dann stellen Sie sich vor, wie viele von ihnen es in einem Land mit 40 Mil­lio­nen Ein­woh­nern gibt. Der rus­si­sche Über­fall auf die Ukraine hat das bis­he­rige Leben jedes Ein­zel­nen hier ruiniert.

Ver­su­chen Sie sich die Rea­li­tät dieses Krieges so vor­zu­stel­len, als ob es auch die Ihrige wäre. Stellen Sie sich vor, wie ihr gewöhn­li­cher Arbeits­tag plötz­lich von einem Alarm­ton unter­bro­chen wird – einem lauten, grau­si­gen Sire­nen­heu­len, vor dem kein Ver­steck sicher ist. Und welches nichts anderes bedeu­tet, als dass eine Rakete in wenigen Minuten auf einer Stadt nie­der­ge­hen, Gebäude zer­stö­ren und jeman­dem das Leben nehmen wird. Stellen Sie sich vor, die raben­schwar­zen, aus­ge­bomb­ten Häuser, die Sie in den Nach­rich­ten sehen, wären Ihre Häuser. Stellen Sie sich vor, die Gesich­ter der Kinder, die von rus­si­schen Gra­na­ten getötet wurden, wären die Gesich­ter Ihrer eigenen Kinder.

Der Krieg in der Ukraine ist keine Fern­seh­sen­dung, die man bequem vom Sofa aus ver­fol­gen kann. Dieser Krieg ist eine täg­li­che Tra­gö­die für Men­schen, die jeman­dem nahe­ste­hen. Im sechs­ten Kriegs­mo­nat glei­chen unsere Feeds in den sozia­len Netz­wer­ken eher Nach­ruf­spal­ten – jeden Tag bekla­gen wir den Verlust von Bekann­ten, Freun­den und Ver­wand­ten. Wir ver­lie­ren ganze Städte, die Russ­land dem Erd­bo­den gleich­macht. Uns bleibt nur die Ver­tei­di­gung. Und auf die Unter­stüt­zung der zivi­li­sier­ten Welt zu zählen.

Deshalb können wir nicht zurück­hal­tend sein, wenn wir Aufrufe zum Dialog hören. Mit wem sollen wir spre­chen? Mit Reprä­sen­tan­ten einer Nation, die uns jeden Tag tötet?

Guter Russe, böser Russe

Bei dem Treffen in Berlin machte die Redak­teu­rin einer deut­schen Zeitung die viel­sa­gende Bemer­kung, dass man die Puti­nis­ten und die „guten Russen“ von­ein­an­der unter­schei­den müsse. Doch im Augen­blick ist dies inak­zep­ta­bel – jeder Versuch, die Russen in „gute“ und „böse“ zu unter­tei­len, ermög­licht es ihnen allen, sich aus der gemein­sa­men Ver­ant­wor­tung zu stehlen. Jeder belie­bige Russe kann, gelei­tet von solch einer Logik, sagen: „Ich bin nicht schul­dig, es sind alle anderen.“ Wäh­rend­des­sen liegt die Schuld für diesen Krieg bei jedem ein­zel­nen von ihnen – 133 Mil­lio­nen Men­schen haben das Putin-Regime möglich werden lassen. Die Ukrai­ner haben bereits min­des­tens zweimal (2004 und 2014) bewie­sen, dass ein Volk die Rich­tung ändern kann, in die die Regie­rung das Land führt. Es hat dies buch­stäb­lich auf Kosten des eigenen Lebens bewiesen.

Es ist nicht Putin per­sön­lich, der seit mehr als 250 Tagen jede Nacht mit Mehr­fach­ra­ke­ten­wer­fer­sys­te­men vom Typ „Smertsch“, mit Streu­gra­na­ten und anderen schwe­ren Waffen meine Hei­mat­stadt Myko­la­jiw beschießt. Nicht er hat das Gefan­ge­nen­la­ger beschos­sen, in dem sich die gefan­ge­nen ukrai­ni­schen Sol­da­ten aus dem „Asowstal“-Stahlwerk befan­den. Es war nicht Putin per­sön­lich, der Frauen ver­ge­wal­tigt und unbe­waff­nete Männer erschos­sen hat, die ver­sucht haben, ihre Fami­lien aus den kriegs­zer­rüt­te­ten Städten zu retten. Nicht er hat die Schlös­ser fremder Woh­nun­gen auf­ge­bro­chen und von dort Kleider, Kühl­schränke und Wasch­ma­schi­nen mitgenommen.

Dies alles verüben jeden Tag real exis­tie­rende Men­schen aus Fleisch und Blut. Viele lebende Men­schen, oder viel­mehr Unmen­schen. Ent­lasst sie nicht aus dieser gemein­sa­men Verantwortung.

Ich kann ver­ste­hen, dass es für Deutsch­land schmerz­voll ist, über die Schuld­frage eines ganzen Volkes zu spre­chen, da man das Thema der kol­lek­ti­ven Ver­ant­wor­tung für die Nazi-Ver­bre­chen von Neuem the­ma­ti­sie­ren müsste. Niemand stellt die Aus­nah­men der Wider­stands­be­we­gung in Deutsch­land in Abrede, die hel­den­haf­ten Bei­spiele der Selb­stop­fe­rung einiger zur Rettung anderer. Unter den Russen gibt es sicher auch solche, die Wider­stand leisten und der Ukraine helfen. Doch von ihnen wird später die Rede sein. Genauso, wie es sich erst später lohnen wird, über Dialog und Ver­söh­nung zu sprechen.

Erst, wenn die Bomben auf­hö­ren, auf unsere Städte zu fallen und die besetz­ten Gebiete befreit werden. Bis dahin muss man die Tat­sa­che akzep­tie­ren, dass Russ­land ein Ter­ror­staat ist, Punkt. Ohne Wenn und Aber. Und die “Cancel Culture” gegen­über allem Rus­si­schen sollte eine bestän­dige Erin­ne­rung daran sein, dass Russ­land kein Partner sein kann, in keiner Ange­le­gen­heit, solange es diesen Krieg nicht beendet. Deshalb lehrt uns nicht den Dialog – sondern tut alles in eurer Macht Ste­hende, um uns zum Sieg zu verhelfen.

Aus dem Ukrai­ni­schen über­setzt von Johann Zajaczkowski.

*Hinweis der Redak­tion: Die hier geäu­ßer­ten Mei­nun­gen basie­ren auf per­sön­li­chen Erfah­run­gen der Autorin und spie­geln nicht die Haltung des Zentrum Libe­rale Moderne wider.

 

Geför­dert durch

Portrait Paplauskaite

Marichka Paplaus­kaite ist Jour­na­lis­tin und Chef­re­dak­teu­rin des Maga­zins Reporters.

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