Wie in der Ukraine des Völ­ker­mor­des an den Roma gedacht wird

© Radovan1 /​ Shut­ter­stock

In der Sowjet­union wurde Roma der Opfer­sta­tus ver­wehrt. In der unab­hän­gi­gen Ukraine können sie über die Reprä­sen­ta­tion ihres his­to­ri­schen Gedächt­nis­ses frei bestim­men. Von Michailo Tjahlyj

Nach dem Zusam­men­bruch der Sowjet­union sahen sich die neu­ent­stan­de­nen Staaten mit der Not­wen­dig­keit kon­fron­tiert, die Erfah­rung des zweiten Welt­krie­ges neu zu bewer­ten, so etwa das Mar­ty­ro­lo­gium der Besat­zung. Es galt nun, das sowje­ti­sche Erbe abzu­sto­ßen, in dem bestimm­ten Gruppen wie Juden oder Roma der Opfer­sta­tus ver­wehrt wurde. Die künf­tige Aner­ken­nung der Leiden dieser Gruppen hing davon ab, welche geschichts­po­li­ti­schen Pfade das jewei­lige Land ein­schla­gen würde. Über die Pro­ble­ma­tik der Auf­ar­bei­tung des Holo­causts und die kol­lek­tive Erin­ne­rung der post­so­wje­ti­schen Staaten, dar­un­ter die Ukraine, ist aus­gie­big geschrie­ben worden. An dieser Stelle soll der Fokus daher auf die Erin­ne­rung des Völ­ker­mor­des an den Roma gerich­tet werden, ins­be­son­dere darauf, wie diese Erin­ne­rung in der ukrai­ni­schen Gesell­schaft bewahrt wird.

Viele wich­tige Fragen

Nach aktu­el­lem For­schungs­stand vollzog sich die Ver­nich­tung der Roma auf dem Gebiet der heu­ti­gen Ukraine zu Zeiten der deut­schen Besat­zung an unge­fähr 140 Orten.

An einigen dieser Orte wurden aus­schließ­lich Roma ermor­det, während sie an anderen Orten gemein­sam mit Juden, sowje­ti­schen Akti­vis­ten, Kriegs­ge­fan­ge­nen, Par­ti­sa­nen und Pati­en­ten psych­ia­tri­scher Ein­rich­tun­gen eine unter meh­re­ren Opfer­grup­pen darstellten.

Wie gehen die Opfer und ihre Nach­kom­men heut­zu­tage mit jenen Ereig­nis­sen um, die min­des­tens 12.000 Roma das Leben kos­te­ten? Wobei hier nur die Rede von den Teilen der Ukraine ist, die unter deut­scher Besat­zung standen, ohne aber die rumä­ni­sche Besat­zungs­zone zu berück­sich­ti­gen, in der mehr als 11.000, mehr­heit­lich von rumä­ni­schem Ter­ri­to­rium depor­tierte, Roma ermor­det wurden. Wie inter­pre­tiert die Roma-Gemein­schaft die Gründe, den Ablauf und die Folgen der Kata­stro­phe? Wie wird das Thema in der Öffent­lich­keit behandelt?

Eine andere Frage betrifft die gesell­schafts­po­li­ti­schen und kul­tu­rel­len Bedin­gun­gen, unter denen die Roma heute leben. Wie wirken sich die Lebens­um­stände der Roma in der Ukraine auf ihre Mög­lich­kei­ten aus, auf den Völ­ker­mord auf­merk­sam zu machen? Fördert die Gesell­schaft die Über­win­dung des Traumas? Ist sie in der Lage, eine his­to­ri­sche Lektion aus dieser Tra­gö­die zu ziehen, um ihre Wie­der­ho­lung für die Roma oder eine andere Min­der­heit zu verhindern?

Münd­li­che Über­lie­fe­rung gegen offi­zi­elle sowje­ti­sche Erinnerungspolitik

Zunächst ist zu klären, welche Rolle den Roma in der sowje­ti­schen Erin­ne­rungs­land­schaft zuteil­wurde. Studien zeigen, dass von einer gänz­lich feh­len­den Erin­ne­rung hin­sicht­lich des Schick­sals der Roma in der sowje­ti­schen Kultur nicht die Rede sein kann. Sie wurde vor allem in oraler Tra­di­tion inner­halb der Gemein­schaft bewahrt. Dieses Wissen kann ent­spre­chend der Ter­mi­no­lo­gie von Jan und Aleida Assmann dem „kom­mu­ni­ka­ti­ven Gedächt­nis“ zuge­ord­net werden, dessen Eigen­heit darin besteht, dass es sich, erstens, ver­än­dert und über­schnei­det, und, zwei­tens, inner­halb von drei bis vier Genera­tio­nen ver­blasst und schließ­lich verschwindet.

Die offi­zi­elle sowje­ti­sche Erin­ne­rungs­po­li­tik zielte auf die Infil­tra­tion des Mas­sen­be­wusst­seins mit der fal­schen Vor­stel­lung, das Hitler-Régime habe allen Völkern der Sowjet­union glei­cher­ma­ßen Ver­nich­tung gebracht. Dies sollte die Massen zur Unter­stüt­zung der Staats­macht mobi­li­sie­ren. Wenn auch selten, so traten die Roma doch in ver­öf­fent­lich­ten Doku­men­ten, in der Popu­lär­li­te­ra­tur, in Memoi­ren und Kunst­wer­ken als Opfer der Ver­nich­tungs­po­li­tik hervor. Jedoch erschie­nen sie darin zumeist als noma­di­sche, für die sie umge­bende Gesell­schaft fremde Gruppe, wenn­gleich die Nazis in mehr als der Hälfte der bekann­ten Hin­rich­tun­gen sess­hafte Roma ermor­de­ten, die in ihre Umge­bung inte­griert waren. Die Dar­stel­lung der Opfer als wan­dern­des Volk prägte die in der sowje­ti­schen Kultur vor­herr­schende Asso­zia­tion der Roma mit dem Aso­zia­len und dem Ver­bre­chen. Von dort aus ent­wi­ckelte sich eine Wahr­neh­mung der Opfer, wonach diese ihre Ver­fol­gung selbst ver­schul­det hatten, und folg­lich kein Mit­ge­fühl oder Geden­ken ver­dien­ten. Diese Wahr­neh­mung hat bis heute starken Ein­fluss auf die Erin­ne­rungs­kul­tur der Ukraine. Doch es gibt auch andere, nicht weniger schwer­wie­gende Ursa­chen, die auf den Erin­ne­rungs­pro­zess einwirken.

Bessere Mög­lich­kei­ten in der Ukraine dank des Enga­ge­ments der Zivilgesellschaft

Die ukrai­ni­sche Gesell­schaft unmit­tel­bar nach Erlan­gung der Unab­hän­gig­keit im Jahre 1991 war kein Mono­lith. Pro­eu­ro­päi­sche, natio­na­lis­ti­sche und pro­so­wje­ti­sche (bzw. pro­rus­si­sche) Strö­mun­gen ringen bis heute mit­ein­an­der. Ent­spre­chende unter­schied­li­che Wahr­neh­mun­gen der Ver­gan­gen­heit haben sich mit der Zeit abge­spal­ten. In dieser Situa­tion der Erin­ne­rungs­kon­kur­renz ist für die Erfah­rung der Roma wenig Platz geblie­ben. Sowohl das pro­so­wje­ti­sche, als auch das natio­na­lis­ti­sche Modell streben nach seiner Ver­drän­gung. Für Erstere sind die Roma keine eigen­stän­dige Gruppe, deren totale Ver­nich­tung die Nazis anstreb­ten; sie sind ent­we­der als ein aktiver Teil des „gesamt­so­wje­ti­schen“ Wider­stands gegen die „deutsch-faschis­ti­schen Inva­so­ren“ oder als „sowje­ti­sche Zivi­lis­ten“ zu betrach­ten. Für Letz­tere stellt der Völ­ker­mord an den Roma eben­falls kein Ereig­nis dar, dem beson­dere Auf­merk­sam­keit bei­zu­mes­sen ist, zumal die ukrai­ni­sche Frei­heits­be­we­gung auf die eth­ni­sche Homo­ge­ni­sie­rung ihres Raumes in sowohl phy­si­scher als auch sym­bo­li­scher Hin­sicht abzielte.

Dennoch findet eine Ver­än­de­rung statt, die durch das aktive Enga­ge­ment der Zivil­ge­sell­schaft und von Nicht-Regie­rungs­or­ga­ni­sa­tio­nen ermög­licht wird:

  • durch die Ver­brei­tung eines „ver­mensch­lich­ten“ Bildes vom Krieg, d.h. durch ver­mehrte Auf­merk­sam­keit für die Leiden der „Durch­schnitts­men­schen“;
  • durch die spür­bare Rolle „regio­na­ler“ Erin­ne­rungs­mus­ter und den großen Plu­ra­lis­mus in der Her­aus­bil­dung von Sicht­wei­sen auf den Krieg;
  • durch pro­eu­ro­päi­sche Inte­gra­ti­ons­be­stre­bun­gen, die alle Regie­run­gen in unter­schied­li­chem Maße vor­an­trie­ben (was, wenn auch sehr langsam, zur Trans­for­ma­tion des Bil­dungs­sys­tems hin­sicht­lich Mul­ti­kul­tu­ra­lis­mus, Tole­ranz und demo­kra­ti­schen Werten bei­getra­gen hat).

Opfer rechts­ra­di­ka­ler Attacken

In der Folge bahnt sich ein Erin­ne­rungs­mo­dell seinen Weg, das als „inklu­siv“ bezeich­net werden darf, weil es den ver­schie­de­nen Gesell­schafts­grup­pen das Recht auf eine Stimme im Mar­ty­ro­lo­gium des Krieges ein­räumt. Zugleich hat der Plu­ra­lis­mus auch eine Kehr­seite. Damit sind die rechts­ra­di­ka­len Grup­pie­run­gen gemeint, die sich zu Aktio­nen gegen Roma zusam­men­tun. Eine beson­ders brutale Welle solcher Atta­cken brach im Jahr 2018 los und führte sogar zu Todes­op­fern. Die laut­starke Aus­tra­gung ihrer Res­sen­ti­ments gegen die Roma findet Anklang in der Gesell­schaft, was sich negativ auf die Erin­ne­rungs­kul­tur in Bezug auf den Völ­ker­mord auswirkt.

Offi­zi­el­ler Beschluss der Wer­chowna Rada

Die Wer­chowna Rada ver­kün­dete 2004 einen Beschluss, den 2. August zum Tag des Geden­kens an die ermor­de­ten Roma in der Ukraine zu erheben. Den in diesem Beschluss vor­ge­schla­ge­nen Gedenk­tag bezeich­nete man als „Inter­na­tio­na­len Tag des Holo­causts an den Roma“ (sic!). In der his­to­ri­schen Prä­am­bel hieß es: „Während des Zweiten Welt­krie­ges ver­schlepp­ten die Hit­ler­fa­schis­ten gemein­sam mit ihren Kol­la­bo­ra­teu­ren 500 Tausend Roma aus den besetz­ten Ländern und ver­nich­te­ten sie im Sinne einer Politik des Eth­no­zi­des in Konzentrationslagern“.
Der Genozid erlebt in dieser Erklä­rung eine „Exter­na­li­sie­rung“. Von den tau­sen­den Roma, die in der Peri­phe­rie ukrai­ni­scher Städte und Dörfer erschos­sen wurden, ist in dem Beschluss keine Rede. Nichts­des­to­trotz sprach sich das Minis­ter­ka­bi­nett zusam­men mit der Regio­nal­re­gie­rung dafür aus, „Maß­nah­men aus­zu­ar­bei­ten, um die Dimen­sion, die Anzahl der Opfer und die Orte des natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Eth­no­zids an den Roma während des Zweiten Welt­krie­ges zu erfor­schen und ein Geden­ken an die depor­tier­ten und ermor­de­ten Ver­tre­ter dieser eth­ni­schen Min­der­heit zu initiieren“.Ungeachtet dessen, dass der Beschluss bei Weitem nicht voll­um­fäng­lich umge­setzt wird, wie es in der Ukraine bei einer großen Menge an Normen der Fall ist, ist seine Bedeu­tung kaum zu über­schät­zen. Denn er schafft einen Legi­ti­ma­ti­ons­rah­men für Akti­vis­mus und Ein­fluss­nahme auf staat­li­che Organe von Seiten der „Agenten der Erin­ne­rung“, die auf eine Gedenk­kul­tur hinarbeiten.

Über 140 Orte des Massenmordes

In der wis­sen­schaft­li­chen Lite­ra­tur ist viel darüber geschrie­ben worden, wie wichtig „Erin­ne­rungs­orte“ für die Bewah­rung gesell­schaft­li­cher Vor­stel­lun­gen über his­to­ri­sche Ereig­nisse sind. Das Konzept von der Bedeut­sam­keit des „Erin­ne­rungs­or­tes“ ist beinahe zum Axiom gewor­den – nach der Defi­ni­tion des fran­zö­si­schen His­to­ri­kers Pierre Nora meint es „jede bedeut­same Einheit mate­ri­el­len oder imma­te­ri­el­len Cha­rak­ters, die als Folge des mensch­li­chen Willens oder des Werkes der Zeit zu einem sym­bo­li­schen Element inner­halb des Erbes einer Nation oder einer anderen Gemein­schaft im wei­tes­ten Sinne gewor­den ist“. Denk­mä­ler für die Umge­kom­me­nen stellen den haupt­säch­li­chen – aber bei Weitem nicht den ein­zi­gen – Hand­griff in der Palette des Erin­ne­rungs­in­stru­men­ta­ri­ums dar.

Von über 140 Orten des Mas­sen­mor­des sind nur 11 mit Denk­mä­lern ver­se­hen, die die Roma als Opfer benen­nen, oder als Opfer­gruppe, falls es sich um einen Ort handelt, an dem Ange­hö­rige ver­schie­de­ner Gruppen ermor­det wurden. Die wich­tigs­ten Agenten der Erin­ne­rung sind Nicht­re­gie­rungs­or­ga­ni­sa­tio­nen. Es ist zwi­schen drei Gruppen zu unterscheiden:

  1.  Initia­ti­ven von Roma-NGOs, die ent­we­der selbst­stän­dig oder in Zusam­men­ar­beit mit anderen NGOs rea­li­siert und dabei durch inter­na­tio­nale und aus­län­di­sche Stif­tun­gen finan­zi­ell unter­stützt werden. Die derzeit aktiven Roma-NGOs sind zwei­fel­los die wich­tigs­ten Agenten der Erin­ne­rung, deren Arbeit das Geden­ken an den Genozid fördert, die trau­ma­ti­sche Erfah­rung an breite Gesell­schafts­schich­ten kom­mu­ni­ziert und dieses Wissen damit in ein ukrai­ni­sches his­to­ri­sches Nar­ra­tiv über­führt. Ihre Erin­ne­rung kann nicht länger als „abge­dämpft“ bezeich­net werden, wie dies früher der Fall war. Wie der Sozio­loge Sla­wo­mir Kapral­ski es bereits an der Roma-Gemein­schaft in Polen demons­triert hat, so werden auch die ukrai­ni­schen Roma heut­zu­tage weitaus mehr an Geden­kak­ten und der „Erneue­rung von Gedenk­tra­di­tio­nen“ beteiligt.
  2. For­schungs- und Bil­dungs­in­itia­ti­ven, die nicht von Roma-Akteu­ren aus­ge­hen. In diesem Fall gehen die Initia­ti­ven von regio­na­len und zen­tra­len NGOs außer­halb der Roma-Gemeinde aus, die ihre Pro­jekte mit­hilfe finan­zi­el­ler Unter­stüt­zung inter­na­tio­na­ler und aus­län­di­scher Stif­tun­gen rea­li­sie­ren. Ver­tre­ter der Roma-Gemeinde werden zu diesen Pro­jek­ten gele­gent­lich hin­zu­ge­zo­gen. So hat bei­spiels­weise die NGO Ukrai­ni­sches Zentrum zur Erfor­schung der Geschichte des Holo­causts (Kyjiw) über einen Zeit­raum von drei­zehn Jahren fünf Pro­jekte umge­setzt, in denen der Völ­ker­mord an den Roma eine ent­we­der zen­trale oder zumin­dest gewich­tige Kom­po­nente dar­stell­te¹. In bestimm­ten Pro­jekt­pha­sen waren Roma-Gemein­den aktiv beteiligt.
  3. Initia­ti­ven aus­län­di­scher Insti­tute oder lokale Zentren inter­na­tio­na­ler Orga­ni­sa­tio­nen, zu deren Tages­ord­nung auch die Bil­dungs­ar­beit hin­sicht­lich des Völ­ker­mor­des an den Roma gehört. Sie suchen sich ihre Partner bei der Pro­jek­t­um­set­zung in der Ukraine in der lokalen Zivil­ge­sell­schaft. So betreibt bei­spiels­weise die ukrai­ni­sche Abtei­lung der Inter­na­tio­nal Renais­sance Foun­da­tion in Kyjiw unter anderem ein „Roma-Pro­gramm“, das sich mit sozia­len und recht­li­chen Fragen beschäf­tigt, aber auch die huma­ni­täre Sphäre berührt. Pro­jekte, die der Auf­klä­rung über den Völ­ker­mord an den Roma gewid­met sind, wurden in der Ver­gan­gen­heit durch ver­schie­dene deut­sche Stif­tun­gen unterstützt.

Initia­ti­ven für Denkmäler

Die exis­tie­ren­den Denk­mä­ler können eben­falls in drei Gruppen unter­teilt werden, die sich mit den oben auf­ge­führ­ten Agenten der Erin­ne­rung decken und Resul­tate ihrer Initia­ti­ven sind.

Das Denkmal für die in Babyn Jar bei Kyjiw ermor­de­ten Roma ist ein Para­de­bei­spiel der ersten Gruppe. Babyn Jar ist ein Ort, an dem in den Jahren 1941–1943 haupt­säch­lich Juden ermor­det wurden, aber auch Roma, sowje­ti­sche Kriegs­ge­fan­gene, ukrai­ni­sche Natio­na­lis­ten, ortho­doxe Pries­ter, sowje­ti­sche und natio­na­lis­ti­sche Wider­stands­kämp­fer, Pati­en­ten psych­ia­tri­scher Ein­rich­tun­gen, Geiseln und all jene, die in den Augen der Besat­zer „ver­däch­tige und uner­wünschte Ele­mente“ darstellten.

Die Arbei­ten an dem Denkmal began­nen bereits im Jahre 1995 in einer Zusam­men­ar­beit zwi­schen der Kyjiwer städ­ti­schen Roma-Ver­ei­ni­gung „Roma­nipe“ und dem Archi­tek­ten und Bild­hauer Ana­to­liy Ihnascht­schenko. Man war bereits im Begriff das Denkmal auf den Sockel zu stellen, als dies plötz­lich durch die städ­ti­sche Admi­nis­tra­tion ver­bo­ten wurde. Einige Jahre später wurde das einen Plan­wa­gen („Kibitka“) dar­stel­lende Denkmal nach Kam­ja­nez-Podils­kyj über­führt und dort in einem Vor­stadt­be­zirk auf­ge­rich­tet. Im Jahr 2006 grün­dete man die Gedenk­stätte „Babyn Jar“, doch wurden keine Anstren­gun­gen zur Rück­ho­lung des Denk­mals unter­nom­men. Erst zum 75. Jah­res­tag des Mas­sa­kers von Babyn Jar wurde das Denkmal „Roma-Kibitka“ mit Unter­stüt­zung des Kul­tur­mi­nis­te­ri­ums zurück nach Kyjiw gebracht und am 23. Februar 2016 fei­er­lich eingeweiht.

© Michailo Tjahlyj

Die zweite Gruppe bilden die Denk­mä­ler, deren Auf­stel­lung durch lokale Gemein­den oder ein­zelne Gruppen, bei­spiels­weise durch Nach­kom­men anderer Opfer­grup­pen, initi­iert wurden. An keinem dieser Orte wurde aus­schließ­lich Roma ermor­det. In der Regel waren sie eine unter vielen Opfer­grup­pen, die ent­spre­chend der heu­ti­gen Norm bei den Mas­sen­be­gräb­nis­sen durch lokale Orga­ni­sa­tio­nen einzeln, anstelle einer Zusam­men­fas­sung unter dem Euphe­mis­mus „sowje­ti­sche Zivi­lis­ten“, auf­ge­führt wurden. Dazu zählt bei­spiels­weise die Gedenk­stätte im Pirogow-Lewada-Hain im Oblast Poltawa, wo zusam­men mit einigen Dutzend ermor­de­ter Roma auch sowje­ti­sche Akti­vis­ten und Juden ruhen. All diese Gruppen werden auf den Stelen und Infor­ma­ti­ons­ta­feln neben dem Zen­tral­kor­pus des Denk­mals nament­lich erwähnt.

© Michailo Tjahlyj

© Michailo Tjahlyj

Im Oblast Schy­to­myr ent­stan­den 2019 in drei ver­schie­de­nen Sied­lun­gen Denk­mä­ler in der Nähe von Mas­sen­grä­bern ermor­de­ter Roma. Diese Denk­mä­ler bilden die dritte Gruppe, so sie sich doch von den vor­aus­ge­gan­ge­nen nicht nur hin­sicht­lich der ihnen zugrunde lie­gen­den Initia­tive unter­schei­den, sondern auch durch ihre visu­elle, archi­tek­to­ni­sche, ästhe­ti­sche und didak­ti­sche Kon­zep­tion. Initia­tor und För­de­rer dieser Denk­mä­ler war eine aus­län­di­sche staat­li­che Stif­tung, nament­lich die Ber­li­ner „Stif­tung Denkmal für die ermor­de­ten Juden Europas“ (natür­lich in Zusam­men­ar­beit mit ukrai­ni­schen NGOs und der lokalen Gemein­de­ver­tre­tung). Darin liegt auch der Grund für die Viel­fäl­tig­keit der Per­spek­ti­ven und die breite Rezep­tion dieser Initia­tive begrün­det. Sie vereint die his­to­risch-for­schungs­ori­en­tierte Arbeit zu den Umstän­den dieser tra­gi­schen Ereig­nisse mit der Bil­dungs­ar­beit in lokalen Gemein­den zur Auf­klä­rung über die Ermor­dung der Roma, die von einer umfang­rei­chen Bericht­erstat­tung über die Eröff­nungs­ze­re­mo­nie über in- und aus­län­di­sche Kanäle beglei­tet wurde.

© Anna Voi­tenko /​ Stif­tung Denkmal

© Anna Voi­tenko /​ Stif­tung Denkmal

Unge­ach­tet der Unter­schiede zwi­schen den Denk­mal­ty­pen und den Begleit­um­stän­den ihrer Ent­ste­hung eint sie alle, dass kein ein­zi­ges von ihnen durch staat­li­che Organe initi­iert wurde, die für die Arbeit in der Kul­tur­bran­che und die Bewah­rung der Erin­ne­rung ver­ant­wort­lich zeich­nen. In der Ukraine wird des Völ­ker­mor­des an den Roma auf eine spe­zi­fi­sche Weise gedacht, was in erster Linie auf nicht­for­male Bildung und Gedenk­ver­an­stal­tun­gen als ein Ver­dienst von NGOs zurück­zu­füh­ren ist.

Gesell­schaft­li­cher Plu­ra­lis­mus als Chance

Ukrai­ni­sche Roma-NGOs demons­trie­ren heut­zu­tage eine große Unab­hän­gig­keit von staat­li­chen Struk­tu­ren, klare Prio­ri­tä­ten­set­zung und Ent­schlos­sen­heit bei der Errei­chung ihrer Ziele. Eine nicht zu ver­nach­läs­si­gende Rolle spielt dabei auch die Unter­stüt­zung von staat­li­cher Seite, sowie aus aus­län­di­schen staat­li­chen und nicht­staat­li­chen Quellen. Geden­kin­itia­ti­ven erfah­ren nicht in jedem Fall Unter­stüt­zung von staat­li­cher Seite. Dies gilt vor allem dann, wenn die ver­ant­wort­li­chen Organe durch rechte Par­teien besetzt sind², obschon dies die Aus­nahme und nicht die Regel ist. Die Ver­su­che der Regie­rung in den Jahren 2014 – 2019, eine ver­stärkt homo­gene Per­spek­tive auf die natio­nale Geschichte durch­zu­set­zen, haben keinen all­um­fas­sen­den Cha­rak­ter erlangt³.

Der gesell­schaft­li­che Plu­ra­lis­mus und die Erin­ne­rungs­kul­tur haben den ukrai­ni­schen Roma die Mög­lich­keit gegeben, über die Reprä­sen­ta­tion ihres his­to­ri­schen Gedächt­nis­ses frei zu bestim­men. Das Kyjiwer aka­de­mi­sche Roma-Theater „Romans“ fügte seinem Reper­toire ein Stück über die Zer­stö­rung eines Lagers hinzu, dass am Ort der Ver­nich­tung auf­ge­führt wird. Im Zentrum der Erzäh­lung steht die Frage nach mora­li­schen Ent­schei­dun­gen und huma­nis­ti­schen Werten. Die Roma-Jugend­or­ga­ni­sa­tion „Arka“ orga­ni­sierte eine Aus­stel­lung über das Schick­sal von Roma-Kindern während der Besat­zung. Der junge Regis­seur und Rom Petro Rusa­nenko drehte 2017 einen Kurz­film namens „Erin­nern“ über den Versuch ukrai­ni­scher Dorf­be­woh­ne­rin­nen, eine junge Romni vor der Ermor­dung durch ein deut­sches Kom­mando zu retten.

Diese und andere Initia­ti­ven regen zum Nach­den­ken über das Leid und das Schick­sal an, das den durch­schnitt­li­chen Zivi­lis­ten, den Frauen und Kindern wider­fuhr, welche im Faden­kreuz der Besat­zer standen. Darüber hinaus erscheint die Spe­zi­fik des Völ­ker­mords an den Roma durch sie in einem Licht, das der his­to­ri­schen Wirk­lich­keit gerecht wird, wenn­gleich ihnen eine zur Ver­tei­di­gung kol­lek­ti­ver, staat­li­cher und natio­na­ler Vor­stel­lun­gen ansta­chelnde Rhe­to­rik fremd ist.

Ver­gleich mit den Nach­bar­län­dern Russ­land und Belarus

An dieser Stelle sollen noch einige knappe, ver­glei­chende Beob­ach­tun­gen über die Erin­ne­rungs­kul­tur in den Nach­bar­län­dern stehen, die eben­falls die deut­sche Besat­zung erleb­ten. Gemeint sind Belarus, wo derzeit drei Denk­mä­ler an die Roma erin­nern, und Russ­land, wo es nur ein ein­zi­ges gibt.

Die For­schung ver­weist auf eine Gemein­sam­keit in allen drei Ländern, die darin liegt, dass die staat­li­chen Organe kein Inter­esse daran zeigen, an diese Tra­gö­die zu erin­nern. Sie ver­bleibt auf ihrem Platz am Rande des Bewusst­seins der Gesell­schaft. In Belarus und Russ­land stehen ihrer Inte­gra­tion in das gesell­schaft­li­che Gedächt­nis zudem die domi­nie­ren­den natio­na­len Geschichts­mo­delle, ins­be­son­dere der Kult des „Großen Vater­län­di­schen Krieges“, ent­ge­gen. In der Folge über­wie­gen in Belarus und Russ­land die Heroi­sie­rung und die Ent­per­so­na­li­sie­rung trau­ma­ti­scher Erfah­run­gen, während in der Ukraine ein Prozess des Umden­kens und der Ver­mensch­li­chung ein­ge­setzt hat.

¹ Das letzte und bedeu­tendste dieser Pro­jekte war die Aus­stel­lung „Der miss­ach­tete Völ­ker­mord. Das Schick­sal der Roma in der deut­schen Besat­zungs­zone der Ukraine, 1941–44“, die mit Unter­stüt­zung der Rosa-Luxem­burg-Stif­tung und der Stif­tung „Erin­ne­rung, Ver­ant­wor­tung und Zukunft“ ins Leben gerufen wurde.

² Der Leiter der Bil­dungs­ab­tei­lung in der Regio­nal­re­gie­rung der Oblast Tscher­kassy lehnte 2018 die Bitte lokaler Lehr­kräfte ab, eine Aus­stel­lung über den Völ­ker­mord an den Roma zu eröff­nen. Er begrün­dete diese Ent­schei­dung damit, dass er zwar „das Recht der Roma auf Selbst­be­stim­mung respek­tiere, jedoch die Auf­klä­rung über den Völ­ker­mord an den Ukrai­nern, den Holo­do­mor, für die Prio­ri­tät“ halte. Doch der­glei­chen Vor­komm­nisse sind selten. Im Großen und Ganzen zeigt die Praxis, dass Ver­tre­ter der Staats­or­gane, wenn sie auch nicht die Initia­to­ren solcher Ver­an­stal­tun­gen sind, Ein­la­dun­gen doch in aller Regel nach­kom­men und dabei die Wich­tig­keit der Erin­ne­rung an den Völ­ker­mord zum Aus­druck bringen. Was die Ver­tre­ter staat­li­cher Kultur- und Bil­dungs­in­sti­tu­tio­nen betrifft, so zeigen Museen, Biblio­the­ken und Lehr­kräfte großes Inter­esse an dem Thema.

³ Das Ukrai­ni­sche Insti­tut für Natio­nale Erin­ne­rung wurde bei­spiels­weise für die Ver­brei­tung eines „natio­na­lis­ti­schen“ Nar­ra­tivs kri­ti­siert. Nichts­des­to­we­ni­ger war das Insti­tut 2016 ein För­de­rer und Mit­or­ga­ni­sa­tor der wich­ti­gen Wis­sen­schafts­kon­fe­renz „Der Völ­ker­mord an den Roma der Ukraine während des Zweiten Welt­kriegs: Studium, Lehre, Gedenken“

Aus dem Ukrai­ni­schen von Dario Planert. 

Geför­dert durch:

Textende

Portrait von Dr. Mykhaylo Tyaglyy

Dr. Michailo Tjahlyj ist Wis­sen­schaft­li­cher Mit­ar­bei­ter am Ukrai­ni­schen Zentrum für Holo­caust-Studien (UCHS) in Kyjiw und Her­aus­ge­ber der Fach­zeit­schrift Holo­caust and Modernity.

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