„Die schäd­lichste Ent­schei­dung der letzten Jahre“

Der ehemalige Verteidigungsminister der Ukraine, Mychajlo Fedorow, hält am 16. Juli 2026 in Kyjiw, Ukraine, ein Pressebriefing ab.
Foto: IMAGO /​ Ukr­in­form

Pres­se­schau ukrai­ni­scher Medien | 17. Juni bis 16. Juli 2026:
Schon wieder ein neues Kabinett
Skandal um Miss­brauch in der Armee
Wach­sende Kluft zwi­schen Militär und Zivilbevölkerung

Schon wieder ein neues Kabinett

Am 12. Juli for­derte Prä­si­dent Wolo­dymyr Selen­skyj Minis­ter­prä­si­den­tin Julija Swy­ry­denko zum Rück­tritt auf. Sie und ihr Kabi­nett hatten fast genau ein Jahr zuvor, am 17. Juli 2025, ihr Amt ange­tre­ten. Infolge der Umbe­set­zun­gen verlor auch der beliebte und als Refor­mer pro­fi­lierte Ver­tei­di­gungs­mi­nis­ter Mycha­jlo Fedorow nach nur sechs Monaten sein Amt. Ukrai­ni­sche Medien dis­ku­tie­ren den uner­war­te­ten Regierungsumbau.

 „Selen­skyj erwar­tet von der Regie­rung Eigenständigkeit“

Die Ukra­jinska Prawda zählt ver­schie­dene Gründe für den Regie­rungs­wech­sel auf:

„Der erste Grund […] lag im ver­scho­be­nen Macht­ge­füge nach […] der Ent­las­sung [von Prä­si­di­al­amts­lei­ter] Andrij Jermak und dem Kor­rup­ti­ons­ver­dacht gegen ihn. […] Nach dessen Abgang machen neue [poli­ti­sche] Schwer­ge­wichte ihren Ein­fluss geltend. […]

Der zweite Grund […] liegt darin, dass der Prä­si­dent es zuneh­mend leid ist, für das ‚Baby­sit­ting der Regie­rung‘ ver­ant­wort­lich zu sein – wie Selen­skyjs Team die Zusam­men­ar­beit mit dem Kabi­nett hinter vor­ge­hal­te­ner Hand nennt. […] In einem System, in dem […] [Jermak] fast alle Auf­ga­ben der Regie­rung per­sön­lich fest­legte und die Pre­mier­mi­nis­te­rin prak­tisch jeden Schritt mit [dem Prä­si­di­al­amt in der] Bankowa[-Straße] abstimmte, war Swy­ry­denko die ideale Figur. Mit der Zeit irri­tierte dieses Modell jedoch selbst den Prä­si­den­ten. […] Selen­skyj [erwar­tete] vom Regie­rungs­vor­sitz zuneh­mend nicht mehr die Abstim­mung jeder Klei­nig­keit, sondern […] Eigenständigkeit.

Ein [wei­te­rer,] weniger offen­sicht­li­cher […] Grund liegt im sys­te­mi­schen Kon­flikt von Ver­tei­di­gungs­mi­nis­ter Mycha­jlo Fedorow mit aus­nahms­los allen Grup­pie­run­gen, die in den Jahren des großen Krieges um den Ver­tei­di­gungs­haus­halt herum ent­stan­den sind […]. Sie kri­ti­sie­ren Fedorow für die angeb­lich ‚nicht gelun­gene‘ Reform der Mobi­li­sie­rung und der Ver­sor­gung [der Streit­kräfte] – tat­säch­lich aber wollen sie ihn los­wer­den, weil er, nachdem er in den Zug der Kor­rup­tion ein­ge­stie­gen war, statt einen Espresso zu bestel­len und still mit den anderen mit­zu­fah­ren, […] die ‚Not­bremse‘ zog. Den Pas­sa­gie­ren in den Luxus­ab­tei­len der Kor­rup­tion passte das nicht. […]

Der wich­tigste Grund indes liegt woan­ders: [Im Prä­si­di­al­amt] hat man sich end­gül­tig damit abge­fun­den, dass im Herbst keine Wahlen statt­fin­den. Statt­des­sen muss sich das Land auf den wohl här­tes­ten Winter im gesam­ten großen Krieg ein­stel­len. Die Staats­füh­rung geht davon aus, dass Russ­land noch vor Ein­bruch der Kälte ver­su­chen wird, die ukrai­ni­sche Ener­gie­wirt­schaft, die Gas­för­de­rung und die Treib­stoff­in­fra­struk­tur so stark wie möglich zu zer­stö­ren – kurzum alles, was vom Ener­gie­sys­tem noch übrig ist. Die […] Vor­be­rei­tung auf diese Offen­sive wird zur Haupt­auf­gabe der neuen Regierung.“

 „Die Hand­lungs­fä­hig­keit der Regie­rung bewahrt“

Sus­pilne zieht Bilanz eines tur­bu­len­ten Jahres unter Julija Swyrydenko:

„Das Jahr von Swy­ry­denko als Pre­mier­mi­nis­te­rin verlief alles andere als ruhig: Kaum im Amt, gab es den Versuch, das Natio­nale Anti­kor­rup­ti­ons­büro und die Spe­zi­al­staats­an­walt­schaft gegen Kor­rup­tion ihrer Unab­hän­gig­keit zu berau­ben; später kam die Ope­ra­tion Midas ans Licht – der größte Kor­rup­ti­ons­skan­dal im Ener­gie­sek­tor seit Beginn der voll­um­fäng­li­chen Invasion.

Doch Swy­ry­denko gelang es, die Hand­lungs­fä­hig­keit der Regie­rung zu bewah­ren. Zu ihren Erfol­gen zählen außer­dem die his­to­ri­sche Eröff­nung des ersten [von ins­ge­samt sechs] Clus­tern für den EU-Bei­tritt der Ukraine und die Bewil­li­gung eines Kredits über 90 Mil­li­ar­den Euro.

Dennoch sind sich die meisten Gesprächs­part­ner von Sus­pilne einig: Swy­ry­denko wurde keine Pre­mier­mi­nis­te­rin, die der ukrai­ni­schen Politik oder Wirt­schaft neue Impulse gegeben hätte.“

„Die schäd­lichste Ent­schei­dung der letzten Jahre“

Der ent­las­sene Ver­tei­di­gungs­mi­nis­ter Mycha­jlo Fedorow verlor seinen Aus­sa­gen zufolge sein Amt wegen Kon­flik­ten mit dem Ober­be­fehls­ha­ber der Streit­kräfte, Olek­sandr Syrskyj. Seine Ent­las­sung löste Stra­ßen­pro­teste und heftige Kritik aus – auch von­sei­ten der Redak­tion des Kyiv Inde­pen­dent:

„Zum ersten Mal seit Herbst 2022 hat die Ukraine das Blatt im Krieg gegen Russ­land zu ihren Gunsten gewen­det – von der Front bis in die stra­te­gi­sche Tiefe.

In einer Ent­schei­dung, die sich als seine schäd­lichste im Krieg der letzten Jahre erwei­sen könnte, hat […] Selen­skyj gerade beschlos­sen, den Mann zu ent­las­sen, der die trei­bende Kraft hinter dieser Wende war. […]

Damit hat der Prä­si­dent die Ukraine wahr­schein­lich genau in dem Moment, in dem die Chance besteht, Russ­land unter Druck zu setzen, den Krieg zu beenden, wieder auf den Weg eines lang­sa­men stra­te­gi­schen Ver­falls gebracht. […]

Wenn diese Stadt wirk­lich zu klein für Fedorow und Syrskyj zugleich ist, ist es Zeit, dass der General geht. […]

Die Ukraine will einen siche­ren Frieden, doch dieser kann nur erreicht werden, indem man wei­ter­hin Druck ausübt, das Leben der eigenen Sol­da­ten schützt und Moskau in die Enge treibt.

Die Person zu ent­las­sen, die dies gerade in die Tat umsetzt, ist ein schwer­wie­gen­der Fehler.“

Skandal um Miss­brauch in der Armee

Schon lange hielten sich Gerüchte, im größten ukrai­ni­schen Sturm­re­gi­ment Skelja würden Neu­an­kömm­linge sys­te­ma­tisch miss­han­delt. Obwohl der Mili­tärom­buds­mann Refor­men ver­langte, blieb jede Reak­tion aus. Das Regi­ment, dessen Infan­te­rie an beson­ders schwie­ri­gen Front­ab­schnit­ten kämpft und dort hohe Ver­luste erlei­det, galt als Lieb­ling von Ober­be­fehls­ha­ber Olek­sandr Syrskyj. Am 23. Juni ver­öf­fent­lichte Babel eine mona­te­lange Recher­che über 26 Todes­fälle abseits des Schlacht­felds und deckte auf, dass viele Sol­da­ten sucht­krank sind oder aus pre­kä­ren Ver­hält­nis­sen stammen. Der Skandal löste massive Empö­rung aus, wor­auf­hin Syrskyj Ermitt­lun­gen anordnete.

„Wenn sie sich falsch ver­hal­ten, werden sie brutal geschlagen“

In dem Artikel lässt Babel Sol­da­ten und Ange­hö­rige zu Wort kommen, die unmensch­li­che Bedin­gun­gen im Regi­ment schildern:

„Nach der Ankunft, so berich­ten die Befrag­ten, werden die Neu­an­kömm­linge sor­tiert. ‚Die Dro­gen­ab­hän­gi­gen auf die eine Seite, weil sie sich unan­ge­mes­sen beneh­men; manchen geht es schlecht. Wenn sie sich falsch ver­hal­ten, werden sie brutal geschla­gen. […]‘, sagt einer der Ein­ge­zo­ge­nen, der in diesem Regi­ment war.

Viele Neu­an­kömm­linge bekom­men schon im ‚Hüh­ner­stall‘ [der Baracke, in der Skelja die Neuen auf­nimmt] Ent­zugs­er­schei­nun­gen. Sie schla­fen nicht mehr, leiden unter Schmer­zen am ganzen Körper, Übel­keit und Durch­fall; das Sui­zid­ri­siko ist hoch. Infu­sio­nen, die diesen Zustand etwas lindern, erhal­ten den Befrag­ten zufolge nur wenige. Manche haben Hal­lu­zi­na­tio­nen und Wahn­vor­stel­lun­gen – sie werden isoliert.

‚Ich kann ganz genau schil­dern, wie ich zusam­men mit vier Men­schen unter dem Eich­hörn­chen [ukrai­ni­scher Slang für ein Ent­zugs­de­li­rium bei Alkohol] im Karzer saß‘, berich­tet einer der Ein­ge­zo­ge­nen anonym. Er ist nicht abhän­gig, sondern bekam eine Strafe, weil er sich wei­gerte, Knie­beu­gen zu machen. Deshalb saß er zwei Tage im Karzer […], [einer] win­zi­gen Kammer, in der eine Dop­pel­ma­tratze den Groß­teil des Raums ein­nimmt. Dort dräng­ten sich sechs bis sieben Men­schen gleich­zei­tig, min­des­tens vier davon auf Entzug.“

„Das Schlimmste habt ihr nicht gesehen“

Auf Face­book betont Babel-Chef­re­dak­teu­rin Kateryna Kober­nyk, ihre Redak­tion habe es nicht auf einen öffent­li­chen Skandal abge­se­hen und die scho­ckie­rends­ten Details bewusst ausgespart:

„Als wir die Recher­che über Skelja vor­be­rei­te­ten, baten wir ver­schie­dene hoch­ran­gige Per­so­nen um Hilfe, um die Situa­tion nicht eska­lie­ren zu lassen; um die erschüt­ternds­ten Beweise nicht ver­öf­fent­li­chen und die Psyche der Men­schen nicht noch mehr belas­ten zu müssen. Wir baten sie: Kümmert euch um dieses Problem, über das ihr weitaus besser Bescheid wisst als wir und von dem ihr nach Kräften den Ein­druck erwe­cken wollt, es sei nicht gra­vie­rend, denn es handle sich nur um Ein­zel­fälle. Wir wollten keine Schlag­zei­len, sondern Ergeb­nisse – nur die zählen. Und was haben wir zu hören bekom­men? Manch einer tauchte kom­plett ab, andere erklär­ten ganz unver­blümt: Ohne öffent­li­che Auf­merk­sam­keit wird sich nie auch nur das kleinste Biss­chen ändern. Wenn man uns vor­wirft, wir würden die Sache auf­bla­sen und uns am Leid [anderer] weiden, kann ich ehrlich sagen: Das Schlimmste habt ihr gar nicht gesehen.“

„Gleich den gesam­ten Markt dichtmachen“

Am 7. Juli durch­suchte das Staat­li­che Ermitt­lungs­büro die Firma Vyriy, einen der größten Her­stel­ler von FPV-Drohnen in der Ukraine. Dem Eigen­tü­mer von Vyriy, Oleksiy Babenko, gehören 75 Prozent des Online-Maga­zins Babel. Das Ermitt­lungs­büro wirft Vyriy ille­gale Preis­trei­be­rei vor – viele ver­mu­ten dahin­ter jedoch einen Rache­akt für den Artikel über Miss­brauch beim Sturm­re­gi­ment Skelja. Forbes sprach mit vier Top­ma­na­gern großer Rüs­tungs­un­ter­neh­men, die anonym bleiben wollten, über die Vor­würfe und das Geschäft von Vyriy:

„‚Vyriy baut preis­güns­tige und hoch­wer­tige Drohnen‘, bestä­tigt einer von ihnen. ‚Wenn man jeman­den durch­su­chen will, dann ganz sicher nicht sie.‘

Der Straf­tat­be­stand über­höh­ter Droh­nen­preise sei für die Straf­ver­fol­ger sehr dehnbar, fügt der Chef eines anderen Her­stel­lers hinzu. […]

‚Vor­würfe zur Preis­ge­stal­tung und zu den Kosten von Drohnen kann man ohne Aus­nahme absolut jedem ukrai­ni­schen Her­stel­ler machen‘, [weil Droh­nen­kom­po­nen­ten schwer zu beschaf­fen seien und es deshalb keine ein­heit­li­chen Preise gebe], sagt der Top­ma­na­ger eines anderen Unter­neh­mens. ‚Dann kann man auch gleich […] den gesam­ten Markt dichtmachen.‘“

„Die Fall­schirm­jä­ger ver­fol­gen einen anderen Ansatz“

Ohne das umstrit­tene Sturm­re­gi­ment Skelja nament­lich zu erwäh­nen, ordnete Prä­si­dent Wolo­dymyr Selen­skyj am 10. Juli die Bildung einer neuen Divi­sion an, „um mehrere Pro­bleme anzu­ge­hen, die gelöst werden müssen; in erster Linie im Umgang mit Men­schen.“ In der Ukra­jinska Prawda heißt es dazu:

„[Der erfah­rene Fall­schirm­jä­ger Dmytro] Volos­hyn wurde [an die Spitze der neuen Ver­ei­nig­ten Ver­tei­di­gungs­kräfte] berufen, damit er Ordnung schafft – nach [Valen­tyn] Manko [dem frü­he­ren Chef der Sturm­trup­pen, der in mehrere Skan­dale ver­wi­ckelt war], und den Vor­fäl­len bei Skelja […]. Die Fall­schirm­jä­ger ver­fol­gen einen anderen Ansatz.“

Wach­sende Kluft zwi­schen Militär und Zivilbevölkerung

In der Nacht zum 8. Juli griff in Lwiw eine Men­schen­menge Sol­da­ten an, die Zivi­lis­ten recht­mä­ßig zur Mobil­ma­chung auf­for­der­ten. Der spon­tane Protest eska­lierte, mehrere Sol­da­ten wurden ver­letzt und ihr Fahr­zeug beschä­digt. Der Vorfall gehört zu den auf­se­hen­er­re­gends­ten in einer Reihe gewalt­sa­mer Pro­teste gegen die Mobi­li­sie­rung und wirft die Frage auf, wie Männer in einem Land, das einen Ver­tei­di­gungs­krieg führt, zur Armee stehen sollten – und wie die Armee sie behan­deln sollte.

„Der Grund ist Straflosigkeit“

In einer Kolumne auf LB sieht Publi­zist Otar Dovz­henko die Ursache solcher Angriffe allein in der Straflosigkeit:

„Der Unwille eines Teils der Wehr­pflich­ti­gen, in die Armee zu gehen, ist – gelinde gesagt – keine neue Erschei­nung in der Geschichte der Mensch­heit. Neu und unge­wöhn­lich ist jedoch, wie aggres­siv und selbst­be­wusst Zivilist:innen heute Mili­tär­an­ge­hö­ri­gen ent­ge­gen­tre­ten. Der Grund dafür liegt in der Straf­lo­sig­keit. […] Wüssten Zivilist:innen, [die einen Mili­tär­an­ge­hö­ri­gen angrei­fen,] […] dass sie am Ende selbst mit Sicher­heit fest­ge­nom­men und ver­ur­teilt würden, gäbe es weniger solcher Fälle. […]

Die Men­schen würden immer noch nicht in die Armee wollen; sie würden die für die Rekru­tie­rung Zustän­di­gen hassen und fürch­ten und sich selt­same Theo­rien zurecht­le­gen, warum nicht sie, sondern jemand anderes dienen sollte. Diese Haltung zu ändern, ist ein Prozess für sich, mit dem sich Staat, Armee, Zivil­ge­sell­schaft, Bil­dungs­we­sen und andere Akteure umfas­send und über Jahre beschäf­ti­gen müssen. Aber: Würden [die Men­schen Mili­tär­an­ge­hö­rige] hassen und fürch­ten, würden sie sie nicht angreifen.“

„Men­schen ohne Ver­trauen werden zur Res­source des Zwangs“

Auf NV betont Poli­to­loge Oleh Saakyan, das in Lwiw sicht­bar gewor­dene Grund­pro­blem der Mobi­li­sie­rung sei ein Mangel an Vertrauen:

„Oft hört man, die wich­tigste Res­source im Krieg seien die Men­schen. Tat­säch­lich aber ist die wich­tigste Res­source im Krieg Ver­trauen. Men­schen ohne Ver­trauen werden zu einer Res­source des Zwangs, während Men­schen, die dem Staat ver­trauen, zur Res­source des Sieges werden. Kriege gewin­nen nicht jene Staaten, die ihre Bürger:innen am längs­ten zwingen können, sondern jene, die es schaf­fen, deren Moti­va­tion auf­recht­zu­er­hal­ten. Die Mobi­li­sie­rung im fünften Jahr der voll­um­fäng­li­chen Inva­sion und im drei­zehn­ten Jahr des Krieges beginnt nicht im Rekru­tie­rungs­zen­trum, sondern bei der Antwort des Men­schen auf die Frage: Ver­traue ich dem Staat so sehr, dass ich für ihn ein Risiko eingehe? Und bei der Fähig­keit des Staates, auf diese Frage eine Antwort zu geben. Bei der Fähig­keit, ver­ständ­li­che Regeln zu gewähr­leis­ten – für jene an der Front wie für jene im Hin­ter­land; für sie, ihre Fami­lien, Gemein­den und Unter­neh­men. Die Mobi­li­sie­rung beginnt mit klar fest­ge­leg­ten Regeln und dem Ver­trauen in diese.“

Portrait von Christian-Zsolt Varga

Chris­tian-Zsolt Varga ist freier Aus­lands­kor­re­spon­dent mit Schwer­punkt Ukraine, Ungarn und Europas Osten und berich­tet für ver­schie­dene euro­päi­sche Medien aus Kyjiw.

Portrait von Anton Semyzhenko

Anton Semyz­henko ist Redak­teur der eng­lisch­spra­chi­gen Ausgabe von babel.ua in Kyjiw mit über 15 Jahren Berufs­er­fah­rung als Jour­na­list im ukrai­ni­schen Medienbetrieb.

Ukrai­ni­sche Medien

Ukra­jinska Prawda ist eines der meist­ge­le­se­nen Nach­rich­ten­por­tale der Ukraine. Bekannt wurde das Online-Medium vor allem durch inves­ti­ga­tive Recher­chen und die Auf­de­ckung von Kor­rup­ti­ons­fäl­len in der ukrai­ni­schen Regie­rung. Außer­dem ver­öf­fent­licht Ukra­jinska Prawda Repor­ta­gen von der Front, baut sein Podcast- und Video­an­ge­bot aus und betreibt zahl­rei­che spe­zia­li­sierte Ableger zu Themen wie Wirt­schaft, Life­style, Mili­tär­tech­nik und Sport.

Gegrün­det wurde Ukra­jinska Prawda im Jahr 2000 vom ukrai­nisch-geor­gi­schen Jour­na­lis­ten Heorhij Gon­gadse. Er wurde im dar­auf­fol­gen­den Jahr ermor­det, mut­maß­lich auf Ver­an­las­sung des dama­li­gen Prä­si­den­ten Leonid Kut­schma. Chef­re­dak­teu­rin ist heute die bekannte ukrai­nisch-krim­ta­ta­ri­sche Jour­na­lis­tin Sevgil Mus­aieva.

Im Mai 2021 ver­kaufte die dama­lige Eigen­tü­me­rin Olena Prytula 100 Prozent der Anteile an Dragon Capital, eine ukrai­ni­sche Invest­ment­ge­sell­schaft unter Leitung des tsche­chi­schen Unter­neh­mers Tomáš Fiala.

Im Juli 2026 ver­zeich­nete pravda.com.ua 38,7 Mil­lio­nen Seitenaufrufe.

Hro­madske finan­ziert sich durch Crowd­fun­ding, Spenden inter­na­tio­na­ler Geber, Werbung und die Pro­duk­tion von Videos für andere Medien. Journalist:innen grün­de­ten das Online-Nach­rich­ten­por­tal im Novem­ber 2013 zu Beginn des Euro­mai­dan als NGO. Mit mil­lio­nen­fach abge­ru­fe­nen Live­streams wurde Hro­madske rasch zu einem der belieb­tes­ten Online-Medien des Landes.

Später ver­la­gerte sich der Fokus stärker auf Text­bei­träge, während Team, Reich­weite und Res­sour­cen schrumpf­ten. Trotz­dem bleibt Hro­madske eine der ver­läss­lichs­ten Infor­ma­ti­ons­quel­len des Landes. Die Chef­re­dak­teu­rin Daryna Fedenko, zuvor Lei­te­rin der Nach­rich­ten­re­dak­tion des öffent­lich-recht­li­chen Rund­funks Sus­pilne, führt das Portal.

Im Juli 2026 ver­zeich­nete hromadske.ua 1,8 Mil­lio­nen Seitenaufrufe.

Sus­pilne Novyny, das Nach­rich­ten­an­ge­bot der ukrai­ni­schen öffent­lich-recht­li­chen Rund­funk­ge­sell­schaft, bietet ein Fern­seh­pro­gramm und ein Online-Nach­rich­ten­por­tal. Der Sender finan­ziert sich durch staat­li­che Mittel und zahl­rei­che inter­na­tio­nale Geber. Er ver­pflich­tet sich zu aus­ge­wo­ge­ner Berichterstattung.

Der Sender steht seit Jahren auf der soge­nann­ten „weißen Liste“ ukrai­ni­scher Medien, die nach Ein­schät­zung der renom­mier­ten ukrai­ni­schen NGO Insti­tute of Mass Infor­ma­tion ein sehr hohes Niveau an zuver­läs­si­gen Infor­ma­tio­nen bieten. Die Liste wird vier­tel­jähr­lich aktualisiert.

Die Nach­rich­ten­re­dak­tion von Sus­pilne ist zudem für sein breites regio­na­les Netz­werk bekannt: Jede Region der Ukraine betreibt ein eigenes Nachrichtenportal.

Im Juli 2026 ver­zeich­nete die Website suspilne.media 9,9 Mil­lio­nen Aufrufe.

NV ist ein Online-Nach­rich­ten­por­tal, ein vier­tel­jähr­lich erschei­nen­des Print­ma­ga­zin und ein Radio­sen­der. Die Redak­tion berich­tet über inter­na­tio­nale Nach­rich­ten und ukrai­ni­sche Politik. Es legt den Fokus auf inter­na­tio­nale Unter­stüt­zung für die Ukraine, Kor­rup­tion und die Zukunft des Landes. Witalij Sytsch grün­dete NV 2014 und über­nahm die Chef­re­dak­tion. Zuvor arbei­tete Sytsch beim popu­lä­ren Magazin Kor­re­spon­dent. Er und viele heutige NV-Mit­ar­bei­ter ver­lie­ßen Kor­re­spon­dent, nachdem Serhij Kur­tschenko, ein Olig­arch aus Charkiw mit engen Ver­bin­dun­gen zum dama­li­gen Prä­si­dent Wiktor Janu­ko­wytsch, das Medium gekauft hatte. NV gehört zum Ver­lags­haus Media-DK, das dem tsche­chi­schen Unter­neh­mer Tomáš Fiala gehört.

Im Juli 2026 zählte die Website nv.ua 19,6 Mil­lio­nen Seitenaufrufe.

ZN.UA behan­delt poli­ti­sche, wirt­schaft­li­che, gesell­schaft­li­che und kul­tu­relle Themen. Das Medium ist heute vor allem für seine poli­ti­schen Artikel bekannt, die oft wert­volle Hin­ter­gründe und Ein­bli­cke liefern. Die ursprüng­li­che Print-Zeitung erschien erst­mals 1994 und zählt damit zu den ältes­ten und ein­fluss­reichs­ten Ana­ly­se­me­dien der unab­hän­gi­gen Ukraine. Seit 2020 erscheint sie aus­schließ­lich online – auf Ukrai­nisch, Rus­sisch und Eng­lisch. Die lang­jäh­rige Chef­re­dak­teu­rin, Julija Mostowa, gilt als bekannte ukrai­ni­sche Jour­na­lis­tin und ist mit dem frü­he­ren Ver­tei­di­gungs­mi­nis­ter Ana­to­lij Hry­zenko ver­hei­ra­tet. ZN.UA steht seit Jahren auf der soge­nann­ten „weißen Liste“ ukrai­ni­scher Medien, die zuver­läs­sig informieren.

Im Juli 2026 ver­zeich­nete die Website zn.ua 8,5 Mil­lio­nen Aufrufe.

Das ukrai­ni­sche Online-Magazin Babel star­tete im Sep­tem­ber 2018 als Platt­form für die Mit­tel­schicht des Landes. Heute deckt es gesell­schaft­li­che und poli­ti­sche Themen ab, kon­zen­trierte sich anfangs jedoch vor allem auf Wis­sen­schaft und neue Tech­no­lo­gien. Nach dem 24. Februar 2022 stellte Babel die rus­sisch­spra­chige Version der Website ein und ersetzte sie durch eine eng­lisch­spra­chige Ausgabe. Trotz kleiner Redak­tion und begrenz­ter Reich­weite gewann das Magazin mit poli­ti­schen Arti­keln und viel beach­te­ten Recher­chen über Miss­hand­lun­gen von Sol­da­ten in der ukrai­ni­schen Armee an Einfluss.

Babel gehört der Grün­de­rin und Chef­re­dak­teu­rin Kateryna Kober­nyk sowie Olek­sandr Babenko, dem Eigen­tü­mer des Droh­nen­her­stel­lers Vyriy Industries.

Im Juli 2026 ver­zeich­nete babel.ua 1,2 Mil­lio­nen Aufrufe.

Das Online-Magazin LB gehört zum Gor­s­henin Insti­tute, einem ukrai­ni­schen Thinktank, die poli­ti­schen und gesell­schaft­li­chen Ent­wick­lun­gen in der Ukraine und welt­weit ana­ly­siert. LB erlangte vor allem durch seine Inter­views Bekannt­heit. Es behan­delt häufig Themen wie die ukrai­ni­sche Innen- und Außen­po­li­tik sowie gesell­schaft­li­che Fragen. Gegrün­det wurde LB im Juni 2009 unter dem Namen Liwyj Bereh („Linkes Ufer“) – ein Verweis auf das linke Ufer der Ukraine und die links­sei­ti­gen Stadt­teile großer Städte wie Kyjiw, Dnipro und Saporischschja.

Chef­re­dak­teu­rin ist die renom­mierte ukrai­ni­sche Jour­na­lis­tin Sonja Koschkina.

Im Juli 2026 ver­zeich­nete die Website lb.ua 2,3 Mil­lio­nen Aufrufe.

Das ukrai­ni­sche Online-Nach­rich­ten­por­tal LIGA ging im Jahr 2000 an den Start und kon­zen­trierte sich zunächst auf Wirt­schafts­the­men. Später weitete es seine Bericht­erstat­tung auf Politik, Life­style und andere Berei­che aus. Seit 2020 führt das Insti­tute of Mass Infor­ma­tion LIGA auf der „weißen Liste“ ukrai­ni­scher Medien, die ver­läss­lich und korrekt informieren.

Chef­re­dak­teu­rin ist die Jour­na­lis­tin Yuliia Bankova, die zuvor eine Füh­rungs­po­si­tion beim Online-Magazin Hro­madske inne­hatte. Das Portal gehört zur unab­hän­gi­gen Medi­en­hol­ding Liga Media, die Dmytro Bon­da­renko leitet.

Im Juli 2026 ver­zeich­nete die Website liga.net 4,4 Mil­lio­nen Seitenaufrufe.

Der ukrai­ni­sche Dienst des US-finan­zier­ten Aus­lands­me­di­ums Radio Free Europe/​Radio Liberty (RFE/​RL) nahm bereits 1954 seinen Sen­de­be­trieb auf. 1992 eröff­nete das Medium ein Büro in der Ukraine, das im Laufe der Zeit auf Dut­zende Mit­ar­bei­tende anwuchs.

Heute arbei­tet Radio Svoboda vor allem als Online-Nach­rich­ten­por­tal und pro­du­ziert daneben auch Pod­casts und Video­re­por­ta­gen. Seit 2014 berich­ten die Redak­tio­nen Krim.Realii und Donbas.Realii über die besetzte Krim sowie die Gebiete Donezk und Luhansk. Mit dem Projekt Skhemy („Sche­mata“) verfügt das Medium zudem über eine eigene renom­mierte Investigativredaktion.

Chef­re­dak­teu­rin von Radio Svoboda ist Maryana Drach.

Sei­ten­auf­rufe der Website radiosvoboda.org im Juli 2026: 4,8 Millionen

Das unab­hän­gige Ana­ly­se­me­dium Texty.org.ua wurde von den Jour­na­lis­ten Roman Kul­chyn­sky und Ana­to­liy Bon­da­renko gegrün­det. Kul­chyn­sky leitet die Redak­tion und ist heute Chef­re­dak­teur, während Bon­da­renko vor­wie­gend daten­jour­na­lis­tisch arbei­tet. Ent­spre­chend ist Texty.org.ua ins­be­son­dere für auf­wen­dige Daten­re­cher­chen und Info­gra­fi­ken bekannt. Damit hat sich das Medium eine eigene Nische geschaf­fen und mehrere renom­mierte inter­na­tio­nale Aus­zeich­nun­gen im Bereich des Daten­jour­na­lis­mus gewonnen.

Daneben ver­öf­fent­licht Texty.org.ua hoch­wer­tige Repor­ta­gen und ana­ly­ti­sche Bei­träge, ins­be­son­dere zum rus­si­schen Angriffs­krieg gegen die Ukraine.

Sei­ten­auf­rufe der Website texty.org.ua im Juli 2026: 521.200

The Kyiv Inde­pen­dent wurde im Novem­ber 2021 vom Kern­team der damals füh­ren­den eng­lisch­spra­chi­gen ukrai­ni­schen Zeitung Kyiv Post gegrün­det. Die Journalist:innen hatten das Medium nach einem Kon­flikt mit dessen Eigen­tü­mer ver­las­sen und wollten die neue Redak­tion zunächst für einige Zeit aus eigenen Mitteln finan­zie­ren. Der rus­si­sche Groß­an­griff vier Monate später rückte die Ukraine welt­weit ins Zentrum der Auf­merk­sam­keit – und The Kyiv Inde­pen­dent ent­wi­ckelte sich zu einer der wich­tigs­ten Nach­rich­ten­quel­len über das Land für ein inter­na­tio­na­les Publikum.

Heute ist The Kyiv Inde­pen­dent eines der füh­ren­den eng­lisch­spra­chi­gen Medien der Ukraine und finan­ziert sich vor allem über Spenden seiner Leser:innen. Zudem hat das Medium eine eigene Inves­ti­ga­tiv­re­dak­tion auf­ge­baut, die sich ins­be­son­dere mit rus­si­schen Kriegs­ver­bre­chen befasst.

Chef­re­dak­teu­rin ist die ukrai­ni­sche Jour­na­lis­tin Olha Rudenko.

Sei­ten­auf­rufe der Website kyivindependent.com im Juli 2026: 3,7 Millionen

Jew­ro­pe­jska Prawda wurde im Juni 2014 gegrün­det und berich­tet vor allem über die Inte­gra­tion der Ukraine in die EU und die NATO. Diese Themen gewan­nen damals stark an Bedeu­tung: Nach der Revo­lu­tion der Würde erhielt die Ukraine eine pro­eu­ro­päi­sche Regie­rung, während der Krieg im Osten der Ukraine und die rus­si­sche Anne­xion der Krim zusätz­li­che sicher­heits­po­li­ti­sche Fragen aufwarfen.

Im Laufe der Jahre hat sich das Medium zu einer der wich­tigs­ten Quellen für ver­läss­li­che Infor­ma­tio­nen und Ana­ly­sen zur ukrai­ni­schen Außen­po­li­tik sowie zu Themen der inter­na­tio­na­len Politik ent­wi­ckelt. Da Jew­ro­pe­jska Prawda eng mit Ukra­jinska Prawda koope­riert, wird es häufig als deren Ressort wahr­ge­nom­men. Tat­säch­lich verfügt es jedoch über eine eigen­stän­dige Redak­tion unter der Leitung von Sergiy Sydo­renko. Beide Medien über­neh­men regel­mä­ßig Inhalte von­ein­an­der und ver­öf­fent­li­chen mit­un­ter gemein­sam recher­chierte Beiträge.

Sei­ten­auf­rufe der Website eurointegration.com.ua im Juli 2026: 8,6 Millionen

Die ukrai­ni­sche Nach­rich­ten­agen­tur RBC-Ukraine wurde 2006 als Tochter des rus­si­schen Medi­en­un­ter­neh­mens RBC (Ros­Busi­ness­Con­sul­ting) gegrün­det. Seit 2012 bestehen nach Angaben des Unter­neh­mers Jossyp Pintus, der das ukrai­ni­sche Unter­neh­men damals über­nahm, keine Ver­bin­dun­gen mehr zwi­schen beiden Firmen – abge­se­hen vom gemein­sa­men Markennamen.

Seit 2014 ist die Website von RBC-Ukraine in Russ­land gesperrt. Anlass waren Artikel, die von den rus­si­schen Behör­den als „extre­mis­tisch“ ein­ge­stuft wurden – eine Bezeich­nung, die in Russ­land auch für Posi­tio­nen ver­wen­det wird, die der offi­zi­el­len Linie gegen­über der Ukraine widersprechen.

Heute gehört RBC-Ukraine zu den meist­ge­le­se­nen Nach­rich­ten­por­ta­len des Landes. In seiner poli­ti­schen Bericht­erstat­tung äußert sich das Medium ver­gleichs­weise wohl­wol­lend über Prä­si­dent Wolo­dymyr Selen­skyj und dessen Umfeld.

Jossyp Pintus bezeich­net RBC-Ukraine als sein wich­tigs­tes Geschäft. Zuvor war er im Bereich Online-Werbung und Traffic-Ver­mark­tung tätig. Chef­re­dak­teur ist Ros­tys­law Schaprawskyj.

Sei­ten­auf­rufe von rbc.ua im Juli 2026: 19 Millionen

Die ukrai­ni­sche Ausgabe des Maga­zins Forbes erscheint seit März 2011, mit einer Unter­bre­chung von 2016 bis 2020. Heute beschäf­tigt sich das Medium vor allem mit der ukrai­ni­schen Kriegs­wirt­schaft und der Frage, wie das Land die wirt­schaft­li­chen Her­aus­for­de­run­gen des rus­si­schen Angriffs­kriegs bewältigt.

Forbes Ukraine gehört dem Unter­neh­mer Artur Grants, der ein Netz­werk von Duty-Free-Geschäf­ten betreibt, und ist eines der wenigen ukrai­ni­schen Medien, die auch wei­ter­hin als Print­aus­gabe erscheinen.

Chef­re­dak­teur ist Borys Davy­denko, der zuvor LIGA.net leitete. Das Medium ver­tritt wirt­schafts­li­be­rale Posi­tio­nen und legt einen beson­de­ren Schwer­punkt auf Unter­neh­mer­tum und freie Marktwirtschaft.

Sei­ten­auf­rufe von forbes.ua im August 2026: 1,5 Millionen

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