Russ­lands bal­lis­ti­sche Bom­bar­de­ments ver­hei­ßen der Ukraine einen harten Winter

Russische Truppen greifen Kyjiw mit ballistischen Raketen an
Foto: IMAGO /​ Nur­Photo

Seitdem Russ­land im Oktober 2022 begon­nen hat, gezielt die ukrai­ni­sche Ener­gie­ver­sor­gung zu atta­ckie­ren, häufen sich jähr­lich im Spät­som­mer die War­nun­gen vor dem Winter. Simon Schle­gel war kürz­lich in Kyjiw und stellt fest: Dieses Jahr ist die Sorge beson­ders groß, denn die rus­si­sche Armee setzt jüngst mas­sen­weise bal­lis­ti­sche Raketen ein. Sie nutzt damit die welt­weite Knapp­heit von Patriot-Abwehr­ra­ke­ten aus.

Ende Juli habe ich zum zweiten Mal in diesem Jahr die ukrai­ni­sche Haupt­stadt Kyjiw besucht. Bei meiner Reise im Februar bei zwei­stel­li­gen Minus­gra­den und stän­di­gen Strom­aus­fäl­len herrschte noch Opti­mis­mus, den Winter beinahe über­stan­den zu haben. Nun ist trotz des schönen Som­mer­wet­ters und der Erfolge des ukrai­ni­schen Mili­tärs die Stim­mung deut­lich gedämpf­ter. Das liegt vor allem an der Sorge vor dem nächs­ten Winter.

Neue Rea­li­tät unter bal­lis­ti­schem Beschuss

Russ­lands neueste Luft­kriegs­tak­tik, seine bal­lis­ti­schen Angriffe auf Kyjiw zu kon­zen­trie­ren, hat den Juni 2026 laut UNO-Men­schen­rechts­mis­sion zur töd­lichs­ten Zeit für Zivi­lis­ten seit den ersten Wochen der Inva­sion gemacht. In der ersten Jah­res­hälfte 2026 kamen mehr als doppelt so viele Zivi­lis­ten ums Leben wie im glei­chen Zeit­raum 2024. Haupt­grund dafür ist, dass die rus­si­schen Lang­stre­cken­an­griffe inten­si­ver werden. Russ­land setzt in diesem Sommer vor allem auf bal­lis­ti­sche Raketen, die den Men­schen kaum Zeit lassen, Schutz­räume auf­zu­su­chen. Die ukrai­ni­schen Radare erfas­sen ihren Abschuss im Westen Russ­lands oft nicht recht­zei­tig, sodass die Raketen teil­weise ganz ohne Vor­war­nung einschlagen.

Zudem ist die ukrai­ni­sche Luft­ab­wehr mit der neuen Taktik über­for­dert. Am 6. Juli, bei einem der letzten großen Beschüsse Kyjiws, feuerte die rus­si­sche Armee inner­halb kurzer Zeit 29 bal­lis­ti­sche Raketen auf die ukrai­ni­sche Haupt­stadt und ihre Vororte. Zur Über­sät­ti­gung der Luft­ab­wehr schickte Russ­land oben­drein 40 Marsch­flug­kör­per und mehr als 300 Drohnen. Die Abschuss­rate bal­lis­ti­scher Raketen, die im ersten Quartal 2026 zwi­schen 30 und 40 Prozent schwankte, fiel in dieser Nacht auf null. Der Ukraine gingen die Abwehr­ra­ke­ten aus. Es gab 22 Tote.

Für Moskau sind diese Zahlen erfolg­ver­spre­chend. Russ­land wird die Pro­duk­tion von bal­lis­ti­schen Raketen dieses Jahr noch stei­gern können. Angriffe mit je meh­re­ren Dutzend bal­lis­ti­schen Raketen könnten also zur neuen Nor­ma­li­tät werden. Einige wenige solcher Angriffe im Herbst würden aus­rei­chen, um die gesamte Ener­gie­ver­sor­gung Kyjiws lahmzulegen.

Kri­ti­sche Ver­sor­gungs­lü­cke bei Abwehrraketen

Die begehr­ten Patriot-Abwehr­ra­ke­ten, das einzige effek­tive System zur Abwehr bal­lis­ti­scher Raketen im ukrai­ni­schen Arsenal, waren für Kyjiw schon lange nur durch mühsame diplo­ma­ti­sche Ver­hand­lun­gen zu bekom­men. Doch der Krieg im Iran hat diese Knapp­heit weiter ver­stärkt. Die US-Armee hat seit Anfang März zwei Drittel ihrer Bestände an Patriot-Abwehr­ra­ke­ten ver­schos­sen. Die Knapp­heit ist so ver­hee­rend, dass auch die USA in ihren Hand­lungs­mög­lich­kei­ten stark ein­ge­schränkt sind. Laut der New York Times waren die schwin­den­den Vorräte an Patriot-Raketen ein wich­ti­ger Grund dafür, dass Donald Trump Ende Juli seine Pläne, den Krieg gegen den Iran zu eska­lie­ren, wieder auf­ge­ben musste. Unter diesen Umstän­den muss sich die Ukraine erst einmal hin­ten­an­stel­len, selbst wenn sich in Kyjiw der Mangel an Abwehr­ra­ke­ten jede Woche in vielen wei­te­ren Toten niederschlägt.

Die Ukraine bemühte sich bereits seit den Jahren der Biden-Admi­nis­tra­tion um eine Pro­duk­ti­ons­li­zenz für Patriot-Raketen, wohl wissend, dass nur eine hei­mi­sche Fer­ti­gung eine ver­läss­li­che Ver­sor­gung sicher­stel­len kann. Trump deutete beim NATO-Gipfel in Ankara Mitte Juli an, der Ukraine eine solche Lizenz ver­schaf­fen zu wollen. Ende Juli zog er seine Zusage jedoch wieder zurück. Die Tech­no­lo­gie sei zu wert­voll, um sie einem Land zu geben, das sie eines Tages auch gegen die USA ver­wen­den könnte.

Die Ukraine und ihre euro­päi­schen Partner arbei­ten mit Hoch­druck an einer bil­li­ge­ren Alter­na­tive zu den raren Patriot-Abwehr­ra­ke­ten. Trotz eines ambi­tio­nier­ten Zeit­plans wird das Kon­sor­tium aber Jahre brau­chen, bis es eigene Raketen in Serie her­stel­len kann.

Innen­po­li­ti­sche Span­nun­gen bremsen die Wintersicherung

Die besten ver­blei­ben­den Schutz­maß­nah­men sind die Dezen­tra­li­sie­rung der Ener­gie­ge­win­nung und der Bau von Schutz­an­la­gen an Schlüs­sel­ob­jek­ten. Auch in dieser Hin­sicht besteht die Gefahr, dass im nächs­ten Winter große Sicher­heits­lü­cken bleiben. Eines der Pro­bleme ist, dass das Ener­gie­mi­nis­te­rium zu zen­tra­li­siert plant. Dabei müssten zuneh­mend die kom­mu­na­len Ver­wal­tun­gen die Führung bei der dezen­tra­len Ener­gie­er­zeu­gung, der Schaf­fung von Spei­cher­ka­pa­zi­tä­ten und dem Bau von Schutz­an­la­gen über­neh­men. Dafür fehlen den lokalen Ver­wal­tun­gen Geld und per­so­nelle Kapazitäten.

Ursache dafür ist unter anderem ein seit Langem schwe­len­der Kon­flikt zwi­schen der natio­na­len Regie­rung und den Gemein­de­ver­wal­tun­gen. Da bei den letzten Lokal­wah­len im Jahr 2020 kein Bür­ger­meis­ter­amt einer Oblast-Haupt­stadt an die Prä­si­den­ten­par­tei Sluha Narodu (deutsch: Diener des Volkes) ging, haben Regie­rung und Par­la­ment wenig Anreiz, ihren poli­ti­schen Rivalen in den Rat­häu­sern mit Finanz­trans­fers zu Erfol­gen zu ver­hel­fen. Wenn die Men­schen im Winter frieren, werden sie ihre Bür­ger­meis­ter und nicht die Regie­rung in Kyjiw dafür ver­ant­wort­lich machen.

Mit der Dezen­tra­li­sie­rungs­re­form haben die Gemein­den eine gewisse finan­zi­elle Auto­no­mie erhal­ten. So können sie etwa 60 Prozent (während des Krieges sogar 64 Prozent) der erho­be­nen Ein­kom­mens­steuer für ihre kom­mu­na­len Budgets zurück­be­hal­ten. Gerade in Front­nähe schrumpft diese Ein­kom­mens­quelle aber durch die Zer­stö­rung der Indus­trie und durch den Bevöl­ke­rungs­schwund. Die am stärks­ten vom Krieg betrof­fe­nen Städte sind so auch am meisten auf Finanz­aus­glei­che aus Kyjiw angewiesen.

Der Winter als Belas­tungs­test für die inter­na­tio­nale Unterstützung

Poli­ti­ker auf lokaler wie auf natio­na­ler Ebene haben zudem Hem­mun­gen, drin­gend not­wen­dige Inves­ti­tio­nen in die Dezen­tra­li­sie­rung des Ener­gie­sys­tems vor­zu­neh­men, weil sie fürch­ten, die Kosten dafür nicht auf die Ener­gie­preise umlegen zu können. Für viele Ver­brau­cher sind Aus­ga­ben für Strom und Heizung einer der größten Aus­ga­be­pos­ten im Haus­halts­bud­get. Das Thema Ener­gie­preise ist ent­spre­chend poli­tisch auf­ge­la­den und anfäl­lig für Popu­lis­mus. Die rus­si­sche Pro­pa­ganda sug­ge­riert zudem seit Jahr­zehn­ten, dass Gefü­gig­keit gegen­über Moskau direkt zu nied­ri­gen Strom­prei­sen für die Bevöl­ke­rung führe.

Ein wei­te­res Problem besteht darin, dass die Schutz­an­la­gen, welche die Ukraine in den ver­gan­ge­nen vier Kriegs­jah­ren errich­tet hat, vor allem gegen Drohnen wirksam sind. In Kom­bi­na­tion mit einer effek­ti­ven Luft­ab­wehr bieten sie auch einen gewis­sen Schutz vor Marsch­flug­kör­pern. Einer direk­ten bal­lis­ti­schen Angriffs­welle würden jedoch viele dieser Schutz­an­la­gen nicht standhalten.

Die Kom­bi­na­tion aus Russ­lands bal­lis­ti­schen Angrif­fen und einer schlep­pen­den Vor­be­rei­tung ver­heißt nichts Gutes für den kom­men­den Winter. Beson­ders wenn, wie im letzten Winter, wochen­lang Minus­grade herr­schen sollten, werden viele Men­schen nicht in ihren Woh­nun­gen bleiben können. Deutsch­land und Europa setzen daher auf huma­ni­täre Not­maß­nah­men wie Wär­me­zelte, Gene­ra­to­ren und Öfen. Lang­fris­tig wäre es jedoch wirk­sa­mer, die Luft­ab­wehr der Ukraine zu prio­ri­sie­ren und Gemein­den bei der Dezen­tra­li­sie­rung der Ener­gie­ver­sor­gung zu unter­stüt­zen. Der Winter wird auch ein Belas­tungs­test für die inter­na­tio­nale Unter­stüt­zung der Ukraine sein.

Portrait von Simon Schlegel

Simon Schle­gel leitet seit Anfang 2025 das Ukraine-Pro­gramm beim Zentrum Libe­rale Moderne.

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