Dop­pel­ter Ver­fol­gung aus­ge­setzt: Frauen aus der Ukraine im NS-Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger Ravensbrück

Foto von Vira Franko
Foto: photo-lviv.in.ua

Unter den 130.000 Men­schen, die im NS-Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger Ravens­brück inhaf­tiert waren, befan­den sich bis zu 8.000 aus dem Gebiet der heu­ti­gen Ukraine, die meisten davon Frauen. Zahl­rei­che Häft­linge über­leb­ten die Lager­haft in Ravens­brück nicht. Nach der Befrei­ung am 30. April 1945 ver­lie­fen ihre Schick­sale unter­schied­lich: Während viele wei­te­ren Ver­fol­gun­gen in der Sowjet­union aus­ge­setzt waren, flohen andere ins Exil.

Die genaue Zahl der Häft­linge im Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger Ravens­brück, die aus dem Gebiet der heu­ti­gen Ukraine stamm­ten, ist nicht bekannt. In den Lager­do­ku­men­ten wurden sie bei der Regis­trie­rung meist nicht als Ukrai­ne­rin­nen erfasst, sondern als „Rus­sin­nen“, „Polin­nen“, „Rumä­nin­nen“, „SU“ (Sowjet­union) oder als Staa­ten­lose – und dadurch in ihrer spe­zi­fi­schen Her­kunft unsicht­bar gemacht. Ein Groß­teil der bis zu 25.000 Frauen, die aus der Sowjet­union stamm­ten, waren Frauen aus der Ukraine, die zuvor NS-Zwangs­ar­beit geleis­tet hatten. Sie wurden in das Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger Ravens­brück über­stellt, nachdem sie die Arbeit ver­wei­gert oder Flucht­ver­su­che unter­nom­men hatten.

Inter­views, die seit den 1980er Jahren im Zuge der his­to­ri­schen Auf­ar­bei­tung mit ehe­ma­li­gen Inhaf­tier­ten vom Ukrai­nian Cana­dian Rese­arch & Docu­men­ta­tion Centre (UCRDC) durch­ge­führt worden sind, bil­de­ten den Anfang einer über Jahr­zehnte auf­ge­bau­ten Daten­bank. Sie enthält heute über 5.000 Namen von Frauen aus der Ukraine, die im KZ Ravens­brück inhaf­tiert waren, dar­un­ter auch Jüdin­nen und Romnja. Ein wich­ti­ges Ergeb­nis der Arbeit des UCRDC stellt die Publi­ka­tion „Ukrai­ni­sche Frauen im Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger Ravens­brück. Stimmen der Häft­linge“ (2024) dar. Sie gibt einen guten Über­blick darüber, wer diese Frauen waren. Neben NS-Zwangs­ar­bei­te­rin­nen han­delte es sich um ukrai­ni­sche Rot­ar­mis­tin­nen, Stu­den­tin­nen sowie poli­tisch Tätige, die sich für eine unab­hän­gige Ukraine enga­gier­ten. Die Frauen stamm­ten aus allen Regio­nen der Ukraine.

Frauen-Bio­gra­fien aus dem KZ Ravensbrück

Halyna Kuz­menko war Frau­en­recht­le­rin, Leh­re­rin und war in erster Ehe mit dem ukrai­ni­schen Anar­chis­ten Nestor Machno ver­hei­ra­tet. Seit 1925 lebte sie mit ihrer Tochter Olena in Frank­reich. Infolge der deut­schen Besat­zung ab 1943 wurden beide nach Ravens­brück depor­tiert. Bald nach Ende des Krieges wurde Kuz­menko von sowje­ti­schen Behör­den wegen angeb­li­cher Betei­li­gung an einer ukrai­ni­schen Auf­stands­be­we­gung zu acht Jahren Haft verurteilt.

Foto von Halyna Kuzmenko
Foto: istpravda.com.ua
Foto von Halyna Kuz­menko. Quelle: istpravda.com.ua

 

Sie wurde 1954 frei­ge­las­sen und starb 1978 in Kasach­stan. Auch ihre Tochter Olena wurde Zeit ihres Lebens von sowje­ti­schen Behör­den ver­folgt. Sie blieb unver­hei­ra­tet und kin­der­los aus Angst, ihre Kinder hätten ein ähnlich schwe­res Schick­sal erlei­den können wie sie selbst.

Vira Franko – Enkelin des ukrai­ni­schen Dich­ters Ivan Franko – wurde während des Zweiten Welt­kriegs ver­haf­tet und 1943 im KZ Ravens­brück inhaf­tiert; die Lager­ver­wal­tung führte sie als Polin. Im KZ wurde sie Opfer medi­zi­ni­scher Expe­ri­mente. „Gesun­den Mädchen wurden Bak­te­rien in den Körper ein­ge­bracht, man benutzte sie als Ver­suchs­ma­te­rial. Die Schnitte und Narben auf meinem Körper sind für immer geblie­ben“, erzählt Franko. In Ravens­brück wurde sie als Zwangs­ar­bei­te­rin der Firma Siemens & Halske AG ein­ge­setzt. „Von diesem Moment an war ich kein Mensch mehr, sondern eine Nummer. Jeden Morgen um 6 Uhr Appell, dann zur Arbeit in die Unter­welt zur Siemens-Fabrik“, berich­tet sie über ihre Zeit in Ravensbrück.

Foto von Vira Franko
Foto: photo-lviv.in.ua
Foto von Vira Franko. Quelle: photo-lviv.in.ua

 

Nach der Befrei­ung kehrte Franko in die Sowjet­union zurück. Schon nach drei Monaten ver­ur­teilte man sie aller­dings zu fünf Jahren Lager­haft, unter anderem in Workuta am Nor­dende des Ural-Gebir­ges. Erst folgte Ver­ban­nung, 1953 dann deren Auf­he­bung und 1959 die Reha­bi­li­tie­rung. Franko lebte nun in Lwiw und arbei­tete zeit­weise als Biblio­the­ka­rin, während sie unter stän­di­ger sowje­ti­scher Beob­ach­tung stand.

„Was für ein Glück, dass Sie die Gele­gen­heit hatten, im Westen zu sein und dort zu bleiben. Und ich musste hier noch [im Lager] absit­zen“, meinte[1] Franko gegen­über Olena Vityk, die sie in den Jahren nach ihrer Ver­ban­nung in Lwiw traf. Vityk war seit Ende der 1930er Jahre Stu­den­tin an der Ber­li­ner Aka­de­mie der Künste. Zusam­men mit Lidia Ukarma, die auch in Berlin Stu­den­tin war, enga­gierte sie sich bei der Orga­ni­sa­tion Ukrai­ni­scher Natio­na­lis­ten (OUN). 1942 wurden beide dafür von der Gestapo ver­haf­tet und ins Gefäng­nis am Alex­an­der­platz gebracht. Nach mona­te­lan­gen Ver­hö­ren über­stellte man sie 1943 ins KZ Ravensbrück.

Foto von Lidia Ukarma um 1946/1947
Foto: Familie von Lidia Ukarma. Foto­graf: Marko Czernycz
Foto von Lidia Ukarma

 

Dort betei­lig­ten sie sich an einem Netz­werk, das den Schwa­chen und Alten unter den Insas­sen half. Ukarma bewahrte ihr Leben lang kleine Kunst­werke aus dieser Zeit auf, die Vityk damals aus Brot und Resten einer Zahn­bürste für sie geschnitzt hatte. Nach ihrer Frei­las­sung 1944 schuf Vityk eine Samm­lung von Zeich­nun­gen über den Alltag im KZ Ravens­brück, die von der Ukrai­ni­schen Liga der poli­ti­schen Gefan­ge­nen 1947 in München her­aus­ge­ge­ben wurde. Sie selbst emi­grierte nach Kanada, während Ukarma nach München ging.

Auszug aus dem Album „Ravensbrück“ von Olena Vityk
Foto: euromaidanpress.com
Auszug aus dem Album „Ravens­brück“ von Olena Vityk. Quelle: euromaidanpress.com

 

Iev­he­niia Klem war Päd­ago­gin. 1941 wurde sie in die Rote Armee ein­ge­zo­gen – wie mehr als 800.000 andere sowje­ti­sche Frauen, die während des Zweiten Welt­kriegs in der Nach­rich­ten­über­mitt­lung, im medi­zi­ni­schen Dienst oder direkt an der Front ein­ge­setzt wurden. In diesem Zusam­men­hang nahm sie auch an der Ver­tei­di­gung von Odesa und Sewas­to­pol teil. Anfang des Jahres 1942 geriet sie in deut­sche Kriegs­ge­fan­gen­schaft. Über mehrere Sta­tio­nen der NS-Haft kam sie 1943 mit einem Trans­port von Rot­ar­mis­tin­nen nach Ravens­brück. Klem unter­stützte ihre Mit­ge­fan­ge­nen, was sie zu einer zen­tra­len Figur in einem Unter­grund­netz­werk machte, in dem sich Frauen gegen­sei­tig halfen.

Foto von Ievheniia Klem
Foto: istpravda.com.ua
Foto von Iev­he­niia Klem. Quelle: istpravda.com.ua

 

Nach Kriegs­ende kehrte Klem nach Odesa zurück. Aller­dings vernahm man sie 1952 als Zeugin in einem Prozess gegen ehe­ma­lige Ravens­brück-Häft­linge. Die ange­klag­ten Frauen – Valen­tyna Chechko, Anna Fed­chenko, Musya (Maria) Klugman und Lyud­myla Chme­lyuk (Maly­hina) – wurden beschul­digt, mit den Natio­nal­so­zia­lis­ten kol­la­bo­riert und in den soge­nann­ten Ver­suchs­ba­ra­cken Expe­ri­mente mit­durch­ge­führt zu haben. Alle Beschul­dig­ten wurden zu acht Jahren Haft ver­ur­teilt und erst 1956, drei Jahre nach Stalins Tod, reha­bi­li­tiert.[2]

Für Klem selbst hatte der Prozess weit­rei­chende psy­chi­sche Folgen. Obwohl sie Kom­mu­nis­tin war, sah sie sich staat­li­cher Ver­fol­gung aus­ge­setzt und verlor schließ­lich ihre Arbeits­stelle am päd­ago­gi­schen Insti­tut. Im Sep­tem­ber 1953 nahm sie sich in Odesa das Leben.

Lücken­hafte Erinnerung

Die vor­ge­stell­ten Bio­gra­fien zeigen exem­pla­risch, welche unter­schied­li­chen Wen­dun­gen die Schick­sale der Frauen aus der Ukraine genom­men haben. Sie sind gezeich­net von dop­pel­ter Ver­fol­gung – erst durch NS-Deutsch­land und später durch die Sowjetunion.

Trotz der Reha­bi­li­tie­rung wurden die Geschich­ten der vier beschul­dig­ten Frauen, also aller außer Klem, nicht in die offi­zi­elle Erin­ne­rung an Ravens­brück auf­ge­nom­men – die sowje­ti­sche Erin­ne­rungs­pra­xis hat sie aus der offi­zi­el­len Erin­ne­rung getilgt.[3] Bis heute kommen sowohl sie als auch viele andere Ukrai­ne­rin­nen in der eta­blier­ten Gedenk­kul­tur von Ravens­brück kaum vor. Für zahl­rei­che Frauen aus der Ukraine bedeu­tet diese lücken­hafte Erin­ne­rungs­pra­xis, dass ihr Leid wei­ter­hin unsicht­bar bleibt, was auch für deren Nach­fah­ren äußerst schmerz­haft ist.

Im ehe­ma­li­gen „Zel­len­bau“ des KZ Ravens­brück wurden zu DDR-Zeiten natio­nale Gedenk­räume ein­ge­rich­tet. Den vor­han­de­nen sowje­ti­schen Raum lehnen Ukrainer*innen als Gedenk­ort ab. Ehe­ma­lige Häft­linge, ins­be­son­dere Lidia Ukarma, bemüh­ten sich jah­re­lang darum, dass ein ukrai­ni­scher Gedenk­raum ein­ge­rich­tet wird. Trotz einer im Jahr 2001 von 10.000 Frauen unter­zeich­ne­ten Peti­tion, die den Haupt­ver­an­stal­tern der Gedenk­ver­an­stal­tung sowie der Bun­des­mi­nis­te­rin für Familie, Senio­ren, Frauen und Jugend im Beisein einer Ver­tre­te­rin der ukrai­ni­schen Bot­schaft über­ge­ben wurde, blieben die Bemü­hun­gen zunächst erfolglos.

Neben Ukarma ist es nicht zuletzt dem Einsatz des dama­li­gen Kul­tur­at­ta­chés Yurii Nyky­tiuk zu ver­dan­ken, dass 2011 die ukrai­ni­sche Regie­rung eine Gedenk­ta­fel für die ukrai­ni­schen Häft­linge in Ravens­brück ein­wei­hen konnte. Die damit geschaf­fene Sicht­bar­keit von Frauen aus der Ukraine in der Gedenk­stätte Ravens­brück bleibt dennoch unzureichend.

Nach­fah­ren der Über­le­ben­den kämpfen für eine wür­de­volle Erinnerung

Ukarmas Tochter, Iryna Orysya Marciuk, die sich mit ihrer Schwes­ter Oksana Marciuk und anderen Nach­fah­ren der Über­le­ben­den für die Erin­ne­rung an die Frauen aus der Ukraine in Ravens­brück ein­setzt, for­mu­liert es so:

„Es macht mich traurig, dass es in der Haupt­aus­stel­lung der Gedenk­stätte Ravens­brück kaum Hin­weise auf die ukrai­ni­schen Gefan­ge­nen gibt. Es bedrückt mich, dass meine ukrai­ni­sche Iden­ti­tät auf die wenigen, eher zufäl­li­gen Andeu­tun­gen hier und da redu­ziert ist, obwohl Tau­sende Ukrai­ne­rin­nen das Schick­sal meiner Mutter teilen. Oder es werden – erfreu­li­cher­weise – Bilder von Ukrai­ne­rin­nen ver­wen­det, während die mehr­spra­chi­gen Erläu­te­run­gen die ukrai­ni­sche Sprache aus­las­sen. Ange­sichts des jet­zi­gen, seit über vier Jahren Tag für Tag blutig andau­ern­den Angriffs­krie­ges gegen den Staat der Ukraine und die Iden­ti­tät der Ukrainer*innen emp­finde ich die Leere fast als Provokation“.

Ein­schnei­dend war für viele Frauen aus der Ukraine, dass sie auf­grund ihrer ukrai­ni­schen Iden­ti­tät ver­folgt wurden. Sie benö­ti­gen einen eigenen, klar sicht­ba­ren, wür­di­gen Platz in der Erin­ne­rung an das Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger Ravens­brück. Es besteht Hoff­nung, dass diese Per­spek­tive durch die kürz­lich ver­ein­barte Zusam­men­ar­beit der Stif­tung Bran­den­bur­gi­sche Gedenk­stät­ten mit ukrai­ni­schen Archi­ven in Aus­stel­lungs­pra­xis und For­schung weiter aus­ge­baut wird. Es sollte auf eine dif­fe­ren­zier­tere Sicht auf die spe­zi­fi­sche Erfah­rung von Frauen aus der Ukraine hin­ge­wirkt werden, die Teil der gemein­sa­men Geschichte ist. Ohne diese Erfah­rung bleibt die Geschichte des KZ Ravens­brück unvoll­stän­dig erzählt.

 

Lek­to­rat: Manuel Weber

[1] Inter­view mit Olena Vityk-Voy­to­vych, in: The extra­or­di­nary lives of ordi­nary women. Oral history of the Twen­tieth Century, Ed. by Iroyida Vin­nytska (Lviv, 2013), S. 243.

[2] Pas­tus­henko, Tetiana “Rady­an­ski zhinky-viys­kovo-polo­neni. Stra­te­hiyi vyz­hy­vannya, dosvid, doli”, in: Central and East Euro­pean women und the second world war: gen­de­red expe­ri­ence in the time of extreme vio­lence, Ed. by Gelinada Grin­chenko, Kateryna Kob­chenko, Oksana Kis (Kyiv, 2015), S. 116.

[3] Ebd.

Portrait von Oleksandra Bienert

Olek­san­dra Bienert ist eine in der Ukraine gebo­rene und in Berlin lebende ukrai­ni­sche His­to­ri­ke­rin, Foto­gra­fin, Men­schen­rechts­ak­ti­vis­tin und Lei­te­rin des Vereins Cine­Mova Ukrai­nian Empower­ment Network e.V.

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