150 Jahre Emser Erlass: Weshalb die Russifizierung die ukrainische Identität festigte

Schon vor 150 Jahren versuchte Zar Alexander II. mit seinem geheimen Emser Erlass die ukrainische Sprache und Kultur zu verbieten. Doch die Einschränkungen bewirkten das Gegenteil. Auch die Repressionen Wladimir Putins gegen alles Ukrainische sind zum Scheitern verurteilt.
„Eine eigene kleinrussische Sprache hat es nie gegeben, gibt es nicht und wird es nie geben. Der Dialekt, den das einfache Volk verwendet, ist russisch, nur verdorben durch polnische Einflüsse“, heißt es im Geheimdekret des russischen Innenministers Pjotr Walujew von 1863. Einige Jahre später, am 30. Mai 1876, veranlasste der russische Zar Alexander II. im sogenannten „Emser Erlass“ Verbote, die auf die Untersagung des Gebrauchs der ukrainischen Sprache im öffentlichen Leben des Russischen Kaiserreichs hinausliefen.
Die absurden Erlasse waren geheim
Die Logik ist verblüffend. Etwas, was es angeblich gar nicht gibt – die ukrainische Sprache –, wird verboten. Beide Erlasse waren „geheim“, wodurch wohl deren Absurdität verschleiert werden sollte. Die russischen Beamten, für die sie verfasst waren, würden schon verstehen, was gemeint war.
Das Ukrainische war am Ende des 19. Jahrhunderts nach dem Russischen die am meisten gesprochene Sprache im Russischen Reich; für weit mehr als 10 Millionen Menschen war es die Mutter- und Umgangssprache. Hinzu kamen etwa 4 Millionen Menschen im österreichisch-ungarischen Kronland Galizien und Lodomerien, wo am Ende des 19. Jahrhunderts eine hochentwickelte ukrainischsprachige Kultur und Gesellschaft entstanden waren. Für diese Region galten die Erlässe aus Moskau beziehungsweise Bad Ems selbstverständlich nicht.
Die Folgen der Verbotserlasse von 1863 und 1876
Am Ende des 19. Jahrhunderts existierte im Russischen Kaiserreich keine einzige öffentliche Schule mit ukrainischer Unterrichtssprache. In keiner einzigen Kirche wurde die Liturgie auf Ukrainisch gefeiert. Keine Fibel und kein Gebetbuch durften auf Ukrainisch gedruckt werden. In keiner Behörde und in keinem Gericht wurde Ukrainisch gesprochen, geschweige denn geschrieben. Ja, gar der Terminus „Ukraine“ war im amtlichen Gebrauch verboten. Verboten waren auch ukrainischsprachige Theateraufführungen – lediglich Belletristik durfte in beschränktem Umfang in ukrainischer Sprache erscheinen.
Natürlich wurden die Verbote nicht konsequent durchgesetzt, dazu lag Galizien viel zu nah am Russischen Reich. Außerdem waren die russischen Beamten korrupt und ließen für gutes Geld schon einmal ukrainische Druckschriften passieren. Paradoxerweise förderte gerade das Druckverbot in Russland die Herausbildung einer einheitlichen ukrainischen Schriftsprache. Zuvor hatte die Möglichkeit bestanden, dass sich zwei ukrainische Schriftsprachen nebeneinander entwickeln würden: eine in Kyjiw, die andere in Lwiw.
Die Restriktionen des Zaren hatten zur Folge, dass die Ukrainophilen sich nun vermehrt der russischen Sprache bedienten, um ihre Liebe zur Ukraine zum Ausdruck zu bringen. Damals wie heute gilt: Man kann auch im Medium der russischen Sprache ein ukrainischer Patriot sein.
Die Restriktionen verstärkten das ukrainische Nationalgefühl
Das ideologische Konstrukt von der Einheit der Großrussen, Kleinrussen (Ukrainer) und Belarusen als Slavia Orthodoxa, die sich im Kampf gegen das katholische Polen-Litauen bewähren muss, hatten gelehrte Mönche des Kyjiwer Höhlenklosters schon im 17. Jahrhundert formuliert. Im 19. Jahrhundert war daraus in Russland ein alle gesellschaftlichen Schichten und politischen Gruppierungen umfassender Konsens geworden, wonach eine ukrainische Eigenständigkeit weder kulturell noch politisch denkbar war. Das „Ukrainertum“ galt als eine Variante des „Russentums“ und als eine Bedrohung der staatlichen und kulturellen Einheit des Zarenreiches.
Das Zarenreich und später die Sowjetunion entwickelten eine Vielzahl von Repressionsinstrumenten, um den ukrainischen Wunsch nach Eigenständigkeit zu ersticken. Sie hatten am Ende damit keinen Erfolg. Es ist nicht gelungen, die Ideologie von den vermeintlich nicht-existierenden Ukrainern in die Realität umzusetzen. Stattdessen leisteten die Ukrainer sowohl 1918 wie auch am Ende des 20. Jahrhunderts einen wesentlichen Beitrag zum Untergang des Russischen Reiches beziehungsweise der Sowjetunion. Im gegenwärtigen Krieg verhindern sie die imperiale Restauration Russlands.
Die entscheidende Weichenstellung erfolgte im 19. Jahrhundert mit dem Anbruch des Zeitalters des Nationalismus und der neuen Nationalstaaten in Europa. Der Kampf gegen die nationale Idee, ja deren Leugnung – verkörpert im Emser Erlass 1876 – führte bei den Ukrainern zur Forderung nach einem eigenen Staat. Das ukrainische politische Denken hatte sich zuvor mit Wünschen nach Autonomie im Rahmen eines föderal aufgebauten Russlands zufriedengegeben.
Die Verbote und Verfolgungen in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts bewirkten also das Gegenteil. Die angeblich nicht-existierenden Ukrainer riefen 1918 ihre staatliche Selbständigkeit aus, wobei die Ukrainische Volksrepublik nur wenige Jahre bestand und in den Wirren des Bürgerkriegs unterging. Die siegreichen Bolschewiki schufen an ihrer Stelle die Ukrainische Sowjetrepublik. Damit schien eine vollständige Leugnung jeglicher ukrainischen Eigenständigkeit der Vergangenheit anzugehören.
Putins Argumentation orientiert sich am 19. Jahrhundert
Umso verblüffender ist die Kontinuität der politischen Argumentation des Putin-Regimes, das auf Denkmuster aus dem Zarenreich zurückgreift. Die Formel von der ostslawischen Einheit in Gestalt der „einen großrussischen Nation“ ist zu Putins Mantra von dem „einen Volk“ geworden, zu dem angeblich Ukrainer und Russen gleichermaßen gehören. Dass es keine Ukrainer, keine ukrainische Sprache und Kultur und erst recht keinen ukrainischen Staat gebe, sind Behauptungen aus dem 19. Jahrhundert. Putins Rhetorik wiederholt diese Propagandaslogans.
Das zarische Regime bekämpfte diejenigen Ukrainer, die sich der Ideologie nicht fügen wollten, mit Verboten und Strafen. Der jetzige offene Krieg Russlands gegen die Ukraine bedeutet eine Steigerung der damaligen Repressionen. Zugleich stellt er die ultimative Konsequenz der Leugnung der Existenz der Ukrainer dar.
Putins Repressionen übertreffen die zarischen
Auch die russische Besatzungspolitik in den gegenwärtig besetzten Gebieten der Ukraine folgt den schon im 19. Jahrhundert formulierten Zielen: In den Schulen gibt es keinen Unterricht mehr in ukrainischer Sprache, alle Spuren der ukrainischen Kultur, etwa in Form von Museen und Gedenkorten, werden zerstört. Die Bewohner der besetzten Gebiete müssen russische Pässe annehmen. Kinder werden verschleppt und zur Adoption freigegeben, um aus ihnen Russen zu machen.
Allerdings übertrifft auch in dieser Hinsicht das Putin-Regime sein zarisches Vorbild: Die gegenwärtige Kriegspropaganda fordert zum Genozid an den Ukrainern auf. Einige militärische Aktionen, wie die Belagerung und Zerstörung von Mariupol, hatten genozidale Züge. Bis zu diesen Niederungen der Barbarei ist die Zarenmacht nicht gelangt.
So wie damals die zarische Propaganda- und Repressionsmaschinerie ihre Ziele nicht erreichte – diese gar konterkariert wurden –, besteht auch heute die begründete Hoffnung, dass der Versuch, die Ukrainer als Nation und Staat auszulöschen, scheitern wird.
Stattdessen wird die Ukraine einen festen Platz in der Familie der europäischen Völker einnehmen. Es ist unsere Aufgabe als Deutsche und Europäer, dazu beizutragen, dass diese Vision Wirklichkeit wird.
Am 30. Mai 2026 fand in Bad Ems eine Gedenkveranstaltung zum 150. Jahrestag des Emser Erlasses statt. Initiiert wurde sie von der Ukrainian Students Association Cologne (USAC), Rhein-Dnipro e.V. und dem Ukrainischen Verein Mainz e.V. Dieser Text geht auf den dort gehaltenen Vortrag zurück.
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