Sowje­ti­sche Archi­tek­tur – eine schöne Utopie

Hotel Saljut in Kyjiw, erbaut 1982–1984 von Abraham Milez­kyj © Eugene Chys­tia­kov /​ Unsplash

Die in Charkiw lebende Archi­tek­tur­his­to­ri­ke­rin und Kura­to­rin Iev­ge­niia Gubkina (36) spricht im Inter­view mit Ukraine ver­ste­hen über den his­to­ri­schen Kontext der moder­nis­ti­schen Archi­tek­tur­be­we­gung, vor­herr­schende Ste­reo­type und erklärt, warum Archi­tek­tur eine Chance für die ukrai­ni­sche Gesell­schaft sein kann.

Ukraine ver­ste­hen: Sie haben sich über viele Jahre inten­siv mit der Moderne in der Archi­tek­tur beschäf­tigt, und vor zwei Jahren das Buch „Soviet Moder­nism. Bru­ta­lism. Post-Moder­nism” mit her­aus­ge­bracht. Warum haben Sie beschlos­sen, für den Erhalt der Moder­nis­ti­schen Archi­tek­tur in der Ukraine zu kämpfen?

Iev­ge­niia Gubkina: Ich weiß nicht, ob man sagen kann, dass ich einen effi­zi­en­ten Kampf führe. Mein Kollege Alex Bykov und ich haben ein Buch ver­öf­fent­licht, das beson­ders bei Aus­län­dern beliebt ist, weil es schön und prä­sen­ta­bel ist, ein gutes Geschenk. Aber min­des­tens ein Drittel der Gebäude, die wir im Buch prä­sen­tie­ren, gibt es in dieser Form nicht mehr. Viele in der Genera­tion meiner Eltern finden diese Gebäude häss­lich, ich glaube das hat den Reiz für mich als junge Stu­den­tin aus­ge­macht. Im Studium war Moder­nis­mus für mich etwas Selt­sa­mes. Aber ich habe bald ver­stan­den, dass er in Gefahr ist. Ich habe mich einfach gefragt: Warum wurden diese Gebäude gebaut, wenn sie anschei­nend so häss­lich sind?

Ukraine ver­ste­hen: Welche Antwort haben Sie darauf gefunden?

Iev­ge­niia Gubkina: Zum einen, weil die Ethik der Ästhe­tik vor­ge­zo­gen wurde. Für mich geht es bei sowje­ti­schen und sozia­lis­ti­schen Gebäu­den um ihre Funk­tio­nen und weniger um ihre Optik. Es ent­stan­den einige hybride oder sozial ori­en­tierte und expe­ri­men­telle Funk­tio­nen – die Idee der Kommune zum Bei­spiel. Gebäude sollten zu Orten werden, an denen jeder glück­lich sein und unter ange­neh­men Bedin­gun­gen leben sollte. Die sowje­ti­sche Archi­tek­tur bewegte sich die ganze Zeit zwi­schen Utopie und Rea­li­tät. Zwi­schen der Rea­li­tät und einem schönen Traum. In den 20er Jahren, in der Zwi­schen­kriegs­zeit, ver­such­ten die Archi­tek­ten, den Mythos und die Theorie der sowje­ti­schen Archi­tek­tur als Gegen­satz zur kapi­ta­lis­ti­schen und west­li­chen Archi­tek­tur zu konstruieren.

Iev­ge­niia Gubkina © Kate­rina Kushnarenko

UV: Wie wurde die west­li­che Archi­tek­tur dargestellt?

Gubkina: Als bour­geois und kapi­ta­lis­tisch, als eine Archi­tek­tur, in der es immer nur um Geld gehe. Es wurde erzählt, dass im Westen Häuser nur gebaut wurden, um sie dann zu ver­kau­fen. Eine Stadt, die damals beson­ders oft als nega­ti­ves Bei­spiel her­hal­ten musste, war London. London sei ein schreck­li­cher Ort für das Pro­le­ta­riat, wurde erzählt.

UV: Gerade auf Aus­län­der schei­nen Bau­werke aus der Zeit der Sowjet­union heute eine beson­dere Fas­zi­na­tion aus­zu­üben. Warum das?

Gubkina: Ich erlebe, dass viele Kol­le­gen in die Ukraine kommen und dann etwas sehen wollen, was sie in der Tscher­no­byl-TV-Show gesehen haben. Mikro­ray­ons und häss­li­che, ver­las­sene Plat­ten­bau­ten. Sie kommen hierher, um eine Dys­to­pie zu sehen, Schrott. Ich finde dieses Ver­hal­ten kolo­nial. Aus meiner per­sön­li­chen Sicht als Ein­hei­mi­scher fühle ich mich exo­ti­siert. Viel­leicht ist es das gleiche Gefühl, das Men­schen haben, wenn sie sich für eine Safari in Afrika ent­schei­den. Viel­leicht ist ihre Welt zu bequem. Natür­lich ist es gut, wenn die Ukraine für Tou­ris­ten inter­es­sant ist. Aber wenn diese mit solchen Ste­reo­ty­pen hier­her­kom­men, bin ich mir nicht sicher, ob es gut für die Ein­hei­mi­schen ist, weil es ent­wür­di­gend ist. Es gibt viele Orte mit großen sozia­len Pro­ble­men, über diese müssen wir sprechen.

UV: Wie viele Men­schen leben heute noch in sowje­ti­schen Gebäu­den in der Ukraine?

Gubkina: Ich denke, es sind sehr viele, wahr­schein­lich zwei Drittel. In der Nach­kriegs­ar­chi­tek­tur wurden die ersten Plat­ten­bau­ten gebaut: Sie waren aus Beton und billig und sie ver­such­ten nie den Anschein zu machen, schick zu sein. Bis in die 60er Jahre, als die meist fünf­stö­ckige „Chruscht­schowka“ populär wurde, lebten die Men­schen in Bara­cken und unter sehr schlech­ten Bedin­gun­gen, ohne Heizung und Toi­let­ten. Viele von ihnen wurden nach 1967 abge­ris­sen. Das neue Ideal waren kom­for­ta­ble und grüne Wohn­räume. Natür­lich gibt es an vielen Stellen Pro­bleme mit der Infra­struk­tur, der Strom- und Was­ser­ver­sor­gung, den Auf­zü­gen und den Fens­tern. Aber gerade während der Pan­de­mie haben wir gesehen, dass einige dieser sowje­ti­schen Wohn­mo­delle nicht schlecht sind: die Mikro­ray­ons, zum Bei­spiel. Sie haben riesige Innen­höfe, es gibt Wind und Schat­ten und Balkons. In der Sowjet­union wurden gewisse Stan­dard­nor­men ein­ge­führt: Jedes Apart­ment sollte einen Balkon haben, auch wenn es nur einen Raum gab, sonst durfte das Gebäude nicht gebaut werden.

UV: In post­so­wje­ti­schen Ländern wie der Ukraine besit­zen die meisten Men­schen oder zumin­dest Fami­lien eine eigene Wohnung. Welche Aus­wir­kun­gen hat dieser Umstand auf die Gesellschaft?

Gubkina: Ich denke, es war eine gute Idee, die Woh­nun­gen nach dem Ende der Sowjet­union [kos­ten­los*] zu pri­va­ti­sie­ren, denn die Men­schen hatten das in den ersten Jahren der 90er Jahre wirk­lich nötig. Ich erin­nere mich noch daran, dass die Leute in meinem Umfeld begeis­tert waren vom Zusam­men­bruch der Sowjet­union. Der Besitz von Häusern und Grund und Boden war für die Men­schen damals sehr wichtig. Mehr als 70 Jahre lang konnten die Men­schen nicht so bauen, wie sie wollten. Sie hatten kein Mit­spra­che­recht, wie die Dinge aus­se­hen. Und ich habe das Gefühl, dass die Men­schen jetzt ver­su­chen, das auf­zu­ho­len und sie wollen dafür nicht um Erlaub­nis zu fragen, schon gar nicht die Behör­den. Die Leute wollen ihre Woh­nun­gen nun selbst umbauen und nach ihren Vor­stel­lun­gen umge­stal­ten, was im Wider­spruch zu den archi­tek­to­ni­schen Inter­es­sen steht. Einige sowje­ti­sche Mosaike wurden dabei einfach über­deckt oder zerstört.

UV: Wie sieht der gesell­schaft­li­che Diskurs inner­halb der Ukrai­ni­schen Gesell­schaft aus, wenn es um dieses sowje­ti­sche Erbe geht?

Gubkina: Die Dis­kus­sion über das sowje­ti­sche Erbe findet eher auf der imma­te­ri­el­len Ebene statt. Denn phy­sisch gesehen habe wir noch immer eine starke Ver­bin­dung mit der Sowjet­union. Wir leben und arbei­ten in den Gebäu­den aus dieser Zeit. Und ich fände es wichtig, wenn wir genau deshalb eine tie­fer­ge­hende Dis­kus­sion über diese schmerz­volle Ver­gan­gen­heit führen würden. Wir haben so viele Themen noch immer nicht aus­rei­chend beleuch­tet – Holo­do­mor zum Bei­spiel, Stalins Repres­sio­nen. Unsere Gesell­schaft benö­tigt eine The­ra­pie und Archi­tek­tur kann dabei helfen über Geschichte und Trau­mata zu reden. Zum Bei­spiel wenn wir über die Gebäude des sowje­ti­schen Minis­te­ri­ums für Innere Ange­le­gen­hei­ten (NKWD) spre­chen, in denen Men­schen umge­bracht wurden. Das ukrai­ni­sche Innen­mi­nis­te­rium besitzt eines dieser Gebäude und draußen hängt nicht mal eine Gedenktafel.

UV: Inwie­fern haben Sie das Gefühl, dass viele Men­schen die Geschichte der Ukraine von ihrer eigenen Geschichte in der Sowjet­union trennen?

Gubkina: Als His­to­ri­ke­rin sehe ich genau das: Wir haben ver­schie­dene Wahr­hei­ten kreiert. Ich glaube, dass viele Men­schen deshalb indif­fe­rent sind, wenn es um den Erhalt von Mosai­ken oder Gebäu­den aus der Sowjet­zeit geht. Viele wollen einfach wei­ter­ma­chen. Ande­rer­seits geht es bei der Demo­lie­rung von vielen Gebäu­den auch einfach um Geld. Die Men­schen, die diese Ent­schei­dun­gen treffen, sind meis­tens Geschäfts­män­ner, die Bürger haben da meis­tens kein Mitspracherecht.

UV: Ande­rer­seits haben sich die Demons­tran­ten, die gegen den Abriss des „Kvity Ukrainy“ in Kyjiw ein­ge­tre­ten sind, dieses „Mit­spra­che­recht“ vor kurzem erst genommen.

Gubkina: Die Men­schen, die für den Erhalt des „Kvity Ukrainy“ kämpfen, sind sehr jung. Diese „Genera­tion Z“ hat viel Energie und die Hoff­nung, etwas ver­än­dern können. Viel­leicht sind sie auch naiver, sie sind ja in den Nuller­jah­ren auf­ge­wach­sen im Gegen­satz zu mir. Diese Genera­tion, die in der unab­hän­gi­gen Ukraine geboren sind, erin­nern sich nicht mehr an die 90er.

UV: Das „Kvity Ukrainy“, das in den 80er und 90er Jahren einen Blu­men­la­den und ein Gewächs­haus beher­bergte, wurde in den Sozia­len Medien nicht nur zum Symbol im Kampf gegen Gen­tri­fi­zie­rung. Was macht denn diesen Fall für Sie per­sön­lich besonders?

Gubkina: Ich glaube dieser Fall zeigt die struk­tu­rel­len Pro­bleme, die wir in der Ukraine haben, die Schlupf­lö­cher in der Gesetz­ge­bung. Dass unser System so auf­ge­baut ist, dass es immer um die Inter­es­sen von denen geht, die Geld und Ein­fluss haben, nicht um die Inter­es­sen der Bürger. Kvity Ukrainy hatte eine soziale Funk­tion, bis es von einem pri­va­ten Käufer über­nom­men wurde. Es ist nicht in Ordnung, dass ein Geschäfts­mann mit unserem gemein­schaft­li­chen Erbe machen kann, was er will. Diese Gebäude gehört uns allen. Was diesen Protest noch anders macht: Der Aspekt der Hausbesetzung.

UV: Warum?

Gubkina: In west­li­chen Ländern sehen wir diese Form des Pro­tes­tes oft. In post­so­wje­ti­schen Ländern ist das anders. Uns wurde bei­gebracht, dass Bürger ruhig und brav sein sollen. Ich denke die Pro­test­be­we­gung Kvity Ukrainy zeigt, dass sich die jungen Ukrai­ner siche­rer fühlen, auch vor der Exe­ku­tive. Die Polizei hat nicht ein­ge­grif­fen und Leute ver­haf­tet. In Russ­land wäre das niemals möglich. Ande­rer­seits sind wir noch immer weit von den Stan­dards in den EU-Ländern ent­fernt. Radikal sein zu können ist ein Pri­vi­leg und ich hoffe, dass diese neue Genera­tion dieses Pri­vi­leg hat. Ich jeden­falls habe schon lange davon geträumt, meinen inter­na­tio­na­len Kol­le­gen ein posi­ti­ves Bei­spiel aus der Ukraine prä­sen­tie­ren zu können. Ich bin so müde davon, immer nur die mit den Nega­tiv­bei­spie­len zu sein, die über Gebäude erzählt, die zer­stört werden.

UV: Nun arbei­ten Sie an einem neuen Projekt: einer Enzy­klo­pä­die der ukrai­ni­schen Archi­tek­tur. Gleich am Anfang stellen Sie die Frage: Was ist ukrai­ni­sche Archi­tek­tur heute? Haben Sie eine Antwort darauf gefunden?

Gubkina: Diese Frage war ein Grund, warum wir dieses Projekt gestar­tet haben. Unsere Mission war zu zeigen, dass die Men­schen die Archi­tek­tur sind. Und dass wir uns in der Archi­tek­tur spie­geln. Ich glaube noch immer, dass Archi­tek­tur eine Chance für uns als Gesell­schaft ist, die den Zusam­men­halt stärken kann. Aber leider geht es heute oft nur um noch um das Geld. Als ich vor mehr als 15 Jahren Archi­tek­tur stu­diert habe, damals noch mit sehr sowje­tisch gepräg­ten Lehrern und Inhal­ten, war die wich­tigste Mit­tei­lung an uns ange­hende Archi­tek­ten: „Unser Klient ist die Gesell­schaft. Ver­gesst das nie.“ Und ich glaube, dass es bei den neuen Archi­tek­ten nicht mehr so ist, sondern dass die für den Staat und die Inter­es­sen von Geschäfts­leu­ten arbei­ten. Das wider­spricht leider meis­tens den Inter­es­sen der Gesellschaft.

Das Inter­view führte Daniela Prugger.

* Anmer­kung der Redak­tion: Das Gros der Woh­nun­gen in der Ukraine und Russ­land wurde nach 1991 vom Staat den Bewoh­nern über­schrie­ben, dabei fielen ledig­lich Bear­bei­tungs­ge­büh­ren an.

Iev­ge­niia Gubkina ist Archi­tek­tin, Archi­tek­tur­his­to­ri­ke­rin, Kura­to­rin von Archi­tek­tur- und Kunst­pro­jek­ten, Bil­dungs­ak­ti­vi­tä­ten. Sie ist Mit­be­grün­de­rin der NGO Urban Forms Center und der avant­gar­dis­ti­schen Frau­en­be­we­gung „Moder­nistki“. Seit 2012 ist sie als Bera­te­rin bei den Ukrai­ni­schen Wochen des Kon­struk­ti­vis­mus in Sapo­rischschja tätig. Iev­ge­niia ist Autorin meh­re­rer Publi­ka­tio­nen, dar­un­ter Artikel im Kyiv Archi­tec­tu­ral Guide (DOM Publis­hers), „Utopia & Col­lapse: Rethin­king Met­sa­mor“ (Park Books AG), „ERA21“, „The Calvert Journal“, „Sprin­ge­rin“, „RGOW“, „Obieg“. 2015 wurde ihr „Sla­vu­tych Archi­tec­tu­ral Guide“ als eigen­stän­dige Ausgabe im DOM Verlag in Deutsch­land ver­öf­fent­licht. Sie ist Autorin der Studie und Mit­au­torin des Buches „Soviet Modernism.Brutalism. Post-Moder­nis­mus. Buil­dings and Struc­tures in Ukraine 1955–1991“, das 2019 von Osnovy und DOM Publis­hers ver­öf­fent­licht wurde.

Textende

Portrait von Daniela Prugger

Daniela Prugger arbei­tet als freie Kor­re­spon­den­tin in der Ukraine.

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