Gegen die Shaheds: Ukrainische Innovationen im Schatten des Drohnenkrieges

Nacht für Nacht greift die russische Armee ukrainische Städte im ganzen Land mit Drohnen iranischen Bautyps an. Start-ups entwickeln effiziente Lösungen zu deren Abschuss. Ein Bericht von einem geheimen Testgelände für Abfangdrohnen in der Ukraine.
Nach Angaben aus Kyjiw hat Moskau seit Beginn seiner Vollinvasion über 57.000 Kamikaze-Drohnen in der Ukraine eingesetzt. Das sind so viele, dass sie außerhalb der Ukraine kaum noch Schlagzeilen machen – fast so, als seien die Schwärme von Hunderten von Drohnen pro Angriff zur Normalität geworden. Es handelt sich vorwiegend um Drohnen des iranischen Typs „Shahed“, die inzwischen in Russland unter dem Namen „Geran“ gefertigt werden. Die Ukrainer mussten rasch selbst Mittel entwickeln, um ihren Luftraum gegen die Drohnenangriffe, die meist in der Nacht erfolgen, zu schützen. Im ganzen Land sind aus purer Not heraus zahlreiche Start-ups entstanden, die neue Technologien entwickeln, um die tödlichen Waffen abzufangen.
Früher war das ein Problem, das unmittelbar ausschließlich die Ukraine betraf. Doch kurz nachdem die Vereinigten Staaten Ende Februar dieses Jahres ihren Krieg gegen den Iran begonnen hatten, sahen sich Länder im Nahen Osten mit einer neuen Realität konfrontiert. Sie wurden von den Kamikaze-Drohnen iranischer Bauart angegriffen, gegen die sie kaum vorbereitet waren.
Die Ukraine besitzt wertvolle Expertise in der Drohnenabwehr
Schon bald wandten sich die betroffenen Länder an die Ukraine, die, unterstützt durch iranische Technologie, seit Jahren aus Russland von solchen tödlichen Drohnen terrorisiert wird. Noch vor knapp über einem Jahr hatte der US-Präsident Donald Trump gesagt, Wolodymyr Selenskyj habe keine Karten in der Hand. Inzwischen kann die Ukraine ihre für andere Länder wertvolle Expertise in der Drohnenabwehr nutzen, um zusätzliche militärische Unterstützung aus dem Ausland zu erhalten und somit ihre Verteidigung zu stärken.
Aus Sicherheitsgründen gewähren ukrainische Unternehmen aus dem Verteidigungssektor nur selten Einblick in ihre Produktions- und Trainingsanlagen. Aufgrund des gestiegenen Interesses an den Technologien erklärte sich jedoch der Hersteller Wiy Drones, der mit dem deutschen Start-up Quantum Systems zusammenarbeitet, bereit, einigen Journalisten seine begehrteste Abfangdrohne zu zeigen: die „Strila“, was auf Ukrainisch „Pfeil“ bedeutet.
Als Teil dieser Partnerschaft soll die Ukraine bald 15.000 Strila-Drohnen erhalten, um im Rahmen der Verteidigungsbemühungen die täglichen Shahed-Angriffe abzuwehren zu können. Gleichzeitig bringt dies auch Vorteile für die Verteidigung Deutschlands mit sich. Anna Sankina, Direktorin für strategische Kommunikation bei Quantum Systems in der Ukraine erklärt: „Tatsächlich ist dies unsere langfristige Strategie und Mission – sowohl für Deutschland als Land und Regierung als auch für Quantum Systems als globales Unternehmen. Als Sicherheitspartner der Ukraine produzieren wir lokal, arbeiten mit dem ukrainischen Militär zusammen, und unsere Fluggeräte werden erfolgreich im Kampfeinsatz an der Front genutzt.“

Kleine Strila-Drohnen können deutlich größere Shaheds abfangen
Um die Strila-Drohnen in Aktion zu sehen und zu verstehen, wie sie funktionieren, müssen wir Journalisten unsere Telefone und GPS-Systeme ausschalten und versprechen, den genauen Treffpunkt mit den Drohnenoperatoren und den Mitbegründern von Wiy Drones nicht preiszugeben. Wir fahren über staubige Straßen und durch Felder in der Westukraine und landen schließlich an einem Ort ohne erkennbare Orientierungspunkte
Auf dem Testgelände achten die Drohnenoperatoren darauf, ihre Gesichter vor der Kamera zu verbergen, während sie einige Strila-Drohnen vorbereiten. Diese Drohnen sind klein – etwa 40 bis 50 cm hoch – und sehen tatsächlich aus wie kleine Pfeile. Die Piloten führen Testflüge durch, um zu zeigen, wie genau diese Drohnen die deutlich größeren Shahed-Drohnen abfangen können. Es gibt einen Kommando-Posten mit Bildschirmen, die wir nur unscharf sehen können – ihre Anzeige könnte die Koordinaten verraten. Auf den Bildschirmen ist zu erkennen, wie Radare Ziele am Himmel erfassen und die Daten an die Abfangdrohne weiterleiten, welche das Ziel verfolgt und idealerweise zerstört.
Dank dieser Technologie gibt die Ukraine an, inzwischen über 94 Prozent aller von Russland gestarteten Drohnen abfangen zu können. Ein entscheidender Vorteil der Abfangdrohnen besteht darin, dass ihr Einsatz deutlich kostengünstiger ist als der von Flugabwehrraketen – insbesondere in Zeiten, in denen westliche Lieferungen solcher Systeme knapp sind.
Die Automatisierung soll ausgebaut werden
Der maskierte Cheftrainer für Strila-Drohnen mit dem Rufnamen „Zanzibar“ erklärt: „Unser Ziel ist es, die Steuerung unseres unbemannten Systems maximal zu vereinfachen. Wir arbeiten direkt mit dem Militär zusammen, um sicherzustellen, dass die Strila für den Kampfeinsatz geeignet ist. Sobald der Pilot ein Ziel – etwa eine Shahed-Drohne – identifiziert, geben wir dessen Koordinaten manuell oder automatisch ein. Das System zeigt Höhe, Geschwindigkeit und Flugrichtung an. All diese Faktoren bestimmen den Punkt, an dem unsere Drohne das Ziel treffen kann – wenn alles gut geht.“
„Zanzibar“ fügt hinzu, dass die Strila sowohl manuell als auch automatisch gesteuert werden kann. Ein aktuelles Ziel sei es, die Anzahl der Operatoren pro Team weiter zu reduzieren: „Vor einem Jahr brauchten wir fünf Personen pro Drohne, jetzt sind es idealerweise drei, oft sogar nur zwei.“
Ein weiterer Entwicklungsschritt soll künftig darin bestehen, dass eine einzelne Person mehrere Drohnen gleichzeitig von einer einzigen Kommando-Zentrale aus steuern kann. Aufgrund der begrenzten personellen Ressourcen der Ukraine ist es notwendig, weniger Bediener und gleichzeitig mehr Abfangdrohnen einzusetzen.

Golfstaaten zeigen Interesse an der Technologie
Dmytro Horlin, Mitgründer von Wiy Drones, kann seine Drohnen dank der Unterstützung ausländischer Unternehmen schneller weiterentwickeln. Zugleich beobachtet er das wachsende Interesse aus dem Ausland, insbesondere aus den Golfstaaten. Zu den Prioritäten seines Unternehmens sagt er: „Natürlich sehen wir großes Interesse an unseren Technologien aus Ländern des Nahen Ostens. Wir werden über solche Partnerschaften nachdenken, aber ich möchte betonen, dass unsere oberste Priorität der Schutz des ukrainischen Luftraums ist.“
Aus Sicherheitsgründen werden keine genauen Produktionszahlen genannt, doch dank zusätzlicher Finanzierung wird das Unternehmen seine tägliche Produktion wohl bald verdoppeln oder gar verdreifachen können. Das Unternehmen von Dmytro Horlin ist nur eines von Dutzenden in der Ukraine, die solche Technologien entwickeln – zu einer Zeit, in der viele Ukrainer das Gefühl haben, dass andere Kriege die Aufmerksamkeit der Welt auf sich gezogen haben.
Zu wissen, dass der überwiegende Großteil der tödlichen Drohnen abgefangen werden kann, ist für die Ukrainer ein wichtiger Hoffnungsschimmer – während ein Ende der russischen Aggression weiterhin nicht in Sicht ist.
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