Gegen die Shaheds: Ukrai­ni­sche Inno­va­tio­nen im Schat­ten des Drohnenkrieges

Foto: Emma­nu­elle Chaze

Nacht für Nacht greift die rus­si­sche Armee ukrai­ni­sche Städte im ganzen Land mit Drohnen ira­ni­schen Bautyps an. Start-ups ent­wi­ckeln effi­zi­ente Lösun­gen zu deren Abschuss. Ein Bericht von einem gehei­men Test­ge­lände für Abfang­droh­nen in der Ukraine.

Nach Angaben aus Kyjiw hat Moskau seit Beginn seiner Voll­in­va­sion über 57.000 Kami­kaze-Drohnen in der Ukraine ein­ge­setzt. Das sind so viele, dass sie außer­halb der Ukraine kaum noch Schlag­zei­len machen – fast so, als seien die Schwärme von Hun­der­ten von Drohnen pro Angriff zur Nor­ma­li­tät gewor­den. Es handelt sich vor­wie­gend um Drohnen des ira­ni­schen Typs „Shahed“, die inzwi­schen in Russ­land unter dem Namen „Geran“ gefer­tigt werden. Die Ukrai­ner mussten rasch selbst Mittel ent­wi­ckeln, um ihren Luft­raum gegen die Droh­nen­an­griffe, die meist in der Nacht erfol­gen, zu schüt­zen. Im ganzen Land sind aus purer Not heraus zahl­rei­che Start-ups ent­stan­den, die neue Tech­no­lo­gien ent­wi­ckeln, um die töd­li­chen Waffen abzufangen.

Früher war das ein Problem, das unmit­tel­bar aus­schließ­lich die Ukraine betraf. Doch kurz nachdem die Ver­ei­nig­ten Staaten Ende Februar dieses Jahres ihren Krieg gegen den Iran begon­nen hatten, sahen sich Länder im Nahen Osten mit einer neuen Rea­li­tät kon­fron­tiert. Sie wurden von den Kami­kaze-Drohnen ira­ni­scher Bauart ange­grif­fen, gegen die sie kaum vor­be­rei­tet waren.

Die Ukraine besitzt wert­volle Exper­tise in der Drohnenabwehr

Schon bald wandten sich die betrof­fe­nen Länder an die Ukraine, die, unter­stützt durch ira­ni­sche Tech­no­lo­gie, seit Jahren aus Russ­land von solchen töd­li­chen Drohnen ter­ro­ri­siert wird. Noch vor knapp über einem Jahr hatte der US-Prä­si­dent Donald Trump gesagt, Wolo­dymyr Selen­skyj habe keine Karten in der Hand. Inzwi­schen kann die Ukraine ihre für andere Länder wert­volle Exper­tise in der Droh­nen­ab­wehr nutzen, um zusätz­li­che mili­tä­ri­sche Unter­stüt­zung aus dem Ausland zu erhal­ten und somit ihre Ver­tei­di­gung zu stärken.

Aus Sicher­heits­grün­den gewäh­ren ukrai­ni­sche Unter­neh­men aus dem Ver­tei­di­gungs­sek­tor nur selten Ein­blick in ihre Pro­duk­ti­ons- und Trai­nings­an­la­gen. Auf­grund des gestie­ge­nen Inter­es­ses an den Tech­no­lo­gien erklärte sich jedoch der Her­stel­ler Wiy Drones, der mit dem deut­schen Start-up Quantum Systems zusam­men­ar­bei­tet, bereit, einigen Jour­na­lis­ten seine begehr­teste Abfang­drohne zu zeigen: die „Strila“, was auf Ukrai­nisch „Pfeil“ bedeutet.

Als Teil dieser Part­ner­schaft soll die Ukraine bald 15.000 Strila-Drohnen erhal­ten, um im Rahmen der Ver­tei­di­gungs­be­mü­hun­gen die täg­li­chen Shahed-Angriffe abzu­weh­ren zu können. Gleich­zei­tig bringt dies auch Vor­teile für die Ver­tei­di­gung Deutsch­lands mit sich. Anna Sankina, Direk­to­rin für stra­te­gi­sche Kom­mu­ni­ka­tion bei Quantum Systems in der Ukraine erklärt: „Tat­säch­lich ist dies unsere lang­fris­tige Stra­te­gie und Mission – sowohl für Deutsch­land als Land und Regie­rung als auch für Quantum Systems als glo­ba­les Unter­neh­men. Als Sicher­heits­part­ner der Ukraine pro­du­zie­ren wir lokal, arbei­ten mit dem ukrai­ni­schen Militär zusam­men, und unsere Flug­ge­räte werden erfolg­reich im Kampf­ein­satz an der Front genutzt.“

Strila-Drohne
Foto: Emma­nu­elle Chaze

Kleine Strila-Drohnen können deut­lich größere Shaheds abfangen

Um die Strila-Drohnen in Aktion zu sehen und zu ver­ste­hen, wie sie funk­tio­nie­ren, müssen wir Jour­na­lis­ten unsere Tele­fone und GPS-Systeme aus­schal­ten und ver­spre­chen, den genauen Treff­punkt mit den Droh­nen­ope­ra­to­ren und den Mit­be­grün­dern von Wiy Drones nicht preis­zu­ge­ben. Wir fahren über stau­bige Straßen und durch Felder in der West­ukraine und landen schließ­lich an einem Ort ohne erkenn­bare Orientierungspunkte

Auf dem Test­ge­lände achten die Droh­nen­ope­ra­to­ren darauf, ihre Gesich­ter vor der Kamera zu ver­ber­gen, während sie einige Strila-Drohnen vor­be­rei­ten. Diese Drohnen sind klein – etwa 40 bis 50 cm hoch – und sehen tat­säch­lich aus wie kleine Pfeile. Die Piloten führen Test­flüge durch, um zu zeigen, wie genau diese Drohnen die deut­lich grö­ße­ren Shahed-Drohnen abfan­gen können. Es gibt einen Kom­mando-Posten mit Bild­schir­men, die wir nur unscharf sehen können – ihre Anzeige könnte die Koor­di­na­ten ver­ra­ten. Auf den Bild­schir­men ist zu erken­nen, wie Radare Ziele am Himmel erfas­sen und die Daten an die Abfang­drohne wei­ter­lei­ten, welche das Ziel ver­folgt und idea­ler­weise zerstört.

Dank dieser Tech­no­lo­gie gibt die Ukraine an, inzwi­schen über 94 Prozent aller von Russ­land gestar­te­ten Drohnen abfan­gen zu können. Ein ent­schei­den­der Vorteil der Abfang­droh­nen besteht darin, dass ihr Einsatz deut­lich kos­ten­güns­ti­ger ist als der von Flug­ab­wehr­ra­ke­ten – ins­be­son­dere in Zeiten, in denen west­li­che Lie­fe­run­gen solcher Systeme knapp sind.

Die Auto­ma­ti­sie­rung soll aus­ge­baut werden

Der mas­kierte Chef­trai­ner für Strila-Drohnen mit dem Ruf­na­men „Zan­zi­bar“ erklärt: „Unser Ziel ist es, die Steue­rung unseres unbe­mann­ten Systems maximal zu ver­ein­fa­chen. Wir arbei­ten direkt mit dem Militär zusam­men, um sicher­zu­stel­len, dass die Strila für den Kampf­ein­satz geeig­net ist. Sobald der Pilot ein Ziel – etwa eine Shahed-Drohne – iden­ti­fi­ziert, geben wir dessen Koor­di­na­ten manuell oder auto­ma­tisch ein. Das System zeigt Höhe, Geschwin­dig­keit und Flug­rich­tung an. All diese Fak­to­ren bestim­men den Punkt, an dem unsere Drohne das Ziel treffen kann – wenn alles gut geht.“

„Zan­zi­bar“ fügt hinzu, dass die Strila sowohl manuell als auch auto­ma­tisch gesteu­ert werden kann. Ein aktu­el­les Ziel sei es, die Anzahl der Ope­ra­to­ren pro Team weiter zu redu­zie­ren: „Vor einem Jahr brauch­ten wir fünf Per­so­nen pro Drohne, jetzt sind es idea­ler­weise drei, oft sogar nur zwei.“

Ein wei­te­rer Ent­wick­lungs­schritt soll künftig darin bestehen, dass eine ein­zelne Person mehrere Drohnen gleich­zei­tig von einer ein­zi­gen Kom­mando-Zen­trale aus steuern kann. Auf­grund der begrenz­ten per­so­nel­len Res­sour­cen der Ukraine ist es not­wen­dig, weniger Bedie­ner und gleich­zei­tig mehr Abfang­droh­nen einzusetzen.

Strila-Drohne
Foto: Emma­nu­elle Chaze

Golf­staa­ten zeigen Inter­esse an der Technologie

Dmytro Horlin, Mit­grün­der von Wiy Drones, kann seine Drohnen dank der Unter­stüt­zung aus­län­di­scher Unter­neh­men schnel­ler wei­ter­ent­wi­ckeln. Zugleich beob­ach­tet er das wach­sende Inter­esse aus dem Ausland, ins­be­son­dere aus den Golf­staa­ten. Zu den Prio­ri­tä­ten seines Unter­neh­mens sagt er: „Natür­lich sehen wir großes Inter­esse an unseren Tech­no­lo­gien aus Ländern des Nahen Ostens. Wir werden über solche Part­ner­schaf­ten nach­den­ken, aber ich möchte betonen, dass unsere oberste Prio­ri­tät der Schutz des ukrai­ni­schen Luft­raums ist.“

Aus Sicher­heits­grün­den werden keine genauen Pro­duk­ti­ons­zah­len genannt, doch dank zusätz­li­cher Finan­zie­rung wird das Unter­neh­men seine täg­li­che Pro­duk­tion wohl bald ver­dop­peln oder gar ver­drei­fa­chen können. Das Unter­neh­men von Dmytro Horlin ist nur eines von Dut­zen­den in der Ukraine, die solche Tech­no­lo­gien ent­wi­ckeln – zu einer Zeit, in der viele Ukrai­ner das Gefühl haben, dass andere Kriege die Auf­merk­sam­keit der Welt auf sich gezogen haben.

Zu wissen, dass der über­wie­gende Groß­teil der töd­li­chen Drohnen abge­fan­gen werden kann, ist für die Ukrai­ner ein wich­ti­ger Hoff­nungs­schim­mer – während ein Ende der rus­si­schen Aggres­sion wei­ter­hin nicht in Sicht ist.

Portrait von Emmanuelle Chaze

Emma­nu­elle Chaze lebt in Kyjiw und arbei­tet als Ukraine-Kor­re­spon­den­tin unter anderem für Radio France Inter­na­tio­nale, France24 und Ouest-France.

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