„Diesmal wird er nicht abhauen können“

Am 31.03. konnte Wolo­dy­myr Selen­skyj mit fast doppelt so vielen Stimmen wie Petro Poro­schenko die erste Wahl­runde für sich ent­schei­den. Ian Bateson war am Wahl­abend in Selen­skyjs Haupt­quar­tier

Im hoch­mo­der­nen Parkowy-Busi­ness-Centre, das im Volks­mund als Janu­ko­wytsch-Helipad bekannt ist, bezog Wolo­dy­myr Selen­skyj am Wahl­abend sein Haupt­quar­tier. Das Gebäude, das dem geflo­he­nen Prä­si­den­ten Janu­ko­wytsch als Hub­schrau­ber­lan­de­platz diente, gilt als eines der Symbole des klep­to­kra­ti­schen Regimes. Bereits am Eingang wurde man von dieser Grafik begrüßt:

Der Text über­setzt sich zu “dieses mal wird er nicht abhauen können”. Die Bot­schaft war klar: jetzt wird was geän­dert.

Im Selen­skyj-Haupt­quar­tier erin­nerte die Atmo­sphäre an einen vor­neh­men Klub oder an ein Start-Up-Unter­neh­men. Von schwar­zen Tresen wurde  Sekt und Wein kre­denzt und in der Mitte des ersten Raumes wurden Kicker und Tisch­ten­nis gespielt. Der Gewin­ner des Tisch­ten­nis­tur­niers durfte gegen Selen­skyj selbst spielen. Bei dem Final­spiel vor Ver­kün­dung der ersten Hoch­rech­nun­gen verlor Selen­skyj gegen einen Jour­na­lis­ten, dem er im Gegen­zug ein Inter­view ver­sprach.

Portrait von Ian Bateson

Ian Bateson ist freier Jour­na­list und Ful­bright Scholar. Er schreibt für das New York Maga­zine und The Los Angeles Times.

Aber die Anhän­ger Selen­skyjs mussten nicht lange auf ihren nächs­ten Sieg warten. Um 20:00 Uhr kamen die ersten Umfra­gen zum Wahl­aus­gang. Selen­skyj hat 30,1 Prozent gewon­nen und lag vor dem amtie­ren­den Prä­si­den­ten Petro Poro­schenko und der ehe­ma­li­gen Pre­mier­mi­nis­te­rin Julija Tymo­schenko. Die Stim­mung war eupho­risch. Das Team hatte gezeigt, dass ihre Wähler echt waren und dass sie tat­säch­lich mobi­li­siert werden konnten. In einer kurzen Rede hat Selen­skyj Poro­schenko getrollt und gesagt, “Umfra­gen zum Wahl­aus­gang gibt es viele, aber es gibt nur einen Sieger.” Der offi­zi­elle Wahl­spruch von Poro­schenko lautet, “Kan­di­da­ten gibt es viele, aber es gibt nur einen Prä­si­den­ten”.

Am ersten April stellte sich heraus, dass Selen­skyjs Sieg kein Scherz war. Nach der offi­zi­el­len Aus­zäh­lung der Stimmen hat Selen­skyj 30,24 Prozent gewon­nen. Poro­schenko hat 15,95 und Tymo­schenko nur 13,40 Prozent errei­chen können. Das bedeu­tet, dass Selen­skyj gegen Poro­schenko am 21. April in die Stich­wahl muss. Damit ist Selen­skyj nicht mehr nur ein Pro­test­kan­di­dat, sondern der Favorit auf den Sieg und womög­lich der nächste ukrai­ni­sche Prä­si­dent, der das Land führen und mit Putin ver­han­deln muss.

Schon am Wahl­abend selbst ging Poro­schenko in die Offen­sive. Selen­skyj sei eine Puppe des ukrai­ni­schen Olig­ar­chen Ihor Kolo­mo­js­kyj und genau der schwa­che ukrai­ni­sche Prä­si­dent, den Putin sich wünsche. Es ist jetzt allen klar, dass Poro­schenko, der selbst Olig­arch ist, hart kämpfen muss. Aber die Nach­rich­ten sind für Poro­schenko nicht alle schlecht. Seine Umfra­ge­er­geb­nise steigen, und mit einem kon­kre­ten Gegner hat seine Kam­pa­gne endlich ein Ziel und den Schwung gefun­den, den sie lange benö­tigte.

Die Ver­lie­re­rin ist Julija Tymo­schenko. In letzten Monaten sind ihre Umfra­ge­er­geb­nisse immer weiter nach unten gerutscht. Es war ihr dritter Versuch und sie schei­terte das dritte Mal. Nach einer langen und inten­si­ven Wahl­kam­pa­gne konnte sie nur in einem Oblast die Mehr­heit der Stimmen gewin­nen. Kurz nach der Wahl behaup­tete Tymo­schenko, dass die Wahlen gefälscht seien. Auf eine juris­ti­sche Anfech­tung der Ergeb­nisse ver­zich­tete sie dennoch, da die Gerichte nach ihrer Auf­fas­sung von Poro­schenko kon­trol­liert würden.

Die Ukrai­ner haben jetzt die Wahl zwi­schen einem Polit-Novizen, dessen schnel­ler Auf­stieg Aus­druck für das tiefe Miss­trauen in die poli­ti­sche Elite ist, und dem erfah­re­nen Prä­si­den­ten, der im Westen sehr geschätz­ten wird. Poro­schen­kos Aus­gangs­lage ist mehr als schwie­rig. Bisher wurde in den letzten 28 Jahren der unab­hän­gi­gen Ukraine nur ein amtie­ren­der Prä­si­dent wie­der­ge­wählt. Poro­schenko ver­spricht Erfah­rung, Sta­bi­li­tät und Kon­ti­nui­tät. Aber Selen­skyj ver­kör­pert etwas Neues und Unbe­kann­tes, er ver­mit­telt einen bisher in der ukrai­ni­schen Politik unbe­kann­ten Flair. Zudem hat er auch echte Refor­mer in seinem Team, wie den ehe­ma­li­gen Wirt­schafts­mi­nis­ter Aivaras Abroma­vičius und den ehe­ma­li­gen Finanz­mi­nis­ter Olek­sandr Danyl­juk, die am Wahl­abend im Wahl­kampf-Haupt­quar­tier waren und mit Jour­na­lis­ten redeten. Jetzt warten viele darauf, dass sich Selen­skyj und seine Politik mehr erklärt. Der am ver­gan­ge­nen Sonntag ange­kün­digte Anti­kor­rup­ti­ons­plan kann nur ein Anfang sein.

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